{"id":3810,"date":"2001-02-01T00:00:14","date_gmt":"2001-01-31T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3810"},"modified":"2022-07-26T13:56:57","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:57","slug":"die-verfolgung-der-roma-und-sinti","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/02\/die-verfolgung-der-roma-und-sinti\/","title":{"rendered":"Die Verfolgung der Roma und Sinti"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<p>Am 22. Februar 1950 erging vom baden-w\u00fcrttembergischen Innenministerium unter dem Aktenzeichen 2021330 folgender Runderlass an die Wiedergutmachungsbeh\u00f6rden:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die Pr\u00fcfung der Wiedergutmachungsberechtigung der Zigeuner und Zigeuner-Mischlinge nach den Vorschriften des Entsch\u00e4digungsgesetzes hat zu dem Ergebnis gef\u00fchrt, da\u00df der genannte Personenkreis \u00fcberwiegend nicht aus rassischen Gr\u00fcnden, sondern wegen seiner Asozialen und kriminellen Haltung verfolgt und inhaftiert worden ist. Da ferner Zigeuner und Zigeuner-Mischlinge vielfach \u00fcber keinen festen Wohnsitz verf\u00fcgen, sondern im Lande umherziehen, mu\u00df auch damit gerechnet werden, da\u00df Doppelantr\u00e4ge gestellt werden.(&#8230;) Aus diesen Gr\u00fcnden ordnen wir hiermit an, da\u00df Wiedergutmachungsantr\u00e4ge von Zigeunern oder Zigeuner-Mischlingen zun\u00e4chst dem Landesamt f\u00fcr Kriminal-Erkennungsdienst, Stuttgart-O (&#8230;) zur \u00dcberpr\u00fcfung zugeleitet werden. Das Landesamt Stuttgart wird seine Ermittlungen in Zusammenarbeit mit dem Zentralamt f\u00fcr Kriminal-Identifizierung und Polizeistatistik in M\u00fcnchen und der Kriminal-Hauptstelle, Landfahrerpolizeistelle der Landespolizei in Karlsruhe durchf\u00fchren. Gez.: K\u00fcster&#8220;<\/em> ((1))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Im Gegensatz zur wohldokumentierten Geschichte des Antisemitismus und der Judenverfolgung in Deutschland ist eine unfassende historische Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Roma und Sinti bis heute weitgehend unterblieben &#8211; wortreiche, unverbindliche Beteuerungen <em>&#8222;deutscher Verantwortung&#8220;<\/em> seitens der Politik leisten dieser Ignoranz Vorschub. Im folgenden soll ein Blick geworfen werden auf fast 600 Jahre <em>&#8222;Zigeunergeschichte&#8220;<\/em> in Deutschland &#8211; eine Geschichte nahezu ununterbrochener Verfolgung und Ausgrenzung, die in den Gaskammern von Auschwitz ihren H\u00f6hepunkt fand und in rassistischen Asylverfahren und Abschiebungen ungebrochen fortgesetzt wird.<\/p>\n<h3>Tartaren, Juden, Ketzer?<\/h3>\n<p>Im 15. Jahrhundert wanderten die ersten Sinti in deutsche Gebiete ein. Sie geh\u00f6ren damit zu den \u00e4ltesten Volksgruppen, die sich im nachmaligen deutschen Staatsgebiet ansiedelten, und ihre Sprache, das Romani (Romanes), ist eine der \u00e4ltesten Sprachen der Menschheit. Man nannte die Fremden, mangels besseren Wissens, <em>&#8222;Tartaren&#8220;<\/em> oder <em>&#8222;Heiden&#8220;<\/em> und stellte allerlei Vermutungen \u00fcber ihre Herkunft an. Sie wurden f\u00fcr Juden gehalten, die sich vor Verfolgung einige Jahrzehnte in den W\u00e4ldern versteckt h\u00e4tten, man sah in ihnen Nachfahren biblischer Heroen oder antiker Ketzer. Die Bezeichnung <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> geht tats\u00e4chlich &#8211; so zumindest hat es Vaux de Foletier nahegelegt &#8211; auf den Namen einer griechischen H\u00e4retiker-Sekte, der Atsinganen, zur\u00fcck. Sie k\u00f6nnte aber auch ganz einfach von dem Wort <em>&#8222;Zieh -Gauner&#8220;<\/em> abgeleitet sein, mit dem Sinti nur allzu bald nach ihrer Ankunft belegt wurden. Fest steht, da\u00df die ersten <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em>, kaum einige hundert Menschen, in dem von Pest und Krieg zerr\u00fctteten Deutschen Reich zun\u00e4chst wohlwollend aufgenommen wurden. Papst Martin V., Kaiser Sigismund und andere F\u00fcrsten sicherten ihnen freies Geleit und eigene Gerichtsbarkeit zu, denn f\u00e4hige Handwerker waren begehrt und die Schmiede der Sinti galten als Meister der Herstellung von Werkzeugen, Feuerwaffen und Kanonen. Der Adel protegierte sie, \u00fcberlie\u00df ihnen freies Jagdrecht und r\u00e4umte ihnen Steuerverg\u00fcnstigungen ein. St\u00e4dte waren verpflichtet, die Reisenden aufzunehmen oder ihnen Geld zu zahlen, um sich von ihrer Aufnahme &#8211; und Bewirtungspflicht loszukaufen. Die Privilegien der Sinti erregten rasch den Unmut der Landbev\u00f6lkerung. Es begann eine Zeit schleichender Feindseligkeit und Verleumdung: ein <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> sei es gewesen, der die N\u00e4gel zum Kreuze Christi geschmiedet habe, und <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> h\u00e4tten der heiligen Jungfrau bei ihrer Flucht aus \u00c4gypten die Hilfe verweigert. <em>&#8222;Die angebliche Schuld der Zigeuner sollte von nun an Ursache sein f\u00fcr die Leiden, die ihnen die Gesellschaft auferlegte.&#8220;<\/em> ((2))<\/p>\n<h3>Verfolgung<\/h3>\n<p>Die Zeit des relativen Einvernehmens zwischen Sinti und Machthabern dauerte kaum 50 Jahre. Der Niedergang des Kriegeradels und eine sich stetig steigernde Hetze trieben viele Familien in die St\u00e4dte. Hier allerdings beherrschten die Z\u00fcnfte das Handwerk und lie\u00dfen den Sinti kaum ein Bet\u00e4tigungsfeld. Nur <em>&#8222;unehrenhafte Berufe&#8220;<\/em> wie Gaukler, Musiker oder Puppenspieler gestand man ihnen zu. Da die st\u00e4dtische Bev\u00f6lkerung ihnen die Ansiedlung praktisch verunm\u00f6glichte, verlegten sich viele Sinti auf ein <em>&#8222;fahrendes Gewerbe&#8220;<\/em> &#8211; das Bild vom <em>&#8222;rastlosen Zigeuner&#8220;<\/em> war geboren und f\u00fcgte sich nahtlos in die grassierende Pogromstimmung. Von 1497 bis 1774 sind 146 Edikte gegen Sinti belegt. Sie wurden ausgewiesen, f\u00fcr vogelfrei erkl\u00e4rt, ausgepeitscht, gebrandmarkt, gefoltert und verbrannt. Besonders beliebt waren sogenannte <em>&#8222;Streifungen&#8220;<\/em>, gro\u00df angelegte Treibjagden, bei denen das <em>&#8222;Wild&#8220;<\/em> ein fl\u00fcchtender Sinti war. Das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung brachte f\u00fcr Sinti kaum Verbesserungen: Familien wurden auseinandergerissen, die Kinder in Erziehungsheime gesteckt, und noch 1832 empfahl ein Geistlicher, ganz dem neuen Verst\u00e4ndnis christlicher N\u00e4chstenliebe entsprechend <em>&#8222;die Unterbringung der alten Zigeuner in ein Arbeitshaus (&#8230;), wo sie Hiebe bek\u00e4men, wenn sie nicht arbeiten wollten&#8220;<\/em> ((3)). Als Roma in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts \u00fcber Ungarn nach Deutschland einwanderten, hatte die Verfestigung der Nationalstaaten und das damit einhergehende Misstrauen gegen alles <em>&#8222;staatenlose&#8220;<\/em> die <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> endg\u00fcltig zu gef\u00e4hrlichen St\u00f6renfrieden gemacht.<\/p>\n<h3>Stigmatisierung<\/h3>\n<p>Die Geschichte der Roma und Sinti im 20. Jahrhundert ist eine rasche Abfolge b\u00fcrokratischer Verfolgungen und Schikanen. 1899 wurde in M\u00fcnchen eine polizeiliche Zentrale zur Erfassung aller verf\u00fcgbaren Nachrichten in Bezug auf <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> eingerichtet. Auf Grundlage der Nachforschungen dieser Zentrale erschien 1905 das ber\u00fcchtigte <em>&#8222;Zigeunerbuch&#8220;<\/em> Alfred Dillmanns, das \u00fcber 3350 deutsche Sinti und Roma detaillierte Angaben machte &#8211; bis hin zu Fingerabdr\u00fccken. 1926 wurde in Bayern ein Gesetz zur <em>&#8222;Bek\u00e4mpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen&#8220;<\/em> erlassen, das Zwangsarbeit f\u00fcr <em>&#8222;Zigeuner ab 16&#8220;<\/em> festschrieb, Meldepflicht, Reisebeschr\u00e4nkungen usw. 1929 avancierte die M\u00fcnchner Zentrale zum <em>&#8222;Amt f\u00fcr Zigeunerbek\u00e4mpfung in Deutschland&#8220;<\/em>. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht \u00fcbernahmen, war die polizeiliche Infrastruktur zur Verfolgung von Sinti und Roma bereits vollst\u00e4ndig etabliert.<\/p>\n<p>1935 wurden Roma und Sinti durch die N\u00fcrnberger Rassegesetze aus der Gesellschaft ausgesto\u00dfen. 1936 wurde in Wien die <em>&#8222;Internationale Zentralstelle zur Bek\u00e4mpfung des Zigeunerwesens&#8220;<\/em> gegr\u00fcndet, der im gleichen Jahr immerhin 29 (!) L\u00e4nder beitraten. Ebenfalls 1936 nahm die <em>&#8222;Rassenhygienische und Bev\u00f6lkerungsbiologische Forschungsstelle&#8220;<\/em> ihre Arbeit auf.<\/p>\n<p>Geleitet von dem T\u00fcbinger Nervenarzt Robert Ritter und seiner Assistentin Eva Justin war die <em>&#8222;Rassenhygienische Forschungsstelle&#8220;<\/em> eine entscheidende Vorstufe der sich abzeichnenden Vernichtung <em>&#8222;rassisch minderwertigen Lebens&#8220;<\/em>. Noch 1944 trat Justin in ihrer Promotion vehement f\u00fcr die Zwangssterilisation von Sinti- und Romafrauen ein. Ritter entwarf f\u00fcr seine <em>&#8222;Forschungsstelle&#8220;<\/em> ein Raster von \u00dcberpr\u00fcfungen, das f\u00fcr <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> sogar noch rigider als f\u00fcr Juden ausfielen:<em> &#8222;Seine (Ritters) Definition des Halbzigeuners war genauer als die des Halbjuden. &#8218;Ein Halbzigeuner ist eine Person, die einen oder zwei Zigeuner unter seinen Gro\u00dfeltern hat. Ferner wird eine Person als Halbzigeuner eingestuft, wenn zwei oder mehr seiner Gro\u00dfeltern Halbzigeuner im obigen Sinne sind&#8216;. Dies bedeutete, da\u00df, wenn zwei von den sechzehn Urgro\u00dfeltern einer Person Zigeuner waren, er als Halbzigeuner eingestuft wurde und sp\u00e4ter, 1943, nach Auschwitz geschickt werden konnte.&#8220;<\/em> ((4)) Bis 1942 \u00fcberf\u00fchrte das <em>&#8222;Ritter-Institut&#8220;<\/em>, mittlerweile dem Reichssicherheitshauptamt angegliedert, \u00fcber 30.000 Akten an Gestapo und Polizei. Diese Dokumente, zum Teil schon vor dem Krieg von der M\u00fcnchner Zentrale erstellt, wurden der <em>&#8222;Leitfaden&#8220;<\/em> des V\u00f6lkermordes.<\/p>\n<p><em><\/em>Weder Ritter noch Justin wurden je zur Verantwortung gezogen. Nach dem Krieg rechtfertigten sie sich, durch ihre Forschungen <em>&#8222;reinrassige Zigeuner&#8220;<\/em> vor dem Konzentrationslager h\u00e4tten bewahren zu wollen. Au\u00dferdem beriefen sie sich auf die Freiheit der Forschung und gaben an, nichts von den Folgen ihrer <em>&#8222;wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit&#8220;<\/em> gewusst zu haben. Eva Justin arbeitete in den f\u00fcnfziger Jahren unbescholten als Amts\u00e4rztin in Frankfurt am Main und wurde &#8211; pikanterweise &#8211; gerne als Gutachterin in Wiedergutmachungsverfahren von Roma und Sinti zu Rate gezogen.<\/p>\n<p>Von der <em>&#8222;Wissenschaftlichkeit&#8220;<\/em> ihrer Arbeit am<em> &#8222;Rassenhygienischen Institut&#8220; <\/em>kann man sich einen exemplarischen Eindruck verschaffen anhand eines Gutachtens, das Justin 1944 an die staatliche Kriminalpolizei sandte:<em> &#8222;W\u00e4hrend das \u00c4u\u00dfere der Familienangeh\u00f6rigen nicht gerade typisch zigeunerisch ist, sondern &#8211; abgesehen von der Mutter &#8211; an Neger-Bastarde denken l\u00e4\u00dft, sprachen Gestik, Affektivit\u00e4t und Gesamtverhalten nicht nur f\u00fcr artfremde, sondern gerade auch f\u00fcr zigeunerische Herkunft. Die unechte Art scheinbar urbanen Auftretens, die Anpassung an sich flacher emotioneller Regungen an die jeweilige Umweltwirkung, die Uneinsichtigkeit und Urteilsschw\u00e4che gegen\u00fcber sachlichen Erw\u00e4gungen und Folgerungen, die Standpunktlosigkeit und Unfestigkeit innerer Stellungnahme zeugen bei aller Schl\u00e4ue und Verschlagenheit von einer im Kern vorhandenen hochgradigen Naivit\u00e4t und Primitivit\u00e4t, wie man sie in dieser gelockerten Art bei sesshaften Europ\u00e4ern mit gez\u00fcchtetem Arbeitssinn nicht trifft.&#8220;<\/em> ((5))<\/p>\n<p>Die <em>&#8222;Klassifizierung&#8220;<\/em> der Opfer in <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Zigeuner-Mischlinge&#8220;<\/em>, immerhin eine Entscheidung \u00fcber Leben und Tod, war in jeder Hinsicht willk\u00fcrlich:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die Rassenforscher, die haben von den gleichen Eltern die Kinder untersucht, und doch galt der eine dann als Mischling und der andere als Vollzigeuner. Da haben sie so b\u00fcrokratisch ihre Rasse-Akten machen lassen &#8211; und es hat doch nicht gestimmt.&#8220;<\/em> ((6))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<h3>Vernichtung<\/h3>\n<p>Am 16. Dezember 1942 gab Himmler den Befehl, <em>&#8222;zigeunerische Personen&#8220;<\/em> nach Osten zu deportieren. Das nationalsozialistische Regime wollte ein Ende machen mit der <em>&#8222;Zigeunerplage&#8220;<\/em>. In Auschwitz wurde ein eigenes <em>&#8222;Zigeunerlager&#8220;<\/em> eingerichtet und 1944 liquidiert. 500.000 Roma und Sinti starben &#8211; in Auschwitz, Ravensbr\u00fcck, Buchenwald, Bergen-Belsen, Mauthausen, Gros-Rosen und anderen Lagern. <em>&#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> waren bevorzugte Opfer f\u00fcr medizinische Experimente: mit Typhus-Erregern in Natzweiler, Senfgas in Sachsenhausen, Salzwasserinjektionen in Dachau und Fleckenfieber in Buchenwald. Der Staatssekret\u00e4r im Reichsinnenministerium und Reichs\u00e4rztef\u00fchrer Dr. Conti <em>&#8222;rechtfertigte&#8220;<\/em> die bestialischen Menschenversuche vor einer applaudierenden \u00c4rzteschaft: <em>&#8222;In Kriegszeiten, wo Millionen der Besten und v\u00f6llig Unschuldigen ihr Leben opfern m\u00fcssen, mu\u00df man auch vom Gemeinschaftssch\u00e4dling seinen Beitrag zum allgemeinen Wohl fordern.&#8220;<\/em> ((7))<\/p>\n<p>Hermann W., Musiker und Geigenbauer in Karlsruhe, erlebte als Jugendlicher die Deportationen. Als er in Auschwitz ankam, war er gerade 16 Jahre alt. Er \u00fcberlebte als nur einer von sechs die Liquidierung des <em>&#8222;Zigeunerlagers&#8220;<\/em>. Schon vorher, im Lager Buskow, hatte ihn eine <em>&#8222;typische Zigeunereigenschaft&#8220;<\/em> vor dem Tod bewahrt:<em> &#8222;Und dann sagt der SS-Mann: &#8218;Spiel noch mal was&#8220; ! Das hab ich gemacht, denn ich hab Kohldampf gehabt, nat\u00fcrlich&#8230; Und so habe ich nochmal einen Nachschlag gekriegt. &#8211; Und der Mann, der hat mich nicht ein einziges Mal angeschrieen, solange ich im Lager war. Aber nat\u00fcrlich die anderen. Mein Gl\u00fcck war, da\u00df ich spielen konnte. Wenn das nicht gewesen w\u00e4re&#8230;&#8220;<\/em> ((8))<\/p>\n<p>Ein anonymer Jesuitenpater, Wehrmachtsgefreiter in Jugoslawien, berichtet aus Jasenovac, dem <em>&#8222;Todeslager f\u00fcr Zigeuner&#8220;<\/em>:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><em>&#8222;Jede Kapelle hatte 12 Mann. Sie spielten einen Monat lang, vom ersten bis zum letzten. Ein Monat mit 31 Tagen war ein Gl\u00fcck, ein Geschenk f\u00fcr die 12 Zigeuner &#8211; ein Tag mehr, 24 Stunden. Sie spielten bis zum Mittag, sie spielten abends und am letzten Tag bis in den Morgen. (&#8230;) Am 30. und 31., dem letzten Tag jedes Monats, wurde nach dem Abendessen das elektrische Licht ausgeschaltet, und es leuchteten nur die Kerzen (&#8230;). Und nun betete jeder der 12 Zigeuner, da\u00df der Kommandant nicht schl\u00e4frig werde. Wenn der Kommandant anfing, m\u00fcde zu werden (&#8230;) zeigte er auf einen Zigeunermusiker. Der mu\u00dfte sein Instrument niederlegen, und er ging durch den kerzenerleuchteten Saal vor das Tor des Kasinos, wo die Eskorte schon auf ihn wartete, die ihn in den Wald f\u00fchrte. Wenn der Schu\u00df aus dem Wald kam &#8211; man konnte ihn auch, w\u00e4hrend man spielte, im Saal h\u00f6ren &#8211; machte sich der n\u00e4chste bereit. Aber er spielte noch, bis der Kommandant auf ihn zeigte. War ein deutscher SS-Offizier Kommandant des Lagers, so ging es schnell. Denn die Deutschen wurden bald m\u00fcde im Rausch des ungewohnten Slibowitz. War es ein Ustascha<\/em> ((9))<em>, konnte es bis den Morgen dauern. Denn die Ustaschi lie\u00dfen den letzten besonders lang spielen und am Leben, und sie riefen ihn zum Kommandantentisch und gaben ihm Slibowitz und schauten ihm lang in die Augen, bevor sie ihn vor das Tor schickten&#8220;.<\/em> ((10))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<h3>Keine &#8222;Stunde Null&#8220;<\/h3>\n<p>Als Hermann W. aus russischer Gefangenschaft nach Deutschland zur\u00fcckkehrte, erwartete ihn eine \u00dcberraschung:<em> &#8222;Auf den \u00c4mtern waren ja auch noch immer dieselben Leut&#8216;, wie vorher, die uns praktisch ins Lager weggeschickt hatten und die uns gleich wieder behandelten wie Verbrecher&#8230; Als ich nach der Kriegsgefangenschaft meinen Personalausweis zur\u00fcck haben wollte, da wollten die mich sogar staatenlos machen.&#8220;<\/em> ((11))<\/p>\n<p>Nicht nur Eva Justin und Robert Ritter waren unbehelligt geblieben.<em> &#8222;Zigeuner&#8220;<\/em> galten nach wie vor als kriminell, und in den Polizeidienststellen sa\u00dfen eben jene Beamte, die schon den Nationalsozialisten als <em>&#8222;Fachkr\u00e4fte&#8220;<\/em> gedient hatten. Die Dienststelle f\u00fcr <em>&#8222;Landfahrer&#8220;<\/em> in M\u00fcnchen setzte ihre Arbeit einfach fort und benutzte bis in die sechziger Jahre hinein die Akten des <em>&#8222;Rassenhygienischen Forschungsinstituts&#8220;,<\/em> die man in einer abenteuerlich kriminellen Aktion vor den Alliierten in Sicherheit gebracht hatte. Nicht einmal die Wortwahl hatte sich ge\u00e4ndert. 1962 verfasste Kriminal &#8211; Obermeister Hans Bodl\u00e9e, Leiter der Sonderkommission <em>&#8222;Diebische Landfahrer&#8220;<\/em> in D\u00fcsseldorf f\u00fcr die Polizeizeitung &#8218;Kriminalistik&#8216; folgenden Text:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><em>&#8222;Bei der zur Beobachtung zur Verf\u00fcgung stehenden Personengruppe handelt es sich um &#8230;Zigeunermischlinge mit Elternteilen deutschbl\u00fctiger, j\u00fcdischer, aber auch kombinierter Zusammensetzung, letztlich also Mischvolk aus drei Blutst\u00e4mmen, bei denen &#8211; biologisch unterstellbar &#8211; ein Konzentrat negativer Erbmasse zu verzeichnen sein d\u00fcrfte (Verschlagenheit, Hinterh\u00e4ltigkeit, Brutalit\u00e4t, Trunksucht, Selbstmordneigungen <\/em>(Sic!)<em> usw.&#8220;<\/em> ((12))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Ebenfalls1962 erschien ein von staatlichen Stellen herausgegebener <em>&#8222;Leitfaden f\u00fcr Kriminalbeamte&#8220;<\/em>, der f\u00fcr jeden Dienstanw\u00e4rter jahrelang ma\u00dfgeblich blieb.<em> &#8222;Nach diesem &#8218;Leitfaden&#8216; seien wir Sinti und Roma f\u00fcr die \u00fcbrige Bev\u00f6lkerung &#8218;eine erhebliche soziale Gefahr&#8216;.<\/em>&#8220; schreibt Romani Rose, Vorsitzende des Zentralrates Deutscher Roma und Sinti:<em> &#8222;&#8218;Zigeuner&#8216; lebten &#8218;in Sippen und Horden&#8216; und h\u00e4tten neben dem &#8218;Hang zu einem ungebundenen Wanderleben&#8216; auch noch &#8218;eine ausgepr\u00e4gte Arbeitsscheu&#8216;. Quelle solcher Rassenideologie im BKA war das Standardwerk der Nazis \u00fcber Kriminologie aus dem Jahre 1936.&#8220;<\/em> Bis zum heutigen Tage hat sich an b\u00fcrokratischer Schikane, rassistischer Nichtachtung und Polizeiwillk\u00fcr gegen Roma und Sinti in Deutschland kaum etwas ge\u00e4ndert. Aber auch in unsch\u00f6nen Diskussionen um eine Gedenkeinrichtung der Roma und Sinti im Rahmen des umstrittenen Holocaust-Mahnmals in Berlin, die ausgerechnet den renommierten Historiker Eberhard J\u00e4ckel gegen den Zentralrat Deutscher Roma und Sinti in die Bresche springen lie\u00dfen, offenbart sich die Z\u00e4hlebigkeit z.T. jahrhundertealter Vorurteile und Ressentiments. Romani Rose unterscheidet dennoch sehr wohl zwischen diffuser Aversion und staatlicher Diskriminierung:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p><em>&#8222;Problematisch sind f\u00fcr uns Sinti und Roma (&#8230;) nicht belanglose Vorurteile in der Bev\u00f6lkerung, sondern die Tradition des beh\u00f6rdlichen Rassismus bis in die oberen Etagen der Ministerien&#8220;.<\/em> ((13))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Dem ist kaum etwas hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. Februar 1950 erging vom baden-w\u00fcrttembergischen Innenministerium unter dem Aktenzeichen 2021330 folgender Runderlass an die Wiedergutmachungsbeh\u00f6rden: &#8222;Die Pr\u00fcfung der Wiedergutmachungsberechtigung der Zigeuner und Zigeuner-Mischlinge nach den Vorschriften des Entsch\u00e4digungsgesetzes hat zu dem Ergebnis gef\u00fchrt, da\u00df der genannte Personenkreis \u00fcberwiegend nicht aus rassischen Gr\u00fcnden, sondern wegen seiner Asozialen und kriminellen Haltung verfolgt und inhaftiert worden &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/02\/die-verfolgung-der-roma-und-sinti\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Verfolgung der Roma und Sinti - graswurzelrevolution","description":"Am 22. 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