{"id":383,"date":"1996-06-01T00:00:34","date_gmt":"1996-05-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=383"},"modified":"2022-07-26T13:57:01","modified_gmt":"2022-07-26T11:57:01","slug":"akademischer-kongres-oder-strukturelle-gewalt-gegen-behinderte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/06\/akademischer-kongres-oder-strukturelle-gewalt-gegen-behinderte\/","title":{"rendered":"Akademischer Kongre\u00df oder strukturelle Gewalt gegen Behinderte?"},"content":{"rendered":"<p>Monatelang vor dem 1. Mai 96, der als &#8222;feierlicher Er\u00f6ffnungstag&#8220; des Kongresses galt, wurde zur bundesweiten Demonstration gegen den Referenten-Auftritt des australischen Euthanasievertreters und Bioethikers Peter Singer aufgerufen. Damit verkn\u00fcpft war die Hoffnung und Forderung, diesen Kongre\u00df m\u00f6glichst ganz zu verhindern, bzw. mit dem Einsatz von gewaltfreien Mitteln zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die erste &#8222;Protest-Druckwelle&#8220; bewirkte, da\u00df die VeranstalterInnen (das private Institut f\u00fcr Systemische Forschung Heidelberg und die Internationale Gesellschaft f\u00fcr systemische Therapie e.V.) bereits am 1. April 96 den &#8222;prominenten Bioethiker&#8220; aufgrund von bef\u00fcrchteten &#8222;gewaltt\u00e4tigen Protesten&#8220; offiziell wieder ausladen mu\u00dften.<\/p>\n<p>Jedoch wurde mit der Ausladung der &#8222;bioethischen Symbol-Person&#8220; das eigentliche Problem nicht gel\u00f6st. Die Thesen, welche P. Singer vertritt, wurden auf dem Kongre\u00df unabh\u00e4ngig von dessen Auftritt zur Diskussion gestellt. Insbesondere dessen Gesinnungsfreund Norbert H\u00f6rster, Rechtswissenschaftler in Mainz, referierte dort seine Sichtweise der Euthanasiefrage. Er gilt als radikaler Verfechter von P. Singers Thesen und versucht, diese ins deutsche Rechtssystem zu integrieren.<\/p>\n<h3>Panikmache?<\/h3>\n<p>Was sollten die strikten Protest-Forderungen und die Diskussionen um die Ein- und Ausladung bewirken? Was kann schon so ein &#8222;akademischer Kongre\u00df&#8220; politisch ausrichten und beeintr\u00e4chtigen? Wozu diese ganze &#8222;Panik- und Protestwelle&#8220;? Das fragten sich wom\u00f6glich Au\u00dfenstehende.<\/p>\n<p>Wer nicht behindert und unmittelbar betroffen ist, also als &#8222;normal&#8220; gilt, kann sich zumeist nicht leicht in die Lage von behinderten Menschen hineinversetzen. Das Problem der Sterbehilfe, auf einer rein akademischen Ebene diskutiert, in Verbindung mit einer &#8222;utilitaristischen Ethik&#8220; (Kosten-Nutzen-Denken), mu\u00df zweifelsohne f\u00fcr viele behinderte Menschen wie &#8222;ein Schlag ins Gesicht&#8220; wirken. Abgesehen davon handelt es sich dabei nicht nur um blo\u00dfe Gedankenkonstrukte, sondern um bereits gro\u00dfenteils auch real umgesetzte Praktiken in Krankenh\u00e4usern sowie in der praktizierten Genforschung.<\/p>\n<p>Formulierungen wie folgende von Norbert Hoerster zeigen da eine eindeutige Tendenz auf: &#8222;Nat\u00fcrlich gibt es etwas wie &#8218;lebensunwertes&#8216; Leben. Ich vermag keineswegs etwas Inhumanes oder Verwerfliches darin erblicken, \u00fcber das Leben eines bestimmten Menschen zu sagen, es sei nicht &#8218;lebenswert&#8216;.&#8220; (zitiert nach N. Hoerster: T\u00f6tungsverbot und Sterbehilfe, in: Medizin und Ethik, hrsg. von M. Sass, S.292ff) Zwar wird hier nicht eindeutig definiert, was genau unter &#8218;lebenswert&#8216; zu verstehen ist. Jedoch wird eindeutig ausgesagt: es gibt &#8222;&#8230; etwas wie &#8218;lebensunwertes Leben&#8216;.&#8220; Also: Selektion, Ausgrenzung, T\u00f6tung&#8230;!? Und wer <cite>darf<\/cite> eigentlich dar\u00fcber entscheiden, welche Art von Lebens- und Wesensart &#8218;lebenswert&#8216; ist (in medizinischer und philosophischer Hinsicht; sowie auch dann in der konkreten Praxis)?<\/p>\n<h3>Potentielle M\u00f6rderInnen<\/h3>\n<p>&#8222;Die T\u00f6tung eines behinderten S\u00e4uglings ist nicht moralisch gleichbedeutend mit der T\u00f6tung einer Person. Sehr oft ist sie \u00fcberhaupt kein Unrecht.&#8220; (zitiert aus P. Singer: Praktische Ethik, 1984, S.188) Bei dieser Differenzierung zwischen &#8218;lebenswertem&#8216; und &#8218;lebensunwertem&#8216; Leben wird &#8218;Bewu\u00dftsein&#8216; als Unterscheidungskriterium gesetzt. Aus dieser Unterscheidung heraus leiten die in diese Richtung denkenden BioethikerInnen und deren GesinnungsfreundInnen letztendlich auch die Notwendigkeit der T\u00f6tung von so bezeichneten &#8222;Schwerbehinderten&#8220;, &#8222;unheilbar Kranken&#8220; und &#8222;altersschwachen Menschen&#8220; ab.<\/p>\n<p>Wer das Lebensrecht behinderter Menschen in Frage stellt (und geschieht dieses auch in vornehmer &#8211; akademischer &#8211; Art), ist <cite>potentiell<\/cite> auch deren M\u00f6rderIn.<\/p>\n<p>Es liegt auf der Hand, da\u00df auf dem &#8222;Science-Fiction-Kongre\u00df&#8220; eine &#8222;geisteswissenschaftliche Legitimation&#8220; f\u00fcr bereits mittlerweile zur Normalit\u00e4t gewordene medizinische und gentechnische Praktiken der Selektion geschaffen werden sollte: &#8222;Die Frage, wer leben darf oder nicht, die Herr Singer stellt (und theoretisch zu beantworten sucht), wird allt\u00e4glich in Kliniken praktisch entschieden. So wird beispielsweise ein gro\u00dfer Prozentsatz, der jedes Jahr in Deutschland durchgef\u00fchrten Abtreibungen wegen pr\u00e4natal diagnostizierter Behinderungen durchgef\u00fchrt. Die Selektion findet also l\u00e4ngst statt.&#8220; (zit. aus der \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rung der VeranstalterInnen zur Ausladung Singers)<\/p>\n<p>Auf diese eindeutigen Tendenzen und Tatsachen sollten die bundesweiten, organisierten Proteste, Diskussionen, Zusammenschl\u00fcsse von behinderten Menschen, sowie die aktive Teilnahme von Nicht-Behinderten-Gruppen und nichtbehinderten Einzelpersonen grundlegend aufmerksam machen. Diese Zielbestimmug ist, so meine ich, in einem ersten Schritt durchaus gelungen. Die Problematik ist &#8211; gerade auch mit der Tatsache &#8222;der Ausladung&#8220; des prominenten Bioethikers bzw. der Forderung, den Kongre\u00df &#8222;mit den gegebenen Inhalten&#8220; evtl. \u00fcberhaupt nicht stattfinden zu lassen &#8211; in das sichtbare Blickfeld der \u00f6ffentlichen Diskussion geraten. Das ist immerhin &#8211; eben ein erster Schritt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatelang vor dem 1. Mai 96, der als &#8222;feierlicher Er\u00f6ffnungstag&#8220; des Kongresses galt, wurde zur bundesweiten Demonstration gegen den Referenten-Auftritt des australischen Euthanasievertreters und Bioethikers Peter Singer aufgerufen. Damit verkn\u00fcpft war die Hoffnung und Forderung, diesen Kongre\u00df m\u00f6glichst ganz zu verhindern, bzw. mit dem Einsatz von gewaltfreien Mitteln zu st\u00f6ren. 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