{"id":4025,"date":"2001-05-01T00:00:15","date_gmt":"2001-04-30T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4025"},"modified":"2022-07-26T13:11:53","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:53","slug":"schwerpunkt-schiene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/05\/schwerpunkt-schiene\/","title":{"rendered":"Schwerpunkt Schiene!"},"content":{"rendered":"<p>Das Konzept scheint aufgegangen zu sein. Der Idee, den Schwerpunkt der Widerstandsaktionen auf die Schienenstrecke zwischen L\u00fcneburg und Dannenberg zu legen, ist der fabelhafte Erfolg geschuldet, den die Anti-Atom-Bewegung feiern sollte. Ein Tag Versp\u00e4tung &#8211; kein schlechtes Resultat. Aber nat\u00fcrlich sind die Ankunftszeiten von DB-Z\u00fcgen nicht das Aussagekr\u00e4ftigste. Wichtiger ist die Botschaft die r\u00fcberkam: mit uns gibt es keinen Konsens! Stop Castor hei\u00dft Atomausstieg. Und Atomausstieg hei\u00dft sofort und nicht die Bestandsgarantie von Trittin &amp; Co.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte in meinem kleinen R\u00fcckblick von L\u00fcneburg, am Beginn des &#8222;Nadel\u00f6hrs&#8220; f\u00fcr den Castor berichten.<\/p>\n<p>Die Organisation im Vorfeld war hier vorbildlich. So gab es beispielsweise schon w\u00e4hrend der Demo am Samstag vor dem Transport eine umfangreiche Bettenb\u00f6rse, f\u00fcr alle Angereisten, die bis zum Tag X in der Region bleiben wollten. Die richtige Antwort auf das weitgehende Verbot von Widerstandscamps. Auch die Kirchen \u00f6ffneten ihre Pforten. So fanden auch in den folgenden Tagen Tausende in L\u00fcneburg Obdach.<\/p>\n<p>T\u00e4glich fand im \u00f6rtlichen Infoladen &#8222;Anna und Arthur&#8220; ein Plenum statt, bei dem Berichte von der gesamten Strecke abgegeben, Einsch\u00e4tzungen getroffen und Aktionen vorbereitet wurden. Hieran nahmen AktivistInnen aus L\u00fcneburg und Menschen von au\u00dferhalb, die hier untergekommen waren teil. Vorher tagte regelm\u00e4\u00dfig ein Delegiertentreffen. Hier versammelte sich eine bunte Mischung nahezu aller Widerstandspektren der Bewegung. Gerade das war f\u00fcr mich von besonderem Reiz.<\/p>\n<p>Schon in den Tagen vor dem Tag X waren wir immer wieder mit den Fahrr\u00e4dern oder zu Fu\u00df entlang der Strecke unterwegs. Die Schienenstrecke wurde genauestens in Augenschein genommen. Immer wieder drangen Menschen aus dem dichten Wald bis zu den Gleisen vor und blockierten sie kurzzeitig. F\u00fcr die Polizeibeamten war es schlicht unm\u00f6glich die gesamte Schienenstrecke zu kontrollieren. Zu gut waren die Ortskenntnisse der Einheimischen, zu entschlossen die Lust der Menschen, jede M\u00f6glichkeit um auf die Gleise zu gelangen zu nutzen, zu fantasievoll die Ideen der AntiatomaktivistInnen und zu stupide, hierarchisch organisiert und unmotiviert das Vorgehen der vermeintlichen Staatsmacht.<\/p>\n<p>In diesen Tagen wurde einmal mehr verdeutlicht, da\u00df eine vielf\u00e4ltige selbstbewu\u00dfte, gut organisierte und selbstbestimmt agierende Bewegung in der Lage ist Sand im Getriebe des Systems zu sein und nachdr\u00fccklich Wirkung zu erzielen.<\/p>\n<p>Auch den AktivistInnen im X-tausendmal quer &#8211; Camp wurde ein Besuch abgestattet. Der Zug der die abger\u00e4umten Menschen der ersten gro\u00dfen X-tausend-Blockade abtransportierte, wurde kurzfristig blockiert. Auf dem L\u00fcneburger Bahnhof war der Versuch unternommen worden, das Umladen der Menschen in die bereitstehenden Busse zu verhindern. Auf dem Vorplatz wurden wir jedoch schnell von einem gro\u00dfen Polizeiaufgebot abgedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Nach dem Vorfall auf der gro\u00dfen Stunkparade der B\u00e4uerinnen und Bauern am Sonntag, als eine Frau gezielt von zwei Faschisten mit dem Auto angefahren und verletzt wurde, fand in L\u00fcneburg eine Spontandemo statt, um sich konkret dazu zu verhalten. Allerdings gelang es nicht ad\u00e4quat, den Menschen unser Anliegen zu vermitteln und wir wurden auch schnell wieder von der gr\u00fcnen Ordnungsmacht vertrieben.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Tag X wurde eine gemeinsame Aktion und ein g\u00fcnstiger Ort war vereinbart. Wir vermieden es allerdings in einer gemeinsamen Demo auf die Schienen zu gelangen. So verabredeten die einzelnen Bezugsgruppen auf unterschiedlichen Routen sich den Gleisen zu n\u00e4hern. So drangen nach und nach immer neue Gruppen aus dem Wald auf den Gleisk\u00f6rper vor, die immer wieder jubelnd begr\u00fc\u00dft wurden. Es gelang relativ problemlos eine Schienenblockade mit etwa 250 Menschen durchzuf\u00fchren. Bei dieser Aktion wurde allerdings einmal mehr deutlich, wie wenig dar\u00fcber nachgedacht wird, das Konzept der Bezugsgruppen und Delegiertentreffen auch in der konkreten Aktion umzusetzen. Es fanden zwar Delegiertentreffen statt, um das weitere Vorgehen auf den Schienen oder im Wald abzusprechen, aber die Ergebnisse wurden nicht noch einmal in den Bezugsgruppen diskutiert, sondern direkt umgesetzt. Das f\u00fchrte zu teilweise chaotischen Verhaltensweisen als die Polizei uns an einem erneuten Begehen der Schienen hindern wollte. Anstatt entschlossen gemeinsam vorzugehen, rannten viele wild durcheinander. Hierdurch wurden einige stark verunsichert, andere beteiligten sich nicht mehr an der erneuten Blockade. Nach meiner Einsch\u00e4tzung w\u00e4re Zeit gewesen, basisdemokratisch zu agieren und in den Bezugsgruppen das weitere Vorgehen abzustimmen. So gelangen unsere Vorstellungen von antihierarchischen Strukturen in der konkreten Aktion oft an ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Der Castor blieb allerdings dank unserer und der Blockade in Wendisch-Evern immerhin 2 volle Stunden auf dem Bahnhof in L\u00fcneburg stehen, bevor er weiterfuhr. Die meisten von uns wurden in Busse verfrachtet und nach Munster, Buchholz und Winsen gefahren um dort einfach wieder &#8222;laufengelassen&#8220; zu werden. Das Aufnehmen von Personalien w\u00e4re einfach zu aufwendig gewesen, so da\u00df der Polizeiapparat, um Zeit zu sparen, so verfuhr.<\/p>\n<p>Auch am n\u00e4chsten Tag, der Castor verbrachte wegen vielf\u00e4ltigster Aktionen entlang der Strecke auf dem Bahnhof in Dahlenburg die Nacht, konnten von L\u00fcneburg aus noch einige Aktionen unternommen werden. So wurde aufgrund der hervorragenden Beobachtung des Bahnhofs versucht, den Reparaturzug, der auf Grund der &#8222;Robin Wood&#8220;-Aktion ausr\u00fccken mu\u00dfte, zu behindern. Dabei gelang es, die Dieselloks, die den Castor transportierten, auf ihrer Fahrt nach L\u00fcneburg zum Wiederauftanken, zu behindern.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend betrachtet sollte hervorgehoben werden, wie wichtig es ist, da\u00df an vielen Orten entlang der Transportstrecke Aktionen liefen (am besten nat\u00fcrlich auch schon vor L\u00fcneburg; so blockierten in G\u00f6ttingen 600 Menschen die Schienen, so da\u00df der Castor einen Umweg \u00fcber Paderborn fahren mu\u00dfte). Die spektakul\u00e4ren Aktionen von &#8222;Greenpeace&#8220; oder &#8222;Robin Wood&#8220; d\u00fcrfen keinesfalls dazu f\u00fchren, den Widerstand zuk\u00fcnftig den vermeintlichen &#8222;Profis&#8220; zu \u00fcberlassen. Es sollte zwar betont werden, da\u00df beide Organisationen in ihren Aktionen als Teil des gesamten Widerstandspektrums wahrgenommen wurden und eine Spaltung hier ausblieb. Ohne eine breite Massenbewegung allerdings, die sich auch diesmal, aller rotgr\u00fcnen Unkenrufe zum Trotz, mobilisieren lie\u00df, ist ein wirkungsvoller Widerstand nicht denkbar. Erst durch das Nebeneinander aller verf\u00fcgbaren Kr\u00e4fte, ob autonome HandwerkerInnenaktionen, massenhafte Sitzblockaden, gewaltfreie Ankettaktionen oder eben das Einbetonieren im Gleisbett durch &#8222;Robin Wood&#8220; ist es m\u00f6glich eine solche Wirkung zu erzielen, die auch \u00fcber das Wendland hinaus das Signal setzt, da\u00df es hier um mehr als eine Anti-Castor -Bewegung geht. Der sofortige Ausstieg aus der Atomenergie ist nur mit der gesamten Breite der Bewegung zu erreichen.<\/p>\n<p>Unverzichtbar sind auch die vielen Diskussionen und Prozesse w\u00e4hrend dieser Tage im Wendland, die bei der allt\u00e4glichen Arbeit der AktivistInnen Auswirkungen zeigen wird. Nicht zuletzt k\u00f6nnen wir alle von dem gro\u00dfen Schwung, von der zeitweisen Euphorie in diesen Tagen bei unserer allt\u00e4glichen Kleinarbeit vor Ort profitieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Konzept scheint aufgegangen zu sein. Der Idee, den Schwerpunkt der Widerstandsaktionen auf die Schienenstrecke zwischen L\u00fcneburg und Dannenberg zu legen, ist der fabelhafte Erfolg geschuldet, den die Anti-Atom-Bewegung feiern sollte. Ein Tag Versp\u00e4tung &#8211; kein schlechtes Resultat. Aber nat\u00fcrlich sind die Ankunftszeiten von DB-Z\u00fcgen nicht das Aussagekr\u00e4ftigste. 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