{"id":3938,"date":"2001-04-01T00:00:19","date_gmt":"2001-03-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3938"},"modified":"2022-07-26T14:16:55","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:55","slug":"selbstfixiertes-gewusel-oder-libertare-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/selbstfixiertes-gewusel-oder-libertare-perspektive\/","title":{"rendered":"&#8222;Selbstfixiertes Gewusel&#8220; oder libert\u00e4re Perspektive?"},"content":{"rendered":"<p>Im April 2001 &#8211; nach Redaktionsschlu\u00df dieser GWR &#8211; soll die Trotzdem-Verlagsgenossenschaft in Frankfurt\/M. gegr\u00fcndet werden (vgl. GWR 250 und GWR 257). Dies l\u00e4sst hoffen, dass das wichtigste Projekt des anarchistischen Trotzdem-Verlags, der Schwarze Faden (SF), von nun an wieder viertelj\u00e4hrlich erscheinen wird.<\/p>\n<p>Im Mai 1980 erschien die Nullnummer der &#8222;Vierteljahresschrift f\u00fcr Lust und Freiheit&#8220; (Untertitel). Der SF hat sich seitdem etabliert als eine der niveauvollsten anarchistischen Zeitschriften im deutschsprachigen Raum.<\/p>\n<p>Doch seit zwei Jahren kriselt es. Nachdem erst im Fr\u00fchjahr 2000 der SF Nr. 3\/99 (!) herauskam, erschien im Sommer 2000 der SF Nr. 1\/2000 (Nr. 70). Viele Menschen, die sowohl die Graswurzelrevolution als auch den Schwarzen Faden lesen, haben sich ge\u00e4rgert, dass sie in der Ausgabe Nr. 70 des als Exklusivblatt gesch\u00e4tzten SF neben dem doppelt auf zwei Seiten abgedruckten Aufruf zu der bereits sechs Wochen vor Erscheinen des SF abgehaltenen Konferenz &#8222;Anarchismus und Judentum&#8220; einige Artikel finden mussten, wie z.B. &#8222;Jetzt kommt Haider!&#8220; vom Wiener Revolutionsbr\u00e4uhof oder die PKK-Kritik der &#8222;gruppe demontage&#8220;, die bereits Monate zuvor in der GWR zu lesen waren. Nach Erscheinen der Nr. 70 war Funkstille und es war zu bef\u00fcrchten, dass der Schwarze Faden rei\u00dfen und wie so viele libert\u00e4re Zeitschriften vor ihm in der Versenkung verschwinden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Um so gr\u00f6\u00dfer war die Freude, als im M\u00e4rz der gro\u00dfartig layoutete Schwarze Faden Nr. 71 herauskam.<\/p>\n<p>Dass die &#8222;Lufthansa klagt gegen &#8218;kein Mensch ist illegal'&#8220;, stand zwar schon in anderen Bewegungsmedien, d\u00fcrfte aber vielen entgangen sein. Abgesehen von einem Nachdruck aus dem weit verbreiteten &#8222;Va Banque! Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte&#8220;-Buch (Hg: Klaus Sch\u00f6nberger, Verlag Libert\u00e4re Assoziation u.a., Hamburg 2000) und dem &#8222;ETA polarisiert&#8220;- Artikel der gruppe demontage, der zum gro\u00dfen Teil schon im Oktober 2000 unter dem Titel &#8222;Der keineswegs kurze Sommer der Autobomben&#8220; in der GWR Nr. 252 zu lesen war, ist diesmal wieder fast alles exklusiv. Und lesenswert! Wolfgang Haug spekuliert in seinem nicht aktualisierten &#8222;Es geht um Leonard Peltiers Freiheit&#8220;-Artikel noch auf eine Begnadigung Peltiers durch President Clinton. SF-Herausgeber Haug kommt bei seiner Kritik an Martin Hofmans &#8222;Indian War&#8220;-Buch zu \u00e4hnlichen Schl\u00fcssen wie im Dezember Jochen Knoblauch in der GWR 254 (siehe auch Leserbrief in GWR 255).<\/p>\n<p>Auch SF-Themen wie &#8222;Der neue gesellschaftliche Antifaschismus&#8220;, &#8222;Atomausstieg &#8211; Schwindel oder Chance?&#8220;, J\u00fcrgen M\u00fcmkens Artikel zu &#8222;Sozialstaat und Rassismus&#8220; und das SF-Interview &#8222;\u00dcber Verfassungspatriotismus und Fundamentalopposition&#8220; mit dem Politikwissenschaftler Johannes Agnoli d\u00fcrften nicht nur f\u00fcr AnarchistInnen interessant sein.<\/p>\n<p>Der SF-Artikel &#8222;Von K\u00f6ln nach Hannover \u00fcber Hamburg und Berlin&#8220; (S. 45-51) von Jill Bio ragt in Bezug auf seine L\u00e4nge und seinen zum Teil leicht chaotischen aber erfrischend witzigen Sprachstil heraus. Ich werde hier einige Positionen des Textes referieren.<\/p>\n<p>Vielleicht kann Jill Bios Artikel dazu beitragen, kontroverse Diskussionen in der libert\u00e4ren Szene anzusto\u00dfen und das Nebeneinander oder sogar Gegeneinander verschiedener libert\u00e4rer Str\u00f6mungen aufzul\u00f6sen? Allzu oft ignorieren oder bek\u00e4mpfen sich z.B. Graswurzelrevolution\u00e4rInnen und AnarchosyndikalistInnen, anstatt die unterschiedlichen Positionen als bunte Vielfalt zu sehen, die sich gegenseitig erg\u00e4nzen und beleben kann.<\/p>\n<p>Jill Bio analysiert u.a. die libert\u00e4re Kampagnenpolitik zu EXPO, G7 und Seattle. Unter seine Lupe nimmt er vor allem diverse Artikel aus dem Schwarzen Faden, der Graswurzelrevolution und der anarchosyndikalistischen direkten aktion (da) ((1)).<\/p>\n<p>Dabei spart er nicht mit (solidarischer) Kritik: &#8222;Die drei \u00fcberregionalen Zeitungen (da, gwr, sf) beweisen tendenziell das Nichtvorhandensein einer gemeinsamen Diskussion. Auf EXPO-Artikel, aber auch andere Themen, wird sich nicht gegenseitig bezogen, es finden kaum gegenseitige Erg\u00e4nzungen statt. Kaum eineR schreibt Berichte, Analysen, Thesenpapiere zur aktuellen Praxis, und wenn, seltenst Antworten. Liegt es an den nichtschreibenden AktivistInnen, an der Zeitung (intellektuelles Niveau, Schwerpunkt, Erscheinunxweise, Layout, etc.) oder den MacherInnen (\u00dcberlastung, DogmatikerInnen, Bewegunxferne, Kontrollettis, ZensorInnen, Ansprechen, etc.)?&#8220;<\/p>\n<p>Zu den gelungenen Blockaden und anderen Aktionen gegen die Welthandelsorganisation (WTO) im Dezember 1999 in Seattle, bemerkt Jill Bio:<\/p>\n<p>&#8222;Seattle war eine unerwartete Sensation. Nur f\u00fcr Leute, denen die Mobilisierung, Organisierung und Umsetzung im Vorfeld nicht bekannt war. Dieser Erfolg sollte f\u00fcr Hannover, f\u00fcr eigene Praxis nutzbar gemacht werden. Anstatt sich um Vermittlung der Widerstandsbewegungen in den USA und England, ihre Geschichte und Gr\u00fcnde, zu bem\u00fchen (s. z.B. W. Sternecks Musik-B\u00fccher), auf dieser Grundlage und eigener (z.B. Castor) zu einer selbstbestimmten Praxis zu gelangen, wurden Fragmente des H\u00f6rensagens, Projektionen, Artikel und die Medienberichterstattung als &#8218;So wird&#8217;s gemacht&#8216; zusammengeschustert. Seattle &#8211; ein Mythos. Daran kann der einseitige Artikel \u00fcber dortige Organisierung in der gwr 1\/00 wenig abhelfen, der gab zumindest einen guten Einblick.&#8220; (S. 48)<\/p>\n<p>Die vielf\u00e4ltigen Aktionen gegen die EXPO 2000 in Hannover werden von Jill Bio ausf\u00fchrlich skizziert und analysiert. Kritikpunkte, wie z.B. mangelndes Zugehen auf \u00e4hnlich orientierte Gruppen und Zusammenh\u00e4nge, mediale Fixiertheit, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung, Fehleinsch\u00e4tzungen und mangelhafte Auseinandersetzung mit der Ideologie und den Themen der EXPO werden benannt ohne dabei in Resignation zu verfallen. Als St\u00e4rken nennt er z.B. die Versuche der Selbstorganisation und Neuorientierung, die Thematisierung radikaler, \u00f6kologischer Standpunkte bei aktuellen Auseinanadersetzungen, eine grosse Breite und Akzeptanz an Aktionsformen und eine &#8222;str\u00f6munx\u00fcbergreifende Zusammenarbeit (Gewaltfreie, Autonome, Prunx, \u00d6kos).&#8220; Die tendenzielle Bereitschaft zu einem Bruch mit den destruktiv-dominanten Politikformen der letzten 15 Jahre lasse hier ein Potenzial vermuten, das durch Erfahrungen &#8222;in den n\u00e4xten Jahren ernstzunehmende aktuelle, moderne Kr\u00e4fte hervorbringt.&#8220; Es bestehe die Gefahr, dass gesellschaftliche Realit\u00e4ten und linke Gemetzel, zu hohe Erwartungen und Ziele, sowie &#8222;die Arroganz des eigenen Ansatzes die Koordinaten der Verzweiflung sind.&#8220; Die nach Ansicht von Jill Bio &#8222;absehbaren Angriffe aus linken macht-\/dominanzorientierten Kreisen von \u00d6korechts, Gr\u00fcnenabspaltungen, akademisch Orientierten, Antiimp-Gruppenresten, autonomen MilitanzfetischistInnen und anderes mehr werden zeigen, wie solidarisch und bewusst die selbstbestimmt orientierten Kreise miteinander umgehen.&#8220;<\/p>\n<p>Fragw\u00fcrdig ist das, was Jill Bio zu den viermal im Jahr erscheinenden &#8222;\u00d6-Punkten&#8220; ((2)), dem &#8222;Infodienst f\u00fcr aktive Umweltsch\u00fctzerInnen, BIs und Umweltgruppen&#8220; (Untertitel), schreibt:<\/p>\n<p>&#8222;Die Zeitung \u00d6-Punkte k\u00f6nnte sich hier perspektivisch etablieren und sich zu einem \u00fcberregionalen-pluralistischen Forum entwickeln. Trotz ihres momentanen gruseligen Layouts und visuellen Chaos (&#8230;) wird hier bereits eine gro\u00dfe thematische Bandbreite erfasst, stellenweise an\/weiterdiskutiert. (&#8230;) Die ganze Zeitung wird sich entwickeln m\u00fcssen, wie der sich dort artikulierende neue sozial-revolution\u00e4re Ansatz. Damit w\u00fcrden die drei klassischen Bewegunxzeitungen eine &#8218;Konkurrenz&#8216; bekommen, die sich jetzt schon &#8218;anarchistischer&#8216; repr\u00e4sentiert.&#8220;<\/p>\n<p>Was ist an einem solchen &#8222;Konkurrenz&#8220;-Gedanken libert\u00e4r? Was &#8222;repr\u00e4sentiert&#8220; sich an den \u00d6-Punkten &#8222;jetzt schon &#8218;anarchistischer'&#8220;?<\/p>\n<p>Jill Bio hat Recht, wenn er in Frage stellt, dass es &#8222;allen interessierten Kreisen&#8220; gelingen wird, &#8222;sich von der Praxis der letzten Jahrzehnte zu l\u00f6sen, aktuell und vielf\u00e4ltig, gemeinsam-solidarisch zu wirken\/erg\u00e4nzen, eine eigene Bestimmung\/Bewegung ohne klassischen radikallinken B\u00fcndnisillusionen auf den Leim zu gehen oder sogenannter Professionalisierung. Dann w\u00e4re tats\u00e4chlich eine anarchistisch-revolution\u00e4re Perspektive\/Bewegung mit gro\u00dfer gesellschaftlicher Relevanz im Bereich des M\u00f6glichen. Dies ist ein langwieriger kollektiver Prozess, aber ein immer noch besseres Ziel, als das aktuelle selbstfixierte Gewusel der moralisch-rechthaberischen und verbalradikalen Kleinstgruppen.&#8220; Dem ist noch hinzuzuf\u00fcgen: SF, da, GWR, \u00d6-Punkte und viele andere Bewegungsmedien &#8211; Lesen! Lesen! Lesen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im April 2001 &#8211; nach Redaktionsschlu\u00df dieser GWR &#8211; soll die Trotzdem-Verlagsgenossenschaft in Frankfurt\/M. gegr\u00fcndet werden (vgl. GWR 250 und GWR 257). Dies l\u00e4sst hoffen, dass das wichtigste Projekt des anarchistischen Trotzdem-Verlags, der Schwarze Faden (SF), von nun an wieder viertelj\u00e4hrlich erscheinen wird. Im Mai 1980 erschien die Nullnummer der &#8222;Vierteljahresschrift f\u00fcr Lust und Freiheit&#8220; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/selbstfixiertes-gewusel-oder-libertare-perspektive\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Selbstfixiertes Gewusel\" oder libert\u00e4re Perspektive? - graswurzelrevolution","description":"Im April 2001 - nach Redaktionsschlu\u00df dieser GWR - soll die Trotzdem-Verlagsgenossenschaft in Frankfurt\/M. gegr\u00fcndet werden (vgl. GWR 250 und GWR 257). 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