{"id":3893,"date":"2001-03-01T00:00:22","date_gmt":"2001-02-28T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3893"},"modified":"2012-02-17T21:51:22","modified_gmt":"2012-02-17T19:51:22","slug":"boris-vian-der-deserteur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/03\/boris-vian-der-deserteur\/","title":{"rendered":"Boris Vian: Der Deserteur"},"content":{"rendered":"<p>Verehrter Pr&auml;sident<br \/>                 Ich sende Euch ein Schreiben<br \/>                 Lest oder la&szlig;t es bleiben<br \/>                 Wenn Euch die Zeit sehr brennt.<\/p>\n<p>Man schickt mir da, gebt acht<br \/>                 Die Milit&auml;rpapiere<br \/>                 Da&szlig; ich in den Krieg marschiere<br \/>                 Und das vor Mittwoch nacht.<\/p>\n<p>Verehrter Pr&auml;sident<br \/>                 Das werde ich nicht machen<br \/>                 Das w&auml;re ja zum Lachen<br \/>                 Ich hab kein Kriegstalent.<\/p>\n<p>Sei\u00b4s Euch auch zum Verdru&szlig;<br \/>                 Ihr k&ouml;nnt mir\u00b4s nicht befehlen<br \/>                 Ich will\u00b4s Euch nicht verhehlen<br \/>                 Da&szlig; ich desertieren mu&szlig;.<\/p>\n<p>Seit ich auf Erden bin<br \/>                 Sah ich den Vater sterben<br \/>                 Sah meine Br&uuml;der sterben<br \/>                 Und weinen nur mein Kind.<\/p>\n<p>Sah Mutters gro&szlig;e Not<br \/>                 Nun liegt sie schon im Grabe<br \/>                 Verlacht den Bombenhagel<br \/>                 Und treibt mit W&uuml;rmern Spott.<\/p>\n<p>Als ich Gefangner war<br \/>                 Ging meine Frau verdienen<br \/>                 Ich sah nur noch Ruinen<br \/>                 Nichts blieb, was mir mal war.<\/p>\n<p>Fr&uuml;h wenn die H&auml;hne kr&auml;hen<br \/>                 Dann schlie&szlig; ich meine T&uuml;ren<br \/>                 Und will die Toten sp&uuml;ren<br \/>                 Und auf die Stra&szlig;e gehen.<\/p>\n<p>Ich nehm den Bettelstab<br \/>                 Auf meiner Tour de France<br \/>                 Durch Bretagne und Province<br \/>                 Und sag den Menschen dies:<\/p>\n<p>Verweigert Krieg, Gewehr<br \/>                 Verweigert Waffentragen<br \/>                 Ihr m&uuml;&szlig;t schon etwas wagen<br \/>                 Verweigert\u00b4s Milit&auml;r.<\/p>\n<p>Ihr predigt, Kompliment<br \/>                 Doch wollt Ihr Blut vergie&szlig;en<br \/>                 Dann la&szlig;t das Eure flie&szlig;en<br \/>                 Verehrter Pr&auml;sident.<\/p>\n<p>Sagt Eurer Polizei<br \/>                 Sie w&uuml;rde mich schon schaffen<br \/>                 Denn ich bin ohne Waffen<br \/>                 Zu schie&szlig;en steht ihr frei.<\/p>\n<p>(Variante zur Schlu&szlig;strophe, nur in Notf&auml;llen zu singen)<\/p>\n<p>Sagt Eurer Polizei<br \/>                 Sie w&uuml;rde mich nicht schaffen<br \/>                 Denn ich besitze Waffen<br \/>                 Und schie&szlig;e nicht vorbei.<\/p>\n<p>(Aus Boris Vian, &#8222;Der Deserteur &#8211; Chansons, Satiren und Erz&auml;hlungen&#8220;,                 Wagenbach Verlag, 1992)<\/p>\n<p>&#8222;Abend f&uuml;r Abend tritt Vian nun an den B&uuml;hnenrand,                 mit Magenkr&auml;mpfen vor lauter Angst. Er kommt sehr fr&uuml;h                 ins Theater, obgleich sein Auftritt erst sp&auml;t angesetzt ist,                 um sich an den Ort zu gew&ouml;hnen und sein Herzklopfen abklingen                 zu lassen. Nach und nach, mehr oder weniger freiwillig, versucht                 er dann, seine B&uuml;hnenpr&auml;senz bewu&szlig;t als Mittel                 einzusetzen. Wenn er so steif ist, dann kann er auch so tun, als                 verzichte er willentlich auf Gestik, um seine Chansons f&uuml;r                 sich selbst sprechen zu lassen&#8220; (Philippe Boggio). Als Boris Vian                 1955 in Paris auf diese Weise sein Lied &#8222;Der Deserteur&#8220; vortrug,                 hatte der franz&ouml;sische Staat gerade seine Kolonialarmee aus                 Indochina zur&uuml;ckgeholt, um sie anschlie&szlig;end gegen die                 Befreiungsbewegung in Algerien einzusetzen. Trotz des politischen                 Sprengstoffes, den das Chanson enthielt, war das Interesse an                 Vians Text ein Jahr zuvor sehr gering, so da&szlig; Jacques Canetti                 dem Schriftsteller riet: &#8222;Singen Sie ihre Lieder selbst.&#8220; Zun&auml;chst                 sang der bekanntere Chansonnier Marcel Mouloudji bei seinen Auftritten                 &#8222;Le D&eacute;serteur&#8220; mit einigem Erfolg, so da&szlig; Boris den                 Mut findet, selbst aufzutreten und seine anderen Texte zu singen.                 Bei der anschlie&szlig;enden Kabarett-Tournee mit anderen K&uuml;nstlern                 hatte er einen 20-Minuten-Auftritt. Boris wirkte nach der Auffassung                 von Beobachtern &#8222;eher linkisch&#8220;, aber &#8222;seine knappen, sarkastischen                 Kommentare bewirkten bald ein engagiertes Mitgehen des Publikums&#8220;                 (Klaus V&ouml;lker). Philippe Boggio schreibt: &#8222;Er singt nicht,                 er psalmodiert. (&#8230;) Der Saal &uuml;bernimmt sein Unwohlsein                 und spiegelt es.&#8220; <\/p>\n<h3>Die Rechte st&ouml;rte seine Auftritte<\/h3>\n<p>Wendepunkt der Tournee war Vians Auftritt in Nantes, als eine                 Gruppe von &auml;lteren M&auml;nnern seinen Vortrag mit Rufen                 &#8222;Nach Ru&szlig;land! Nach Ru&szlig;land!&#8220; &#8211; auf seinen Vornamen                 anspielend &#8211; unterbrach. Es handelte sich um Kriegsveteranen,                 denen &#8222;Der Deserteur&#8220; nicht passte. Ein patriotischer B&uuml;rgermeister                 organisierte die Proteste, die von nun an Vians Auftritte begleiteten:                 &#8222;Bleicher als je zuvor, steht Vian da, den Blick fest in die Mitte                 des Saales gerichtet, und versucht halsstarrig zu singen, doch                 ihre Schreie &uuml;bert&ouml;nen seine Stimme. Da steht der B&uuml;rgermeister                 auf, tritt vor, hievt seine ganze W&uuml;rde auf die B&uuml;hne                 und fordert unter allgemeinem Applaus diesen Russen, diesen Anarchisten,                 der reif daf&uuml;r ist, an die Mauer gestellt zu werden, diesen                 antifranz&ouml;sischen Deserteur auf, endlich abzutreten&#8220; (Boggio).                 Die sich hier lautstark geb&auml;rdende nationalistische Bewegung                 korrespondierte stark mit dem 1953 aufkommenden &#8222;Poujadismus&#8220;,                 benannt nach Pierre Poujade. Es handelt sich hierbei um r&uuml;ckw&auml;rtsgewandte                 Mittelst&auml;ndler und Steuerrebellen, die sogar Finanz&auml;mter                 &uuml;berfielen. 1956 zog &uuml;brigens als j&uuml;ngster Abgeordneter                 Le Pen mit 51 anderen Mitgliedern dieser &#8222;Union zur Verteidigung                 der Kaufleute und Handwerker&#8220; in das franz&ouml;sische Parlament                 ein: Ein Vorl&auml;ufer des Front National (FN). Und auch der                 sp&auml;tere Le Pen-Freund Mitterand war in eben jener Zeit 1954                 bis 1955 sozialistischer Innenminister Frankreichs und verfolgte                 eine &auml;u&szlig;erst repressive Politik gegen&uuml;ber der                 algerischen Unabh&auml;ngigkeitsbewegung. Boris Vian widmete das                 Chanson &#8222;Das kleine Gesch&auml;ft&#8220; Poujade und gab dessen kleingeistige,                 aber gef&auml;hrliche Kr&auml;merseele der L&auml;cherlichkeit                 preis: &#8222;Ich habe Seife verkauft. Die ist nicht gegangen.&#8220; Und                 blieb bei dem Thema, das er bei &#8222;Der Deserteur&#8220; angesprochen hatte:                 &#8222;Ich verkaufte Kanonen in den Stra&szlig;en der Welt. Und mein                 Gesch&auml;ft ist verdammt gut gegangen. Von allen Friedhofslieferanten                 bekam ich viel Geld.&#8220;<\/p>\n<h3>Missachtung und sp&auml;tere Zensur<\/h3>\n<p>Obwohl &#8222;Der Deserteur&#8220; in der Presse zu verschiedenen Diskussionen                 f&uuml;hrte und es am 27. 8. 1955 zu einer Life-Aufnahme im belgischen                 Fernsehen kam, wurden nur ein paar hundert Schallplatten mit seinen                 Chansons hergestellt. Der Skandal um dieses Lied betraf zu dieser                 Zeit doch eher die Provinz. Erst sp&auml;ter, als der Algerienkrieg                 ausbrach, wurde das Lied zensiert. Vian, der &#8222;einfach logisch                 und entschlossen destruktiv argumentierte, wie ein trotziges Kind,                 dem Begriffe wie B&uuml;rgerpflicht, Patriotismus keinen Eindruck                 machen k&ouml;nnen (&#8230;), trug das Chanson auch wie ein Kinderlied                 vor&#8220; (Klaus V&ouml;lker).<\/p>\n<p>Das passte zu ihm. Bis in das junge Erwachsenenalter war er eher                 mit jenen &#8222;penn&auml;lerhaften Rebellen&#8220; seiner Generation zu                 vergleichen, die sich den Idealvorstellungen der herrschenden                 Gesellschaft verweigerten. 1920 geboren und im wohlhabenden Elternhaus                 in einem Villenvorort von Paris aufgewachsen, beendete Boris 1942                 sein Studium an der Technischen Hochschule zu einer Zeit, als                 Frankreich von faschistischen deutschen Truppen besetzt war. Damals                 wurden Jazz und Swing in bestimmten franz&ouml;sischen Jugendcliquen                 popul&auml;r. Boris Vian, der Trompete spielte, trat mit seiner                 Band auf und war begeisterter Anh&auml;nger der aus Amerika kommenden                 Musik. W&auml;hrend die Deutschen dieser unkonventionellen Bewegung                 wenig Beachtung schenkten und sich mehr dem Kriegsgeschehen widmeten,                 war der franz&ouml;sischen Kollaborationsregierung diese &#8222;j&uuml;disch-negroid-amerikanische&#8220;                 Musik suspekt. Als 1944 Frankreich gr&ouml;&szlig;tenteils vom                 Faschismus befreit war, verlangten die Veranstalter verschiedener                 Vergn&uuml;gungsbars, in der Vians Band auftrat, von ihr das Anstimmen                 der alliierten Nationalhymnen. Wegen dieser Zumutung verhunzten                 sie in ihrer Interpretation unter Anderem die amerikanische Hymne                 &#8211; rund 25 Jahre vor Hendrix. Es kam zum Skandal, bei dem ihm mangelnder                 Patriotismus vorgeworfen wurde. Boris Vian leidete seit seiner                 Jugend an einer Herzmuskelschw&auml;che. Mit seinem Ausspruch                 &#8222;Jeder Puster in meine Trompete verk&uuml;rzt mein Leben&#8220; kokettierte                 er schon fr&uuml;h mit dem Tod. Als Autor provozierender Romane                 (&#8222;Ich werde auf eure Gr&auml;ber spucken&#8220;) stand Boris Vian zusammen                 mit Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus mitten                 im pulsierenden intellektuellen Leben Frankreichs und debattierte                 oft mit ihnen. Obwohl Boris Vian einen intensiveren pers&ouml;nlichen                 Kontakt zu Sartre hatte, verhielt sich dieser nach seiner Wahrnehmung                 viel zu sehr wie ein Politiker, der auffallend oft seine Meinung                 wechselte. Dagegen beeinflussten die Thesen von Camus in &#8222;Der                 Mensch in der Revolte&#8220; Boris Vian sehr. Er bet&auml;tigte sich                 nicht nur als Musiker und Schauspieler, sondern auch als Technik-T&uuml;ftler                 war er ein vielf&auml;ltig begabter Wissensabenteurer. In einer                 Zeit, in der kollektive Identit&auml;ten von allen Seiten benutzt                 und hochgehalten wurden, pochte Boris Vian auf die Verantwortlichkeit                 jedes Einzelnen f&uuml;r sein Tun. In seinem Chanson &#8222;Der kleine                 Mann ist der wahre Schuldige&#8220; singt er: &#8222;Ist ein General ohne                 Soldaten gef&auml;hrlich?&#8220; Und antwortete: &#8222;Hitler ist tot, die                 kleinen Leute leben weiter und geben sich M&uuml;he, einen harmlosen                 Eindruck zu machen &#8211; wie alle kleinen Leute dieser Welt.&#8220; <\/p>\n<p>1959 starb Boris Vian w&auml;hrend der Urauff&uuml;hrung der                 Verfilmung seines Romans &#8222;Ich werde auf eure Gr&auml;ber spucken&#8220;                 an Herzversagen. Seine Chansons wurden in den folgenden Jahrzehnten                 von Vielen gesungen. Unter anderem von Hildegard Knef und Wolf                 Biermann. Die &#8222;Kampagne gegen die Wehrpflicht&#8220; setzte das Lied                 noch 1990 bei ihren Aktionen ein. Auch heute &#8211; anl&auml;sslich                 des zweiten Jahrestages des Jugoslawienkrieges und der Verfolgung                 von Aufrufen, zu desertieren &#8211; hat es nichts an Aktualit&auml;t                 eingeb&uuml;&szlig;t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verehrter Pr&auml;sident Ich sende Euch ein Schreiben Lest oder la&szlig;t es bleiben Wenn Euch die Zeit sehr brennt. Man schickt mir da, gebt acht Die Milit&auml;rpapiere Da&szlig; ich in den Krieg marschiere Und das vor Mittwoch nacht. Verehrter Pr&auml;sident Das werde ich nicht machen Das w&auml;re ja zum Lachen Ich hab kein Kriegstalent. 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