{"id":3977,"date":"2001-05-01T00:00:49","date_gmt":"2001-04-30T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3977"},"modified":"2022-07-26T13:11:52","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:52","slug":"uber-den-castor-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/05\/uber-den-castor-hinaus\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Castor hinaus"},"content":{"rendered":"<p>Nicht darauf kommt es an, wer die Regierung stellt, sondern darauf, wer die gesellschaftliche Opposition auf der Stra\u00dfe dominiert &#8211; so lautet das libert\u00e4re Credo frei nach der kulturhegemonialistischen Theorie Antonio Gramscis. Als in den siebziger Jahren die SPD unter Brandt an die Macht kam, sorgten die Frauenbewegung und die Anti-AKW-Bewegung daf\u00fcr, dass die auf den Stra\u00dfen erkennbare gesellschaftliche Opposition links bis libert\u00e4r blieb, was angesichts von damals 4,5 Prozent Stimmen f\u00fcr die NPD beileibe keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit war. Die CDU wurde als wirkungslose Oppositionspartei in den Parlamenten blo\u00dfgestellt, als Attrappe des Systems, die keine wirklich gesellschaftliche Opposition verk\u00f6rperte. Als sie dann in den achtziger Jahren an die Macht kam und die Politik der SPD\/FDP fortsetzte, waren es zun\u00e4chst die Friedensbewegung und dann der WAA-Widerstand, die weiter daf\u00fcr sorgten, dass die wahrnehmbare, die tats\u00e4chliche gesellschaftliche Opposition links\/libert\u00e4r sowohl von der Regierung wie auch von der parlamentarischen Opposition blieb. Diesem Umstand ist es m.E. zuallererst zu verdanken, dass sich in den siebziger und achtziger Jahren in Westdeutschland trotz aller Versuche keine rechtsextreme Partei in den Parlamenten und keine rechtsextreme Bewegung auf den Stra\u00dfen etablieren konnte. Die unabh\u00e4ngige Linke agierte, griff Staat und Gesellschaft praktisch wie ideologisch immer wieder an &#8211; und der verdatterten extremen Rechten blieb immer nur \u00fcbrig, zu reagieren. Sie bekamen dadurch kein Bein auf den Boden der Stra\u00dfe. Die \u00d6kologie &#8211; im Grunde ein ideologisches Einfallstor f\u00fcr rechtsextremes Gedankengut &#8211; wurde von einer au\u00dferparlamentarischen, unabh\u00e4ngigen Linken ideologisch besetzt und der extremen Rechten als populistische Profilierungsm\u00f6glichkeit weggenommen. So wird\u2019s gemacht und diese Strategie muss wieder Vorbild werden!<\/p>\n<p>In den fr\u00fchen neunziger Jahren \u00e4nderte sich die Situation. Die staatliche Asyldiskussion und der weltmachtpolitische Taumel nach der Wiedervereinigung schlugen eine Bresche in die linke und libert\u00e4re gesellschaftliche Opposition, die schw\u00e4chelte oder im Bem\u00fchen um Verteidigungsstrategien gegen Neofaschismus und Rassismus ihre eigenen gesellschaftlichen Utopien verga\u00df. Nun besetzten die Rechtsextremen die Stra\u00dfe und das Bild drehte sich: Woche f\u00fcr Woche bestimmten die Rechtsextremen Orte und Zeitpunkte der direkten Aktion und die antifaschistische Linke mu\u00dfte reagieren. Das gesamte politische System verschob sich nach rechts. Und die SPD-Gr\u00fcnen-Regierung setzte die innenpolitische und au\u00dfenpolitische Linie der CDU-FDP-Regierung im gesamtrassistischen Rahmen fort. Gelegentliche Aufwallungen des Castor-Widerstands konnten diesen Eindruck nicht grundlegend \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der jetzige Castor-Widerstand ist gewi\u00df nicht mit der Massenbewegung in den siebziger und achtziger Jahren zu vergleichen, dennoch birgt er eine Hoffnung. Diejenige n\u00e4mlich, dass er, wenn er sich denn halten und verst\u00e4rken k\u00f6nnte, sich selbst nicht nur als Anti-AKW-Bewegung versteht, sondern als gesellschaftliche Opposition links, libert\u00e4r und jenseits von rot-gr\u00fcn, als eine Opposition, die links von rot-gr\u00fcn das Geschehen auf der Stra\u00dfe neu bestimmen will. Schon im Wendland zeigte sich, wie unsicher die Rechtsextremen darauf reagieren. Erst wollten sie selbst beim Castor-Widerstand mitmachen, weil sie ihre deutsche Volksgesundheitsideologie darin propagieren wollten. Und als sie merkten, dass das nicht durchkommen konnte, riefen sie zu Gegenkundgebungen gegen das linke Gesocks auf oder fuhren schon mal in Verzweiflung mit dem Auto DemonstrantInnen an. Diese Panikreaktionen zeigen, dass sie dies am meisten f\u00fcrchten: eine Bewegung links von SPD-Gr\u00fcnen, die ihnen das Geschehen auf der Stra\u00dfe aus der Hand nehmen k\u00f6nnte, die das, was gesellschaftliche Opposition hei\u00dft, \u00f6ffentlichkeitswirksam besetzen k\u00f6nnte. Um dieser Perspektive zum Durchbruch zu verhelfen, muss alles getan werden, um die staatlichen Versuche zu durchkreuzen, diese Castor-Bewegung als terroristisch zu diffamieren. Wenn es gelingt, durch den offensiv gewaltfreien Charakter dieser Bewegung die staatliche Terrordiffamierung ad absurdum zu f\u00fchren, wird die Opposition als gesellschaftliche jenseits von rot-gr\u00fcn sich etablieren k\u00f6nnen. Und auf diese Weise kann der rechtsextreme Populismus \u00f6ffentlichkeitswirksam zur\u00fcck gedr\u00e4ngt werden. Der beste antifaschistische Widerstand ist der offensive Angriff auf den Staat und dessen Politik, ist die Besetzung von Themen links von rot-gr\u00fcn, ist gesellschaftskritisch zu agieren anstatt immer nur zu verteidigen (ja, was eigentlich, diese Demokratie?) und zu reagieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht darauf kommt es an, wer die Regierung stellt, sondern darauf, wer die gesellschaftliche Opposition auf der Stra\u00dfe dominiert &#8211; so lautet das libert\u00e4re Credo frei nach der kulturhegemonialistischen Theorie Antonio Gramscis. 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