{"id":3822,"date":"2001-02-01T00:00:58","date_gmt":"2001-01-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3822"},"modified":"2022-07-26T14:16:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:56","slug":"vor-80-jahren-kronstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/02\/vor-80-jahren-kronstadt\/","title":{"rendered":"Vor 80 Jahren: Kronstadt!"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 28. auf den 29. Februar (1921; Red.) weckte mich ein Telefonanruf aus einem Nachbarzimmer im Astoria ((1)). Eine bewegte Stimme sagte: &#8222;Kronstadt ist in der Hand der Wei\u00dfen. Wir sind alle mobilisiert.&#8220; Der mir diese furchtbare Nachricht \u00fcbermittelte &#8211; furchtbar war sie, weil sie den unmittelbar bevorstehenden Fall Petrograds ank\u00fcndigte &#8211; war der Schwager Sinowjews ((2)), Ilija Jonow.<\/p>\n<p>&#8222;Was f\u00fcr Wei\u00dfe? Woher kommen sie? Das ist ja unglaublich!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ein General Koslowski &#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Und unsere Matrosen? Der Sowjet? Die Tscheka (Geheimdienst; Red.)? Die Arbeiter im Arsenal?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df nichts weiter.&#8220;<\/p>\n<p>Sinowjew war in einer Besprechung mit dem Revolutionsrat der Armee. Ich eilte zum Komitee des II. Bezirks. Ich sah nichts als d\u00fcstere Mienen. &#8222;Es ist unbegreiflich, aber es ist so &#8230;&#8220; &#8222;Nun gut&#8220;, sagte ich, &#8222;wir m\u00fcssen sofort alle mobilisieren!&#8220; Man antwortete mir ausweichend, das werde geschehen, aber man warte auf die Anweisungen des Petrograder Komitees. Den Rest der Nacht verbrachte ich mit einigen Genossen damit, die Karte des finnischen Meerbusens zu studieren. Wir erfuhren, da\u00df sich w\u00e4hrend dessen in den Vorst\u00e4dten eine Menge kleine Streiks ausbreiteten. Die Wei\u00dfen vor uns, Hunger und Streiks hinter uns! Als ich im Morgengrauen hinausging, sah ich eine alte Dienstmagd aus dem Hotelpersonal, die sich verstohlen mit Paketen davon machte.<\/p>\n<p>&#8222;Wohin gehst du denn so fr\u00fch am Morgen, M\u00fctterchen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Es riecht nach Unheil in der Stadt. Sie werden euch \u00c4rmste alle abschlachten, sie werden wieder einmal alles pl\u00fcndern. Darum bringe ich meine Sachen weg.&#8220;<\/p>\n<p>Kleine Plakate an den Mauern in den noch verlassenen Stra\u00dfen verk\u00fcndeten, da\u00df sich der konterrevolution\u00e4re General Koslowski durch Verschw\u00f6rung und Verrat Kronstadts bem\u00e4chtigt habe, und rief das Proletariat zu den Waffen. Aber noch bevor ich zum Bezirkskomitee zur\u00fcckkam, begegnete ich Genossen, die mit ihren Mauserpistolen herbeieilten und mir sagten, es sei eine abscheuliche L\u00fcge, die Matrosen h\u00e4tten gemeutert, es sei eine Revolte der Flotte, die von dem Sowjet geleitet werde. Das war vielleicht nicht weniger ernst; im Gegenteil. Das Schlimmste war, da\u00df uns die offizielle L\u00fcge l\u00e4hmte. Da\u00df uns die eigene Partei derart belog, das war noch nie vorgekommen. &#8222;Es mu\u00df sein&#8220;, sagten manche, wenngleich niedergeschlagen, &#8222;wegen der Bev\u00f6lkerung &#8230;&#8220; Der Streik war fast allgemein. Man wu\u00dfte nicht, ob die Stra\u00dfenbahn fahren werde.<\/p>\n<p>Am gleichen Tag beschlossen meine Freunde von der Gruppe der Kommunisten franz\u00f6sischer Sprache und ich, da\u00df wir nicht die Waffen ergreifen und uns weder gegen ausgehungerte Streikende noch gegen Matrosen schlagen wollten, die mit ihrer Geduld am Ende waren. In (der Vorstadt; Red.) Wassili-Ostrow sah ich auf der schneebedeckten Stra\u00dfe eine Menschenmenge, haupts\u00e4chlich aus Frauen bestehend, die sich durch langsamen stetigen Druck mit den Offiziersanw\u00e4rtern der Kriegsschule vermischten, die man hingeschickt hatte, um die Eing\u00e4nge der Fabrik freizuhalten. Eine ruhige, traurige Menge, die mit den Soldaten \u00fcber die Not sprach, sie Br\u00fcder nannte und sie um Hilfe bat. Die Kadetten holten Brot aus ihren Taschen und verteilten es. Man schrieb die Organisation des Generalstreiks den Menschewiken ((3)) und den linken Sozialrevolution\u00e4ren zu.<\/p>\n<h3>Das Programm der Erneuerung<\/h3>\n<p>Flugschriften, die in den Vorst\u00e4dten verteilt wurden, gaben die Forderungen des Kronstadter Sojwets bekannt. Es war das Programm einer Erneuerung der Revolution. Ich fasse zusammen: Neuwahl der Sowjets mit geheimer Abstimmung; Rede- und Pressefreiheit f\u00fcr alle revolution\u00e4re Parteien und Gruppen; Gewerkschaftsfreiheit, Freilassung der revolution\u00e4ren politischen Gefangenen; Abschaffung der offiziellen Propaganda; Einstellung der Requisitionen ((4)) auf dem Lande; Freiheit des Handwerks; sofortige Zur\u00fcckziehung der Sperrkommandos, die die Bev\u00f6lkerung hinderten sich selbst zu versorgen. Der Sowjet, die Garnison Kronstadt und die Schiffsbesatzungen des ersten und zweiten Geschwaders erhoben sich, um dieses Programm zum Sieg zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Wahrheit sickerte allm\u00e4hlich durch, von Stunde zu Stunde, durch den Nebelvorhang der buchst\u00e4blich in L\u00fcgen schwelgenden Presse. Und das war unsere Presse, die Presse unserer Revolution, die erste sozialistische, das hei\u00dft unbestechliche und uneigenn\u00fctzige Presse der Welt! Sie hatte vorher gelegentlich Demagogie getrieben, eine leidenschaftlich aufrichtige Demagogie \u00fcbrigens, und hatte die Gegner heftig angegriffen. Das konnte ein gutes Kriegsrecht sein, jedenfalls verst\u00e4ndlich. Jetzt log sie systematisch. Die Petrograder <em>Prawda <\/em>ver\u00f6ffentlichte, der Kommissar bei der Flotte und der Armee, Kusmin, sei in Kronstadt gefangengenommen und brutal mi\u00dfhandelt worden und nur mit knapper Not einer sofortigen Hinrichtung entgangen, die von den Konterrevolution\u00e4ren schriftlich angeordnet worden sei. Ich kannte Kusmin, seines Zeichens Studienrat, einen energischen und eifrigen Soldaten, grau vom Scheitel bis zur Sohle, von der Uniform bis zu dem runzeligen Gesicht. Er &#8218;entkam&#8216; aus Kronstadt und kehrte ins Smolny ((5)) zur\u00fcck. &#8222;Ich kann mir gar nicht denken&#8220;, sagte ich zu ihm, &#8222;da\u00df man Sie erschie\u00dfen wollte. Haben Sie wirklich den Befehl gesehen?&#8220; Er z\u00f6gerte verwirrt. &#8222;Ach, es wird immer ein bi\u00dfchen \u00fcbertrieben, es gab da ein kleines Schreiben, in dem Drohungen ausgesprochen wurden &#8230;&#8220; Kurzum, er hatte also ein wenig Angst gehabt. Aber da das aufst\u00e4ndische Kronstadt keinen Tropfen Blut vergossen hatte, da es nur einige kommunistische Funktion\u00e4re verhaftet und schonend behandelt hatte (die gro\u00dfe Mehrzahl der Kommunisten, mehrere Hundert, hatten sich der Bewegung angeschlossen, was die Unsicherheit der Parteibasis hinreichend beweist), erfand man das M\u00e4rchen von mi\u00dflungenen Hinrichtungen.<\/p>\n<p>In diesem ganzen Drama spielten die Ger\u00fcchte eine verh\u00e4ngnisvolle Rolle. Da die offizielle Presse alles verschwieg, was nicht Erfolg und Lobpreisung des Regimes war, und die Tscheka in v\u00f6lliger Dunkelheit agierte, entstanden jeden Augenblick Katastrophenger\u00fcchte. Im Gefolge der Streiks in Petrograd war in Kronstadt das Ger\u00fccht aufgekommen, Streikende w\u00fcrden in Massen verhaftet und in den Fabriken schreite das Milit\u00e4r ein. Im gro\u00dfen Ganzen war das nicht wahr, obwohl die Tscheka zweifellos nach ihrer Gewohnheit t\u00f6richte Verhaftungen vorgenommen hatte, die im allgemeinen freilich von kurzer Dauer waren. Ich sah fast t\u00e4glich den Sekret\u00e4r des Petrograder Komitees, Sergej Sorin, und ich wu\u00dfte, wie sehr ihn der Aufruhr beunruhigte, wie fest er entschlossen war, gegen Arbeiter keine Gewaltma\u00dfnahmen anzuwenden und da\u00df ihm unter den gegebenen Umst\u00e4nden als einzige wirksame Waffe die Agitation erschien: um sie zu verst\u00e4rken, besorgte er sich Waggons mit Lebensmitteln. Er erz\u00e4hlte mir lachend, wie er selbst in ein Viertel geraten sei, wo die rechten Sozialrevolution\u00e4re die Leute dazu gebracht hatten, zu rufen: &#8222;Hoch die Konstituante!&#8220; (das hie\u00df, richtig \u00fcbersetzt: &#8222;Nieder mit dem Bolschewismus!&#8220;) &#8222;Ich verk\u00fcndete&#8220;, sagte er, &#8222;das Eintreffen mehrerer Waggons mit Lebensmitteln und hatte die Situation im Nu zu meinen Gunsten gewendet.&#8220; Auf jeden Fall begann die Gehorsamsverweigerung in Kronstadt mit einer Bewegung der Solidarit\u00e4t mit den Streiks in Petrograd und auf Grund von im Ganzen falschen Ger\u00fcchten \u00fcber Gewaltma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Die Hauptschuldigen, deren brutale Ungeschicklichkeit die Rebellion heraufbeschworen hatte, waren Kalinin und Kusmin. Von der Garnison Kronstadt mit Musik und Willkommensgr\u00fc\u00dfen empfangen, hatte Kalinin, der Vorsitzende der Exekutive der Republik, der \u00fcber die Forderungen der Matrosen unterrichtet war, sie Faulpelze, Egoisten, Verr\u00e4ter genannt und mit unnachsichtlicher Bestrafung gedroht. Kusmin rief, Disziplinlosigkeit und Verrat w\u00fcrden von der eisernen Hand der Diktatur des Proletariats zerschmettert werden. Sie wurden mit Gejohle weggejagt; der Bruch war vollzogen. Wahrscheinlich war es Kalinin, der, nach Petrograd zur\u00fcckgekehrt, den &#8218;wei\u00dfen General Koslowski&#8216; erfand. Obgleich es also leicht gewesen w\u00e4re, den Konflikt beizulegen, wollten die bolschewistischen Chefs vom ersten Augenblick an nur mit Gewalt vorgehen. Wir erfuhren in der Folge, da\u00df die ganze Delegation, die von Kronstadt zu dem Sowjet und der Bev\u00f6lkerung von Petrograd geschickt worden war, um sie \u00fcber den Streitfall zu unterrichten, in den Gef\u00e4ngnissen der Tscheka sa\u00df.<\/p>\n<h3>Das Scheitern der Vermittlung und die Niederschlagung<\/h3>\n<p>Der Gedanke einer Vermittlung bildete sich im Laufe der Unterhaltungen, die ich jeden Abend mit amerikanischen Anarchisten hatte, die k\u00fcrzlich angekommen waren: Emma Goldman, Alexander Berkman und dem jungen Sekret\u00e4r der Union der russischen Arbeiter in den Vereinigten Staaten, Perkus. Ich sprach mit einigen Genossen in der Partei dar\u00fcber. Sie antworteten mir: &#8222;Das wird nichts helfen, und wir sind durch die Parteidisziplin gebunden, und du auch.&#8220; Ich erregte mich: &#8222;Man kann aus einer Partei austreten!&#8220; Sie erwiderten mir kalt und traurig: &#8222;Ein Bolschewik verl\u00e4\u00dft seine Partei nicht. Und du, wo willst du denn hin? Wir sind trotz allem die einzigen.&#8220; Die Gruppe der anarchistischen Vermittlung versammelte sich bei meinem Schwiegervater, Alexander Russakow. Ich wohnte dieser Zusammenkunft nicht bei, denn es war beschlossen worden, nur die Anarchisten sollten die Initiative ergreifen, wegen des Einflusses, den sie im Scho\u00dfe des Kronstadter Sowjets hatten, und nur die amerikanischen Anarchisten sollten gegen\u00fcber der Sowjetregierung die Verantwortung \u00fcbernehmen. Emma Goldman und Alexander Berkman wurden von Sinowjew sehr freundlich empfangen und konnten das Machtwort einer immer noch bedeutenden Fraktion des internationalen Proletariats aussprechen. Ihre Vermittlung scheiterte total. Sinowjew bot ihnen im Gegenteil alle Erleichterungen an, damit sie in einem Sonderwaggon ganz Ru\u00dfland besichtigen k\u00f6nnten. &#8222;Sehen Sie selbst und Sie werden verstehen &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Von den russischen &#8218;Vermittlern&#8216; wurde die Mehrzahl verhaftet, ich ausgenommen. Ich verdanke diese Nachsicht der Sympathie Sinowjews, Sorins und einiger anderer, und auch meiner Eigenschaft als Aktiver der franz\u00f6sischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Nach langem Z\u00f6gern und mit unaussprechlicher Herzensangst erkl\u00e4rten wir, meine kommunistischen Freunde und ich, uns schlie\u00dflich f\u00fcr die Partei. Hier die Gr\u00fcnde. Kronstadt war im Recht. Kronstadt begann eine neue befreiende Revolution, die der Volksdemokratie. &#8222;Die III. Revolution!&#8220; sagten einige Anarchisten, die mit kindlichen Illusionen vollgestopft waren. Allein, das Land war v\u00f6llig ersch\u00f6pft, die Produktion stand fast v\u00f6llig still, es gab keine Reserven irgendwelcher Art mehr, nicht einmal Reserven an Nervenst\u00e4rke in der Seele der Massen. Die Elite des Proletariats, die in den K\u00e4mpfen mit dem Zarenregime gepr\u00e4gt worden war, war buchst\u00e4blich dezimiert. Die Partei, die durch den Zulauf derer, die sich mit der Macht ausges\u00f6hnt hatten, angewachsen war, fl\u00f6\u00dfte wenig Vertrauen ein. Von den anderen Parteien waren nur noch winzig kleine Kader von mehr als zweifelhafter F\u00e4higkeit vorhanden. Sie konnten sich nat\u00fcrlich im Laufe von ein paar Wochen neu bilden, aber nur dadurch, da\u00df sie Verbitterte, Unzufriedene und Aufgebrachte aufnahmen &#8211; und nicht mehr, wie 1917, Enthusiasten der jungen Revolution. Der sowjetischen Demokratie fehlte es an Schwung, an K\u00f6pfen, an Organisationen, und hinter sich hatte sie nur ausgehungerte und verzweifelte Massen. Die Konterrevolution des Volkes \u00fcbersetzte die Forderung freigew\u00e4hlter Sowjets durch die der &#8218;Sowjets ohne Kommunisten&#8216;. Wenn die Diktatur fiel, so bedeutete das in K\u00fcrze das Chaos, und durch das Chaos hindurch das Vordringen der Bauern, das Massaker der Kommunisten, die R\u00fcckkehr der Emigraten und am Ende durch die Macht der Umst\u00e4nde eine andere, antiproletarische Diktatur. ((6)) (&#8230;)<\/p>\n<p>Das Politb\u00fcro beschlo\u00df, mit Kronstadt zu verhandeln, dann ein Ultimatum zu stellen und als letztes die Festung und die eingefrorenen Panzerschiffe der Flotte anzugreifen. In Wirklichkeit kam es nicht zu Verhandlungen. Ein in aufreizenden Wendungen abgefa\u00dftes Ultimatum, von Lenin und Trotzki unterzeichnet, wurde angeschlagen: &#8222;Ergebt Euch oder Ihr werdet zusammengeknallt wie Kaninchen.&#8220; Trotzki kam nicht nach Petrograd und sprach nur im Politb\u00fcro.<\/p>\n<p>Anfang M\u00e4rz er\u00f6ffnete die rote Armee auf dem Eis den Angriff gegen Kronstadt und die Flotte. Die Artillerie der Schiffe und der Forts feuerte auf die Angreifer. Das Eis brach an verschiedenen Stellen unter der Infanterie ein, die, wei\u00dfgekleidet, in mehreren Wellen vorging. Riesige Schollen kenterten und st\u00fcrzten ihre menschliche Last in die schwarzen Fluten. Das war der Anfang des schlimmsten Brudermordes.<\/p>\n<p>Der X. Parteikongre\u00df, der inzwischen in Moskau zusammengetreten war, hob auf Lenins Antrag das Regime der Requisitionen auf, das hei\u00dft den &#8218;Kriegskommunismus&#8216;, und verk\u00fcndete die neue Wirtschaftspolitik; alle wirtschaftlichen Forderungen Kronstadts waren erf\u00fcllt! Damit wies der Kongre\u00df die Opposition zurecht. Die Arbeiteropposition wurde als &#8218;anarcho-syndikalistische Abweichung&#8216; bezeichnet, die &#8218;mit der Partei unvereinbar&#8216; sei, obgleich sie nicht das geringste mit dem Anarchismus zu tun hatte und nur die Leitung der Produktion durch die Gewerkschaften verlangte (ein gro\u00dfer Schritt zur Arbeiterdemokratie). Der Kongre\u00df machte seine Mitglieder und unter ihnen viele Oppositionelle &#8211; f\u00fcr die Schlacht gegen Kronstadt mobil! Der ehemalige Kronst\u00e4dter Matrose Dybenko, von der \u00e4u\u00dfersten Linken, und der F\u00fchrer der Gruppe der &#8218;demokratischen Zentralisation&#8216;, Bubnow, Schriftsteller und Soldat, k\u00e4mpften auf dem Eis gegen Aufst\u00e4ndische, denen sie innerlich recht gaben. Tuchatschewski bereitete den letzten Angriff vor. In diesen schwarzen Tagen sagte Lenin w\u00f6rtlich zu einem meiner Freunde: &#8222;Das ist der Thermidor. Aber wir werden uns nicht guillotinieren lassen. Wir machen selbst Thermidor!&#8220; ((7)) (&#8230;)<\/p>\n<h3>Victor Serge \u00fcber Trotzki im Jahre 1939<\/h3>\n<p>In diese Zeit (1939) f\u00e4llt auch mein Bruch mit Trotzki. Ich hatte mich der trotzkistischen Bewegung ferngehalten, weil ich in ihr nicht das Streben der russischen Linksopposition nach einer Erneuerung der Ideen, der Sitten und der Institutionen des Sozialismus finden konnte. In den L\u00e4ndern, die ich kannte, in Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, bildeten die Zwergparteien der &#8218;IV. Internationale&#8216; ((8)), von h\u00e4ufigen Spaltungen, und, in Paris, von j\u00e4mmerlichen Streitigkeiten zerrissen, eine schwache, sektiererische Bewegung, in der, wie mir schien, kein neuer Gedanke entstehen konnte. Das Ansehen des Alten und seine unaufh\u00f6rliche Arbeit allein hielten das Leben der Gruppen aufrecht, aber dieses Ansehen und die Qualit\u00e4t dieser Arbeit litten darunter. Schon der Gedanke, eine Internationale in dem Moment zu gr\u00fcnden, wo alle internationalen sozialistischen Organisationen darniederlagen, ohne irgendeine St\u00fctze und w\u00e4hrend die Reaktion obenauf war, erschien mir unsinnig. Ich schrieb dar\u00fcber an Leo Dawidowitsch (Trotzki; Red.). Uneins war ich mit ihm auch in wichtigen Fragen der Geschichte der Revolution; er wollte nicht zugeben, da\u00df in der schrecklichen Episode von Kronstadt 1921 das bolschewistische Zentralkomitee eine sehr gro\u00dfe Verantwortung hatte; da\u00df die Zwangsma\u00dfnahmen, die darauf folgten, unn\u00f6tig barbarisch waren; da\u00df die Errichtung der Tscheka (aus der sp\u00e4ter die GPU wurde) mit ihren Methoden einer geheimen Inquisition ein schwerer Fehler der f\u00fchrenden M\u00e4nner der Revolution gewesen sei, wider den Geist des Sozialismus. (&#8230;)<\/p>\n<p>Das einzige Problem, das das revolution\u00e4re Ru\u00dfland der Jahre 1917 bis 1923 niemals zu stellen wu\u00dfte, ist das der Freiheit; die einzige Erkl\u00e4rung, die noch einmal abgegeben werden mu\u00dfte und die es nicht abgegeben hat, ist die der Menschenrechte. Nichts menschlich Gro\u00dfes wird in Zukunft geschehen, wenn dieses Problem nicht gel\u00f6st wird. Ich legte diesen Gedanken in einem Artikel dar, <em>Macht und Grenzen des Marxismus<\/em>, den ich in Paris und New York (in <em>Partisan Review <\/em>unter dem Titel <em>Marxism of our Time<\/em>) ver\u00f6ffentlichte. Der Alte sah darin, in Anwendung seiner gewohnten Klischees, nichts weiter als eine &#8218;Kundgebung kleinb\u00fcrgerlicher Demoralisierung&#8217;&#8230; Von seinen Adepten kl\u00e4glich informiert, schrieb er einen langen polemischen Essay gegen mich, wobei er mir einen Artikel zuschrieb, der gar nicht von mir war und in keiner Weise meinen schon so manchesmal formulierten Gedanken entsprach. Die trotzkistischen Zeitschriften weigerten sich, meine Richtigstellung zu ver\u00f6ffentlichen. Ich entdeckte bei den Verfolgten dieselben Sitten wie bei den Verfolgern. Es gibt eine nat\u00fcrliche Logik der Ansteckung durch den Kampf, und so f\u00fchrte die russische Revolution gegen ihren Willen gewisse \u00dcberlieferungen des Despotismus weiter, den sie eben gest\u00fcrzt hatte; der Trotzkismus entwickelte eine Mentalit\u00e4t, die der des Stalinismus analog war, gegen den er sich erhoben hatte und der ihn zermalmte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 28. auf den 29. Februar (1921; Red.) weckte mich ein Telefonanruf aus einem Nachbarzimmer im Astoria ((1)). Eine bewegte Stimme sagte: &#8222;Kronstadt ist in der Hand der Wei\u00dfen. 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