{"id":3940,"date":"2001-04-01T00:00:13","date_gmt":"2001-03-31T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3940"},"modified":"2022-07-26T14:26:22","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:22","slug":"provos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/provos\/","title":{"rendered":"Provos"},"content":{"rendered":"<h3>Provo &#8211; Kabouter<\/h3>\n<p>Die Provo- und Kabouterbewegung sind auf verschiedene Weisen miteinander verbunden, aber zeigen auch gro\u00dfe Unterschiede. Die Provobewegung entstand im Mai 1965 und wurde zwei Jahre sp\u00e4ter, am 13. Mai 1967, offiziell aufgel\u00f6st im Vondelpark. Die Kabouterbewegung wurde fast drei Jahre sp\u00e4ter offiziell gegr\u00fcndet, am 5. Februar 1970, aber nie aufgel\u00f6st. Eigentlich hat die Bewegung etwa anderthalb Jahre existiert und h\u00f6rte Mitte 1971 allm\u00e4hlich auf, eine Bewegung zu sein. Schon darin unterscheiden beide Bewegungen sich voneinander.<\/p>\n<h3>Anfang des Widerstandes gegen die Konsum-Gesellschaft<\/h3>\n<p>In den Niederlanden standen die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg im Zeichen des Wiederaufbaus und des Kalten Krieges zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten. Das gesellschaftliche Leben blieb bis weit in die f\u00fcnfziger Jahre in sogenannten &#8218;S\u00e4ulen&#8216; organisiert: eine katholische S\u00e4ule, eine protestantische S\u00e4ule, eine liberale S\u00e4ule und eine sozialistische S\u00e4ule, jede S\u00e4ule mit ihrem eigenen Fu\u00dfballverein, Radiosender, Gewerkschaft usw.<\/p>\n<p>Mit dem steigenden Wohlstand in den f\u00fcnfziger Jahren entstand allm\u00e4hlich auch eine Mentalit\u00e4tsver\u00e4nderung. Die Niederlanden verwandelten sich von einer \u00fcberwiegend agrarischen Gesellschaft in eine stark industrialisierte Gesellschaft, in eine sekularisierte Konsum-Gesellschaft. In diesen Jahren gab es Arbeit f\u00fcr jedeN. \u00dcber Umweltprobleme dachte damals noch niemand nach.<\/p>\n<p>Etwa 1965 trat eine Generation Jugendlicher an, die w\u00e4hrend oder nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen war: die sogenannte Babyboom-Generation. Diese Jugendlichen fingen an, sich gegen die biedere Atmosph\u00e4re ihres Elternhauses aufzulehnen. Au\u00dferdem erlaubte ihnen ihr Jugendlohn oder Taschengeld auch eine gr\u00f6\u00dfere Unabh\u00e4ngigkeit von ihren Eltern. Jugendliche wurden als eine wichtige Kategorie von KonsumentInnen entdeckt. Es entstand eine spezielle Jugendmode: Kleidung, Musik, Zeitschriften usw.<\/p>\n<h3>Dijkers und Pleiners<\/h3>\n<p>In Amsterdam protestierten die Jugendlichen aus der Arbeiterklasse auf andere Art gegen die Langeweile zu Hause als die Jugendlichen aus den Kreisen der Intellektuellen und K\u00fcnstlerInnen. Die Jugendlichen aus den Kreisen der ArbeiterInnen wurden &#8218;Dijkers&#8216; genannt, weil Sie sich in der Umgebung des Nieuwendijks, des Zeedijks oder des Dams (der zentrale Platz von Amsterdam) aufhielten und mit ihren lauten Mopeds die \u00fcbrigen Menschen auf der Stra\u00dfe \u00e4rgerten. Oft kam es auch zu kleinen Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei. Sie wurden auch &#8218;Nozems&#8216; genannt und der Psychologe Wouter Buikhuizen nannte sie &#8218;Provos&#8216; wegen ihres provozierenden Benehmens auf der Stra\u00dfe. Solche Jugendlichen gab es damals auch au\u00dferhalb der Niederlande: die &#8218;Teddyboys&#8216; in England, die &#8218;Blousons noirs&#8216; in Frankreich, die &#8218;Stilyagi&#8216; in der ehemaligen Sovjet-Union und die Halbstarken in West-Deutschland.<\/p>\n<p>Die jungen Bohemiens aus den Kreisen der Intellektuellen und K\u00fcnstlerInnen trafen sich in den Kneipen am Leidseplein und wurden darum &#8218;Pleiners&#8216; genannt. Es handelte sich hier um K\u00fcnstlerInnen, JournalistInnen, FotografInnen, StudentInnen der Kunstakademien und um Sch\u00fclerInnen. Sie orientierten sich an dem Existenzialismus von Jean-Paul Sartre, besuchten Jazz-Konzerte und experimentierten mit Rauschmitteln wie Marihuana, Meskalin und LSD. Zu diesen Pleiners geh\u00f6rten zum Beispiel der K\u00fcnstler Robert-Jasper Grootveld, der Dichter Simon Vinkenoog, der Schriftsteller Jan Cremer, der Comix-zeichner Steef Davidson, der S\u00e4nger Ramses Shaffy und die Schauspielerin Shireen Strooker.<\/p>\n<h3>Die Happenings von Robert-Jasper Grootveld<\/h3>\n<p>Robert-Jasper Grootveld, 1932 in Amsterdam in einem anarchistischem Milieu geboren, war und ist noch immer ein vision\u00e4rer K\u00fcnstler. Er machte aus dem k\u00fcnstlerischen Happening eine magische Warnung gegen die Konsum-Gesellschaft. 1962 rief er sich zum &#8218;Anti-Rauch-Magier&#8216; aus und erkl\u00e4rte das Rauchen zum Symbol des versklavten Konsumenten. In seinem Anti-Rauch-Tempel, einer alten Garage, hielt er Predigten \u00fcber die Zigarettenindustrie und den Krebs. W\u00e4hrend dieser Happenings erschien Grootveld verkleidet als Afrikanischer Medizinmann oder als der &#8218;Zwarte Piet&#8216; (in Deutschland bekant als Knecht Ruprecht), der Helfer von Sankt Nikolaus. F\u00fcr Grootveld war der heilige Nikolaus, oder einfach Klaas, ein Wohlt\u00e4ter, ein Kinder- und Menschenfreund, der an seinem Geburtstag nichts nahm sondern nur gab. Grootveld betrachtete ihn als Symbol f\u00fcr die \u00c4nderung der egoistischen Konsum-Gesellschaft in eine humanere Gesellschaft. Nach einem Monat brannte sein Tempel ab.<\/p>\n<p>Seit Juni 1964 verlegte Grootveld seine Happenings auf den Spui, ein kleiner Platz im Zentrum Amsterdams, und war damit der erste K\u00fcnstler, der das Ph\u00e4nomen Happening auf die Stra\u00dfe brachte. Dort, auf dem kleinen Platz, stand ein Standbild eines Gassenjungen, das &#8218;Lieverdje&#8216;, gestiftet von einer Zigarettenfabrik. Das Lieverdje wurde zum Denkmal des &#8218;versklavten Konsumenten der Zukunft&#8216;. Jede Samstagnacht um zw\u00f6lf Uhr erschien Grootveld hier wieder als Zwarte Piet (also als Knecht Ruprecht). Er zog dann magische Kreise um diesen &#8222;nikotistischen D\u00e4mon&#8220; und rief &#8222;Klaas&#8220; an (&#8222;Klaas komme, Klaas kommt!&#8220;), der Amsterdam zum &#8222;Magischen Zentrum des Westens&#8220; erkl\u00e4rt haben sollte. Das Publikum, das mitmachte, wuchs jede Woche.<\/p>\n<h3>Die Provo-Bewegung<\/h3>\n<p>Mit seinen Happenings hatte Robert-Jasper Grootveld das Klima geschaffen, worin ein Jahr sp\u00e4ter, 1965, der von Roel van Duijn propagierte Anarchismus gedeihen konnte.<\/p>\n<p>Roel van Duijn, 1943 in Den Haag in einem theosofischem Milieu geboren, hatte schon Ende 1961, w\u00e4hrend seiner Schulzeit, mit seinem Freund Hans Korteweg in Amsterdam Sit-ins gegen die Atomr\u00fcstung organisiert und wurde deshalb von der Schule geschickt. Er zog 1964 mit seiner Freundin Carla Kuit um nach Amsterdam um dort Philosofie zu studieren. Er war Redaktionsmitglied einer anarchistischen Zeitschrift, die sich nur an den klassischen AnarchistInnen orientierte: Bakunin, Kropotkin, Domela Nieuwenhuis. Roel van Duijn wollte an den au\u00dferparlamentarischen Aktivisismus seiner Zeit anschlie\u00dfen. Dadurch entstand ein Konflikt mit seinen Redaktionskollegen. In Amsterdam gr\u00fcndete er zusammen mit seinen Freunden Martijn Lindt (*1947) und Rob Stolk (*1946) eine eigene anarchistische Zeitschrift. Sie nannten diese Zeitschrift &#8218;Provo&#8216; und adaptierten damit das von Wouter Buikhuizen erfundene Schimpfwort &#8218;Provo&#8216; als Ehrenname.<\/p>\n<p>Bis zu diesem Moment verliefen die mittern\u00e4chtlichen Happenings beim Lieverdje ganz friedlich. Aber als die ersten Provos von Robert-Jasper Grootveld eingeladen wurden um mitzumachen, griff die Polizei mit viel Gewalt ein. So entstand die Provo-Bewegung: eine Mischung von k\u00fcnstlerischer und magischer Spielerei und ernsthaftem Anarchismus.<\/p>\n<h3>Lockere Organisationsstruktur<\/h3>\n<p>Provo war keine Organisation beitragsbezahlender Mitglieder, sondern eine offene Bewegung, wobei jede sich anschlie\u00dfen konnte. Es gab einen kleinen aktiven Kern von etwa vierzehn Leuten, die die Ideen formulierten, die Artikel f\u00fcr das Blatt <em>Provo<\/em> schrieben und die die Aktionen initiierten. Rund um diesen Kern bewegte sich eine wechselnde Gruppe von etwa hundert aktiven Provos, die teilnahmen an den Happenings und anderen Aktionen. Sie stellten auch die Provo-Zeitschrift zusammen und verkauften sie auf der Stra\u00dfe. Zum Schlu\u00df gab es noch einen gr\u00f6\u00dferen Kreis von Sympathisanten, wozu unter anderem der K\u00fcnstler Constant Nieuwenhuis, der Schriftsteller Harry Mulisch und der Komponist Peter Schat geh\u00f6rten. Auch die 13.000 W\u00e4hlerInnen, die bei den Kommunalwahlen im Juni 1966 die Provo-Liste w\u00e4hlten, k\u00f6nnten dazu gerechnet werden.<\/p>\n<h3>Klootjesvolk-Theorie und Provotariat<\/h3>\n<p>Die Provos waren moderne AnarchistInnen und lehnten den von Karl Marx propagierten Klassenkampf ab. An die Stelle r\u00fcckte Roel van Duijns &#8218;Klootjesvolk-Theorie&#8216;: das Proletariat existierte kaum noch und hatte seine revolution\u00e4re Rolle verloren. Die ArbeiterInnen hatten sich vom Konsum verf\u00fchren lassen und waren so mit der alten Bourgeoisie zusammengeschmolzen zu einem grauen &#8218;Klootjesvolk&#8216; versklavter KonsumentInnen. (&#8218;Klootjesvolk&#8216; kann man \u00fcbersetzen als &#8218;Volk von Spei\u00dfb\u00fcrgern&#8216;). Das galt in gleichem Ma\u00dfe f\u00fcr den kapitalistischen Westen als f\u00fcr den kommunistischen Osten. Dem Klootjesvolk der industrialisierten L\u00e4nder stand jetzt das Provotariat als letzte revolution\u00e4re Klasse gegen\u00fcber: K\u00fcnstlerInnen, &#8218;Pleiners&#8216;, &#8218;Dijkers&#8216;, Provos, StudentInnen und alle, die sich nicht \u00f6konomisch oder psychologisch mit der Konsum-Gesellschaft verbunden hatten.<\/p>\n<p>Was auff\u00e4llt, ist die \u00c4hnlichkeit zwischen Roel van Duijns Klootjesvolk-Theorie und die gleichzeitig formulierte &#8218;New Left&#8216;-Theorie des Deutsch-Amerikanischen Philosofen Herbert Marcuse, die &#8218;Focus-Theorie&#8216; von Che Guevara, die sp\u00e4ter formulierte &#8218;Randgruppen-Theorie&#8216; des damaligen westdeutschen Studentenf\u00fchrers Rudi Dutschke oder die &#8218;Theorie der dynamischen Minderheit&#8216; des damaligen franz\u00f6sischen Studentenf\u00fchrers Daniel Cohn-Bendit. Als Roel van Duijn seine Theorie formulierte, kannte er die anderen Theorien nicht. Also, offensichtlich war die Zeit reif daf\u00fcr. Es war der Zeitgeist.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu der Provo-Bewegung orientierte die Mehrheit der progressiven StudentInnen-Bewegung in den Niederlanden sich eindeutig in ziemlich dogmatischer Weise am Marxismus. Der bekannteste niederl\u00e4ndische Studentenf\u00fchrer in den sechziger Jahre war Ton Regtien, der 1963 die Studenten-Gewerkschaft gegr\u00fcndet hatte. Die Ideologen der StudentInnen-Bewegung betrachteten die Provos als Klassenfeinde der Arbeiter, weil sie den altmodischen Klassenkampf ablehnten. W\u00e4hrend in West-Deutschland die StudentInnen-Bewegung gepr\u00e4gt war von einer Mischung aus Marxismus und Anarchismus, war in den Niederlanden eine Zusammenarbeit zwischen der StudentInnen-Bewegung und der Provo-Bewegung kaum m\u00f6glich. Weil die Provos in den linken Kreisen im Ausland ziemlich popul\u00e4r waren, schrieben Ton Regtien und Konrad Boehmer f\u00fcr die deutsche linke Zeitschrift <em>Kursbuch<\/em> einen Artikel, worin sie die Provos als eine Gefahr f\u00fcr die Revolution schilderten.<\/p>\n<h3>Fr\u00f6hlicher Protest gegen Autorit\u00e4ten und Monarchie<\/h3>\n<p>Mit viel Humor und (Spa\u00df-) Guerilla-Taktiken leisteten die Provos Widerstand gegen die <strong>&#8222;Regenten-Mentalit\u00e4t&#8220;<\/strong>, gegen den noch immer herrschenden Untertanengeist. Die Monarchie war f\u00fcr die Provos das extremste Beispiel autorit\u00e4rer und faschistischer Staatsgewalt. Als die damalige Prinzessin Beatrix am 10. M\u00e4rz 1966 in Amsterdam Claus von Amsberg heiratete, proklamierten die Provos ihren <strong>&#8222;Tag des Anarchismus&#8220;<\/strong>. Sie demonstrierten gegen die Monarchie. Sie riefen &#8222;Es lebe die Republik!&#8220; und warfen Rauchbomben vor die Goldene Kutsche mit dem k\u00f6niglichen Brautpaar. Die Polzei schlug mit Kn\u00fcppeln und S\u00e4bel hart auf die Provos los. Aber die in ganz Europa ausgestrahlten Fernsehbilder dieser <strong>&#8218;Rauchbomben-Hochzeit&#8216;<\/strong> machte die Provo-Bewegung weltber\u00fchmt. Die Provos verstanden es, die Medien f\u00fcr ihre Ziele zu benutzen und erlebten viel Spa\u00df dabei. Ihr Protest wurde durch die starke Publizit\u00e4t buchst\u00e4blich ein Bild, ein Image oder auf franz\u00f6sisch ausgesprochen: ein &#8218;Imaazje&#8216;. &#8218;Imaazje&#8216; war das Zauberwort der Provos.<\/p>\n<p>Die Provos propagierten die <strong>&#8218;Lieberevolution&#8216;<\/strong>, nach Belieben zu interpretieren als &#8218;liebe Revolution&#8216; oder als &#8218;lieber Evolution&#8216;. Mit spielerischen Pieksern forderten sie die Autorit\u00e4ten heraus, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Die Polizei und die Justiz reagierten mit \u00fcberproportionierter Gewalt und mit \u00e4u\u00dferst strengen Strafen. So wurde das Provo-M\u00e4dchen <strong>Koosje Koster<\/strong> beim Lieverdje wegen &#8222;\u00f6ffentlicher Schaustellung ohne Genehmigung&#8220; verhaftet, weil sie dort an PassantInnen Korinthen verteilte. Die Korinthen symbolisierten die N\u00e4chstenliebe nach dem Bibelbuch Korinther. <strong>Hans Tuynman<\/strong>, 1942 in Indonesien geboren und einer der bekanntesten Provos, wurde zu drei Monaten Haft verurteilt, weil er beim Lieverdje leise das Wort &#8222;Imaazje&#8220; murmelte. Die Justiz machte sich selber auf diese Weise v\u00f6llig l\u00e4cherlich. Je mehr Gewalt die Autorit\u00e4ten anwendeten, desto mehr Publizit\u00e4t und Sympathie bekam die Provo-Bewegung.<\/p>\n<p>Durch die Eskalation von Polizei-Gewalt gegen die Provos entstand in Amsterdam eine \u00e4u\u00dferst angespannte Atmosph\u00e4re, die w\u00e4hrend des <strong>Bauarbeiter-Aufruhrs<\/strong> am 13. und 14. Juni 1966 explodierte. Es kam zu riesigen Stra\u00dfenschlachten zwischen den streikenden Bauarbeitern und der Polizei, die zum ersten Mal nach dem Krieg mit Tr\u00e4nengas und scharfer Munition scho\u00df. Es gab viele Verletzte. Die Provos und die StudentInnen solidarisierten sich mit den Bauarbeitern, aber f\u00fcr Roel van Duijn war das kein Anla\u00df, seine Klootjesvolk-Theorie zu widerrufen.<\/p>\n<h3>Die &#8218;Wei\u00dfen Pl\u00e4ne&#8216;<\/h3>\n<p>Die Provo-Bewegung machte Geschichte, nicht nur mit Happenings und Rauchbomben, sondern auch mit ihren &#8218;Wei\u00dfen Pl\u00e4nen&#8216;. Wei\u00df ist die Farbe der Unschuld und Gewaltlosigkeit. Diese Pl\u00e4ne konnten einerseits betrachtet werden als ernst gemeinte Fingerzeige auf die erw\u00fcnschte zuk\u00fcnftige Gesellschaft. Andererseits konnten sie auch als eine Satire, als eine Parodie auf gesellschaftliche Mi\u00dfst\u00e4nde betrachtet werden. Kennzeichnend f\u00fcr den Provo-Stil des Agierens war immer diese Mischung von Spa\u00df und Ernst. Als Beispiele nenne ich drei &#8218;wei\u00dfe Pl\u00e4ne&#8216;: den Wei\u00dfen Fahrr\u00e4der-Plan, den Wei\u00dfe Hennen-Plan und den Wei\u00dfen Kinder-Plan.<\/p>\n<p>Nach dem <strong>Wei\u00dfen Fahrr\u00e4der-Plan<\/strong> von Provo und Erfinder Luud Schimmelpennink (geboren 1936) sollte die historische Innenstadt von Amsterdam f\u00fcr Autos gesperrt werden. Auch sollte die Gemeindeverwaltung als Alternative umsonst 20.000 wei\u00dfe Fahrr\u00e4der zur Verf\u00fcgung stellen. Sp\u00e4ter wurde der Wei\u00dfe Fahrr\u00e4der-Plan von Luud Schimmelpennink umgearbeitet zu einem &#8222;Wei\u00dfe Karren-Plan&#8220;: kleine elektrische Autos statt Fahrr\u00e4der. Seit einigen Jahren wird in Amsterdam schon wieder mit einem neuen und besseren Modell des wei\u00dfen Fahrrads experimentiert. Im Nationalpark &#8218;De Hoge Veluwe&#8216; bei Arnheim ist der Wei\u00dfe Fahrr\u00e4der-Plan \u00fcbrigens schon l\u00e4ngst realisiert.<\/p>\n<p>Der <strong>Wei\u00dfe Hennen-Plan<\/strong> vom Provo Auke Boersma zielte auf ein besseres Verh\u00e4ltnis zwischen B\u00fcrger und Polizei. Das Wort &#8218;Henne&#8216; oder &#8218;Huhn&#8216; ist Amsterdamer Platt f\u00fcr Polizist, wie in Deutschland das Wort &#8218;Bulle&#8216;. Polizisten sollten sich in unbewaffnete und wei\u00df gekleidete Sozialarbeiter verwandeln. Sie sollten auch den B\u00fcrgerInnen mit allerhand praktischen Sachen behilflich sein: Streichh\u00f6lzer, Verh\u00fctungsmittel, Heilpflaster, \u00c4pfel und H\u00e4hnchenkeulen. Statt in Autos sollten sie auf wei\u00dfen Fahrr\u00e4dern durch die Stadt fahren. Seit den neunziger Jahren ist schon Vieles von diesem Plan realisiert. Jeder Bezirk in Amsterdam hat jetzt seinen &#8218;Bezirks-Bullen&#8216;, der Sprechstunde h\u00e4lt im Stadtteilzentrum oder Jugendzentrum, der bei Konflikten in der Nachbarschaft vermittelt, der Menschen den Weg weist, Menschen auf der Stra\u00dfe zur Rede stellt bei unsozialem Verhalten und der tats\u00e4chlich auf seinem Fahrrad durch die Gegend f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Der <strong>Wei\u00dfe Kinder-Plan<\/strong> stand im Zeichen der Frauen-Emanzipation. Die Provos Anna Dijkstra und Tony Briggs hatten In einem israelischen Kibbuts erfahren, wie man Kinder auf kollektive Weise erziehen kann. Im Herbst 1966 gr\u00fcndeten sie in ihrer Wohnung mit anderen Eltern eine anti-autorit\u00e4re Kinderkrippe. Jede Woche war ein Elternpaar an der Reihe, um die Kinder zu betreuen. Ihre Initiative diente ein Jahr sp\u00e4ter als Vorbild f\u00fcr die anti-autorit\u00e4ren Kinderl\u00e4den in West-Berlin und anderen westdeutschen StudentInnenst\u00e4dten.<\/p>\n<h3>Provo im Stadtrat<\/h3>\n<p>Die Amsterdamer Provos beteiligten sich an den Kommunalwahlen am 1. Juni 1966. Das war bemerkenswert f\u00fcr eine anarchistische Bewegung. Der Spitzenkandidat Bernard de Vries (geboren 1941) verteidigte die Teilnahme mit dem Argument, da\u00df der Anarchismus von Provo keine Ideologie sei, sondern eine Inspirationsquelle. Und Roel van Duijn behauptete, da\u00df Provo f\u00fcr kommunale Selbstverwaltung war. Deshalb akzeptierte seine Bewegung einen Stadtrat, ein Stadtparlament, aber kein nationales Parlament. Einige Jahre sp\u00e4ter, in der Kabouterzeit, hat er diese Auffassung \u00fcbrigens widerrufen. Einmal in den Stadtrat gew\u00e4hlt, k\u00f6nnten die Provos die Autorit\u00e4ten besser kontrollieren und w\u00fcrden sie geheime Aktenst\u00fccke und Dokumente ohne R\u00fccksichtnahme ver\u00f6ffentlichen, so meinten sie. Um Einkapselung im autorit\u00e4ren System vorzubeugen, wurde das Rotationsprinzip beschlossen: die gew\u00e4hlten Provos sollten alle nach einem Jahr Platz machen f\u00fcr ihre NachfolgerInnen. Provo f\u00fchrte eine Wahlkampagne mit originellen Wahlplakaten und unter dem Motto &#8222;Mit Provo kann man lachen!&#8220;. Die Provo-Partei erhielt 13.105 Stimmen: mehr als genug f\u00fcr eins von den 45 Mandaten. Bernard de Vries zog als erster Provo in das Amsterdamer Stadtparlament ein. Nach ihm folgten Luud Schimmelpennink, Irene van de Weetering und Roel van Duijn.<\/p>\n<h3>Das Internationale Provo-Konzil<\/h3>\n<p>Die spielerische Rebellion des Amsterdamer Provotariats schlug, auch durch die viele Publizit\u00e4t in den Medien, auf andere St\u00e4dte in den Niederlanden \u00fcber. In Den Haag, Rotterdam, Maastricht, Groningen und Leeuwarden entstanden Provo-Gruppen. Auch im Ausland entstanden Provo-Gruppierungen: in Belgien (Antwerpen, Brussel und Gent) und in Schweden. Es gab auch Kontakte mit Geistverwandten in London, Prag und in West-Deutschland, unter anderem in Frankfurt am Main (April 1967). Der Westberliner Studentenf\u00fchrer Rudi Dutschke erkl\u00e4rte im Dezember 1966, vieles von dem fr\u00f6hlichen Provozieren der Autorit\u00e4ten der Amsterdamer Provos gelernt zu haben. Berlins damaliger Oberb\u00fcrgermeister Heinrich Albertz reagierte: &#8222;Berlin braucht keine Provos!&#8220;. Und die Rauchbomben, womit die Westberliner &#8218;Kommune I&#8216; von Dieter Kunzelmann, Fritz Teufel und Rainer Langhans April 1967 ein Pseudo-Attentat auf den amerikanischen Vize-Pr\u00e4sidenten Hubert Humphrey vorbereitete (das &#8218;Pudding-Attentat&#8216;), wurden von Amsterdamer Provos geliefert. Am Wochenende vom 12. bis 14. November 1966 fand im Schlo\u00df Borgharen bei Maastricht das <strong>&#8218;Internationale Provo-Konzil&#8216;<\/strong> statt. Es versammelten sich dort nicht nur Provos aus Amsterdam und anderen St\u00e4dten in den Niederlanden. Es gab da auch Provos aus Belgien und Geistverwandte aus Frankreich. Kennzeichnend f\u00fcr die Atmosph\u00e4re war das hin und her schwanken zwischen Angst vor einem bald erwarteten Dritten Weltkrieg infolge des Vietnam-Krieges und einem optimistischen Vertrauen in die Kraft der spielerischen Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Die Aufl\u00f6sung von Provo<\/h3>\n<p>Die Provos hatten Einiges dazu beigetragen, da\u00df der Amsterdamer B\u00fcrgermeister Gijs van Hall und der Polizei-Pr\u00e4sident H.J. van der Molen entlassen wurden, weil sie Fehler gemacht hatten w\u00e4hrend des Bauarbeiter-Aufstandes im Juni 1966. Aber Provo war Anfang 1967 schon sowas wie eine feste Einrichtung geworden, die ernst genommen wurde. Dadurch drohte die Provo-Bewegung zu viel ein Teil des Establishments zu werden. Ein Public-Relation-Bureau organisierte zum Beispiel schon ein &#8218;Treffen mit ber\u00fchmten Provos&#8216; f\u00fcr TouristInnen. Provo wurde ein Exportartikel f\u00fcr Holland. Immer mehr Provos waren der Meinung, da\u00df es darum besser w\u00e4re, die Bewegung aufzul\u00f6sen. Und das geschah am 13. Mai 1967 w\u00e4hrend einer Zusammenkunft mit Ansprachen im Vondelpark. Das f\u00fchrte zu einer sch\u00f6nen Karikatur des Zeichners Willem (Pseudonym f\u00fcr Bernard Holtrop), der viele Karikaturen in der Zeitschrift <em>Provo<\/em> gezeichnet hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Provo &#8211; Kabouter Die Provo- und Kabouterbewegung sind auf verschiedene Weisen miteinander verbunden, aber zeigen auch gro\u00dfe Unterschiede. Die Provobewegung entstand im Mai 1965 und wurde zwei Jahre sp\u00e4ter, am 13. Mai 1967, offiziell aufgel\u00f6st im Vondelpark. Die Kabouterbewegung wurde fast drei Jahre sp\u00e4ter offiziell gegr\u00fcndet, am 5. Februar 1970, aber nie aufgel\u00f6st. 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