{"id":3878,"date":"2001-03-01T00:00:47","date_gmt":"2001-02-28T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3878"},"modified":"2022-07-26T14:16:55","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:55","slug":"meister-der-systemapologetik-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/03\/meister-der-systemapologetik-3\/","title":{"rendered":"Meister der Systemapologetik"},"content":{"rendered":"<p>Jeden Monat vergibt die S\u00fcd-Redaktion der Graswurzelrevolution einen Preis f\u00fcr eine herausragende ideologische Anpassung ans System (System-Apologetik). Dem\/der Preistr\u00e4gerIn wird das Ibsen-Drama <em>St\u00fctzen der Gesellschaft <\/em>zugesandt, verbunden mit der Erwartung, auch in weiteren journalistischen oder k\u00fcnstlerischen Arbeiten zu den Systemst\u00fctzen gez\u00e4hlt werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Preistr\u00e4ger des Monats M\u00e4rz wird Journalist Alexander B\u00f6ker von der Illustrierten &#8222;Max&#8220; f\u00fcr seinen Artikel: &#8222;Ist Terror cool?&#8220;<\/h3>\n<p><strong>Laudatio: <\/strong>B\u00f6ker beweist in seinem Artikel (siehe Abb.), dass der ewige Tabubruch das Lebenselexier der heute 30-j\u00e4hrigen ist. Und das j\u00fcngste Tabu, das nun modebewusst gebrochen wird, ist die Rote-Armee-Fraktion (RAF) und ihr Waffenkult: &#8222;Der tote Terrorist Andreas Baader wirbt f\u00fcr Schuhe, das RAF-Logo ziert T-Shirts &#8211; die Rote Armee Fraktion ist endg\u00fcltig Pop.&#8220; So B\u00f6ker. Und er schreibt \u00fcber eine Foto-Session der Zeitung <em>Tussi Deluxe<\/em> (an die dieser Preis getrost ebenso h\u00e4tte vergeben werden k\u00f6nnen), in welcher Woolworth neben dem tot in seinem Blut liegenden Baader f\u00fcr Schuhe wirbt. Auch Baader &amp; Ensslin vor Gericht oder Jan-Carl Raspe vor einem Mercedes mit einem Totem im Kofferraum werben f\u00fcr Schuhmode. RAF-Style aus der Boutique &#8222;M\u00e4gde und Knechte&#8220; wird im Artikel feilgeboten, auf den Bl\u00f6dsinnsroman von Leander Scholz (&#8222;Rosenfest&#8220; &#8211; eine zurechtgezimmerte RAF-Geschichte \u00fcber das Liebesleben von Baader und Ensslin mit Geschichtsverf\u00e4lschungen wie einer Krahl-Rede, nach der &#8222;Jeder von uns&#8220; Kennedy oder Ohnesorg umgebracht habe -) wird hingewiesen, und dann noch ein Kinofilm \u00fcber die Geschichte des jungen Baader f\u00fcr den Herbst angek\u00fcndigt: &#8222;Der tr\u00e4gt haupts\u00e4chlich Ray-Ban-Sonnenbrillen und l\u00e4ssige Secondhand-Klamotten, kauft Autos und mietet konspirative Wohnungen. Terroristenalltag, spannend und trendy. Da w\u00e4re man doch gern dabei gewesen.&#8220;<\/p>\n<p>Das meint B\u00f6ker nicht wirklich ernst. Denn die ahnungslosen Modedeppen aus der gehobenen Mittelklasse, die sowas tragen, wollen zwar den Tabubruch mutig nach aussen zur Schau stellen, interessieren sich aber nicht die Bohne f\u00fcr die tats\u00e4chliche Geschichte und haben kaum was anderes als den Staat im Kopf. So nennen sie die RAF &#8222;Terroristen&#8220;, keineswegs aber die staatlichen Verfolgungsbeh\u00f6rden des Deutschen Herbstes, oder die heutigen Staatenlenker, die Bomben auf Jugoslawien oder den Irak werfen. Da freut sich B\u00f6ker: &#8222;Die RAF ist bereits Pop. Das Logo: cool. Die Kleidung: gern gesehen in den Clubs. Die Waffen: machen sich gut auf T-Shirts. Die Politik: ganz interessant.&#8220; So interessant eben wie Hitler auch. Denn nach B\u00f6ker geben die Macherinnen von <em>Tussi Deluxe <\/em>auf ihrer Website Adolf Hitler eine Stilberatung: &#8222;Weg mit dem Bart, neuer Haarschnitt und ein Ohrring &#8211; schon w\u00fcrde der Diktator in keiner Disco mehr auffallen.&#8220; B\u00f6ker zieht das Fazit, das zum RAF-Kult gef\u00fchrt hat: &#8222;Die Zeit der Rebellion ist vorbei, abgel\u00f6st durch eine neue Leichtigkeit.&#8220; Die einzige Sorge: dass sich der RAF-Kult als Modetrend so weit ausweitet, dass er schon nicht mehr provoziert.<\/p>\n<p>Keine Sorge: uns von der GWR provoziert das schon noch! Es ist diese sinnentleerte Leichtigkeit, die nicht nur RAF und Hitler gleichsetzt, weil sie zu tragen Tabubruch suggeriert, sondern die zugleich garantiert, dass eine sinnvolle Diskussion \u00fcber andere Gesellschaftsformen, \u00fcber Formen des Widerstands, \u00fcber Revolutionsvorstellungen heute niemand ernsthaft f\u00fchren mag, weil sie n\u00e4mlich alle kreuzzufrieden sind mit ihrem ekelhaft gehobenen Status, mit ihrer verbrecherischen Teilhabe am Wohlstand und es ihnen scheissegal ist, ob die BRD zum zweitgr\u00f6\u00dften Waffenlieferanten aufgestiegen ist, vier mal soviele Menschen bei der Abschiebehaft oder bei der Abschiebung umbringt als die Nazis auf der Strasse, Atomtechnologie oder Polizei\u00fcberwachungstechnik exportiert, die Wirtschaft f\u00fcr Zwangsarbeiterfonds einzahlt oder nicht usw. usf.<\/p>\n<p>Gewaltfreien Revolution\u00e4rInnen ist noch nie ein ganzer Modetrend zuteil geworden: Tolstoi, Gandhi, Martin Luther King, Unbekannte wie Clara Wichmann gar &#8211; das ist langweilig. Die historischen Widerstandskampagnen ziehen sich \u00fcber Jahre, ja Jahrzehnte hin &#8211; das ist dr\u00f6ge. Ein Gandhi im Lendenschurz auf T-Shirts suggeriert die vorindustrielle Gesellschaft &#8211; bo\u00e4\u00e4\u00e4h, da sch\u00fcttelt\u2019s die Wohlstandss\u00f6hn- und t\u00f6chterchen. Es gibt bei uns auch &#8211; wenn alles gut l\u00e4uft &#8211; keine Blutlachen, keinen Waffenkult, keine Schlacht mit Rauch und Feuer &#8211; eben kein Tabu, das die von Langeweile \u00fcbers\u00e4ttigte Modewelt zu brechen sich gen\u00f6tigt s\u00e4he. Und vielleicht liegt sogar gerade darin ein Funke Hoffnung begr\u00fcndet, dass unseren Symboliken, Personen und Bewegungen die Erhebung zum Kult oder Modetrend erspart bleibt &#8211; vielleicht ist das, was wir machen, einfach zu wenig marktg\u00e4ngig! Das w\u00e4r\u2019 doch noch was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Monat vergibt die S\u00fcd-Redaktion der Graswurzelrevolution einen Preis f\u00fcr eine herausragende ideologische Anpassung ans System (System-Apologetik). Dem\/der Preistr\u00e4gerIn wird das Ibsen-Drama St\u00fctzen der Gesellschaft zugesandt, verbunden mit der Erwartung, auch in weiteren journalistischen oder k\u00fcnstlerischen Arbeiten zu den Systemst\u00fctzen gez\u00e4hlt werden zu k\u00f6nnen. 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