{"id":4016,"date":"2001-05-01T00:00:38","date_gmt":"2001-04-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4016"},"modified":"2022-07-26T13:11:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:53","slug":"zwei-linke-hande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/05\/zwei-linke-hande\/","title":{"rendered":"Zwei linke H\u00e4nde"},"content":{"rendered":"<p>Bei X-Tausendmal Quer war sie mit einigen besonderen Herausforderungen verkn\u00fcpft: Die Entscheidung \u00fcber das Wie, Wo und Wann konnte nicht v\u00f6llig konspirativ fallen, wenn sie zugleich basisdemokratisch getroffen werden sollte. Und im Gegensatz zu kleineren Gruppen konnten wir nicht darauf hoffen, auf dem Weg zum Gleis unbemerkt zu bleiben.<\/p>\n<p>Um die Kommunikation und Entscheidung unter so vielen Menschen zu erleichtern, hatten wir bereits im Vorfeld eine Gruppe gebildet, die sich speziell auf die Moderation des SprecherInnenrates vorbereitet hat. Uns war klar, dass wir &#8211; wie bei jeder guten Moderation &#8211; eine Balance w\u00fcrden finden m\u00fcssen zwischen zwei gleicherma\u00dfen wichtigen Bed\u00fcrfnissen: zum einen sollten alle Entscheidungen herrschaftsfrei getroffen werden, und wir mussten darauf achten, genug Zeit und Raum f\u00fcr Bedenken und kreative Vorschl\u00e4ge zu lassen. Zum anderen waren die Leute nicht zum ewigen Reden da, sondern zum Handeln. Wichtig wurde uns in dem Zusammenhang der Gedanke, dass die allerwichtigsten Entscheidungen sowieso nicht im Rat getroffen wurden. Wer zur Blockade von X-Tausendmal Quer anreiste, hatte sich schon zum Widerstand gegen den Atomtransport entschieden und auch eine Entscheidung f\u00fcr die Aktionsform &#8222;gro\u00dfe gewaltfreie Sitzblockade&#8220; getroffen. Und wichtige Dinge, die die Sicherheit der Einzelnen angingen, wurden in den Bezugsgruppen entschieden &#8211; wie achten wir aufeinander, was tun wir, wenn jemand von uns festgehalten wird, etc.<\/p>\n<p>Wichtige Entscheidungen im Rat waren jeweils das Wo und Wann. Wendisch Evern war als Aktionsort ausgesucht worden wegen des tiefen Einschnitts, in dem sich das Bahngleis dort befindet. Eine gro\u00dfe Mehrheit fand denn auch die Vorteile dieser Stelle \u00fcberzeugend. Kritik an der Moderation gab es von der Minderheit, die gegen diese Stelle starke Bedenken hatte. Sie f\u00fchlte sich mit ihren Einw\u00e4nden nicht ausreichend ernst genommen, verzichtete aber letztlich auf eine weitere Diskussion dar\u00fcber, um den Prozess nicht aufzuhalten. Am Montag gingen denn auch alle auf das Gleisst\u00fcck im Einschnitt. Bei der Blockade am Dienstag gelang es nur wenigen, an dieses St\u00fcck zu kommen. Die gro\u00dfe Gruppe, die am Bahnhof auf die Gleise gelangte, ging nicht mehr in Richtung Einschnitt weiter, da dies ein weiteres \u00dcberwinden einer Polizeiabsperrung auf dem engen Gleis n\u00f6tig gemacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Was das Wie angeht, so hatte unsere Ideenwerkstatt ein geniales Konzept entwickelt, das sich mehrfach sehr gut bew\u00e4hrte: die Hand-Strategie. Das Feine daran ist, dass sie auch funktioniert, wenn die Polizei sie kennt, so dass ich sie getrost hier erkl\u00e4ren kann. Wir gingen jeweils in einem Demonstrationszug los, der in die f\u00fcnf Finger der linken Hand aufgeteilt war. Die Fingerspitzen waren jeweils mit farbigen X\u2019en markiert und mit Gruppen besetzt, die sich gut vorstellen konnten, auch als erste durch Polizeiketten hindurch zu gehen. Sobald wir auf unserem Weg nun auf polizeiliche Absperrungen trafen, bog jeweils der vorne gehende Daumen nach rechts ab. Als n\u00e4chstes im Zug ging der kleine Finger, der ganz nach links abbog. Danach kam der Zeigefinger, dann der Ringfinger und zum Schluss der Mittelfinger, alle jeweils in der Richtung, in die sie an der linken Hand zeigen. Kurz vor dem Kontakt mit den Polizeiketten verteilten sich die Leute in den einzelnen Fingern nochmal, so dass wir letztlich auf die ganze zur Verf\u00fcgung stehenden Breite verteilt waren. Damit das Konzept gut funktionieren konnte, hatten wir jeweils Routen ausgesucht, die \u00fcber Wiesen und Felder f\u00fchrten und m\u00f6glichst wenig Engstellen hatten.<\/p>\n<p>Ausgesucht hatte den Weg eine kleine Gruppe, die daf\u00fcr vom SprecherInnenrat ein Mandat bekommen hatte. So blieb uns ein gewisser \u00dcberraschungseffekt, der sicher daf\u00fcr verantwortlich war, dass wir am Montag nur an sehr wenigen PolizistInnen vorbei mussten. Am Dienstag wiederholte sich diese Erfahrung f\u00fcr die &#8222;erste Hand&#8220; &#8211; hier musste nur der Daumen wirklich Polizeiketten \u00fcberwinden. Die &#8222;zweite Hand&#8220; hatte weniger Gl\u00fcck. (Um nicht vorher zu verraten, welche Gruppe welchen Weg nehmen w\u00fcrde, arbeiteten wir mit zwei linken H\u00e4nden &#8211; das erleichterte auch das organisieren der Finger.) Offensichtlich hatte die Polizei damit gerechnet, dass wir den Weg vom Vortag noch einmal nehmen w\u00fcrden, und war dort mit starken und sehr gewaltbereiten Kr\u00e4ften pr\u00e4sent. Brutale Kn\u00fcppeleins\u00e4tze der s\u00e4chsischen Polizei hielten hier eine Menge Menschen auf.<\/p>\n<p>Die Polizei sprach nachher davon, sie h\u00e4tte Kn\u00fcppel &#8222;in Notwehr&#8220; eingesetzt. Vielleicht haben wir es ihnen ja mit unserem schnellen Zugehen auf die Polizeiketten ein bisschen zu leicht gemacht, diese L\u00fcge zu vermitteln. Beim n\u00e4chsten Mal w\u00fcrde ich gern versuchen, ob wir nicht besser und mit weniger Verletzten durchkommen, wenn wir ganz ruhig und langsam auf die Polizeiketten zu gehen.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Entscheidungsfragen im SprecherInnenrat. Viel Zeit haben wir mit Diskussionen um den richtigen Zeitpunkt verbracht. Warten wir noch, bis mehr Leute da sind? Oder gehen wir jetzt, um durch die Aktion mehr Leute anzuziehen, die sich dann anschlie\u00dfen? Je l\u00e4nger wir warten, um so schwieriger wird es sein, aufs Gleis zu kommen. Aber wenn wir mit zu wenig Leuten zu fr\u00fch gehen, sind wir dann nicht l\u00e4ngst in Gewahrsam, bis der Castor kommt? Ein Problem, f\u00fcr das es keine optimale L\u00f6sung gibt? Wie man\u2019s nimmt.<\/p>\n<p>Viele Leute sind erst ganz kurz vor der Aktion angereist, und sicher ist es eine der St\u00e4rken von X-tausendmal Quer, dass es auch f\u00fcr sie m\u00f6glich war, sich noch einzuklinken. Es gab ein kontinuierliches Angebot zur Bezugsgruppenfindung, und auch die Information der neuen Gruppen \u00fcber den Stand der Diskussionen und Entscheidungen klappte hervorragend. So weit so gut. Aber f\u00fcr die Entscheidung \u00fcber den strategisch besten Zeitpunkt f\u00fcr den Beginn der Blockade w\u00e4re es einfach besser, wenn sich beim n\u00e4chsten Mal noch mehr Menschen entschlie\u00dfen k\u00f6nnten, fr\u00fcher anzureisen. Denn die optimale L\u00f6sung f\u00fcr die Zeitfrage ist die, schon fr\u00fch mit vielen Leuten auf die Strecke zu gehen.<\/p>\n<p>Am wichtigsten war unsere basisdemokratische Struktur vielleicht am Mittwoch Abend in Laase. Vom rein strategischen Standpunkt aus betrachtet lag es nahe, die bisher erfolgreiche Vorgehensweise weiter anzuwenden und mit Hilfe der Hand-Strategie entschlossen durch die Polizeiketten auf die Stra\u00dfe zu gehen. Aber durch die Beratung in den Bezugsgruppen bekamen andere \u00dcberlegungen Gewicht: die \u00c4ngste der Menschen, die schon am Dienstag brutale Polizeieins\u00e4tze erlebt hatten; das Gef\u00fchl der Verantwortung f\u00fcr einander; die Einsch\u00e4tzung vieler, dass die Polizei jetzt zu allem entschlossen war, egal, was f\u00fcr Pressebilder es geben w\u00fcrde; die \u00dcberlegung, dass wir politisch schon gewonnen hatten und nicht noch mehr Opfer bringen mussten. So einigten wir uns auf eine v\u00f6llig andere Vorgehensweise: wir gehen langsam und bleiben in Pulks zusammen. Die Entscheidung, dann den Schritt durch die Polizeikette zu wagen oder nicht, lag sowieso bei den Einzelnen bzw. Gruppen. Und auch das geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu der gewaltfreien Kultur, die wir miteinander gelebt haben: dass wir an der Stelle zu reden aufgeh\u00f6rt haben und schlafen gegangen sind, obwohl wir die Aktion am n\u00e4chsten Morgen sicher durch genauere Absprachen noch besser und effektiver h\u00e4tten gestalten k\u00f6nnen. Auch da galt ein Prinzip, das uns durch die ganzen Aktionstage hindurch begleitet hat: der Mensch steht im Mittelpunkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei X-Tausendmal Quer war sie mit einigen besonderen Herausforderungen verkn\u00fcpft: Die Entscheidung \u00fcber das Wie, Wo und Wann konnte nicht v\u00f6llig konspirativ fallen, wenn sie zugleich basisdemokratisch getroffen werden sollte. Und im Gegensatz zu kleineren Gruppen konnten wir nicht darauf hoffen, auf dem Weg zum Gleis unbemerkt zu bleiben. 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