{"id":3930,"date":"2001-04-01T00:00:44","date_gmt":"2001-03-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3930"},"modified":"2022-07-26T14:26:22","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:22","slug":"maquiladoras-moderne-sklaverei-fur-unseren-konsumwahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/maquiladoras-moderne-sklaverei-fur-unseren-konsumwahn\/","title":{"rendered":"Maquiladoras &#8211; Moderne Sklaverei f\u00fcr unseren Konsumwahn"},"content":{"rendered":"<p>Vom 28.12. &#8211; 17.1.2001 waren wir mit 9 Personen in El Salvador. Organisiert war die interessante und sehr informative Delegationsreise von der &#8222;Kaffeekampagne El Salvador&#8220; ((1)). Themenschwerpunkte waren zum einen der Bereich Kooperativen-Kaffee und zum anderen die Maquiladora &#8211; Industrie. Dar\u00fcber hinaus haben wir uns mit einer \u00c4rztin, mit Landlosenorganisationen, mit B\u00fcrgermeisterInnen, Ex-Guerillero\/as und anderen interessanten Organisationen und Personen getroffen. Am Ende wurde die Reise von dem Erbeben \u00fcberschattet, bei dem Hunderttausende ihre H\u00e4user verloren (vgl. GWR 257). Seit dem Erdbeben am 13.1.2001 gab es \u00fcber 3500 Nachbeben &#8211; die psychische Belastung dieser Menschen mu\u00df unertr\u00e4glich hoch sein. Die eh schon weit verbreitete Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit in El Salvador ist dadurch weiter verst\u00e4rkt worden.<\/p>\n<p>In El Salvador haben wir uns mit Maquiladora-Arbeiterinnen getroffen, die uns von ihren Problemen und ihren Erfahrungen in den Fabriken berichtet haben. Dieser stark anwachsende Sektor ist ein typisches Beispiel f\u00fcr die neoliberale Epoche der Bestie Kapitalismus.<\/p>\n<p>Wesentliche Kennzeichen dieser Fabriken, meist mit anderen Maquiladoras in Freien Produktionszonen (FPZ) angesiedelt, sind, dass sie nicht f\u00fcr das Inland sondern f\u00fcr den Export produzieren und dass dort andere Gesetze und Regeln gelten als im \u00fcbrigen Teil des Landes. Die FPZ werden daher auch als &#8222;Staat im Staate&#8220; bezeichnet. Die dort geltenden Sonderregelungen sind durchweg unternehmerInnenfreundlich. Keine oder geringe Umweltauflagen, keine Z\u00f6lle, keine Steuern (weder Mehrwert- noch Gewinn- noch Gewerbesteuer), freie Gewinnr\u00fcckf\u00fchrung, kaum Gewerkschaften, kostenlose Infrastruktur, fertige Fabrikhallen zu geringen Mieten sind aus kapitalistischer Sicht \u00e4u\u00dferst gewinnversprechende Anreize. So verwundert es nicht, dass immer mehr ausl\u00e4ndische Konzerne ihre Produktion in diese Zonen verlagern und der Maquiladora-Sektor rasant anw\u00e4chst. In El Salvador existieren mittlerweile 225 Maquiladoras in 6 FPZ. Die Anzahl der ArbeiterInnen ist dort innerhalb von 14 Jahren (1986-2000) von 2.100 auf 80.000 angestiegen. In Honduras stieg die Anzahl sogar von 2.538 (1986) auf 110.923 (1999).<\/p>\n<p>Neben diesen &#8222;Vorteilen&#8220; nutzen die Konzerne gerne einen weiteren bedeutenden Faktor: die billigen Arbeitskr\u00e4fte. Wie schon erw\u00e4hnt, arbeiten haupts\u00e4chlich Frauen (ca. 85%) in diesen Fabriken. Der gr\u00f6\u00dfte Teil ist zwischen 18 und 28 Jahre alt. Eine Frau ab 30 hat keine Chance, dort eine Anstellung zu finden &#8211; sie ist in den Augen der UnternehmerInnen zu alt und arbeitet nicht mehr gut und schnell genug. Aus diesem Grund m\u00fcssen &#8222;\u00e4ltere&#8220; Personen oft besonders belastende Arbeit verrichten und werden unter besonderen Druck gesetzt- sie sollen &#8222;herausgegrault&#8220; werden und &#8222;freiwillig&#8220; k\u00fcndigen, damit Platz ist f\u00fcr <em>&#8222;junge, flinke H\u00e4nde, denen der ganze Saft noch abgesogen werden kann&#8220;<\/em> &#8211; wie uns eine Arbeiterin erz\u00e4hlte. Aber auch die \u00fcbrigen Arbeitsbedingungen sind miserabel: unbezahlte, erzwungene \u00dcberstunden, regelm\u00e4\u00dfige Schwangerschaftstests, sexuelle Bel\u00e4stigung, Arbeitsdruck durch die VorarbeiterInnen, hohe Sollvorgaben, ungereinigtes Trinkwasser, bewachte Toiletteng\u00e4nge, Beschimpfungen, nur 2 mal am Tag auf die Toilette, keine Erlaubnis zum Arzt zu gehen sowie Strafarbeiten bei &#8222;Zusp\u00e4tkommen&#8220; sind typische Beispiele f\u00fcr die unw\u00fcrdigen Arbeitsbedingungen. Hinzu kommt ein ausbeuterischer Lohn von 144 US-$\/Monat in El Salvador. Berechnungen zufolge m\u00fc\u00dfte der Lohn f\u00fcr eine 4-k\u00f6pfige Familie etwa 520 US-$ betragen, um ein einigerma\u00dfen ertr\u00e4gliches Leben zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Regierungen der L\u00e4nder versuchen mit diesen Bedingungen ausl\u00e4ndische InvestorInnen ins Land zu locken in der Hoffnung, den Teufelskreis der Verschuldung zu durchbrechen und die Industrialisierung voranzutreiben. Zwischen den einzelnen L\u00e4ndern herrscht ein regelrechter Konkurrenzkampf. Da die Produktion nicht sehr maschinenintensiv ist, k\u00f6nnte diese von heute auf morgen in ein anderes Land mit noch g\u00fcnstigeren Bedingungen verlagert werden. Aus diesem Grunde fordern die UnternehmerInnen und Teile der Regierung El Salvadors eine Senkung des staatlichen st\u00e4dtischen Mindestlohnes (144 US-$\/Monat) um mehr als die H\u00e4lfte auf die H\u00f6he des l\u00e4ndlichen Mindestlohnes (70 US-$). Begr\u00fcndet wird dieses damit, dass die meisten Maquiladoras im l\u00e4ndlichen Raum angesiedelt sind, und dass die L\u00f6hne die h\u00f6chsten in Mittelamerika sind, einschlie\u00dflich Mexiko. In Nicaragua bekommen die ArbeiterInnen sogar nur die H\u00e4lfte.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wird ein Gesetz \u00fcber die Flexibilisierung der Arbeitszeit diskutiert, was zu weniger Festeinstellungen und mehr Zeitvertr\u00e4gen f\u00fchren w\u00fcrde. Vertr\u00e4ge \u00fcber ein Jahr, wenige Wochen, Tage oder auch nur Stunden k\u00f6nnen die Folge sein. Ein anderer Teil dieses Gesetzes sieht die Streichung des Ausbildungslohnes vor.<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnten die Konzerne ohne weiteres mehr zahlen. An einem Nike T-Shirt beispielsweise betr\u00e4gt der Lohnanteil gerade mal 1 Promille.<\/p>\n<p>Auch bei adidas, die in El Salvador in den Maquilas Chi-Fung, Formosa\/Evergreen, Hermosa und Ex-Modica produzieren lassen, wird die ungleiche und ungerechte Verteilung sichtbar. W\u00e4hrend adidas f\u00fcr eine Arbeiterin im Jahr 1998 gerade mal 2.640 DM gezahlt hat, gaben sie f\u00fcr Werbung immense Summen aus: J\u00fcrgen Klinsmann hat im gleichen Jahr 250.000 DM, Steffi Graf 2 Millionen und der FC Bayern M\u00fcnchen l\u00e4ppische 20 Millionen bekommen. Insgesamt gaben adidas 1,3 Milliarden DM allein f\u00fcr Werbung aus. Dieses ist in etwa so viel, wie 49.242 Arbeiterinnen in einem Zulieferbetrieb f\u00fcr adidas in einem Jahr verdienen.<\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrworterInnen der Maquiladoras verweisen gerne auf die gesteigerten Exporte. In El Salvador betr\u00e4gt der Anteil der Maquila-Produkte an der Exportbilanz mittlerweile etwa 50%. Hierbei wird h\u00e4ufig vergessen, da\u00df den gesteigerten Exportzahlen eine erhebliche Importsteigerung gegen\u00fcbersteht. Fast alles, was f\u00fcr die Produktion in den Maquiladoras ben\u00f6tigt wird, wird importiert. Die tats\u00e4chlichen Devisenertr\u00e4ge, die sich \u00fcberwiegend aus L\u00f6hnen und Mieten f\u00fcr die Fabrikanlagen zusammensetzen, sind minimal. FPZ sind deshalb wie \u00f6konomische Fremdk\u00f6rper in einem Land, von dem so gut wie keine Impulse auf die lokale Wirtschaft ausgehen.<\/p>\n<p>In El Salvador haben wir uns mit den Arbeiterinnen in den R\u00e4umen der Frauenorganisation MAM (Melida Amaya Montes) getroffen. Diese Organisation arbeitet mit Frauen auf dem Land und in der Stadt zusammen. In der Stadt widmet sie sich haupts\u00e4chlich dem Maquiladora-Bereich. Sonntags werden regelm\u00e4\u00dfige Seminare zu den Themen Arbeitsrechte und Gender angeboten. Die Frauen lernen dort nicht nur ihre Arbeitsrechte kennen, sondern sollen auch in ihrem Selbstbewu\u00dftsein gest\u00e4rkt werden. Die Arbeiterinnen berichteten \u00e4u\u00dferst positiv von der Organisation. Sie seien viel selbstbewu\u00dfter geworden und lie\u00dfen sich nicht mehr alles gefallen. Auch in der Familie werden sie oft unterdr\u00fcckt. <em>&#8222;Viele M\u00e4nner kommen eh nur zum Kinderzeugen und dann sind sie wieder weg. Unterhalt zahlen sie nicht.&#8220; <\/em>60-70% der Maquiladora-Arbeiterinnen sind allein erziehend, viele davon auch gewollt. <em>&#8222;Warum soll ich mit einem Mann zusammenwohnen, der mich nur kostet und der mich unterdr\u00fcckt?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Sie selbst versuchen weitere Frauen zu mobilisieren, in dem sie in den Bussen, die t\u00e4glich zu den FPZ fahren, Frauen ansprechen und \u00fcber die Arbeit von MAM berichten. Bei Interesse werden sie zu Hause besucht und motiviert, Kontakt zur MAM aufzunehmen.<\/p>\n<p>MAM geht auch an die \u00d6ffentlichkeit, indem z.B. Flugbl\u00e4tter verteilt, Demonstrationen organisiert und Brosch\u00fcren erstellt werden. Desweiteren wollen sie mehr Einflu\u00df auf die Regierung nehmen und sich f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Sie arbeiten auch mit internationalen Organisationen zusammen, wie z.B. mit der US-amerikanischen Bewegung &#8222;students against sweatshops&#8220; oder der &#8222;Kampagne f\u00fcr saubere Kleidung&#8220;.<\/p>\n<p>Die Arbeiterinnen haben sich gefreut, dass wir gekommen sind, um ihnen zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Denn &#8211; so sagen sie &#8211; nicht in der Familie und erst recht nicht in der Maquiladora wird ihnen zugeh\u00f6rt, da sie dort ja schlie\u00dflich zum Arbeiten sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 28.12. &#8211; 17.1.2001 waren wir mit 9 Personen in El Salvador. Organisiert war die interessante und sehr informative Delegationsreise von der &#8222;Kaffeekampagne El Salvador&#8220; ((1)). Themenschwerpunkte waren zum einen der Bereich Kooperativen-Kaffee und zum anderen die Maquiladora &#8211; Industrie. 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