{"id":3933,"date":"2001-04-01T00:00:19","date_gmt":"2001-03-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3933"},"modified":"2022-07-26T13:33:59","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:59","slug":"racak-als-zweites-gleiwitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/racak-als-zweites-gleiwitz\/","title":{"rendered":"Racak als zweites Gleiwitz?"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<p>Ich stimme mit gro\u00dfen Teilen beider Artikel \u00fcberein und finde es entscheidend f\u00fcr die zuk\u00fcnftige antimilitaristische Arbeit, die offizielle Medienpolitik und Legitimationsfiguren der Herrschenden f\u00fcr den Krieg zu entmystifizieren. Dies hat vor allem der erstgenannte Artikel in vorbildlicher Weise getan. Wenn ich mich hier auf detaillierte Unterschiede in der Bewertung beziehe, dann nicht mit der Intention, diese Artikel grunds\u00e4tzlich zu kritisieren, sondern auf Gefahren aufmerksam zu machen und eine eigenst\u00e4ndige libert\u00e4re Sicht auf die Zukunft des Antimilitarismus einzufordern, sich also weniger als bisher auf Diskussionen aus dem antiimperialistischen Spektrum zu beziehen.<\/p>\n<h3>Der reaktion\u00e4re UCK-Krieg in Mazedonien als Best\u00e4tigung der Antikriegsposition<\/h3>\n<p>Zur Zeit f\u00fchrt die kosovo-albanische Guerilla UCK Krieg an zwei Fronten: einmal in der s\u00fcdserbischen Pufferzone einen Krieg um eine territoriale Ausweitung des Kosovo auf Kosten Jugoslawiens, und zum anderen einen offenen Krieg in Westmazedonien im Gebiet um die Stadt Tetovo, wo die mazedonische Bev\u00f6lkerung nur noch 15 Prozent der dort lebenden EinwohnerInnen ausmacht. Dieser UCK-Krieg erscheint somit als Kampf f\u00fcr ein nationalistisches Gro\u00df-Albanien und zeigt sich &#8211; wohl nicht nur mir &#8211; als besonders reaktion\u00e4r und h\u00e4sslich, weil Mazedonien schliesslich in der Gegend um Tetovo unter grossen eigenen Lasten noch vor zwei Jahren mehrere Hunderttausend kosovo-albanische Fl\u00fcchtlinge solidarisch aufgenommen hat und auf ihrem Territorium vor der Verfolgung gesch\u00fctzt hat. Dass die UCK den gem\u00e4\u00dfigten gewaltfreien albanischen Nationalismus Rugovas von vor dem Krieg &#8217;99 in extremer Weise radikalisiert hat, best\u00e4tigt nur Analysen zur Kritik des Befreiungsnationalismus der UCK, die etwa in der GWR schon fr\u00fch zu lesen waren ((1)).<\/p>\n<p>W\u00e4re die Situation nicht so dramatisch und w\u00e4ren nicht reale Menschenleben im Spiel, k\u00e4me man\/frau gar auf die Idee, klammheimliche Freude dar\u00fcber zu empfinden, dass die Bundeswehr in Tetovo nun tats\u00e4chlich im Sperrfeuer der UCK steht, zu deren Hilfe sie in der Allianz mit anderen westlichen Armeen ja gerade eben erst den Kosovo freigebombt hatte.<\/p>\n<p>Alles klar, alles einfach also? Was die libert\u00e4re Kritik der befreiungsnationalistischen UCK betrifft, ganz sicher.<\/p>\n<h3>Der Unterschied zwischen Inszenierung und Instrumentalisierung<\/h3>\n<p>Was aber den R\u00fcckblick auf den Krieg gegen Jugoslawien betrifft, bin ich mir da nicht so sicher. Zun\u00e4chst einmal f\u00e4llt mir eine neue Tendenz nach Aufl\u00f6sung von Komplexit\u00e4t auf: w\u00e4hrend in der Zeit vor dem Krieg gegen Jugoslawien eine R\u00fcckkehr des B\u00fcrgerkrieges konstatiert wurde und sich die verbliebenen Initiativen und antimilitaristischen Gruppen einer nicht mehr existenten Friedensbewegung mit der gewachsenen Kompliziertheit der Kriegsursachen auseinandersetzen mu\u00dften, empfinde ich heute eine verbl\u00fcffende R\u00fcckkehr zur Einfachheit der Analysen. Vor dem Krieg galt zumindest in gewaltfreien und auch in libert\u00e4ren Zusammenh\u00e4ngen die These, dass es mehrere Ursachen f\u00fcr den B\u00fcrgerkrieg in Jugoslawien gibt, der seit 1990 in vollem Gange war. Der sehr schnell in die Diskussion gekommenen antiimperialistischen These von der Aufteilung Jugoslawiens durch die imperialistischen Westm\u00e4chte wurde durch eine libert\u00e4re und antimilitaristische Binnenanalyse der nationalistischen Ursachen des Jugoslawienkrieges widersprochen. In diesem Zusammenhang spielten auch die Menschenrechte eine sehr gewichtige Rolle und alle friedenspolitischen Initiativen gegen den B\u00fcrgerkrieg verstanden sich auch als VerteidigerInnen der Menschenrechte. Heute scheint mir diese Komplexit\u00e4t der Kriegsursachen wie weggewischt. Es kommt sogar zu einer seltsamen Koalition der nachtr\u00e4glichen Verteidigung des Milosevic-Regimes von seiten sowohl der Antideutschen wie auch der AntiimperialistInnen. Noch nie wurde wohl in der GWR ein Buch eines Journalisten wie J\u00fcrgen Els\u00e4sser &#8211; immerhin ansonsten nachtr\u00e4glicher Bef\u00fcrworter der Berliner Mauer ebenso wie der Bombardements der Russischen Armee auf Grosny &#8211; so zustimmend zitiert wie in GWR 254. Und in GWR 255 heisst die erste These zur Zukunft der Friedensbewegung, ebenfalls in Anlehnung an die Einleitung des Buches von Els\u00e4sser: &#8222;Wir leben in Orwell\u2019schen Zeiten&#8220; ((2)) &#8211; das ist nat\u00fcrlich auf die j\u00fcngsten Aufdeckungen von Propagandal\u00fcgen zur Legitimation des Jugoslawien-Krieges bezogen.<\/p>\n<p>Dagegen hatten wir uns bis zum Krieg und auch noch w\u00e4hrend des Krieges nach meiner Wahrnehmung eher mit &#8222;postmodernen Zeiten&#8220; auseinanderzusetzen, mit einer erh\u00f6hten Komplexit\u00e4t bei gleichzeitig gestiegenen M\u00f6glichkeiten der Zerstreuung und Gleichg\u00fcltigkeit der Menschen in den Metropolen, mit Huxley statt Orwell. Die Medien hatten dabei nicht simpel gelogen, sondern mit Halbwahrheiten und einer Filterung von Informationen jongliert. Noch die Medienanalyse des Golfkriegs durch Noam Chomsky legte den Schwerpunkt darauf, dass im modernen Kapitalismus die Informationen im wesentlichen vorhanden sind und nicht per se falsch, sondern selektiv gefiltert dargestellt werden. So konnte dann die bekannte L\u00fcge, irakische Truppen w\u00e4ren im kuwaitischen Krankenhaus barbarisch mit gerade geborenen Kindern umgegangen, nur deshalb wirken, weil es in der US-\u00d6ffentlichkeit bereits ein bestimmtes Bild vom barbarischen Hussein-Regime gab, das als solches auch nicht v\u00f6llig falsch war, sondern die Fakten nur einseitig gefiltert waren. Nicht die L\u00fcge kennzeichnete die Medienpolitik, sondern die Filterung von Informationen, auf der dann die L\u00fcge nurmehr das Sahneh\u00e4ubchen war. Die eine L\u00fcge konnte in dieser Sicht nur deshalb so wirksam sein, weil sie eben nicht auf einem Geb\u00e4ude von L\u00fcgen, sondern auf einer speziell gefilterten Ansammlung von Wahrheiten und Halbwahrheiten aufgebaut war.<\/p>\n<p>Diese Chomskysche Medienanalyse, die m.E. einiges f\u00fcr sich hat, scheint mir insbesondere durch die j\u00fcngste Racak-Diskussion auf den Kopf gestellt: die L\u00fcge wird wieder zum Charakteristikum westlicher Medienpolitik erkl\u00e4rt, das schlichte Wort der Medienpropaganda macht in den Analysen die Runde. Wenn Klaus Hartmann, <span style=\"text-decoration: line-through;\">ehemaliger DDR-Aussenminister in Jugoslawien<\/span> ((*)), dessen Analysen oft faktenreich, aber von einer Verteidigungsposition des Staates Jugoslawien gepr\u00e4gt und daher f\u00fcr libert\u00e4re Analysen nur mit \u00e4usserster Vorsicht heranzuziehen sind, sagt, das &#8222;&#8218;Massaker von Racak&#8216; folgt dem Muster des &#8218;\u00dcberfalls auf den Sender Gleiwitz&#8216; &#8211; durchsichtige Manipulation, bestellte Provokation&#8220; ((3)), dann sagt er damit, in Racak sei gar nichts vorgefallen, denn auch Gleiwitz war von den Nazis ja inszeniert.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt f\u00e4llt mir in diesen Analysen die Vermischung der Begriffe L\u00fcge\/Inszenierung und Instrumentalisierung auf. Ich w\u00fcrde jedoch auf einer feins\u00e4uberlichen Trennung bestehen: Instrumentalisierung durch die UCK und die NATO ja, die Frage der L\u00fcge\/Inszenierung bleibt m.E. jedoch bis auf weiteres offen. Zu Racak hat es ja auch nach den GWR-Artikeln immer wieder eine \u00f6ffentliche Diskussion in den herrschenden Medien gegeben. Auff\u00e4llig und auch verd\u00e4chtig erscheint mir dabei, dass nahezu einhellig alle KriegsgegnerInnen aus den bisher \u00f6ffentlichen Papieren des Ranta-Obduktionsberichtes diejenigen Stellen betonen, die gegen ein Massaker sprechen, und nat\u00fcrlich alle Kriegsbef\u00fcrworterInnen diejenigen Stellen, die auf das Gegenteil hindeuten. Ranta selbst ist auch hier nicht entschieden: in einem heftig diskutierten Monitor-Fernsehbeitrag &#8211; auch dieser Beitrag \u00fcbrigens ein Beleg daf\u00fcr, dass wir nicht in Orwell&#8217;schen Zeiten leben &#8211; sagte sie, ihr sei bewusst, dass Racak auch &#8222;arrangiert&#8220; gewesen sein &#8222;k\u00f6nnte&#8220;. Als der WDR das aber als Beleg gegen die Massaker-These auslegte, f\u00fchlte sich Ranta nicht nur missinterpretiert, sondern beh\u00e4lt sich sogar vor, den WDR zu verklagen, weil er ihre Aussagen &#8222;v\u00f6llig verk\u00fcrzt&#8220; wiedergegeben habe. Ich zitiere dazu eine l\u00e4ngere Passage aus dem letzten Racak-Artikel, bei dem Spiegel-JournalistInnen einen Teil der bisher geheimen Dokumente des Ranta-Berichtes einsehen konnten, im Spiegel 12\/2001:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Doch tats\u00e4chlich hatten die meisten der aus Racak stammenden UCK-K\u00e4mpfer das Dorf bereits verlassen, bevor sich der Ring der serbischen Bewaffneten schloss &#8211; viele \u00fcberlebende Einwohner nehmen den K\u00e4mpfern diesen strategischen R\u00fcckzug bis heute \u00fcbel. Denn die Bev\u00f6lkerung war den serbischen Soldaten und Paramilit\u00e4rs nun weitgehend schutzlos ausgeliefert. Offiziere der UCK rechtfertigen den Abzug damit, sie h\u00e4tten gegen die gewaltige \u00dcbermacht der Serben ohnehin nichts ausrichten k\u00f6nnen. Bis heute wird in ihren Reihen ungern \u00fcber den R\u00fcckzug gesprochen. Am 15. Januar 1999, so Aussagen von Zeugen in Den Haag, h\u00e4tten die Serben dann die M\u00e4nner aus ihren H\u00e4usern geholt und den H\u00fcgel hinaufgejagt. Aus der Sicht der Serben war jeder m\u00e4nnliche Dorfbewohner ein potenzieller Terrorist. F\u00fcr die Ankl\u00e4ger in Den Haag scheint wahrscheinlich: Au\u00dferhalb des Dorfes feuerten serbische MP-Sch\u00fctzen auf die aus dem Dorf vertriebenen unbewaffneten Albaner. Weil jedoch die Sch\u00fcsse aus einiger Distanz fielen, lie\u00df sich bei der Obduktion der Opfer eine Exekution schwieriger nachweisen als etwa bei einer Erschie\u00dfung aus n\u00e4chster N\u00e4he. Fast alle auf den H\u00fcgel getriebenen M\u00e4nner starben im Kugelhagel &#8211; auf die Aussagen der wenigen \u00fcberlebenden Zeugen st\u00fctzt sich Chefankl\u00e4gerin Del Ponte bei ihrer Anklage. (&#8230;) Auch in einem Kurzbericht &#8211; die noch immer streng geheime Langfassung umfasst \u00fcber 1000 Seiten ((4)) &#8211; halten sich die Autoren (drei finnische Forensiker aus dem Ranta-Team, d.A.) sehr bedeckt. Die These vom Massenmord wird dort aber &#8211; wenn auch nur in verklausulierter Form &#8211; erh\u00e4rtet. Erst im November 1999 war es den Finnen gelungen, weitere Indizien f\u00fcr die Massaker-Theorie zu finden. Vor Ort durchstreiften Spezialisten die Gegend und suchten mit Metalldetektoren nach Geschossen und Patronenh\u00fclsen. Am Platz der vermuteten Exekutionen wurden sie f\u00fcndig: Dort stie\u00dfen die Rechercheure unter Bl\u00e4ttern und im Schlamm nur auf Patronenh\u00fclsen, nicht auf Kugeln. Die Schlussfolgerung der Ermittler: Es wurde nur aus einer Richtung geschossen, von den Serben. Erst sp\u00e4ter wurden die Leichen wohl in den nahen Graben gelegt.&#8220; ((5))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Auch wenn unter den Opfern entwaffnete ehemalige UCK-K\u00e4mpfer waren, ist ihre Erschie\u00dfung nach Gefangennahme dennoch eine Menschenrechtsverletzung. So lange der wirkliche Tathergang so umstritten und die M\u00f6glichkeit des Massakers immer noch offen ist, sollten auch wir vorsichtig sein, sofort von &#8222;L\u00fcge&#8220; oder Inszenierung zu sprechen. Was sich hinter dieser \u00dcbernahme antiimperialistischer Analysemuster verbirgt, ist die Tendenz, im Nachhinein den Staat Jugoslawien von Menschenrechtsverletzungen freizusprechen und damit die komplexe Ursachenanalyse von vor dem Krieg zu \u00fcberdecken. Eine libert\u00e4re Analyse sollte sich m.E. jedoch diesen Tendenzen entziehen: der Skandal an Racak w\u00e4re in libert\u00e4rer Sicht in jedem Fall die Instrumentalisierung f\u00fcr das NATO-Bombardement, und zwar ganz unabh\u00e4ngig von der Frage, ob das Massaker real oder inszeniert war. Hier w\u00e4re m.E. die libert\u00e4re Forderung die nach weiterer Aufkl\u00e4rung. Wenn aber Racak letztlich nicht ganz aufgekl\u00e4rt werden kann &#8211; worauf vieles hindeutet -, dann w\u00e4re allerdings m.E. im Zweifel f\u00fcr die Opfer zu entscheiden, und das waren im konkreten Fall Kosovo-AlbanerInnen, auch wenn uns das vor dem Hintergrund aktueller nationalistischer K\u00e4mpfe in Mazedonien keineswegs passt.<\/p>\n<h3>Libert\u00e4rer Antimilitarismus und Menschenrechte<\/h3>\n<p>Racak ist hier nur als Symbol zu verstehen und letztlich auch nicht entscheidend f\u00fcr die Bewertung. Es geht darum, ob dem Staat Jugoslawien im Nachheinein alle Menschenrechtsverletzungen abgesprochen werden k\u00f6nnen, nur weil sich der NATO-Krieg mit ihnen legitimiert hat. F\u00fcr eine Bewertung der Menschenrechtssituation in Jugoslawien ist auch nicht der Zeitraum von Oktober 1998-M\u00e4rz 1999 entscheidend, sondern entscheidend sind tats\u00e4chlich die Menschenrechtsverletzungen durch Armee und Milizen seit allen Kriegen von 1990 an. Unabh\u00e4ngig von der verst\u00e4ndlichen juristischen Rechtsposition ist dabei nach wie vor zu konstatieren, dass der serbische Nationalismus in nahezu allen jugoslawischen Kriegen eine Vorw\u00e4rtsaggression als pr\u00e4ventive Kriegsf\u00fchrung praktizierte, was eine ebenso deutliche Verurteilung der jeweiligen Gegennationalismen, seien sie slowenisch, kroatisch, oder bosnisch-muslimisch nat\u00fcrlich miteinschliesst ((6)). Srebrenica ist eine Realit\u00e4t &#8211; und diese Realit\u00e4t sollte nicht durch nachtr\u00e4gliche Uminterpretationen verdr\u00e4ngt und verleugnet werden, wie das AntiimperialistInnen heute immer wieder dadurch tun, dass sie sagen, alles sei von BosnierInnen oder AlbanerInnen inszeniert worden, um die NATO zum Eingreifen zu zwingen ((7)). Eine libert\u00e4re Analyse der Zukunft der Friedensbewegung sollte m.E. auch nach dem Jugoslawien-Krieg auf der Basis von Srebrenica und nicht auf der Basis von dessen Verdr\u00e4ngung aufbauen. Wogegen sich eine Friedensbewegung &#8211; wenn es sie denn wieder g\u00e4be &#8211; wenden sollte, ist eine Instrumentalisierung solcher Menschenrechtsverletzungen f\u00fcr NATO-Bombardements und milit\u00e4rische Interventionen, nicht gegen die M\u00f6glichkeit und Faktizit\u00e4t solcher Menschenrechtsverletzungen. Und letztlich ist ja die politische Revolte vom Oktober 2000, der Sturm aufs Parlament, der beste Beleg daf\u00fcr, dass die Menschen in Serbien selbst ihre Regierung als illegitim angesehen haben.<\/p>\n<h3>Krieg ist Menschenrechtsverletzung<\/h3>\n<p>Damit komme ich zu dem f\u00fcr mich \u00fcberraschenden Befund, dass in GWR 255 bei den &#8222;Thesen zur Zukunft der Friedensbewegung nach dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien&#8220; \u00fcber Menschenrechte gar nichts zu lesen steht. Und hier ergibt sich mein Hauptwiderspruch: vor dem Krieg schrieben die Friedensinitiativen, die zu Jugoslawien arbeiteten, die Menschenrechte zu Recht auf ihre Fahnen und sprachen &#8211; in Ans\u00e4tzen zumindest &#8211; den westlichen Staaten inclusive der BRD die F\u00e4higkeit, den Willen und auch die Berechtigung daf\u00fcr ab, sich im Namen von Menschenrechten einzumischen. Nun haben die Ergebnisse des Krieges diese These eher best\u00e4tigt &#8211; nichts von Konflikt ist gel\u00f6st, die &#8222;Befreiten&#8220; schiessen in Mazedonien auf die &#8222;Befreier&#8220;, der radikale Nationalismus w\u00e4chst, neue Kriege stehen vor der T\u00fcr. Und jetzt, gerade in dieser Situation, verzichten antimilitaristische und friedenspolitische Initiativen darauf, sich selbst als die eigentlichen Bef\u00fcrworterInnen von Menschenrechten darzustellen? F\u00fcr mich ist das eine Kapitulation vor den Verh\u00e4ltnissen &#8211; zumindest in der Analyse.<\/p>\n<p>Libert\u00e4re Kriegsanalysen haben im Gegensatz zu b\u00fcrgerlichen wie auch zu antiimperialistischen Analysen darauf bestanden, dass der Krieg selbst schon eine Menschenrechtsverletzung ist. Jeder Krieg ist \u00fcberhaupt nur denkbar durch dabei vorkommende Menschenrechtsverletzungen. Deswegen best\u00e4tigt die antiimperialistische Akribie, mit der danach gefragt wird, ob die Untersuchungsberichte tats\u00e4chlich beweisen, ob eine Erschie\u00dfung aus n\u00e4chster N\u00e4he stattgefunden hat und damit eine Erschie\u00dfung als Massaker und damit als Menschenrechtsverletzung zu qualifizieren ist, nur die b\u00fcrgerliche, auch im Haager Tribunal zugrundegelegte Trennung zwischen Krieg und Menschenrechtsverletzungen. Dass Krieg und Menschenrechtsverletzungen getrennt wurden, war eine zentrale Voraussetzung f\u00fcr die F\u00fchrbarkeit des Krieges auch auf Seiten der NATO. Jede zuk\u00fcnftige libert\u00e4re, gewaltfreie und antimilitaristische Analyse sollte immer wieder darauf zur\u00fcck f\u00fchren, dass Krieg und Menschenrechtsverletzungen aber nicht getrennt werden k\u00f6nnen, dass der Krieg bereits die Menschenrechtsverletzung miteinschliesst, ja ist. Zu dieser Analyse geh\u00f6rt aber auch, dass eine Menschenrechtsverletzung auch als solche benannt wird und nicht aus Opportunit\u00e4tsgr\u00fcnden versucht wird, sie im Nachhinein kleinzureden oder zu rechtfertigen. Libert\u00e4re AntimilitaristInnen sollten sich dagegen wenden, dass Menschenrechtsverletzungen wiederum als Legitimation f\u00fcr Krieg benutzt\/instrumentalisiert werden. Dabei ist aber die Tendenz die entscheidende, dass neuer Krieg und neue Menschenrechtsverletzungen nicht wirksam dazu f\u00fchren, die vorhandenen Menschenrechtsverletzungen aufzuheben &#8211; und nicht die Tendenz, dass die Menschenrechtsverletzungen eigentlich gar nicht vorhanden sind. Das w\u00e4re m.E. eine unzul\u00e4ssige Reduktion der Komplexit\u00e4t von Kriegsursachen. Genau darin unterschiede sich m.E. eine libert\u00e4re von einer antiimperialistischen Analyse. Und so gesehen waren wir vor dem Krieg m.E. tats\u00e4chlich schon weiter als mit den Reduktionismen von heute.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stimme mit gro\u00dfen Teilen beider Artikel \u00fcberein und finde es entscheidend f\u00fcr die zuk\u00fcnftige antimilitaristische Arbeit, die offizielle Medienpolitik und Legitimationsfiguren der Herrschenden f\u00fcr den Krieg zu entmystifizieren. Dies hat vor allem der erstgenannte Artikel in vorbildlicher Weise getan. 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