{"id":3880,"date":"2001-03-01T00:00:15","date_gmt":"2001-02-28T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3880"},"modified":"2022-07-26T14:26:22","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:22","slug":"traumbild-als-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/03\/traumbild-als-utopie\/","title":{"rendered":"Traumbild als Utopie"},"content":{"rendered":"<p>Um einen Einblick in wesentliche Eigenarten der afrikanisch-feministischen Literatur zu geben, sei hier ein ausgew\u00e4hltes literarisches Beispiel angef\u00fchrt: Es handelt sich um den radikal-feministischen Ansatz von Calixthe Beyala in ihrem Roman <em>Tu t&#8217;appelleras Tanga (Dein Name wird Tanga sein). <\/em>Das Buch erschien 1988 in franz\u00f6sischer Sprache, es liegt noch keine \u00dcbersetzung vor. In Englisch ist es unter <em>Your Name Shall Be Tanga <\/em>erschienen. Alle Zitate stammen aus der Romanzusammenfassung und -interpretation von Susan Arndts Buch <em>Feminismus im Widerstreit<\/em>.<\/p>\n<p>Warum die Auswahl speziell dieses Romans? Die von Calixthe Beyala in <em>Tu t&#8217;appelleras Tanga <\/em>dargestellten Motive und Kern-Themen sind brisant. Dieses besonders hinsichtlich der Versuche von Frauen (Protagonistinnen des Romans), sich aus gesellschaftlich tief-verankerten, festgefahrenen Gender-Positionen zu befreien. Damit verbunden ist ein weiteres, wesentliches Leitthema dieses Romans: der gemeinsame solidarische Befreiungsversuch der Schwarzen Frau Tanga und der Wei\u00dfen Franz\u00f6sin Anna-Claude. Welche Erfahrungen machen sie miteinander? Gelingt ein tats\u00e4chlicher, gemeinsamer Befreiungsweg? Die Autorin Beyala z\u00e4hlt zu den radikalen Vorreiterinnen afrikanisch-feministischer Literatur. Ihr Roman bietet herausfordernd-spannenden Diskussionsstoff. Inwiefern ist ein Prozess der Solidarisierung von Frauen gr\u00f6\u00dftenteils erschwert? Welche Tatsachen verhindern dieses? Warum ist ein Verh\u00e4ltnis der Komplementarit\u00e4t zwischen Frauen und M\u00e4nnern schwer zu erreichen? Diese letzte Fragestellung verk\u00f6rpert au\u00dferdem eine weitere umstrittene Kern-These des Romans.<\/p>\n<p>C. Beyalas scharfe Kritik an den extrem gewaltt\u00e4tigen Gender-Verhaltensweisen der im Ort der Romanhandlung lebenden M\u00e4nner soll jedoch keineswegs den Mythos vom Schwarzen Vergewaltiger verfestigen oder herauf beschw\u00f6ren. Der Schwarze Feminismus, der zu Beginn der 1990er Jahre die europ\u00e4ische und Wei\u00dfe US-amerikanische Frauenbewegung herausgefordert hatte, wehrte sich gegen die rassistische Unterstellung, Schwarze M\u00e4nner seien triebhaft gewaltsamer als Weisse M\u00e4nner. Schwarze Feministinnen gingen daher solidarische Koalitionen mit Schwarzen M\u00e4nnern ein.<\/p>\n<h3>Calixthe Beyala und ihr Roman<\/h3>\n<p>Die aus Kamerun stammende Calixthe Beyala wurde 1961 in Duala, einem Slum, geboren und lebt heute als freie Autorin in Paris, wo sie zudem in der Modebranche arbeitet. Sie er\u00f6ffnete ein ganz neues Kapitel der afrikanischen Frauenliteratur. &#8222;Ihre oftmals autobiographisch inspirierte Literatur ist engagiert, ungeschminkt und provokativ zugleich. Schonungslos setzt sie sich mit Unterdr\u00fcckung, Sexismus und Kulturkonflikten auseinander.&#8220; Susan Arndt hebt hervor, dass Beyala sich einer poetischen, stark emotional gepr\u00e4gten Sprache &#8222;sowie einer erschlagenden Metaphorik&#8220; bedient. Mit dem ihr eigenen sch\u00f6pferischen Stil will sie die feministische Wirkung ihrer Literatur best\u00e4rken. Stilistisch stellt sie sich damit in den Kontext der radikal-feministischen Texte afrikanischer Literaturen. Die \u00dcberzeugungskraft dieser Literatur wird in ihrem \u00e4sthetischen Gehalt dadurch bewirkt, dass &#8222;die Radikalit\u00e4t der feministischen Texte zu einem gro\u00dfen Teil von ihrer F\u00e4higkeit abh\u00e4ngig ist, das Innere der Leser\/innen &#8211; durch beides, die Handlung wie auch den Erz\u00e4hlstil &#8211; zu erreichen und zu bewegen.&#8220; Beyalas Texte zeichnen sich au\u00dferdem durch eine nahezu einmalige sprachliche Innovativit\u00e4t aus. F\u00fcr ihre neun Romane erhielt sie angesehene Literaturpreise.<\/p>\n<p>Worin bestehen die Kernaussagen von <em>Tu t&#8217;appelleras Tanga?<\/em> Es geht um die von Frauen (Protagonistinnen des Romans) an Frauen gestellte Frage: Warum verb\u00fcnden sich &#8222;Frauen mit M\u00e4nnern und patriarchalen Strukturen, obwohl sie damit anderen Frauen Schaden und Leid zuf\u00fcgen, anstatt sich mit anderen Frauen zu solidarisieren, um gegen diese Strukturen und die M\u00e4nner aufzubegehren, die diese aus egoistischen Gr\u00fcnden produzieren.&#8220;? Der Inhalt dieser Fragestellung wird n\u00e4her verst\u00e4ndlich durch die existenziellen Lebensbedingungen der Protagonistinnen des Romans, sowie durch den Verlauf der geschilderten Ereignisse selbst.<\/p>\n<p><em>Tu t&#8217;appelleras Tanga<\/em> handelt in einem Slum von Inningu\u00e9, einer imagin\u00e4ren westafrikanischen Stadt. Das Leben dort wird von einer niederschmetternden Hoffnungslosigkeit und D\u00fcsternis getragen. Diese Grundstimmung charakterisiert das Dasein in den verslumten St\u00e4dten des nachkolonialen Afrika. Es herrscht bittere Armut, nackte Gewalt, die Menschen werden von Depressionen gel\u00e4hmt. &#8222;M\u00e4nner nutzen jedoch die sich ihnen bietenden M\u00f6glichkeiten, sich an Frauen zumindest tempor\u00e4r abzureagieren. Wann immer ein Mann in <em>Tu t&#8217;appelleras Tanga<\/em> auftritt, ist er v\u00f6llig triebhaft und triebgesteuert dabei, eine Frau (mit Gewalt) auf \u00e4u\u00dferst brutale und unromantische Weise zu seiner sexuellen Befriedigung zu benutzen oder &#8218;einfach nur&#8216; zu schlagen.&#8220;<\/p>\n<p>Tanga, die Hauptperson des Romans, w\u00e4chst in einem Klima roher sexueller Gewalt auf. Sie wird von ihrem Vater vergewaltigt und geschw\u00e4ngert; letztlich von beiden Eltern sexuell missbraucht und schlie\u00dflich von ihnen zur Prostitution gezwungen. Tangas Mutter Taba ist die Tochter einer von M\u00e4nnern kollektiv vergewaltigten Frau. Diese M\u00e4nner, so hei\u00dft es, konnten den &#8222;autonomen Geist, Stolz und die Unnahbarkeit&#8220; von Tangas Gro\u00dfmutter Kadjaba nicht ertragen. Sie wollten ihr jeglichen Lebensmut brechen, ihren Geist, Stolz und W\u00fcrde zerst\u00f6ren. Gewaltt\u00e4tiger Sex bis hin zu ausdr\u00fccklichen Formen der Vergewaltigung ist die einzige Sprache, die die im Roman dargestellten M\u00e4nner sprechen, aber auch ihre Waffe, mit der &#8222;sie Frauen zerbrechen, um sie beherrschen zu k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach den Erfahrungen der Kollektivvergewaltigung bleibt Kadjaba &#8222;k\u00fcnftig stumm&#8220;, sie stellt sich &#8222;taub und blind&#8220;. Sie wird gezwungenerma\u00dfen Mutter der Tochter Taba, die wiederum aufgrund erfahrener Sch\u00e4digungen in ihrer ungl\u00fccklichen Kindheit in dem Kreis der Gewalt verhaftet bleibt und f\u00fcr ihr Leben keinen anderen Ausweg sieht, als eine f\u00fcr sie von Dem\u00fctigungen und H\u00e4rte gepr\u00e4gte Ehe mit einem Mann einzugehen, der sie und ihre Kinder sexuell missbraucht und misshandelt.<\/p>\n<h3>Mutter und Tochter<\/h3>\n<p>Die Thematik der Mutter-Tochter-Beziehung ist ein weiteres, zentrales Thema des Romans. Der durch die Kollektivvergewaltigung gebrochene Lebensmut der Gro\u00dfmutter &#8222;vererbt&#8220; sich gewisserma\u00dfen psycho-sozial auf ihre Tochter, die jedoch aufgrund erfahrener H\u00e4rten den sexistischen Missst\u00e4nden gegen\u00fcber blind und taub bleibt. Aufgrund ihrer eigenen erzwungenen Mutterschaft ist sie nicht in der Lage, ihren T\u00f6chtern eine verst\u00e4ndnisvolle und f\u00fcrsorgliche Mutter zu sein. Vielmehr werden destruktive Aggressionen an den T\u00f6chtern abgelassen, bis dahin dass sie Tangas Weg in die Prostitution mitbef\u00f6rdert und sich passiv verh\u00e4lt, als ihr Mann Tanga vergewaltigt. Die (Mit-)Schuld der Mutter kommt au\u00dferdem in der Szene zum Tragen, in der ihre Tochter genital beschnitten wird. &#8222;Taba ist nicht nur diejenige, die die Beschneidung veranlasst. Nach der Beschneidung ruft (&#8230;) sie sogar freudig aus: &#8218;Sie ist eine Frau geworden, sie ist eine Frau geworden.'&#8220; Die Zwangsma\u00dfnahmen der Beschneidung sowie der Prostituierung der Tochter stehen nicht nur f\u00fcr die Beraubung der sexuellen Lust, sondern versinnbildlichen zudem die v\u00f6llig Rechtlosigkeit, Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung von M\u00e4dchen und Frauen. Insbesondere spricht die Mutter hier geradewegs der Tochter das Recht ab, &#8222;ihren eigenen Vorstellungen gem\u00e4\u00df leben zu k\u00f6nnen.&#8220; Ferner wird hier verdeutlicht, dass Frauen sich nicht gegenseitig unterst\u00fctzen, sondern sich stattdessen das Leben gegenseitig schwer machen; dadurch dass M\u00fctter \u00f6ftmals den T\u00f6chtern das Recht auf Selbstbestimmung prinzipiell beschneiden und ihnen die pressenden Normen der Gewaltspirale vererben.<\/p>\n<p>Zugleich wird ersichtlich, dass eine transformatorische sowie auch radikalere Ver\u00e4nderung der Geschlechterhierarchien potentiell erzielt werden kann, wenn sich prim\u00e4r das gest\u00f6rte Mutter-Tochter-Verh\u00e4ltnis \u00e4ndert, dahingehend dass die Mutter die T\u00f6chter gleichberechtigt unterst\u00fctzen und f\u00fcr ihren autonomen, freien Lebensweg best\u00e4rken. Dar\u00fcber hinaus verdeutlicht die von Beyala gestaltete Symbolgestalt eines gest\u00f6rten Mutter-Tochter-Verh\u00e4ltnisses die Situation der Frauen, die sich massiv unterdr\u00fcckt auf der untersten Stufe des patriarchalen Systems im neokolonialen Afrika befinden. Sie leiden nicht nur als Bewohnerinnen der Slums, auch nicht nur, weil sie Schwarze Frauen sind, sondern eigentlich vorrangig, weil sie &#8222;Frauen&#8220; (Gender) sind. Aufgrund dieses Tatbestands ist ihnen im doppelten Sinne der Zugang versperrt, die sexistisch-rassistischen Strukturen aktiv zu bek\u00e4mpfen und sich dadurch zu befreien.<\/p>\n<h3>Traumbild als Utopie<\/h3>\n<p>Tanga, die &#8222;Tochter der dritten Generation&#8220;, beginnt trotz erfahrener Repression und Diskriminierung zu rebellieren. Entgegen aller entw\u00fcrdigenden Erfahrungen mit sexuell-gewaltt\u00e4tigen Beziehungen, vorrangig mit M\u00e4nnern ihrer sozialen Umgebung, entwirft sie f\u00fcr sich das Traumbild eines heilen, erf\u00fcllten Lebens: &#8222;&#8218;Ich werde mein Haus haben, den Garten, den Hund, die Elster am Rande der Wiese, Kinder.&#8216; &#8211; Dieser Wunsch, der im gesamten Buch zw\u00f6lf Mal Erw\u00e4hnung findet, ist gewisserma\u00dfen das Leitmotiv des Romans.&#8220; Zun\u00e4chst ist es derselbe Traum, den die Mutter tr\u00e4umte: der Glaube, einen liebenden Mann zu finden und in einer harmonischen Kleinfamilie Erf\u00fcllung zu erhalten. Im Gegensatz zu den Wegen anderer Frauen des Romans geht Tanga nicht ausschlie\u00dflich in eine von Gewalt durchtr\u00e4nkte Ehe hinein, die ihr das heile Bild des Traumes vollends zerst\u00f6rt h\u00e4tte. In dem 14-j\u00e4hrigen gehbehinderten Adoptivsohn Mala findet die 16-j\u00e4hrige Tanga einen liebevollen, verst\u00e4ndnisvollen Freund. In dieser Gef\u00e4hrtenschaft erlebt sie sogar die Erf\u00fcllung ihres Traumes und es hei\u00dft: sie waren nahezu gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Vor allem zwei Ereignisse aus ihrem Zusammenleben zeigen das: &#8222;Zum einen nehmen sie sich zusammen eines Hundes an. Zum anderen schenkt Mala Tanga ein Bild mit einer Elster am Rande einer Wiese.&#8220; Dabei wissen beide, dass Tanga als verarmte Slumbewohnerin in einer westafrikanischen Gro\u00dfstadt ein eigenes Haus &#8211; ganz zu schweigen eine eigene Wiese &#8211; niemals erhalten wird. Sie konnte sich jedoch aufgrund ihrer kreativ-produktiven Ausrichtung auf das Traumbild zumindest ansatzweise ein St\u00fcck Erf\u00fcllung verschaffen.<\/p>\n<p>Als Mala, die einzige m\u00e4nnliche Romanfigur, die aus dem Kanon der \u00fcbrigen gewaltt\u00e4tig-rohen M\u00e4nnerfiguren ausschert, am H\u00f6hepunkt von Tangas Gl\u00fcck stirbt, schlie\u00dft sie sich aus Verzweiflung einer Gruppe Kleinkrimineller an, &#8222;die sich unter anderem durch Geldf\u00e4lscherei &#8211; metaphorisch gesehen: durch die Illusion, &#8218;dazugeh\u00f6ren zu k\u00f6nnen&#8216; am Leben erhalten.&#8220; Der Verlauf der Dinge entwickelt sich dahingehend, dass diejenigen, die Tanga betr\u00fcgen, straffrei ausgehen und stattdessen sie, als sie zu betr\u00fcgen beginnt, gefasst und eingesperrt wird. &#8222;Im Verlauf des Verh\u00f6rs durch die Staatspolizei wird sie gefoltert.&#8220; Sie stirbt schlie\u00dflich an den durch Folter verursachten Verletzungen.<\/p>\n<h3>Neue Freundinnenschaft<\/h3>\n<p>Eine zumindest partielle, tats\u00e4chlich befreiende Ver\u00e4nderung in Tangas Leben konnte nicht erreicht werden. Die Tatsache, dass Mala wegen seiner Krankheit sterben muss, weil ihnen das Geld fehlt, ihm eine angemessene \u00e4rztliche Behandlung zu gew\u00e4hrleisten; sowie die Tatsache, dass Tanga v\u00f6llig zu Unrecht bestraft und brutal zu Tode gefoltert wird, zeigt, dass nicht nur das Verhalten der M\u00e4nner und die patriarchalen Strukturen f\u00fcr das Scheitern befreiender Lebensvisionen verantwortlich sind, sondern ebengleich die verfestigten Unrechtsstrukturen der neokolonialen Armut, hier doppelt verst\u00e4rkt durch die Machenschaften eines diktatorischen Regimes.<\/p>\n<p>In Gegen\u00fcberstellung zu den zutiefst gest\u00f6rten, unsolidarischen Beziehungen von M\u00e4nnern und Frauen &#8211; verursacht durch gewaltt\u00e4tiges egozentrisches M\u00e4nnerverhalten, sowie der fehlenden konstruktiven Frauen-Verbindungen &#8211; gestaltet Beyala in <em>Tu t&#8217;appelleras Tanga<\/em> eine Vision einer solidarisch-sch\u00f6pferischen Frauenbeziehung. Dabei ist es kein Novum der afrikanisch-feministischen Literatur, dass &#8222;der abgeschlossene Raum einer Gef\u00e4ngniszelle der Ort (ist, d.A.), an dem weibliche Solidarit\u00e4t, W\u00e4rme und die versteckte Hoffnung auf eine neue Welt einen N\u00e4hrboden finden.&#8220; In der Gef\u00e4ngniszelle begegnet die aus Paris stammende Philosophin Anna-Claude der sterbenden Tanga. Anna-Claude wurde inhaftiert, weil sie gegen das diktatorische Regime protestiert hatte. Sie will verhindern, dass Tangas Leben mit der Dunkelheit verschmilzt, &#8222;ohne Spuren zu hinterlassen.&#8220; Es entsteht ein inniges Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen den beiden Frauen. Anna-Claude inspiriert Tanga, ihre eigene Lebensgeschichte &#8222;in die Welt zu tragen&#8220;. Tanga jedoch geht es um wesentlich mehr als die Wiedergabe ihrer Geschichte. Sie entgegnet Anna-Claude: &#8222;Meine Geschichte wird das Brot sein, das zum \u00dcberleben geknetet werden muss. Lass mich ihr freien Lauf lassen, um die Zukunft zu errichten.&#8220;<\/p>\n<p>Worin besteht diese Zukunft? Tanga \u00e4u\u00dfert der Freundin gegen\u00fcber: &#8222;Ich m\u00f6chte, dass mir ein neues Leben skizziert wird, indem ich anbiete, dem Kind, das jemanden braucht, und auch anderen Kindern, eine Mutter zu sein.&#8220; In dieser metaphorischen Aussage spricht auch die Autorin Beyala, die damit verdeutlichen m\u00f6chte, dass sie sich als Radikalfeministin nicht prinzipiell gegen die biologische Mutterschaft stellt, vorausgesetzt Frauen w\u00e4hlen diese aus freiem Willen und nicht als Folge sexueller Gewalt sowie aufgrund der Norm patriarchal-gesellschaftlicher Reproduktion. Zugleich impliziert dieser ausgesprochene Wunsch Tangas ein alternatives, geistiges Verst\u00e4ndnis von &#8222;M\u00fctterlichkeit&#8220;. Es geht um das tiefere Verst\u00e4ndnis von anzustrebender Solidarit\u00e4t unter Frauen; um das Bestreben, die Welt zu ver\u00e4ndern und dr\u00fcckende Formen der Diskriminierung und des Hasses sch\u00f6pferisch zu \u00fcberwinden. In diesem Sinne geht es darum, die von M\u00e4nnern gebrochene Weisheit, den Stolz und die zerst\u00f6rte W\u00fcrde von Tangas Gro\u00dfmutter Kadjaba &#8211; bildlich gesprochen &#8211; wieder herzustellen.<\/p>\n<p>Die Freundschaft zwischen Tanga und Anna-Claude \u00fcberwindet ein weiteres ausschlaggebendes Tabu. Tanga sieht in der europ\u00e4ischen Freundin nicht nur &#8222;die Stellvertreterin&#8220;, welche nach ihrem Tod die Geschichte der diskriminierten M\u00e4dchen und Frauen aus westafrikanischen Slums weiter erz\u00e4hlt. Vielmehr finden die beiden Frauen ein Verh\u00e4ltnis intimen Vertrauens und Einverst\u00e4ndnisses, zu dem Tanga \u00e4u\u00dfert: &#8222;O.k., komme in mich. Mein Geheimnis wird erhellt. Aber zuvor muss die Wei\u00dfe Frau in dir sterben. Gib mir deine Hand, von nun wirst du ich sein. Du wirst siebzehn Jahre alt sein, du wirst Schwarz sein, dein Name wird Tanga sein.&#8220; Anna-Claude vollzieht diesen Identit\u00e4tswandel tats\u00e4chlich. &#8222;Sie wird Tanga. Als sie in einem Verh\u00f6r aufgefordert wird, Name, Alter und Beruf zu nennen, antwortet sie: &#8218;M\u00e4dchen-Frau, Schwarz, siebzehn Jahre, Gelegenheitsnutte&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p>Mit dem von Beyala gestalteten Ansatz einer <em>transnationalen Solidarisierung <\/em>&#8222;jenseits von Schwarz und Wei\u00df&#8220; forciert sie gewisserma\u00dfen den Diskussionsprozess afrikanischer Feministinnen. Ebenso ist ihr Ansatz eine Herausforderung an den eurozentrierten westlichen Feminismus. Denn ihr Grundpostulat ist, dass die Entfaltung einer tats\u00e4chlichen Solidarisierung zwischen Schwarzen und Wei\u00dfen Frauen realisierbar ist. Sie geht davon aus, dass Schwarze wie auch Wei\u00dfe Frauen aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation analoge Erfahrungen durchlaufen und deshalb gemeinsame Wege der Unterst\u00fctzung und Befreiung finden k\u00f6nn(t)en. Beyala will ihren Ansatz jedoch nicht als idealistische Konzeption verstanden wissen. Der Roman verspricht keine Verhei\u00dfungen auf Befreiung. Das beweist insbesonders das Endresultat: der Foltertod Tangas. Au\u00dferdem wird im weiteren Verlauf der Geschichte von Anna-Claude und Tanga verdeutlicht, dass der gemeinsame Befreiungsprozess ein sehr langer, steiniger Weg sein wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um einen Einblick in wesentliche Eigenarten der afrikanisch-feministischen Literatur zu geben, sei hier ein ausgew\u00e4hltes literarisches Beispiel angef\u00fchrt: Es handelt sich um den radikal-feministischen Ansatz von Calixthe Beyala in ihrem Roman Tu t&#8217;appelleras Tanga (Dein Name wird Tanga sein). 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