{"id":3979,"date":"2001-05-01T00:00:18","date_gmt":"2001-04-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3979"},"modified":"2022-07-26T14:26:22","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:22","slug":"israelische-friedensbewegung-auf-neuen-wegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/05\/israelische-friedensbewegung-auf-neuen-wegen\/","title":{"rendered":"Israelische Friedensbewegung auf neuen Wegen"},"content":{"rendered":"<p>In Bussen und Privatautos waren die AktivistInnen an diesem Freitag                 morgen aus allen Teilen des Landes angereist. Sie folgten einem                 Aufruf von Gush Shalom, Rabbis for Human Rights (Rabbiner f&uuml;r                 Menschenrechte), ICAHD (Israelisches Komitee gegen die Zerst&ouml;rung                 von H&auml;usern), der neuen Women&#8217;s Coalition for a Just Peace                 (Frauen-Koalition f&uuml;r einen gerechten Frieden) und vielen                 kleineren Gruppen.<\/p>\n<p>Pr&auml;sent waren auch das Christian Peace Maker Team &#8211; Nordamerikanische                 PazifistInnen, die in Hebron arbeiten &#8211; und eine Gruppe junger                 deutscher Peaceniks.<\/p>\n<p>Die &ouml;rtliche Tankstelle, zu der den Pal&auml;stinenserInnen                 durch die Sperrung der Zugang verweigert wird, war der Treffpunkt                 der Gruppen. Von dort gingen sie auf die Barrikade zu &#8211; mit Schaufeln                 und mit Transparenten, auf denen in hebr&auml;ischer und arabischer                 Sprache stand: &#8222;Gemeinsam werden wir die Sperren &uuml;berwinden&#8220;.                 Die Aktion war &ouml;ffentlich angek&uuml;ndigt worden, und so                 war es keine &Uuml;berraschung, dass Polizei und Milit&auml;r                 die AktivistInnen bereits erwarteten. Aber es kam zu weniger Schwierigkeiten                 als erwartet: nur ein einzelner Jeep war auf der Stra&szlig;e                 quer gestellt und konnte leicht umgangen werden.<\/p>\n<p>Mit dem Veteranen Uri Averny von Gush Shalom und Knesset-Mitglied                 Tamar Gozanski im Begleitfahrzeug erreichten die ca. 200 AktivistInnen                 nach einem kurzen Marsch den Gegenstand ihres Protestes: Zwei                 Erdh&uuml;gel auf der Zufahrtsstra&szlig;e nach Rantis, etwas                 hundert Meter voneinander entfernt, und neben jedem H&uuml;gel                 ein Graben in der Asphaltstra&szlig;e.<\/p>\n<p>Seit Monaten schon ist es unm&ouml;glich gewesen, mit Autos diese                 Stra&szlig;e zu passieren, die bis dahin die wichtigste Verkehrsverbindung                 f&uuml;r die 3000 EinwohnerInnen von Rantis war. Irgendwo in der                 N&auml;he starb Taysir Isma&#8217;il Aldhabi &#8211; ein 37 Jahre alter Dorfbewohner,                 der in einem Notfall nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht                 werden konnte.<\/p>\n<p>Sobald sie die Erdh&uuml;gel erreichten, stie&szlig;en die AktivistInnen                 ihre Schaufeln in die Erde und begannen mit der Arbeit. W&auml;hrend                 die irdenen Barrieren kleiner wurden, erschienen von der anderen                 Seite her DorfbewohnerInnen. Sie hie&szlig;en die AktivistInnen                 willkommen, boten ihnen kalte Getr&auml;nke an, und einige &uuml;bernahmen                 die Transparente von Gush Shalom, die die israelische und pal&auml;stinensische                 Flagge zeigen.<\/p>\n<p>Polizei und Armee waren dem Marsch zun&auml;chst nur gefolgt,                 ohne sich einzumischen. Aber nachdem die Arbeit an den Barrikaden                 etwa 10 Minuten fortgeschritten war, verlangte der Einsatzleiter                 der Polizei: &#8222;Sie m&uuml;ssen damit aufh&ouml;ren. Diese Barriere                 ist von der Armee errichtet worden und durch die Regierung autorisiert.&#8220;                 &#8211; &#8222;Das ist genau der Grund, warum wir diese Barriere zerst&ouml;ren                 werden. Sie repr&auml;sentiert eine brutale und inhumane Regierungspolitik,                 eine Politik, die einem Kriegsverbrechen sehr Nahe kommt,&#8220; antwortete                 Uri Averny.<\/p>\n<p>Die Polizei begann daraufhin, die Schaufeln zu beschlagnahmen.                 Die AktivistInnen leisteten passiven Widerstand, indem sie nicht                 loslie&szlig;en und sich mit den Schaufeln zusammen in den wartenden                 Polizeibus schleifen lie&szlig;en. Vier von ihnen wurden festgenommen.                 Sprechch&ouml;re wurden laut: &#8222;Dies ist ein Polizeistaat&#8220;, &#8222;Nieder                 mit der Besetzung&#8220;, und &#8222;Sperrung ist ein Kriegsverbrechen&#8220;. Dann                 setzten die AktivistInnen ihre Arbeit fort &#8211; mit blo&szlig;en                 H&auml;nden.<\/p>\n<p>Es zeigte sich, dass 200 Paar H&auml;nde in wenigen Stunden eine                 ganze Menge Erde bewegen k&ouml;nnen. Die H&uuml;gel wurden abgetragen,                 und die Gr&auml;ben mit Erde und Steinen gef&uuml;llt. Polizei                 und Armee h&auml;tten das nur aufhalten k&ouml;nnen, wenn sie                 alle TeilnehmerInnen festgenommen h&auml;tten. Da sie das dann                 wohl doch nicht tun wollten, standen sie einfach herum &#8211; und einige                 von ihnen, besonders die Wehrpflichtigen in ihren blauen M&uuml;tzen,                 waren nicht unfreundlich.<\/p>\n<p>Die BewohnerInnen von Rantis berichteten von den verzweifelten                 Bedingungen, in denen sie seit Beginn der Belagerung leben. Von                 denen, die sonst den Lebensunterhalt f&uuml;r ihre Familien verdienten,                 haben 90 % in Israel gearbeitet. Sie alle k&ouml;nnen ihre Arbeitspl&auml;tze                 jetzt nicht mehr erreichen und sind dadurch arbeitslos geworden.                 Die Olivenhaine, die zweite wichtige Einkommensquelle, k&ouml;nnen                 nicht mehr gepflegt und beerntet werden, da die Armee den Zugang                 zu ihnen verweigert.<\/p>\n<p>Die Dorfklinik ist geschlossen, da der Arzt nicht mehr kommen                 kann. Da auch die meisten Lehrer nicht mehr ins Dorf kommen k&ouml;nnen,                 gibt es in der &ouml;rtlichen Schule nur an einigen Tagen der                 Woche Unterricht f&uuml;r einige Klassen. So tauchten dann auch                 ein paar der solcherma&szlig;en vom Schulunterricht ausgeschlossenen                 Kinder am Ort des Geschehens auf. Begeistert halfen sie, den Graben                 mit Steinen zu f&uuml;llen. Im Vorfeld war vereinbart worden,                 dass Erwachsene Pal&auml;stinenserInnen sich nicht an der Arbeit                 beteiligen sollten. Das Risiko w&auml;re f&uuml;r sie immens gewesen                 &#8211; in einigen D&ouml;rfern der Westbank sind Menschen zu Tode gekommen,                 weil sie sich an Barrieren dieser Art zu schaffen gemacht haben.<\/p>\n<p>Mittlerweile waren israelische SiedlerInnen aus dem nahen Ofarim                 aufgetaucht, die die &#8222;linken Araberfreunde&#8220; beschimpften und denen                 in &auml;hnlicher Weise geantwortet wurde. &#8222;Sie kommen jeden Tag                 und machen uns &Auml;rger. Sie errichten eigene Stra&szlig;ensperren,                 zus&auml;tzlich zu denen der Armee&#8220;, berichtete ein Bewohner von                 Rantis.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich war die Stra&szlig;e offen &#8211; die Stra&szlig;endecke                 war nicht besonders eben, aber definitiv f&uuml;r Autos passierbar.                 Nach einer kurzen Kundgebung stiegen die Israelis wieder in ihre                 Busse und Autos. Die vier Festgenommenen kehrten von der Polizeistation                 zur&uuml;ck, und &uuml;berraschenderweise gab die Polizei sogar                 die beschlagnahmten Schaufeln zur&uuml;ck. Die AktivistInnen verlie&szlig;en                 den Ort in guter Stimmung &#8211; wenn sie auch Sorge hatten, wie sich                 die Armee nach ihrer Abreise verhalten w&uuml;rde.<\/p>\n<p>F&uuml;r wenige Stunden war das Dorf tats&auml;chlich vom Belagerungszustand                 befreit. Aber am sp&auml;ten Nachmittag verbarrikadierte die Armee                 die Stra&szlig;e aufs neue, diesmal mit Betonbl&ouml;cken. Der                 Lastwagen, der die Betonbl&ouml;cke brachte, richtete in einem                 nahen Feld gro&szlig;en Schaden an &#8211; es geh&ouml;rte Pal&auml;stinenserInnen.                 Ein Dorfbewohner, der verwegen genug war, die zeitweise &Ouml;ffnung                 der Stra&szlig;e zu nutzen, um mit seinem Auto den kurzen Weg                 zur Tankstelle zu fahren, wurde von Soldaten verpr&uuml;gelt;                 die Scheiben seines Autos wurden eingeschlagen.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich wussten wir, dass die Armee zur&uuml;ckkommen                 w&uuml;rde &#8211; aber auch wir werden zur&uuml;ck kommen. Nach Rantis                 und in andere belagerte D&ouml;rfer und St&auml;dte. Die israelische                 Friedensbewegung hat sich auf einen neuen Weg begeben. Wir beschr&auml;nken                 uns nicht mehr darauf, unseren Protest und unsere Opposition mit                 Demonstrationen zum Ausdruck zu bringen. Wir widerstehen der Ungerechtigkeit                 aktiv vor Ort und bek&auml;mpfen das Besatzungsrecht, das einen                 klaren Versto&szlig; gegen internationales Recht darstellt.<\/p>\n<p>Unser neuer Premierminister Ariel Sharon und sein Au&szlig;enminister,                 der ber&uuml;hmte Friedensnobelpreistr&auml;ger Shimon Perez,                 rufen nach einem &#8222;Ende der Gewalt&#8220;. Wir schlie&szlig;en uns diesem                 einseitigen Ruf nicht an. Es ist ein Ruf, der sich einzig und                 allein an die schw&auml;chere Seite richtet. Die Pal&auml;stinenserInnen                 werden aufgefordert, ihren Widerstand gegen die Besetzung aufzugeben,                 w&auml;hrend die Gewalt der Besetzung und Belagerung jeden Tag                 fortgesetzt wird.<\/p>\n<p>Ganz sicher sollte es ein Ende der Gewalt geben &#8211; aber ein Ende                 aller Gewalt. Die Besetzung, die Belagerung und Sperrung, die                 Errichtung und Ausweitung von Siedlungen in der Westbank sind                 die Quelle und Wurzel der Gewalt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bussen und Privatautos waren die AktivistInnen an diesem Freitag morgen aus allen Teilen des Landes angereist. 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