{"id":4009,"date":"2001-05-01T00:00:03","date_gmt":"2001-04-30T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4009"},"modified":"2022-07-26T14:16:55","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:55","slug":"faulheit-und-arbeitsgluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/05\/faulheit-und-arbeitsgluck\/","title":{"rendered":"Faulheit und Arbeitsgl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Wenn der konjunkturelle Motor der kapitalistischen Wirtschaft, von der die Sozialdemokratie auf Gedeih und Verderb abh\u00e4ngig bleibt, auch nur zu stottern beginnt, wird sozialdemokratische Politik zum Vollzug des konservativen Credos: an den Wirtschaftskrisen sind nicht etwa die Wirtschaftskapit\u00e4ne und die herrschende Klasse schuld, sondern die &#8218;Sozialschmarotzer&#8216;, die &#8218;Faulen&#8216; und die &#8218;AbzockerInnen&#8216; des Sozialstaats. In der wirtschaftlichen Flaute wird die Sozialdemokratie nur gebraucht, um glaubw\u00fcrdiger die Notwendigkeit zu verk\u00fcnden, die man\/frau einem Helmut Kohl schon aufgrund seines K\u00f6rperumfangs wohl nicht mehr abgenommen hat: nun hei\u00dft&#8217;s, den G\u00fcrtel wieder enger schnallen, die fetten Jahre sind vorbei, Schulden dr\u00fccken und der Sozialstaat \u00e4chzt. Also, auf die Faulen mit Gebr\u00fcll!<\/p>\n<h3>Paul Lafargue&#8217;s &#8222;Recht auf Faulheit&#8220;<\/h3>\n<p>Einem Schr\u00f6der mu\u00df man\/frau einfach mit Paul Lafargue und seiner historischen, 1883 ver\u00f6ffentlichten, dabei ebenso aktuellen wie am\u00fcsant zu lesenden Schrift &#8222;Das Recht auf Faulheit&#8220; antworten ((1)):<\/p>\n<p>&#8222;Christus lehrt in der Bergpredigt die Faulheit: &#8218;Sehet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht, und doch sage ich Euch, da\u00df Salomo in all seiner Pracht nicht herrlicher gekleidet war.&#8216; Jehovah, der b\u00e4rtige und sauert\u00f6pfische Gott, gibt seinen Verehrern das erhabenste Beispiel idealer Faulheit: Nach sechs Tagen Arbeit ruht er auf alle Ewigkeit aus.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Die Arbeitssucht, die Lafargue schon am Ende des 19. Jahrhunderts scharf und witzig gei\u00dfelte, ist auch noch 100 Jahre sp\u00e4ter Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaft in den Metropolen. Die Sozialdemokratie bedachte in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts noch ganze Bundestagswahlkampagnen mit dem Slogan: &#8222;Arbeit, Arbeit, Arbeit!&#8220; Ein Slogan \u00fcbrigens, der bereits alles \u00fcber die Sauert\u00f6pfigkeit und soziale Phantasie dieser Partei aussagt. Schr\u00f6der will sein Amt am R\u00fcckgang der Arbeitslosenzahlen messen lassen und wird nat\u00fcrlich \u00e4rgerlich auf die Faulen, wenn sie jetzt keine Arbeit annehmen wollen und ihm die Statistik versauen. Es ist diese Arbeitssucht, deren Widersinn Lafargue so unnachahmlich veralberte:<\/p>\n<p>&#8222;Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller L\u00e4nder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, qu\u00e4lt die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten (nun sind&#8217;s schon drei, d.A.). Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Ersch\u00f6pfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht.&#8220; ((3)) Und: &#8222;Die National\u00f6konomen werden nicht m\u00fcde, den Arbeitern zuzurufen: Arbeitet, damit der Nationalreichtum wachse! (&#8230;) Dadurch, da\u00df die Arbeiter den tr\u00fcgerischen Redensarten der \u00d6konomen Glauben schenken und Leib und Seele dem Laster Arbeit ausliefern, st\u00fcrzen sie die ganze Gesellschaft in jene industriellen Krisen der \u00dcberproduktion, die den gesellschaftlichen Organismus in krankhafte Zuckungen versetzen. Bet\u00f6rt von dem Dogma der Arbeit sehen die Proletarier nicht ein, da\u00df die Mehrarbeit, der sie sich in der angeblich guten Gesch\u00e4ftszeit unterzogen haben, die Ursache ihres jetzigen Elends ist. (&#8230;) Statt in den Zeiten der Krisis eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor den T\u00fcren der Fabriken die K\u00f6pfe ein. (&#8230;) Wie an Waren, so herrscht auch \u00dcberflu\u00df an Kapitalien. Die Finanziers wissen nicht mehr, wo dieselben unterbringen; so machen sie sich denn auf, bei jenen gl\u00fccklichen V\u00f6lkern, die sich noch Zigaretten rauchend in der Sonne r\u00e4keln, Eisenbahnen zu bauen, Fabriken zu errichten und den Fluch der Arbeit zu importieren.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Und ist es nicht heute noch genauso? Auch wenn wir nicht mehr ganz so sicher sein k\u00f6nnen, ob Zigaretten zu rauchen unbedingt zum Gl\u00fcckszustand des Faulseins hinzuzuz\u00e4hlen w\u00e4re (das R\u00e4keln in der Sonne ist es aber allemal!), so verbl\u00fcfft doch die richtige Beschreibung, dass das Arbeitsethos in den kapitalistischen Metropolen auch heute viel h\u00f6her ist als in den L\u00e4ndern der sogenannten &#8222;Dritten Welt&#8220; und dass es dort erst sozusagen antrainiert werden muss. Wenn auch in einfacher Sprache, so ist in Lafargue&#8217;s Analyse doch schon der Zivilisierungs- und Disziplinierungsprozess der kapitalistischen Industrialisierung mitbedacht, den etwa Foucault und andere erst weit sp\u00e4ter beschrieben haben. Das ist insofern nicht zuf\u00e4llig, als Lafargue seine Kindheit auf Cuba verbrachte und von dort die volkst\u00fcmliche Weisheit mit nach Europa nahm: &#8222;Wenn Arbeit etwas Sch\u00f6nes und Erfreuliches w\u00e4re, dann h\u00e4tten die Reichen sie nicht den Armen \u00fcberlassen.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Lafargue berichtete, dass Arbeit in vorkapitalistischen Gesellschaften keineswegs eine auch nur ann\u00e4hernd mit kapitalistischen Gesellschaften vergleichbare Anerkennung erfahren habe. Von dieser Perspektive aus bek\u00e4mpfte er den Arbeitsmythos und die Forderung nach einem &#8218;Recht auf Arbeit&#8216; innerhalb der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung Europas und innerhalb der ArbeiterInnenparteien. Lafargue wandte sich vehement dagegen, dass die ArbeiterInnen mehr produzierten, als sie selbst konsumieren k\u00f6nnten. So gesehen meinte er schon zu seiner Zeit, mit einem Dreistundentag m\u00fcsse alles Notwendige f\u00fcr&#8217;s \u00dcberleben bei gleichm\u00e4ssiger Verteilung produziert werden k\u00f6nnen. Der Rest w\u00e4re Mu\u00dfe, Freizeit, Fest, Kreativit\u00e4t. Meist stie\u00df er mit seiner Kritik des Arbeitsethos auf taube Ohren. So auch bei seinem Schwiegervater Karl Marx, dessen Tochter Laura er geheiratet hat.<\/p>\n<h3>Arbeitsgl\u00fcck als anarchistische Erg\u00e4nzung zum Recht auf Faulheit<\/h3>\n<p>Warum also hat der Anarchismus Paul Lafargues Kritik der Arbeit und seine Propagierung des &#8222;Rechts auf Faulheit&#8220; nicht freudestrahlend und zur G\u00e4nze als eigene Utopie \u00fcbernommen? Nun, vor allem liegt das an der Biographie Lafargues: in jungen Jahren war er zwar von der anarchistischen proudhonistischen Bewegung beeinflu\u00dft, doch das \u00e4nderte sich durch die verwandtschaftliche N\u00e4he zu Marx. Er wurde zum Marxisten mit allen dabei normalerweise vorkommenden Negativerscheinungen, wozu auch die Bek\u00e4mpfung des Anarchismus geh\u00f6rte. F\u00fcr Marx versuchte er die bakunistisch verseuchte spanische Sektion der I. Internationale wieder auf Kurs zu bringen und trat den spanischen &#8222;Autoritarios&#8220; bei. Als Marx 1872 die anarchistische Fraktion auf dem Haager Kongress der Internationale rauswarf, ma\u00dfte sich Lafargue an, die spanische und gleich auch noch die portugiesische ArbeiterInnenbewegung zu vertreten und stimmte gegen Bakunin. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Lafargue auf dem gleichen Kongress die Gr\u00fcndung internationaler Gewerkschaften durchzusetzen half. Die AnarchistInnen hatten rein \u00f6konomistisch ausgerichtete ArbeiterInnenorganisationen bis dato immer abgelehnt. Und sp\u00e4ter waren es gerade die Gewerkschaften, die das von Lafargue so bek\u00e4mpfte &#8222;Recht auf Arbeit&#8220; fordern und zuweilen sogar zu ihrem wichtigsten Politikfeld erheben sollten. ((6)) Es gibt eben doch einen autorit\u00e4ren Zug in Lafargue&#8217;s Konzept der Faulheit. Er kann sich Arbeit eben nur als unbefriedigend, als \u00f6de, als nicht-kreative T\u00e4tigkeit vorstellen, allenfalls ist sie ihm &#8222;eine W\u00fcrze der Vergn\u00fcgungen der Faulheit&#8220;. ((7)) Und wie so oft bei allen NachfolgerInnen Lafargues entwirft er dann auf die Frage, wer denn in einer freien Gesellschaft die gesellschaftlich notwendige Arbeit verrichten soll, eine Maschinenutopie: die ArbeiterInnen, so schrieb Lafargue in &#8222;Das Recht auf Faulheit&#8220; eben bezeichnenderweise auch, &#8222;begreifen noch nicht, da\u00df die Maschine der Erl\u00f6ser der Menschheit ist, der Gott, der den Menschen von der Lohnarbeit loskaufen, der Gott, der ihnen Mu\u00dfe und Freiheit bringen wird.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Da sich die AnarchistInnen ja \u00fcberhaupt mit dem Gottesglauben schwer taten, konnten sie schlie\u00dflich auch an Lafargues Maschinengott nicht so recht glauben und witterten hinter den Maschinenutopien nicht ohne Grund eine autorit\u00e4re Gesellschaftsorganisation: eine herrschende Klasse, die dann wieder die Maschinen entwirft, kontrolliert, steuert &#8211; und damit die von ihr abh\u00e4ngigen Menschen. Noch weniger popul\u00e4r war die Automation als libert\u00e4re Gesellschaftsutopie schlie\u00dflich bei den \u00d6koanarchistInnen der letzten Jahrzehnte im 20. Jahrhundert und so wandte man\/frau sich theoretischen Alternativen im Anarchismus zu.<\/p>\n<p>Diese libert\u00e4re Alternative l\u00e4\u00dft sich unter dem Begriff &#8222;Arbeitsgl\u00fcck&#8220; zusammen fassen: die Vorstellung, dass Arbeit nur freiwillig ausgef\u00fchrt wird, wenn sie den Arbeitenden Spass macht, wenn sie kreativ und sch\u00f6pferisch ist, wenn sie in einem gemeinschaftlichen Prozess ausgef\u00fchrt und im Idealfall von Anfang bis Ende \u00fcberblickt, also durchschaut, begriffen werden kann. In der Utopie einer freien Gesellschaft sollte Arbeit Gl\u00fcck verhei\u00dfen. Die Leidenschaft und das Sch\u00f6pfertum, das dabei frei gesetzt wird, so die Vermutung, w\u00fcrde locker reichen, um f\u00fcr die gesamte Gesellschaft genug zu produzieren. \u00d6de, wiederholende, unbedingt notwendige Arbeit w\u00fcrde gegen Null tendieren oder so wenig anfallen, dass es immer genug Leute g\u00e4be, die sie machen wollten, und sei es nur zur k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung. Mit dieser Arbeitsutopie waren fast immer antiindustrialistische (Tolstoi, Gandhi) oder zumindest industrialismuskritische (William Morris, Gustav Landauer) Modelle verbunden.<\/p>\n<p>Gustav Landauer etwa propagierte in seinem &#8222;Sozialistischen Bund&#8220; Siedlungen auf dem Lande und hoffte perspektivisch, den Zuzug von verarmten Bauern\/B\u00e4uerinnen in die industrialisierten St\u00e4dte durch die Gemeinschaftssiedlungen wieder umkehren zu k\u00f6nnen. In unz\u00e4hligen Artikeln propagierte Landauer f\u00fcr die ArbeiterInnen etwas, &#8222;was sie selber durch eigene Kraft erlangen, was sie sich erarbeiten k\u00f6nnen; etwas, was sie ihr ganzes k\u00fcmmerliches, geplagtes und gehetztes Leben lang nicht gekannt haben: Gl\u00fcck; ein freudiges Leben mit Menschen ihres Schlages, die sie lieben und achten; Arbeit in Gemeinschaft um sch\u00f6nen, reinen Lebens willen.&#8220; ((9)) Um die Herrschaft von Intellektuellen zu verhindern und geistige und k\u00f6rperliche Arbeit gleich zu bewerten, entwickelten zum Beispiel Tolstoi &#8211; und ihm folgend Gandhi &#8211; den ethischen Imperativ der &#8222;Brotarbeit&#8220;, d.h. dass basierend auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit jede\/r geistige ArbeiterIn auch denjenigen Anteil k\u00f6rperlicher Arbeit erf\u00fcllen solle, der zur allgemein gegebenen Bedarfsdeckung durchschnittlich n\u00f6tig ist. Obwohl das im konkreten Fall der tolstoijanischen und gandhianischen Siedlungskommunen, von denen es in Russland wie in S\u00fcdafrika\/Indien viele gab, in der Regel auch umgesetzt werden konnte, lassen sich aus diesem ethischen Imperativ auch autorit\u00e4re Gefahren ableiten. &#8222;Arbeitsgl\u00fcck&#8220; kann eben sehr schnell auch nur behauptet werden, wenn der Grundsatz der Freiwilligkeit nicht mehr gegeben sein sollte. Dann k\u00f6nnte &#8222;Arbeitsgl\u00fcck&#8220; von den Arbeitenden sehr schnell als Tugendterror, vielleicht sogar als Arbeitszwang erfahren werden. Um diese Gefahr abzuwenden, ist die Verbindung von Freiwilligkeit und Kunst innerhalb der Arbeit elementar. Albert Camus, der durchaus nicht zu vorindustriellen Verh\u00e4ltnissen zur\u00fcck kehren wollte, beschreibt im folgenden anschaulich die Utopie des &#8222;Arbeitsgl\u00fccks&#8220; als Industrialismuskritik, die mit der Vorstellung einer erf\u00fcllenden sch\u00f6pferischen Arbeit verbunden ist, in welcher Arbeit und Kunst ineinsgesetzt sind:<\/p>\n<p>&#8222;Die industrielle Gesellschaft wird nur dann den Weg zu einer Kultur bahnen, wenn sie dem Arbeiter seine W\u00fcrde als Sch\u00f6pfer zur\u00fcckgibt, d.h. wenn sie sein Interesse und seine Gedanken ebenso auf die Arbeit wie auf ihr Produkt lenkt. Die nunmehr notwendige Zivilisation wird in den Klassen wie im Individuum nicht mehr den Arbeiter vom Sch\u00f6pfer trennen k\u00f6nnen. (&#8230;) Jedesmal wenn die Revolution in einem Menschen den K\u00fcnstler t\u00f6tet, der er h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, entkr\u00e4ftet sie sich selbst ein wenig.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Arbeit muss also Kunst sein, oder sie ist zumindest nicht mehr libert\u00e4r! Und Faulheit wiederum darf nat\u00fcrlich nicht auf einer autorit\u00e4ren Gesellschaftsorganisation basieren oder auf Ausbeutung. Der M\u00fc\u00dfiggang der reichen KapitalistInnen hat mit einem libert\u00e4ren Konzept der Faulheit nichts zu tun, das zu seiner eigenen Absicherung mit einem Konzept der sch\u00f6pferischen Arbeit verbunden werden m\u00fcsste, in welchem Freiwilligkeit, Arbeit und Kunst nicht getrennt sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der konjunkturelle Motor der kapitalistischen Wirtschaft, von der die Sozialdemokratie auf Gedeih und Verderb abh\u00e4ngig bleibt, auch nur zu stottern beginnt, wird sozialdemokratische Politik zum Vollzug des konservativen Credos: an den Wirtschaftskrisen sind nicht etwa die Wirtschaftskapit\u00e4ne und die herrschende Klasse schuld, sondern die &#8218;Sozialschmarotzer&#8216;, die &#8218;Faulen&#8216; und die &#8218;AbzockerInnen&#8216; des Sozialstaats. 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