{"id":3946,"date":"2001-04-01T00:00:48","date_gmt":"2001-03-31T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3946"},"modified":"2022-07-26T13:56:56","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:56","slug":"vom-libanon-bis-zum-golfkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/vom-libanon-bis-zum-golfkrieg\/","title":{"rendered":"Vom Libanon bis zum Golfkrieg"},"content":{"rendered":"<p>Der antiimperialistische Antizionismus innerhalb der deutschen Linken, der sich insbesondere nach der antizionistischen Wende im Verh\u00e4ltnis zu Israel nach 1967 breit gemacht hatte ((1)), fand erst zu Beginn der 80er Jahre, genauer im Sommer 1982 zu seinem H\u00f6hepunkt. Israel hatte in den Libanon interveniert mit der Begr\u00fcndung, die nordisraelischen Siedlungen vor Anschl\u00e4gen der PLO zu sch\u00fctzen. Bald jedoch kam es zu einem Dauerbombardement einzelner Stadtteile Beiruts und zu einem Massaker an pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlingen in Sabra und Schatila, das jedoch christliche B\u00fcrgerkriegsmilizen aus dem Libanon durchgef\u00fchrt hatten &#8211; in einem Gebiet allerdings, das unter israelischer Milit\u00e4rkontrolle war.<\/p>\n<p>Da es sich damals um einen offensichtlichen Angriffskrieg handelte, war die Verurteilung innerhalb der deutschen Linken einhellig. Da es jedoch gegen diesen Krieg auch innerhalb Israels eine gro\u00dfe Protestwelle und eine massenhafte Friedensbewegung gab, die mit daf\u00fcr verantwortlich waren, dass sich die israelische Armee auch wieder aus dem Libanon zur\u00fcckzog, sind die von deutschen Linken geradezu reihenweise gebrauchten Vergleiche mit dem Nationalsozialismus gleicherma\u00dfen erschreckend. Anstecken &#8211; nur, um das damalige Klima zu verdeutlichen &#8211; liess sich dabei auch ein permanenter Warner vor linkem Antisemitismus wie Micha Brumlik, Sprecher einer linksoppositionellen j\u00fcdischen Gruppe in Frankfurt:<\/p>\n<p>&#8222;Eine erste Assoziation dr\u00e4ngte sich (mir) auf: Babi Jar! Babi Jar &#8211; jenes Massaker, das Ukrainer unter den Augen der SS und deutscher Soldaten an zusammengetriebenen, wehrlosen Juden ver\u00fcbt hatten.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Dies und \u00e4hnliche Vergleiche des in der Friedensbewegung und unter AntiimperialistInnen gleicherma\u00dfen angesehenen antizionistischen j\u00fcdischen Dichters Erich Fried k\u00f6nnen jedoch das Ausma\u00df antisemitischer Entgleisungen in der deutschen Linken weder erkl\u00e4ren noch entschuldigen. Die &#8222;bl\u00e4tter des iz3w&#8220; sprachen vom &#8222;Holocaust an den Pal\u00e4stinensern&#8220; (Nr. 102\/82), die taz, die damals noch als linksradikal bezeichnet werden muss, mehrfach (15. und 16.6.82) von der &#8222;Endl\u00f6sung der Pal\u00e4stinenserfrage&#8220;. Die Fachgruppe Frieden der Hamburger GAL fabulierte von &#8222;Abschlachtungsmaschinen der faschistischen Konzentrationslager&#8220; oder vom &#8222;elektronisierten Morden der zionistischen Armeen&#8220; ((3)). Die taz scheute sich gar nicht einmal, einen Leserbrief eines &#8222;Harald&#8220; abzudrucken, der den israelischen Pr\u00e4sidenten Begin &#8211; der allenfalls als fr\u00fcherer Terrorist denunziert werden konnte &#8211; mit Hitler verglich und im selben Atemzug sagte, die Deutschen h\u00e4tten &#8222;2 Mio. und nicht 6&#8220; Mio. Juden vernichtet ((4)). Dieser pl\u00f6tzliche Ausbruch von Vergleichen mit den Nazis bei einem Angriffskrieg &#8211; auf den in den 90er Jahren sogar bei den Bombardements im Golfkrieg und gegen Jugoslawien innerhalb der Linken kaum noch jemand verfallen ist &#8211; verweist auf zur damaligen Zeit nicht aufgearbeitete tieferliegende Schichten des Antisemitismus in der deutschen Linken. Antisemitische \u00c4u\u00dferungen gab es dabei in allen linken Spektren. Antiimperialistische Gruppen radikalisierten ihre reaktion\u00e4ren Forderungen sogar noch: &#8222;Zionisten raus aus Pal\u00e4stina!&#8220; schrieb u.a. das Berliner Pal\u00e4stina-Libanon-Komitee auf sein Flugblatt, was quasi einen israelischen Massenexodus bedeuten w\u00fcrde, denn \u00fcber 90 Prozent der Israelis waren ZionistInnen und als Pal\u00e4stina galt diesen Gruppen das ganze israelische Staatsgebiet ((5)). Und am 21.7.82 skandierte eine linke Demonstration vor der Bremer Synagoge (!) gar die Losung: &#8222;Juden raus!&#8220; ((6)). Da ist es fast schon tr\u00f6stlich, dass in Zeiten, in denen die Friedensbewegung bereits die erste 100.000er Demo hinter sich hatte und damit ihre hohe Mobilisierungsf\u00e4higkeit anzeigte, eine bundesweit angesetzte Demo, bei der antiimperialistische und autonome Gruppen im Vorfeld einen gem\u00e4\u00dfigten Aufruf von in Frankfurt\/M. lebenden Pal\u00e4stinenserInnen, Juden\/J\u00fcdinnen und Deutschen br\u00fcsk zur\u00fcckwiesen, nur 5000 TeilnehmerInnen hatte. Nach der f\u00fcr sie entt\u00e4uschenden Demo wurde der Friedensbewegung deshalb von den Autonomen\/Antiimps &#8222;eurozentristische Borniertheit&#8220; und gar moralische Indifferenz vorgeworfen ((7)). Aus dem Antiimp- und RAF-Umfeld tat sich damals besonders Brigitte Heinrich hervor, die in einer \u00f6ffentlichen Diskussion &#8222;zur Begrifflichkeit der deutschen Linken am Beispiel des Libanonkrieges&#8220; in einem Streitgespr\u00e4ch mit Haim Hanegbi von der israelischen Friedensbewegung meinte, bei so viel Taubheit wie in der BRD m\u00fcsse mensch &#8222;schon mal zu \u00dcbertreibungen&#8220; ((8)) greifen. Die wenigen nachdenklichen Stimmen gegen diesen Ausbruch antisemitischer Ressentiments wurden bis hin zu gewaltsamen Angriffen niedergeb\u00fcgelt. Als der Berliner Lokalredakteur der taz, Johann Legner, am 12.7.82 in einem Artikel eine ausgewogenere Berichterstattung einforderte und die Mythologisierung des pal\u00e4stinensischen Widerstandes kritisierte, wurden noch in der gleichen Nacht von einer autonomen &#8222;Antifaschistischen Aktionsgruppe&#8220; die Fenster seiner Wohnung eingeworfen und im Hausflur Parolen wie &#8222;Zionisten &amp; Faschistenschwein&#8220; gespr\u00fcht ((9)).<\/p>\n<h3>Die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des linken Antisemitismus w\u00e4hrend der Intifada und ihre Ursachen<\/h3>\n<p>Bereits ganz anders sah die Diskussion am Ende der 80er Jahre aus. Als die erste Intifada der Pal\u00e4stinenserInnen in den besetzten Gebieten 1988\/89 stattfand und auf der autonomen Hauswand der legend\u00e4ren Hamburger Hafenstrasse jener Boykottaufruf &#8222;Boykottiert &#8218;Israel&#8216;! Waren, Kibbuzim und Str\u00e4nde&#8220; erschien ((10)), waren die Stimmen innerhalb der deutschen Linken, die anfingen, sich gegen Antisemitismus innerhalb der Linken auszusprechen und deswegen die Zusammenarbeit bei Demonstrationen und Aktionen mit Antiimps aufk\u00fcndigten, nicht mehr vereinzelt, sondern zu einer selbstbewussten Minderheit geworden. Zu denen, die sich am deutlichsten von einer mit antisemitischen Tendenzen durchsetzten Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t absetzten, geh\u00f6rten der Kommunistische Bund und die Graswurzelrevolution\/F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen ((11)).<\/p>\n<p>Warum war es jetzt pl\u00f6tzlich zu diesem durchschlagenden Wandel einer nachdenklicheren Diskussion zu Israel gekommen, in der unangebrachte Vergleiche mit den Nazis als antisemitisch kritisiert wurden? Das hatte vor allem mit innenpolitischen Diskussionen in den 80er Jahren zu tun, die die linke und libert\u00e4re \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr Antisemitismus als Herrschaftsform, derer sich auch die BRD-Regierung bediente, sensibilisierte. Angesto\u00dfen hatte das wider eigenen Willen der damalige CDU-Generalsekret\u00e4r Heiner Gei\u00dfler, der dem Pazifismus der Friedensbewegung eine Mitschuld an Auschwitz unterstellte (&#8222;Ohne Pazifismus und die pazifistische Bewegung der 20er Jahre w\u00e4re Auschwitz \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich gewesen.&#8220;). Die allgemeine Emp\u00f6rung \u00fcber diesen Satz wich schlie\u00dflich einem tieferen Nachdenken, als sich solche Instrumentalisierungen von antisemitischen Vergleichen bei den Herrschenden auf deutliche Weise wiederholten. Bei einer Gesetzesvorlage gegen die Auschwitz-L\u00fcge wollte 1984\/85 die neue Kohl-Regierung pl\u00f6tzlich auch die \u00f6ffentliche Verharmlosung von Gewalt gegen die deutschen Vertriebenen in einem Atemzug benannt und bestraft wissen ((12)). Und schlie\u00dflich feierten die NATO-Nachr\u00fcster Kohl &amp; Reagan 1985 40 Jahre &#8222;Vers\u00f6hnung&#8220; nach dem Krieg bei einem Reagan-Besuch in der BRD nicht nur in Bergen-Belsen, sondern auch im Soldatenfriedhof Bitburg, auf dem &#8211; \u00f6ffentlich bekannt &#8211; auch Soldaten der Waffen-SS begraben waren. Angesichts dieser Frontstellung der friedensbewegten Linken gegen die Art der Vergangenheitspolitik der Herrschenden setzte eine breite Aufarbeitungs- und Analysephase in der deutschen Linken ein ((13)). Erschrocken war man\/frau schlie\u00dflich auch \u00fcber die erste direkte Aktion von j\u00fcdischen B\u00fcrgerInnen der BRD gegen Antisemitismus in Deutschland, in Frankfurt\/M., als 25 Mitglieder der Frankfurter J\u00fcdischen Gemeinde bei der Premiere des Fassbinder-St\u00fcckes &#8222;Der M\u00fcll, die Stadt und der Tod&#8220; &#8211; dem antisemitische Tendenzen bei der Darstellung von H\u00e4userspekulanten als typischen Juden vorgeworfen wurden &#8211; die B\u00fchne besetzten und die Auff\u00fchrung so verhinderten ((14)).<\/p>\n<p>Langsam trug die verst\u00e4rkte Tendenz zu Selbstkritik und Aufarbeitung sowohl innerhalb der Linken als auch in der bundesdeutschen \u00d6ffentlichkeit Fr\u00fcchte: der Soziologe Habermas wurde mit seiner These von der Singularit\u00e4t der Verbrechen in Auschwitz gar vom Alt-Nazi und Bundespr\u00e4sidenten Weizs\u00e4cker zum Sieger im Historiker-Streit gegen den Aufrechnungshistoriker Ernst Nolte erkl\u00e4rt. Und schliesslich musste Bundestagsvizepr\u00e4sident Philipp Jenninger im November 1988 gar zur\u00fccktreten, als eine unsensible Rede zum Jahrestag der Reichspogromnacht eine allgemeine \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung ausl\u00f6ste. Nur vor dem Hintergrund dieser Diskussionen, die selbst ausgewiesen zynische Kritiker wie Tjark Kunstreich von den 80er Jahren als dem &#8222;goldenen Jahrzehnt der Erinnerungsarbeit&#8220; ((15)) sprechen lassen, ist das Selbstbewusstsein zu erkl\u00e4ren, mit dem linke und libert\u00e4re KritikerInnen des Antisemitismus von nun an die autonomen und antiimperialistischen Entgleisungen w\u00e4hrend und nach der Hafenstrasse-Wandparole anprangerten.<\/p>\n<h3>Die verqueren Diskussionen w\u00e4hrend des Golfkriegs 1991<\/h3>\n<p>Wer allerdings gedacht hatte, dass sich durch diese gestiegene Sensibilit\u00e4t w\u00e4hrend der 80er Jahre vergleichbare Diskussionen von nun an er\u00fcbrigen w\u00fcrden, war nicht nur naiv, sondern sah sich schon 1991 eines besseren belehrt. Die irakische Armee hatte unter Oberbefehl Saddam Husseins in den Kuwait interveniert und die US-gef\u00fchrte Koalition bombardierte im Januar und Februar 1991 den Irak. Dabei war es zu vereinzelten Raketenangriffen des Irak auf Israel gekommen, die zum Gl\u00fcck gr\u00f6\u00dftenteils glimpflich abliefen und nicht, wie angedroht, Giftgasangriffe waren.<\/p>\n<p>Die eigentliche \u00dcberraschung war innenpolitisch das ebenso heftige wie kurze Wiederaufflammen der Friedensbewegung in der BRD, das von keinem Spektrum erwartet und von vielerlei Ressentiments gegen die Friedensbewegung begleitet worden war &#8211; was sich noch bei jedem Krieg in den 90er Jahren dadurch spiegelte, dass immer danach gefragt wurde, wo denn jetzt die Friedensbewegung w\u00e4re. Die Autonomen\/Antiimps konnten nun ja wohl schlecht weiter von eurozentristischer Borniertheit sprechen und die linken AntizionismuskritikerInnen um die Zeitung &#8222;Konkret&#8220; &#8211; die wie viele andere Zeitungen diese Tendenz erst so richtig nach dem Zerfall des Staatssozialismus 1989 f\u00fcr sich als neue Legitimationsideologie entdeckte &#8211; \u00fcbersch\u00fctteten sie geradezu mit Hass und H\u00e4me. Wolfgang Pohrt stellte sich in jener legend\u00e4ren Kriegsbef\u00fcrwortungsnummer 3\/91 von &#8222;Konkret&#8220; vorbehaltlos auf die Seite der &#8222;BILD&#8220;-Zeitung und schlug den Gebrauch der israelischen Atombombe vor.<\/p>\n<p>Die emp\u00f6rten LeserInnenreaktionen &#8211; &#8222;Konkret&#8220; verlor in dieser Zeit \u00fcber 1000 AbonnentInnen -, die in einer separaten Brosch\u00fcre ver\u00f6ffentlicht wurden, dokumentierten jedoch auch antisemitische Tendenzen der LeserInnen. Bei den KriegsgegnerInnen wurde eine mangelnde Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Bedrohung Israels durch die irakischen Scud-Raketen wahrgenommen, bei der lange nicht klar war, ob Husseins Ank\u00fcndigung, sie seien mit Giftgas ausger\u00fcstet, denn stimmen w\u00fcrde. Auch die Tatsache, dass die Antikriegsbewegung wie selbstverst\u00e4ndlich Koalitionen mit antiimperialistischen Gruppen einging, f\u00fchrte zur Verbreitung von Antisemitismen, wie ein Skandal um eine Radiosendung von Radio Dreyeckland in Freiburg bewies, bei der ein Rechter seine Thesen vom Befreiungsnationalismus der arabischen V\u00f6lker in einer Antiimp-Sendung vortragen konnte. Auch die Diskussion um die ungl\u00fcckselige \u00c4u\u00dferung des Gr\u00fcnen-Abgeordneten Str\u00f6bele, die irakischen Raketenangriffe auf Israel seien die &#8222;logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels&#8220; ((16)) enthielt vereinzelt antisemitische Beikl\u00e4nge.<\/p>\n<p>Insgesamt muss jedoch gesagt werden, dass die antisemitischen Tendenzen in der Antikriegsbewegung 1991 von der Qualit\u00e4t her in keiner Weise mit dem Libanon-Feldzug verglichen werden k\u00f6nnen &#8211; der Lernprozess hatte also durchaus auch etwas bewirkt. Und leider wurde die Position der linken KritikerInnen des Antisemitismus dadurch entlegitimiert, dass nahezu durchg\u00e4ngig alle KritikerInnen, von Biermann bis Pohrt, gleichzeitig die Bombardements auf den Irak verteidigten und damit eine kriegsbef\u00fcrwortende Position einnahmen ((17)). Dagegen stand die Position der Friedensbewegung, die sich gegen die ideologische Gleichsetzung von Hussein mit Hitler &#8211; auch mit der Konnotation: die irakische Bev\u00f6lkerung sei nicht f\u00e4hig, sich selbst zu wehren und k\u00f6nne daher nur von au\u00dfen befreit werden (so z.B. Hans Magnus Enzensberger) &#8211; aussprach, gerade in der Tradition der Kritik des linken Antisemitismus, der sich ja in seiner Geschichte vor allem durch deplazierte Vergleiche mit dem Nationalsozialismus durchgesetzt hatte.<\/p>\n<p>In vielen linken Zusammenh\u00e4ngen ging der Streit quer durch die eigenen Reihen. In der Zeitung des &#8222;Sozialistischen B\u00fcros&#8220;, der &#8222;Links&#8220;, zum Beispiel standen sich Kriegsbef\u00fcrworter (Brumlik, Claussen) und Gegner (Joachim Hirsch) gegen\u00fcber und konnten danach schlie\u00dflich nicht mehr zusammenarbeiten &#8211; m.E. ein wesentlicher Grund f\u00fcr den Niedergang und die sp\u00e4tere Einstellung der &#8222;Links&#8220;. Dabei wurde die Diskussion unter den Labeln &#8222;Bellizisten versus Pazifisten&#8220; gef\u00fchrt &#8211; eine ganz falsche Gegen\u00fcberstellung, denn der Begriff des Bellizismus wirkt verharmlosend (im Vergleich etwa zu bisher verwendeten Begriffen wie &#8222;Kriegstreiber&#8220;) und der Begriff des Pazifismus suggerierte gleichzeitig die nahezu naturgegebene Ohnmacht der Antikriegsposition &#8211; der das massenhafte Auftreten der Friedensbewegung gerade widersprach, das mitverantwortlich daf\u00fcr war, dass der damals schon geplante Bundeswehrkampfeinsatz \u00fcber die T\u00fcrkei noch einmal verschoben werden musste.<\/p>\n<p>Micha Brumlik, damals bereits Gr\u00fcnen-Politiker, machte der Friedensbewegung besonders bei der Frage ihrer Nichtzustimmung zur Lieferung von Patriot-Abwehrraketen an Israel den Vorwurf der Unsensibilit\u00e4t und des Antisemitismus. Und hier kann auch einmal auf die eigene Geschichte eingegangen werden, denn auch die &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; sprach sich gegen die Patriot-Lieferung aus und einzelne gewaltfreie Aktionsgruppen blockierten auch immer wieder die Frankfurter US-Airbase, von der aus u.a. auch Patriot an Israel geliefert worden sind. Der Vorwurf Brumliks h\u00e4tte &#8211; was uns betrifft &#8211; sicherlich gestimmt, wenn die Voraussetzungen, die er annahm, ebenfalls gestimmt h\u00e4tten, wenn n\u00e4mlich die Patriot-Systeme tats\u00e4chlich reine Verteidigungswaffen gewesen w\u00e4ren und zudem wirksam eingesetzt h\u00e4tten werden k\u00f6nnen. Brumlik und viele Antisemitismus-KritikerInnen waren jedoch antimilitaristisch viel zu unwissend, um nachvollziehen zu k\u00f6nnen, dass die Patriot-Systeme in der Praxis nicht nur leicht zu Angriffswaffen umger\u00fcstet werden konnten, sondern vor allem, dass sie in ihrer Funktion als Verteidigungswaffen einmal mehr einen waffentechnologischen Mythos darstellten und also f\u00fcr Israel selbst mehr zur Bedrohung denn zur Sicherheit beitrugen. Wenn AntimilitaristInnen dies wissen und die Lieferung aus diesen Gr\u00fcnden ablehnten, dann geht der Antisemitismus-Vorwurf gegen sie ins Leere. Und die Praxis des Krieges hat dann die Vorbehalte der Patriot-GegnerInnen nur allzu sehr best\u00e4tigt:<\/p>\n<p>&#8222;Von den \u00fcber 80 Scuds, die Saddam gegen Israel und Saudi-Arabien abschie\u00dfen lie\u00df, seien 50 angegriffen und 49 getroffen worden, berichteten stolz die Milit\u00e4rs. Dazu sind nach Expertenmeinung etwa 160 Patriots (St\u00fcckpreis: 1,3 Millionen Dollar) abgefeuert worden, die genau Zahl h\u00e4lt das Pentagon noch immer geheim. Die meisten dieser Antiraketen-Raketen h\u00e4tten sich w\u00e4hrend der vergeblichen Suche nach ihrem Ziel selbst zerst\u00f6rt, berichtete jetzt William Safire in der &#8218;New York Times&#8216;, und nicht einmal die Treffer waren ann\u00e4hernd so erfolgreich, wie Raketenabwehrfreunde und SDI-F\u00f6rderer glauben machen wollen: Die meisten Killer trafen nur den unf\u00f6rmigen Scud-Rumpf, zerst\u00f6rten aber nicht den mit mehreren hundert Kilo Sprengstoff gef\u00fcllten Kopf der Rakete. Der explodierte dann doch noch am Boden. Da die ungenauen Scuds nur gegen ausgedehnte Fl\u00e4chenziele gerichtet werden k\u00f6nnen, war oft nicht einmal hilfreich, da\u00df der Sprengkopf gelegentlich durch Patriot-Treffer abgelenkt wurde: Eine Scud traf nach dem Zusammenprall mit einer Patriot ein US-Lagerhaus in Saudi-Arabien und t\u00f6tete 28 GIs &#8211; es war der verheerendste Scud-Treffer des ganzen Krieges.&#8220; ((18))<\/p>\n<p>Hier zeigt sich die ganze Fatalit\u00e4t einer verqueren Diskussion, in welcher Antisemitismus-Kritiker, von antimilitaristischen Kenntnissen unbeleckt, AntimilitaristInnen per se antisemitische Positionen vorwerfen konnten. Gerade in unseren Zusammenh\u00e4ngen war jedoch die Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber der von Giftgas bedrohten israelischen Bev\u00f6lkerung von Anfang des Krieges an zumindest teilweise vorhanden. Als wir zu Bombardementsbeginn die gro\u00dfe Massenblockade mit Demo von dann insgesamt 10.000 Menschen vor der Frankfurter Air-Base federf\u00fchrend durchf\u00fchrten, luden wir als Redner auch einen Vertreter des deutsch-israelischen Arbeitskreises ein, der die \u00c4ngste der israelischen Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber den DemoteilnehmerInnen vermittelte. Diesen Redebeitrag konnten wir im Demob\u00fcndnis gegen den erkl\u00e4rten Widerspruch anderer B\u00fcndnispartnerInnen durchsetzen, weil er uns so wichtig war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der antiimperialistische Antizionismus innerhalb der deutschen Linken, der sich insbesondere nach der antizionistischen Wende im Verh\u00e4ltnis zu Israel nach 1967 breit gemacht hatte ((1)), fand erst zu Beginn der 80er Jahre, genauer im Sommer 1982 zu seinem H\u00f6hepunkt. Israel hatte in den Libanon interveniert mit der Begr\u00fcndung, die nordisraelischen Siedlungen vor Anschl\u00e4gen der PLO zu &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/vom-libanon-bis-zum-golfkrieg\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Vom Libanon bis zum Golfkrieg - graswurzelrevolution","description":"Der antiimperialistische Antizionismus innerhalb der deutschen Linken, der sich insbesondere nach der antizionistischen Wende im Verh\u00e4ltnis zu Israel nach 1967"},"footnotes":""},"categories":[256,1033],"tags":[],"class_list":["post-3946","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-258-april-2001","category-so-viele-farben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3946","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3946"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3946\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3946"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3946"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3946"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}