{"id":3950,"date":"2001-04-01T00:00:49","date_gmt":"2001-03-31T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3950"},"modified":"2012-02-17T22:34:46","modified_gmt":"2012-02-17T20:34:46","slug":"artgerecht-ist-nur-die-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/04\/artgerecht-ist-nur-die-freiheit\/","title":{"rendered":"(Art)gerecht ist nur die Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend in der Mitte der 90er Jahre in anarchistischen und                 linksradikalen Zusammenh&auml;ngen und Zentren Auseinandersetzungen                 &uuml;ber Veganismus gef&uuml;hrt wurden, ist es heute um die                 vegane Bewegung innerhalb linksradikaler Zusammenh&auml;nge still                 geworden. Im Focus Verlag ist nun ein Buch erschienen, das sich                 mit Geschichte, Theorie und Hintergr&uuml;nden der veganen Bewegung                 auseinandersetzt. Bevor Bernd-Udo Rinas auf die aktuelle vegane                 Bewegung eingeht, stellt er zun&auml;chst die historischen Entwicklungen                 und Traditionen anhand von verschiedenen Weltreligionen (Hinduismus,                 Judaismus, Christentum u.a.) und philosophischen Str&ouml;mungen                 von der Antike bis in die Neuzeit dar.<\/p>\n<p>Ein Philosoph der Neuzeit, der sich mit den Rechten von Tieren                 auseinandersetzte, war Arthur Schopenhauer (1788-1860):<\/p>\n<p>&#8222;Die vermeintliche Rechtlosigkeit der Tiere, der Wahn, da&szlig;                 unser Handeln gegen sie ohne moralische Bedeutung sei, da&szlig;                 es gegen die Tiere keine Pflichten g&auml;be, ist geradezu eine                 emp&ouml;rende Roheit und Barbarei. Erst wenn jene einfache und                 &uuml;ber alle Zweifel erhabene Wahrheit, da&szlig; Tiere in der                 Hauptsache und im wesentlichen dasselbe sind wie wir, ins Volk                 gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht als rechtlose Wesen                 dastehen.&#8220; (S. 50f)<\/p>\n<p>Schopenhauer weitet die Verantwortung des Menschen aus, sie geht                 &uuml;ber den Menschen hinaus, bezieht die Tierwelt mit ein und                 verlangt keine Gegenseitigkeit.<\/p>\n<p>Leonard Nelson (1882-1927) &#8211; Mitglied des &#8222;Internationalen Sozialistischen                 Kampfbundes&#8220; (ISK) 1925-1945 &#8211; verband den Einsatz f&uuml;r die                 Rechte der Tiere und die vegetarische Ern&auml;hrungsweise mit                 der Entwicklung eines &#8222;ethischen und nicht-marxistischen Sozialismus.&#8220;                 (S. 56) Er schrieb dazu:<\/p>\n<p>&#8222;Ein Arbeiter, der nicht nur ein verhinderter Kapitalist sein                 will und dem es also Ernst ist im Kampf gegen jede Ausbeutung,                 der beugt sich nicht der ver&auml;chtlichen Gewohnheit, harmlose                 Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem t&auml;glichen                 millionenfachen Tiermord. (&#8230;) Entweder man will gegen die Ausbeutung                 k&auml;mpfen, oder man l&auml;&szlig;t es.&#8220; (S. 56)<\/p>\n<p>Wer gegen die Ausbeutung der ArbeiterInnen ist, muss auch gegen                 die Ausbeutung von Tieren sein. Nelson betrachtet das Mensch\/Tier-Verh&auml;ltnis                 als ein Ausbeutungsverh&auml;ltnis. Im Bezug auf Tiere greift                 Nelson auch auf den Begriff der &#8222;Person&#8220; zur&uuml;ck: Personen                 sind die Tr&auml;ger von Interesse und auch Tiere k&ouml;nnen                 Personen sein. Daraus resultiert, dass Pflichten gegen&uuml;ber                 Tieren bestehen, die &#8222;direkte Pflichten sind und sich nicht aus                 Pflichten gegen den Menschen ableiten.&#8220; (S. 57)<\/p>\n<p>Die aktuelle Entwicklung einer veganen Bewegung sieht Rinas im                 Lichte einer sich entwickelnden nicht-anthropozentrischen Ethik.                 Innerhalb dieser neuen Ethik geht es u.a. um den Wandel des Mensch-Natur-Verh&auml;ltnisses.                 Innerhalb des Anthropozentrismus geht es beim Schutz der Natur                 in erster Linie um den Schutz der (&Uuml;ber-)Lebensbedingungen                 der Menschen:<\/p>\n<p>&#8222;Geht es der Natur schlecht, geht es dem Menschen schlecht. Demgegen&uuml;ber                 wird die Natur dort gesch&uuml;tzt, wo es dem Menschen n&uuml;tzlich                 erscheint. Dort, wo der Mensch in der Verwertung der Natur keine                 Verwertung findet, f&auml;llt sie aus seinem Blick. Dies beinhaltet                 die Verabsolutierung des Menschen, da er zum Ma&szlig; aller Dinge                 erh&ouml;ht wird.&#8220; (S. 60)<\/p>\n<p>Durch die Entwicklung einer nicht-anthropozentrischen Ethik soll                 &#8222;eine radikal neue Bezugsebene mit der Natur hergestellt&#8220; (S.                 61) werden, durch diesen Wandel soll eine drohende &ouml;kologische                 Katastrophe abgewendet werden, denn die Umweltkrise sei nur zu                 &uuml;berwinden, wenn auch der Anthropozentrismus &uuml;berwunden                 werde. Die Natur und die tierischen Lebewesen bekommen einen vom                 Menschen unabh&auml;ngigen Wert, und sie haben Rechte, f&uuml;r                 die eingetreten werden kann. In der &#8222;veganen Revolution&#8220; geht                 es deshalb auch um die Befreiung von Mensch und Tier.<\/p>\n<p>Das Verh&auml;ltnis Mensch\/Tier und Mensch\/Natur wird als ein                 Unterdr&uuml;ckungs- und Ausbeutungsverh&auml;ltnis wahrgenommen                 und interpretiert. In der theoretischen Grundlage der veganen                 Bewegung hei&szlig;t dies, dass der Triple-Oppression-Ansatz (Kapitalismus,                 Rassismus, Patriarchat) zum Unity-of-Oppression-Ansatz ausgeweitet                 wird. Von den &#8222;Radikalen Antipatriarchalen TierrechtlerInnen&#8220;                 wurde u.a. kritisiert, dass der Triple-Oppression-Ansatz die Tierunterdr&uuml;ckung                 ausklammert. Daneben werden auch einige andere spezifische Formen                 der Unterdr&uuml;ckung von Menschen durch Menschen eingef&uuml;hrt:                 &#8222;Ageismus&#8220; (Unterdr&uuml;ckung aufgrund des Alters), &#8222;Lookismus&#8220;                 (Unterdr&uuml;ckung aufgrund des Aussehens), &#8222;Bodyismus&#8220; (Unterdr&uuml;ckung                 von Behinderten) und &#8222;Ableismus&#8220; (Unterdr&uuml;ckung aufgrund                 von Nicht-F&auml;higkeiten). Unter &#8222;Speziesismus&#8220; wird die Unterdr&uuml;ckung                 einer Spezies\/eines Lebewesens durch ein anderes verstanden.<\/p>\n<h3>Kritik<\/h3>\n<p>Zentral f&uuml;r den Veganismus ist die Frage nach dem Verh&auml;ltnis                 Mensch\/Natur und Mensch\/Tier. Beide werden als ein Ausbeutungs-                 und Unterdr&uuml;ckungsverh&auml;ltnis wahrgenommen. Da stellt                 sich die Frage, ob Tiere und Natur ausgebeutet und unterdr&uuml;ckt                 werden k&ouml;nnen? Diese Frage ist interessant f&uuml;r eine                 anarchistische Theorie und Praxis. Rolf Cantzen beantwortet die                 Frage f&uuml;r sich folgenderma&szlig;en:<\/p>\n<p>&#8222;Die Herrschaft des Menschen &uuml;ber die Natur sei moralisch                 verwerflich und Herrschaftslosigkeit sei das gebotene Verh&auml;ltnis                 von Mensch und Natur.&#8220; (S. 131)<\/p>\n<p>Hier wird der Mensch au&szlig;erhalb der Natur stehend konstituiert.                 Bakunin sagt aber zurecht, dass die Natur &#8222;auf sich selbst einwirkt,                 wenn der Mensch auf die Natur einwirkt.&#8220; (Bakunin zit. nach Wim                 van Dooren: Bakunin zur Einf&uuml;hrung, Hamburg 1985, S. 33)                 Der Mensch kann die Lebensbedingungen von Menschen, Tieren und                 Pflanzen zerst&ouml;ren, nicht aber die Natur. Der Mensch kann                 nicht gegen die Natur oder gegen die Naturgesetze handeln. Das                 hei&szlig;t aber nicht, dass jedes m&ouml;gliche Handeln richtig                 ist: da sollte eine anarchistische Ethik einsetzen.<\/p>\n<p>Natur kann nicht unterdr&uuml;ckt und im Sinne eines &ouml;konomischen                 Verh&auml;ltnisses auch nicht ausgebeutet werden, aber wie verh&auml;lt                 es sich mit Tieren? Haben Tiere eine Vorstellung von Freiheit,                 k&ouml;nnen sie Widerstand leisten, die Verh&auml;ltnisse &auml;ndern?                 Schon Leonard Nelson erkannte:<\/p>\n<p>&#8222;Es ist der untr&uuml;glichste Ma&szlig;stab f&uuml;r die Rechtlichkeit                 des Geistes einer Gesellschaft, wie weit sie die Rechte der Tiere                 anerkennt. Denn w&auml;hrend die Menschen sich n&ouml;tigenfalls,                 wo sie als einzelne zu schwach sind, um ihre Rechte wahrzunehmen,                 durch Koalition, vermittelst der Sprache, zu allm&auml;hlicher                 Erzwingung ihrer Rechte zusammenschlie&szlig;en, ist die M&ouml;glichkeit                 solcher Selbsthilfe den Tieren versagt, und es bleibt daher allein                 der Gerechtigkeit des Menschen &uuml;berlassen, wie weit diese                 von sich aus die Rechte der Tiere achten wollen.&#8220; (S. 56)<\/p>\n<p>Das vegane Verh&auml;ltnis zu Tieren ist meiner Meinung nach                 von einem Paternalismus gepr&auml;gt, der eher an klassischen                 Liberalismus als an Anarchismus erinnert. Hat sich im 19. Jahrhundert                 der paternalistische Unternehmer um seine ArbeiterInnen und deren                 Familien gek&uuml;mmert, setzen sich ganz paternalistisch TierrechtlerInnen                 f&uuml;r die &#8222;Rechte&#8220; von Tieren ein. Solidarisch und gegenseitig                 kann das Verh&auml;ltnis zwischen Mensch und Tier meiner Meinung                 nach aber nicht sein. Unabh&auml;ngig von dem Verh&auml;ltnis                 Mensch\/Tier sind die meisten Menschen nicht auf den Verzehr von                 Fleisch und der Nutzung anderer tierischer Produkte angewiesen,                 um leben zu k&ouml;nnen. Die Entscheidung trifft der Mensch, damit                 bleibt seine Ethik meines Erachtens immer anthropozentrisch.<\/p>\n<p>Der klassische Anarchismus von Bakunin, Kropotkin bis heute zu                 Bookchin ist ein Anarchismus der Moderne und der Aufkl&auml;rung                 nicht nur mit seinen Begriffen von Vernunft und Rationalit&auml;t                 verpflichtet, sondern auch dem anthropozentrischen Denken. Ob                 ein nicht-anthropozentrischer Anarchismus denkbar ist, und welche                 Art von Freiheit ihm zu Grunde liegt, ist bis heute noch nicht                 zufriedenstellend ausformuliert worden. Wie sieht die gegenseitige                 Hilfe zwischen Mensch und Tier aus? Oder was wird aus der freiwilligen                 Vereinbarung und Assoziation? Fragen, die auch Rinas in seinem                 Buch noch nicht beantworten konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend in der Mitte der 90er Jahre in anarchistischen und linksradikalen Zusammenh&auml;ngen und Zentren Auseinandersetzungen &uuml;ber Veganismus gef&uuml;hrt wurden, ist es heute um die vegane Bewegung innerhalb linksradikaler Zusammenh&auml;nge still geworden. Im Focus Verlag ist nun ein Buch erschienen, das sich mit Geschichte, Theorie und Hintergr&uuml;nden der veganen Bewegung auseinandersetzt. 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