{"id":3876,"date":"2001-03-01T00:00:50","date_gmt":"2001-02-28T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3876"},"modified":"2022-07-26T13:56:56","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:56","slug":"finkelstein-auf-den-leim-gegangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/03\/finkelstein-auf-den-leim-gegangen\/","title":{"rendered":"Finkelstein auf den Leim gegangen"},"content":{"rendered":"<p>Finkelstein trifft offenkundig den deutschen Publikumsgeschmack;                 begeistert wird aufgegriffen, dass nun endlich ein Jude sagt,                 was man eh schon immer &uuml;ber &#8222;die Juden&#8220; gedacht hat: dass                 sie aus dem Holocaust Kapital schlagen. In Martin Walsers &#8222;Sonntagsrede&#8220;                 klang dies an beim Stichwort &#8222;Instrumentalisierung unserer Schande                 zu gegenw&auml;rtigen Zwecken&#8220;.<\/p>\n<p>Doch dar&uuml;ber hinaus verf&uuml;gen Finkelsteins Thesen offenkundig                 auch &uuml;ber einen Appeal, dem sich Linke, auch &#8211; und gerade?                 &#8211; Linke in Deutschland nicht entziehen wollen oder k&ouml;nnen.                 Ein Einfallstor ist das verbreitete Unbehagen an bestimmten marktg&auml;ngigen                 Umgangsweisen mit dem Holocaust, ein anderes der in der Linken                 seit 1967 (und in der deutschen Linken besonders intensiv) verbreitete                 Antizionismus. Darauf verweisen schon die Tatsache, dass das Buch                 im linken Verlag Verso (London und New York) erschienen ist und                 Finkelsteins Behauptungen in der &#8222;Danksagung&#8220;, Colin Robinson                 vom Verlag Verso habe die Idee zu diesem Buch entwickelt und Noam                 Chomsky habe dem Autor bei jeder Etappe der Buchentstehung hilfreich                 zur Seite gestanden.<\/p>\n<p>Leider zeigt sich dies auch in der Graswurzelrevolution (Nr.                 253 vom November 2000), wenn sich Theodor Webin in bester Absicht                 im Rahmen seiner Kritik am Film &#8222;X-Men&#8220; positiv auf Finkelstein                 bezieht. Webin gei&szlig;elt, dass hier der &#8222;Holocaust als Teil                 einer Fantasy-Welt&#8220; behandelt werde, sieht also in &#8222;X-Men&#8220; &#8222;Ausverkauf,                 im wahrsten Sinne des Wortes&#8220;. Etwas leichtfertig bemerkt Webin,                 es sei &#8222;in der Linken [&#8230;] zur Zeit mal wieder &#8218;hipp&#8216;, immer                 und &uuml;berall Antisemitismus zu entdecken&#8220;. Immerhin r&auml;umt                 er ein, man k&ouml;nne &#8222;nicht vorsichtig genug sein bei diesem                 Thema&#8220;. Tats&auml;chlich besteht innerhalb des gesamtgesellschaftlich                 kaum bedeutenden linken Diskurses die Gefahr einer Inflationierung                 des Antisemitismus-Vorwurfes. Entsprechend ist auch bei der vorliegenden                 Kritik Vorsicht geboten; deshalb sei ausdr&uuml;cklich darauf                 hingewiesen, dass es keineswegs darum geht, den Autor Webin als                 Antisemiten zu outen. Auch geht es nicht darum, seinen Text als                 antisemitisch zu kritisieren. Wohl aber geht es darum, auf eine                 merkw&uuml;rdige Verzerrung und auf signifikante Ungenauigkeiten                 in seiner Argumentation hinzuweisen. Denn diese verweisen exemplarisch                 auf einen Punkt, wo Linke Gefahr laufen, Finkelstein auf den Leim                 zu gehen.<\/p>\n<p>Es ist fast schon sympathisch, dass Webin im Herbst 2000 f&auml;lschlich                 behauptet, Finkelsteins Buch sei &#8222;vor kurzem [&#8230;] auf deutsch                 im Piper-Verlag erschienen&#8220;; dies zeigt, wie wenig er sich mit                 Finkelsteins Machwerk befasst hat. Ein ungelesenes Buch l&auml;sst                 sich schlecht in seinen Kernaussagen referieren, entsprechend                 d&uuml;rftig f&auml;llt Webins Darstellung aus. Finkelstein tut                 weit mehr, als &#8211; wie Webin stillschweigend Julius H. Schoeps aus                 der taz (13.9.2000) zitiert &#8211; &#8222;in eine nordamerikanische Debatte                 [&#8230;], vor allem im Kultur- und Filmmilieu&#8220; einzugreifen. Ausgerechnet                 Webins Thema, Film, spielt bei Finkelstein nur eine untergeordnete                 Rolle. <\/p>\n<p>Daher wundert es auch nicht, wie d&uuml;rftig und beside the                 point Webins Kritik an Finkelstein ausf&auml;llt. Das Buch sei                 &#8222;fragw&uuml;rdig [&#8230;], da es gerade den J&uuml;dinnen und Juden                 einen &#8218;Ausverkauf&#8216; vorwirft, und dies mit dem Begriff &#8218;Industrie&#8216;                 untermauert, der unpassend ist, wenn mensch sich daran erinnert,                 da&szlig; es sich bei dem Holocaust um einen industriellen Massenmord                 handelt&#8220;. &#8222;Unpassend&#8220; ist indes nicht nur, wie Webin (wiederum                 mit Schoeps) moniert, die Begriffskomponente &#8222;Industrie&#8220;, sondern                 der Begriff als solcher. Finkelstein hat ihn selbst in der S&uuml;ddeutschen                 Zeitung (11.8. 2000) wie folgt bestimmt: &#8222;<i>Der Holocaust<\/i>,                 lautet die Hauptthese meines Buches, ist zu einer Industrie geworden.                 J&uuml;dische Eliten beuten, im Einvernehmen mit der amerikanischen                 Regierung, das entsetzliche Leiden der Millionen von Juden aus,                 die w&auml;hrend des Zweiten Weltkrieges umgebracht wurden, ebenso                 wie das der wenigen, die es schafften zu &uuml;berleben &#8211; aus                 Macht- und Profitgr&uuml;nden.&#8220;<\/p>\n<p>Von &#8222;Holocaust-Industrie&#8220; sprach Finkelstein schon beil&auml;ufig                 in einer Anmerkung in seinem Pamphlet gegen Goldhagen. Der Begriff                 im eben zitierten Sinne wurde, wie sich in einem Projekt zur Dokumentation                 und Analyse der Finkelstein-Rezeption in der Publizistik der extremen                 Rechten zeigte, allerdings bereits fr&uuml;her in Neonazi-Kreisen                 benutzt. So sprach schon Anfang der neunziger Jahre der Holocaust-Leugner                 David Irving von &#8222;Holocaust-Industrie&#8220; und &#8222;professionellen &Uuml;berlebenden&#8220;,                 die mit dem &#8222;Holocaust-Mythos&#8220; ein &#8222;gro&szlig;es Gesch&auml;ft&#8220;                 machten.<\/p>\n<p>Es ist wichtig zu beachten, dass in Finkelsteins Begriff &#8222;Holocaust-Industrie&#8220;                 sogleich spezifische Interessen &#8222;j&uuml;discher Eliten&#8220; mitgedacht                 sind. Diese gehen weit &uuml;ber die warenf&ouml;rmiger Produktion                 von Filmen usw. eigenen Proftinteressen hinaus. Es handele sich                 um die Produktion einer &#8222;machtvollen Waffe&#8220; in der ideologischen                 Auseinandersetzung. Beispielsweise behauptet Finkelstein bez&uuml;glich                 der zweiten H&auml;lfte der siebziger Jahre: &#8222;Um Israels Druckmittel                 f&uuml;r Verhandlungen zu st&auml;rken, steigerte die Holocaust-Industrie                 ihre Produktionsrate&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Begriffsimplikationen unterscheiden den Begriff von dem                 der &#8222;Kulturindustrie&#8220;, den Max Horkheimer und Theodor W. Adorno                 in der &#8222;Dialektik der Aufl&auml;rung&#8220; (zur weiteren theoretischen                 Entfaltung) vorstellten. Entsprechend l&auml;sst sich von Finkelstein                 auch kein Bogen schlagen zu einer Kritik an den Produkten warenf&ouml;rmiger                 &#8222;Erinnerungskultur&#8220;, wie sie &#8211; das sei wohlwollend unterstellt                 &#8211; Webin wohl im Sinn hat. Diesen Unterschied gilt es zu begreifen.                 Wer ihn &uuml;bersieht, geht Finkelstein auf den Leim. Dies w&uuml;rde                 auch nicht dadurch besser, dass ein Idol der Libert&auml;ren,                 n&auml;mlich Noam Chomsky &ouml;ffentlichkeitswirksam den Thesen                 Finkelsteins zustimmte. In der <i>Woche<\/i> vom 28.7.2000 meinte                 Chomsky: &#8222;Der Holocaust wird &#8211; wie auch ich schon seit Jahrzehnten                 schreibe &#8211; seit den sp&auml;ten 60er Jahren ausgebeutet. Und zwar                 nicht nur zur Rechtfertigung der israelischen Besetzung im Nahen                 Osten, sondern auch aus innenpolitischen Gr&uuml;nden in den USA                 (und anderswo im Westen) und schlicht aus vulg&auml;rem Karrierismus.                 Finkelsteins Analyse einer &#8218;Holocaust-Industrie&#8216; ist daher v&ouml;llig                 korrekt.&#8220; <\/p>\n<p>Eher sollten die libert&auml;ren Chomsky-Fans dies zum Anlass                 nehmen, k&uuml;nftig genauer zu pr&uuml;fen, wo Chomsky vielleicht                 auch mal v&ouml;llig falsch liegt. Anlass dazu gibt es seit l&auml;ngerem,                 denn Chomsky setzt sich bekanntlich seit mehr als einem Jahrzehnt                 mit gro&szlig;er Publikumsresonanz f&uuml;r die Redefreiheit der                 Holocaust-Leugner ein. Doch dieses heikle Thema wird von seinen                 Anh&auml;ngern h&auml;ufig nur besch&ouml;nigend oder nur beil&auml;ufig                 behandelt, wie j&uuml;ngst in Robert F. Barskys Biographie &#8222;Noam                 Chomsky. Libert&auml;rer Querdenker&#8220;. Mehr als leichtes Unbehagen                 wurde auch in der Buchbesprechung in der Graswurzelrevolution                 (Nr. 252 vom Oktober 2000) nicht deutlich: &#8222;Gezeigt wird auch                 ein sanfter Mensch, der mit &auml;u&szlig;erster Vehemenz seine                 &Uuml;berzeugungen vertritt. Mehr st&ouml;rrisch als stoisch wies                 er die Kritik an seinem abstraktem Begriff von Meinungsfreiheit                 zur&uuml;ck, die ihm angesichts seines Einsatzes f&uuml;r die                 Redefreiheit des franz&ouml;sischen Auschwitz-Leugners Faurisson                 entgegengebracht wurde. F&uuml;r Chomsky ist das derselbe Kampf                 gegen das Verschweigen und das unmerkliche Unterschlagen von Nachrichten,                 f&uuml;r die er sich im letzten Jahrzehnt als Medientheoretiker                 stark gemacht hat&#8220;, schrieb Jens Petz Kastner. Wenn das mal so                 einfach w&auml;re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Finkelstein trifft offenkundig den deutschen Publikumsgeschmack; begeistert wird aufgegriffen, dass nun endlich ein Jude sagt, was man eh schon immer &uuml;ber &#8222;die Juden&#8220; gedacht hat: dass sie aus dem Holocaust Kapital schlagen. In Martin Walsers &#8222;Sonntagsrede&#8220; klang dies an beim Stichwort &#8222;Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenw&auml;rtigen Zwecken&#8220;. 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