{"id":4020,"date":"2001-05-01T00:00:52","date_gmt":"2001-04-30T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4020"},"modified":"2022-07-26T13:11:52","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:52","slug":"gleisblockaden-bei-wendisch-evern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/05\/gleisblockaden-bei-wendisch-evern\/","title":{"rendered":"Gleisblockaden bei Wendisch-Evern"},"content":{"rendered":"<p>Meine Fahrt ins Wendland begann am Sonntag Morgen auf dem M\u00fcnsteraner Bahnhof. Auf dem Bahnsteig traf ich einen anderen Atomkraftgegner, so da\u00df ich unterwegs Gesellschaft hatte. In L\u00fcneburg angekommen ging ich mit zwei anderen in Richtung X-1000malquer Camp bei Wendisch-Evern. Unterwegs erfuhren wir, da\u00df die Polizei verboten hatte, Zelte zum \u00dcbernachten aufzustellen, aber wie einer meiner Begleiter meinte, schlie\u00dflich h\u00e4tte er Abenteuer-Urlaub gebucht. Am Sonntag Abend war das Camp bzw. die Mahnwache noch recht klein. Aufgebaut waren ein Infostand, ein K\u00fcchen- und ein Sanizelt, zwei oder drei Wagen. Ein Bauer brachte Strohballen vorbei, die als Windschutz und Unterlage verwendet wurden. Dann wurde bekannt, da\u00df die Kirchen und Gemeindeh\u00e4user f\u00fcr AtomkraftgegnerInnen ge\u00f6ffnet waren. So kam es, da\u00df ich die Nacht von Sonntag auf Montag zusammen mit hundert anderen in St-Johannis, einer gro\u00dfen gotischen Kirche in L\u00fcneburg \u00fcbernachtete. Die Atmosph\u00e4re war einmalig. Die ged\u00e4mpfte Kirchenstimmung und zwischen den B\u00e4nken und in den Seitenschiffen, schliefen Leute auf ihren Isomatten oder unterhielten sich leise. Viel geschlafen habe ich allerdings dank der guten Akustik nicht.<\/p>\n<p>Am Montag Morgen ging es zur\u00fcck ins Camp. Gl\u00fccklicherweise hatte es in der Nacht nicht geregnet und auch an den anderen Tagen blieb es trocken, w\u00e4hrend das Wetter in anderen Teilen Deutschlands echt sch\u00e4big war. Wir wurden sozusagen von oben beg\u00fcnstigt oder wie ein Polizist es ausdr\u00fcckte, wir hatten ein Saugl\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Vormittag verging mit Planungen, Bezugsgruppenfindung u.\u00e4. Ich lag fast die ganze Zeit, warm eingepackt im Stroh, lie\u00df mich von der Fr\u00fchjahrs-Sonne w\u00e4rmen und holte meinen Schlaf nach. Andere machten Musik, diskutierten, spielten Volleyball oder versorgten sich mit Essen und Trinken von Rampenplan.<\/p>\n<p>Am Nachmittag wollen wir auf die Gleise. Mittlerweile sind wir an die 600 Leute. Der Aufbruch kommt \u00fcberraschend. Das Ziel ist es schnell und geschlossen zum Blockadeort zu kommen. Neben der Solidarit\u00e4t hat mich im Wendland die herrschaftsfreie Organisation des Widerstands beeindruckt. Diese funktionierte trotz der Probleme durch das Verbot, bzw. die Einschr\u00e4nkung der Camps. Z.B. klappte am Montag und Dienstag der R\u00fccktransport der Menschen, die von der Polizei ger\u00e4umt und im Landkreis ausgesetzt wurden, reibungslos. Ebenso der Transport unseres Gep\u00e4cks am Dienstag Abend von Wendisch-Evern nach Dannenberg. Unser Gang auf die Schienen war in dieser Hinsicht ein H\u00f6hepunkt. Es war das erste Mal, da\u00df ich eine gro\u00dfe Anzahl Menschen in Bewegung nicht als schwerf\u00e4llige Masse sondern als handlungsf\u00e4hige Gro\u00dfgruppe erlebt habe. Der Trick war die Unterteilung des gesamten Zuges in einzelne &#8222;Finger&#8220; von 100-150 Leuten, die sich an farbigen X\u2019en orientierten. Sobald wir auf die Polizei stie\u00dfen, splitterte sich der Zug nach vorher abgesprochen Muster auf und die einzelnen Finger zogen geschlossen weiter. Dies \u00fcberforderte die Polizei. Sie liefen nur noch nebenher und blieben dann ganz zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auf den Schienen kehrt dann wieder Ruhe ein. Wir setzen uns auf mitgebrachte Strohs\u00e4cke. Neben uns zieht die Polizei auf und bildet eine lose Kette. Manche Leute sprechen, diskutieren mit den PolizistInnen. Die meisten werden nach einiger Zeit lockerer. Soll hei\u00dfen sie stehen nicht mehr wie Statuen und blicken in die Weite, sondern unterhalten sich teilweise untereinander, teilweise mit uns. Erstaunlich ist die viele Presse vor Ort. Es wimmelt von Kameras und ich spiele mit dem Gedanken live durch die Tagesschau zu rennen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich beginnt die R\u00e4umung. Die Stelle an der wir uns befinden ist f\u00fcr eine Sitzblockade ideal. Die Strecke verl\u00e4uft innerhalb eines Einschnitts. Die B\u00f6schung ist so steil, da\u00df das Hochgehen selbst f\u00fcr einen einzelnen schwierig ist, um so mehr das Hochtragen (!) eines Menschen. Nach einiger Zeit sieht dies auch die Einsatzleitung ein und bestellt einen Zug aus L\u00fcneburg, in den wir verfrachtet werden. Ich werde polizeilich korrekt von den Schienen getragen. Aus dem Zugfenster beobachte ich wie Polizisten aus Leipzig mit schmerzhaften Griffen wegschleppen.<\/p>\n<p>In L\u00fcneburg steht der Zug ungef\u00e4hr drei Stunden. Schlie\u00dflich werden die Personalien aufgenommen und wir steigen in Reisebusse, die uns im Landkreis aussetzen. Eine kleine Nickeligkeit kann sich die Polizeileitung nicht verkneifen. Anstatt uns geradewegs zu der Stelle zu fahren, wo sie uns loswerden wollen, erweckt ein Umweg \u00fcber die Autobahn den Eindruck, wir w\u00fcrden richtig weit fortgebracht. Meine Gruppe, 29 Personen, landet schlie\u00dflich in Hanstedt 30 km von L\u00fcneburg entfernt. Es ist 23 Uhr und kalt. Wir rufen im Camp an und sie raten uns zum Pfarrer zu gehen. Der ist leicht \u00fcberrascht, \u00f6ffnet uns aber sehr freundlich sein Gemeindezentrum und ist bereit uns dort \u00fcbernachten zu lassen. Leider ist der Abholdienst bereits unterwegs. Um drei Uhr nachts bin ich wieder im Camp und suche mir einen Schlafplatz. Letzte Meldung: Morgen um 6.00 Uhr geht es weiter.<\/p>\n<p>Der Dienstag verl\u00e4uft \u00e4hnlich. Der f\u00fcr fr\u00fch morgens erwartete Castor versp\u00e4tet sich deutlich und ich hole meinen Schlaf nach. Dankbar allen guten Geistern, die im Land unterwegs sind und mir diese Ruhepause verschaffen. Als der Castor Kassel passiert hat &#8211; nach G\u00f6ttingen traut er sich nicht &#8211; brechen wir wieder auf. Gut doppelt soviel Menschen wie am Vortag in zwei &#8222;H\u00e4nden&#8220;. Meine &#8222;Hand&#8220; gelangt vollst\u00e4ndig auf die Schienen. Die zweite Gruppe schafft es nur zum Teil. Sie werden von der Polizei schnell und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hart ger\u00e4umt. (siehe Chronologie). Als der Zug, mit dem wir abtransportiert werden, losfahren will, blockieren andere Leute ihn von hinten. Er f\u00e4hrt ein wenig &#8211; steht; f\u00e4hrt ein wenig &#8211; steht.<\/p>\n<p>In L\u00fcneburg rollen wir direkt am Castor entlang. Gott sei dank sind die Fenster zu! Dann das gleiche Spiel wie am Vortag. Der Zug f\u00e4hrt uns nach Hamburg, dann Richtung L\u00fcbeck beschreibt einen Bogen und landet schlie\u00dflich auf einem Bahnhof 20 km von L\u00fcneburg entfernt, wo die Mannschaftswagen f\u00fcr den R\u00fccktransport der Polizei stehen und wir uns selbst \u00fcberlassen bleiben. F\u00fcnf Minuten lang. Dann f\u00e4hrt ein Nahverkehrszug nach L\u00fcneburg ein, den wir in Anlehnung an die Idee Gratiszug in Beschlag nehmen. Wir werden wohl eher wieder vor Ort sein als die Polizei. Unterwegs kommt per SMS die Nachricht, da\u00df der Castor immer noch bei Wendisch-Evern steht. Was f\u00fcr ein Triumph wenn es gelingen w\u00fcrde uns wieder davor zu setzen !<\/p>\n<p>In L\u00fcneburg warten Reisebusse und es geht wieder Richtung Camp. Der Castor ist an Wendisch-Evern vorbei und das Lager wird nach Dannenberg verlegt. Dort ist das Handynetz zusammengebrochen. Da\u00df der Castor bei Dahlenburg sechzehn Stunden aufgehalten werden wird, ahnt niemand. NDR 2 behauptet sogar, der Transport w\u00e4re schon am Verladekran eingetroffen. Da hat ein Journalist ganz tief ins Klo gegriffen.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Erleichterung als ich mein Gep\u00e4ck samt Bezugsgruppe wiederfinde. Wir schlagen unsere Zelte auf und gehen schlafen. Der Geheimtip: Eine W\u00e4rmflasche in den Schlafsack und es wird mollig! Am Morgen weckt mich die Durchsage, da\u00df der Castor auf dem R\u00fcckzug ist. Schily und der Einsatzleiter der Polizei sind w\u00fctend. Im Laufe des Vormittags entscheidet sich x1000malquer daf\u00fcr, zwischen Dahlenburg und Dannenberg eine Schienenblockade und bei Laase kurz vor dem Zwischenlager eine Stra\u00dfenblockade zu versuchen. F\u00fcr mich ist am Mittwoch Schlu\u00df. Ich treffe Freunde aus meiner Stadt und entscheide mit ihnen nach Hause zu fahren. Als die Spannung von mir abf\u00e4llt, merke ich wie ersch\u00f6pft ich bin. Auf dem Heimweg begegnen uns die Verst\u00e4rkungskolonnen der Polizei. An die zehn Konvois mit Blaulicht, Mannschaftswagen, R\u00e4umpanzern u.a. &#8211; Unheimlich.<\/p>\n<p>Im Radio machen sich andere Gr\u00fcne unterdessen an die Schadensbegrenzung. Der Atomkonsens kippelt und die J\u00fcnger der Regierungsbeteiligung beschw\u00f6ren, als ob es das Heiligste auf der Welt w\u00e4re, die v\u00f6lkerrechtlichen Vertr\u00e4ge zwischen Frankreich und Deutschland.<br \/>\nWichtiger als die Gefahr eines GAUs.<br \/>\nWichtiger als das Anwachsen atomarer M\u00fcllberge.<br \/>\nWichtiger als die Gesundheitssch\u00e4den durch Uranabbau, Verarbeitung und Transport.<br \/>\nDa\u00df der Krieg gegen Jugoslawien v\u00f6lkerrechtswidrig war, hat sie nicht gest\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Fahrt ins Wendland begann am Sonntag Morgen auf dem M\u00fcnsteraner Bahnhof. Auf dem Bahnsteig traf ich einen anderen Atomkraftgegner, so da\u00df ich unterwegs Gesellschaft hatte. In L\u00fcneburg angekommen ging ich mit zwei anderen in Richtung X-1000malquer Camp bei Wendisch-Evern. 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