{"id":4042,"date":"2001-06-18T00:00:53","date_gmt":"2001-06-17T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4042"},"modified":"2022-07-26T14:16:54","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:54","slug":"der-anarchismus-in-seiner-heutigen-rezeption","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/06\/der-anarchismus-in-seiner-heutigen-rezeption\/","title":{"rendered":"Der Anarchismus in seiner heutigen Rezeption"},"content":{"rendered":"<h3>1. Einf\u00fchrung<\/h3>\n<p>Die Demokratisierung der Welt hat zu zahlreichen Konflikten gef\u00fchrt und bisher keine gerechte Welt schaffen k\u00f6nnen. Nato und UNO konnten die Konflikte nicht ausreichend l\u00f6sen. Hunger, Armut und Verelendung in vielen Regionen der Erde sowie die fortschreitende Umweltzerst\u00f6rung k\u00f6nnen scheinbar nicht verhindert werden. Auch der real existierende Sozialismus machte nicht den Anschein, die Welt zu Freiheit und Gerechtigkeit zu f\u00fchren. Auf der Suche nach einer Alternative zu den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Systemen, stellte sich f\u00fcr mich die Frage, ob der Anarchismus diese Alternative sein kann.<\/p>\n<p>Ein solches Thema kann nat\u00fcrlich nicht frei von eigenen Ansichten bearbeitet und im Rahmen einer Facharbeit nur ansatzweise erl\u00e4utert werden, da eine Weltanschauung immer ein komplexes Thema ist.<\/p>\n<h3>2. Die Theorie des Anarchismus<\/h3>\n<h4>2.1. Urspr\u00fcnge des Anarchismus<\/h4>\n<p>Dem Anarchismus liegt ein sehr humanistisches Weltbild zugrunde, dessen philosophischer Ursprung in der Aufkl\u00e4rung, vor allem bei Rousseaus (1712-1778) Idee von freien Individuen liegt.<\/p>\n<p>Aus der Praxis des Klassenkampfes der Unterdr\u00fcckten hat der Anarchismus das Prinzip der gegenseitigen Hilfe, der Selbstverwaltung und der Solidarit\u00e4t \u00fcbernommen und theoretisch begr\u00fcndet. Er ist kein rein theoretisches Konstrukt, da es schon immer selbstverwaltete Organisationsformen in allen Bereichen des Lebens gab.<\/p>\n<p>F\u00fcr Michael Bakunin (1814-1876) ist das einzige Dogma des Anarchismus die Freiheit. Alles andere resultiert daraus. Seine Definition der Freiheit ist aber anders, als die egozentrische Freiheit des Individualismus und des Liberalismus. &#8222;Nur dann bin ich wahrhaft frei, wenn alle Menschen, die mich umgeben, M\u00e4nner und Frauen, ebenso frei sind wie ich. Die Freiheit der anderen, weit entfernt davon, eine Beschr\u00e4nkung oder die Verneinung meiner Freiheit zu sein, ist im Gegenteil ihre notwendige Voraussetzung und Bejahung. Nur durch die Freiheit anderer werde ich wahrhaft frei, derart, da\u00df, je zahlreicher die freien Menschen sind, die mich umgeben, und je tiefer und gr\u00f6\u00dfer ihre Freiheit ist, desto weiter, tiefer und gr\u00f6\u00dfer auch die meine wird.&#8220; ((1))<\/p>\n<h4>2.2. Verneinung des Staates<\/h4>\n<p>Jedem Staat liegen Herrschaftsstrukturen zugrunde, die dazu dienen sollen, das Zusammenleben der Menschen zu sichern. So &#8222;haben die anarchistischen Theoretiker schon sehr fr\u00fch erkannt, da\u00df der Staat kein Phantom, kein anonymes Gebilde ist, sondern der Ausdruck ganz bestimmter, vor allem wirtschaftlich bedingter Machtverh\u00e4ltnisse.&#8220; ((2)) Der Staat versucht diese Herrschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten, um die Macht und den Einfluss der Herrschenden zu bewahren, was zwangsl\u00e4ufig zur Unterdr\u00fcckung von Minder- oder Mehrheiten f\u00fchrt. Dabei ist es egal, welche Form ein Staat annimmt, Unterdr\u00fcckung und Ungerechtigkeit in Bezug auf Rechte und Privilegien gibt es in jedem Staat.<\/p>\n<p>Die Menschen, die in einem Staat leben, werden zur Unselbstst\u00e4ndigkeit erzogen und nehmen den Staat nicht als etwas Begrenzendes wahr, sondern glauben an die Notwendigkeit der Unterdr\u00fcckung. &#8222;Der Staat erzieht zum Gehorsam, zur Disziplin und zur Unterwerfung. Er lehrt uns &#8218;Tugenden&#8216; wie Konkurrenz und Leistungsprinzip und entw\u00f6hnt uns in gleichem Ma\u00dfe, selbst zu denken, Ideen zu entwickeln, spontan Initiativen zu ergreifen und uns zu unseren Mitmenschen solidarisch zu verhalten.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Diese Ungerechtigkeiten lehnen Anarchisten ab, da sie der Freiheit widersprechen, und suchen nach einer Alternative, die alle Gruppen und Individuen ber\u00fccksichtigt und gleichstellt.<\/p>\n<h4>2.3. Kritik des Kapitalismus<\/h4>\n<p>Der gesamten sozialistischen Bewegung liegt die Kritik am Kapitalismus zugrunde. Kapitalismus bedeutet Ausbeutung der arbeitenden Klasse. Der Profit des Kapitalisten ist letztendlich der Mehrwert den der Arbeiter erarbeitet hat. Die Kapitalismustheorie von Karl Marx (1818-1883) scheint heute etwas veraltet, da es in der BRD kein hungerndes Proletariat mehr gibt. Betrachtet man jedoch die Produktion als globalen Prozess, so wird deutlich, dass die Ausbeutung nach wie vor besteht. Sie findet im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr so drastisch zwischen Fabrikbesitzer und Arbeiter statt, sondern zwischen Aktiengesellschaften und Angestellten und zwischen den technisierten Industrienationen und den Entwicklungsl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat neben seiner Erscheinungsform auch die Bereiche, die er ber\u00fchrt, gewandelt. Der moderne Kapitalismus breitet sich immer weiter auf Lebensr\u00e4ume aus, die vorher nicht kommerzialisiert waren. Zwei Beispiele unter vielen sind die Privatisierung von Trinkwasser und das Patent auf menschliche Gene und Embryonen. &#8222;Das hei\u00dft, es geht darum, den Zugriff des Kapitals auszuweiten.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Der Kapitalismus f\u00f6rdert Ungleichheit und Unterdr\u00fcckung und wird deshalb von Anarchisten, genauso wie der Staat abgelehnt.<\/p>\n<h4>2.4. Der anarchistische Gesellschaftsentwurf<\/h4>\n<p>Aus den genannten Kritikpunkten und den Erfahrungen aus dem Kampf der Unterdr\u00fcckten f\u00fcr Gleichheit und Freiheit entwickelte sich ein Gesellschaftsentwurf, der ohne Autorit\u00e4t auskommt. Dieser soll hier in knappen Z\u00fcgen dargestellt werden.<\/p>\n<p>Anarchisten reden dabei nicht von einer Utopie, denn &#8222;es w\u00e4re falsch, das Wort Utopie auf Visionen anzuwenden, welche sich, wie es beim Anarchismus der Fall ist, auf das Studium der Tendenzen st\u00fctzen, die sich bereits in der Entwicklung der Gesellschaft zeigen. Hier verlassen wir die utopischen Vorhersagen und kehren in den Bereich der Wissenschaften zur\u00fcck.&#8220; ((5))<\/p>\n<h4>2.4.1. Der Mensch und das soziale Zusammenleben in der anarchistischen Gesellschaft<\/h4>\n<p>Um eine freie Gesellschaft zu erm\u00f6glichen, braucht der anarchistische Gesellschaftsentwurf freie, eigenverantwortliche und solidarische Menschen. Nach dem Prinzip der Kritik und Selbstkritik denken die Individuen frei und unvoreingenommen und tauschen sich durch st\u00e4ndige Diskussion untereinander aus. &#8222;Es bedarf des freiheitlich gesinnten und sich selbst regulierenden Individuums, das sich antrainierter Entm\u00fcndigung und Fremdbestimmung entledigt und an ihrer Stelle pers\u00f6nliche und soziale Selbstverantwortung entwickelt.&#8220; ((6)) Dies ist auch wichtig, um zu verhindern, dass entstehende Machtverh\u00e4ltnisse und Ungerechtigkeiten nicht erkannt werden. Das gleiche Menschenbild setzt auch die parlamentarische Demokratie in abgeschw\u00e4chter Form voraus.<\/p>\n<p>Der Anarchismus fordert die totale Gleichstellung aller Menschen in der freien Gesellschaft, das hei\u00dft M\u00e4nner, Frauen, Homosexuelle, Ausl\u00e4nder, Alte, Kranke, Behinderte, Jugendliche und Kinder haben alle den gleichen Wert, n\u00e4mlich den Gr\u00f6\u00dften.<\/p>\n<p>Als eine sehr humanistische Weltanschauung fordert der Anarchismus ein starkes soziales Engagement, vor allem f\u00fcr Schw\u00e4chere, von den Menschen. Nur durch die Gemeinschaft kann die freie Gesellschaft aufrecht erhalten werden. An die Stelle der Konkurrenz, auf der die freie Marktwirtschaft des Kapitalismus beruht, tritt die Solidarit\u00e4t. Diese Vorstellung des gemeinsamen Handelns wird auch Mutualismus genannt und hat den geistigen Ursprung bei Pierre J. Proudhon (1809-1864), der das Wort Anarchismus als erster gebrauchte. &#8222;Gegenseitige Hilfe l\u00f6st das staatliche Gewaltprinzip ab, Solidarit\u00e4t statt Staatsgewalt. Solidarit\u00e4t auf der Basis von freien Vertr\u00e4gen und nicht Staatsautorit\u00e4t auf Grund von Gesetzen.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Daraus folgt auch die Ablehnung des Strafprinzips, denn &#8222;Kriminelle werden als Produkte einer schlechten Gesellschaft angesehen, sie sind als Kranke zu behandeln und m\u00fcssen genesen, nicht bestraft werden.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Kleinfamilie wird durch Wahlverwandtschaften ersetzt, da die Kleinfamilie, wie ein Staat, hierarchisch aufgebaut ist und somit dem Grundsatz der Gleichstellung widerspricht. Das bedeutet aber nicht, dass Beziehungen zwischen zwei Menschen nicht mehr stattfinden. Sie beruhen dann aber auf eine freie Willensentscheidung ohne \u00f6konomischen Zwang und bestehen gleichwertig neben anderen legitimen Lebensformen.<\/p>\n<h4>2.4.2. Die gesellschaftliche Organisation<\/h4>\n<p>Der Kern des Anarchismus ist die Verneinung des Staates mitsamt allen Organen, wie z.B. Polizei und Armee, und aller Institutionen, wie beispielsweise Kirchen und Parteien. In der anarchistischen Gesellschaft \u00fcbt niemand Herrschaft aus. Deshalb muss die Organisation der Gesellschaft so konzipiert sein, dass jede Form von Herrschaft vermieden wird. Au\u00dferdem richtet sich die Organisation nach den Bed\u00fcrfnissen der Menschen, was nur eine basisdemokratische, f\u00f6derierte und selbstverwaltete Form gew\u00e4hrleisten kann. Bei der Frage der Organisation unterscheiden sich die verschiedenen Stilrichtungen des Anarchismus. Im Klassenkampf der Arbeiter wurde jedoch die R\u00e4tedemokratie immer wieder aufs Neue erfunden. &#8222;Die R\u00e4te bilden das Prinzip, das der Selbstverwaltung zugrunde liegt. Sie sind von allen bisher bekannten gesellschaftlichen Organisationsformen die demokratischste. Viele hundert Male an verschiedenen Stellen der Erde sind sie immer wieder aufgetaucht. Erfinder dieser Organe ist das revolution\u00e4re Volk.&#8220; ((9)) Im R\u00e4tesystem w\u00e4hlt jede Kommune oder Produktionsst\u00e4tte Delegierte, die sich zur Koordination \u00fcbergeordnet treffen. Jeder Rat bleibt jedoch selbstst\u00e4ndig und ohne Verpflichtungen. Die Delegierten haben ein imperatives Mandat und k\u00f6nnen jederzeit abgew\u00e4hlt werden. &#8222;Diese f\u00fcr den \u00fcberregionalen Austausch erforderlichen Kommunikationszusammenh\u00e4nge sind von unten nach oben strukturiert und jederzeit dann aufzul\u00f6sen, wenn Machtverh\u00e4ltnisse zu entstehen drohen.&#8220; ((10)) Durch diese dezentrale und transparente Organisation soll verhindert werden, dass Herrschaft entsteht weil politische Positionen ausgenutzt werden. Deshalb werden Parteien abgelehnt, da diese Interessenverb\u00e4nde das Prinzip der R\u00e4tedemokratie unterminieren und dominieren k\u00f6nnen. Die Geschichte hat schon \u00f6fters gezeigt, dass vielversprechende R\u00e4tesysteme in ihrem freiheitlichen Grunds\u00e4tzen gescheitert sind, weil sich &#8211; oftmals kommunistische &#8211; Parteien als Machtfaktor etablieren konnten. Beispiele hierf\u00fcr sind die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik und die russische Revolution.<\/p>\n<h4>2.4.3. Produktion und G\u00fcterverteilung<\/h4>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt, lehnt der Anarchismus die kapitalistische Produktionsmethode ab und fordert Alternativen, die den freiheitlichen, f\u00f6derierten und selbstverwalteten Grunds\u00e4tzen entsprechen. Die Produktion stellt die Bed\u00fcrfnisse der Arbeiter \u00fcber die der Produktion. So soll die Arbeit nicht entfremdet sein und es soll in gemeinsamer Arbeit produziert werden. Durch hochtechnisierte Produktionsvorg\u00e4nge wird die Arbeitszeit verringert, so dass der Arbeiter mehr Freizeit hat. Zu dem soll umweltgerecht produziert werden. Die Arbeit wird, wie die gesamte Gesellschaft in selbstverwalteten R\u00e4ten organisiert, was gleichzeitig bedeutet, dass dezentral produziert wird. Diese Lokalisierung der Arbeit steht im Widerspruch zu den internationalen Multikonzernen und der derzeit angestrebten Globalisierung, die deshalb zu Protesten der anarchistischen Szene f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Produkte werden dann ohne Geldtransfer, sondern als Selbstverst\u00e4ndlichkeit an alle verteilt, auch an die, die an der Produktion von Waren nicht beteiligt sind, wie beispielsweise Alte, Kranke und Behinderte. Jeder erh\u00e4lt soviel, wie er ben\u00f6tigt. Bei konsequenter Bed\u00fcrfnisproduktion wird Geld als Tauschwert \u00fcberfl\u00fcssig. Es wird genau so viel an G\u00fctern produziert, wie &#8222;alle Menschen der Erde zum Leben, zum Vergn\u00fcgen und zur Bequemlichkeit brauchen.&#8220; ((11)) Damit und durch die Abschaffung des Geldes, soll erreicht werden, dass der Besitz von G\u00fctern nicht zum gesellschaftlichen Prestige oder zu Macht f\u00fchrt. Die anarchistische Gesellschaft ist weniger konsumorientiert sondern legt mehr Wert auf kulturelle Entfaltung. Deshalb brauchen die Menschen auch die oben genannte Freizeit.<\/p>\n<p>Dass die Vorstellung einer Bed\u00fcrfnisproduktion, die alle Menschen satt macht, kein utopischer Gedankengang ist, zeigen &#8222;Berechnungen amerikanischer Universit\u00e4ten, die besagen, da\u00df bei einer konsequent durchgef\u00fchrten Bed\u00fcrfnisproduktion, wenn also Mode, Milit\u00e4r, Verschlei\u00dfteile, Werbung usw. wegfallen, die Bed\u00fcrfnisse aller Menschen befriedigt w\u00fcrden und das bei einer t\u00e4glichen Arbeitszeit von vier bis f\u00fcnf Stunden.&#8220; ((12))<\/p>\n<h4>2.4.4. Wissenschaft, Bildung, Kultur<\/h4>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen auch Wissenschaft, Bildung und Kultur dem freiheitlichen Ideal des Anarchismus entsprechen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wissenschaft bedeutet dies, dass sie transparent und f\u00fcr alle zug\u00e4nglich sein muss. Die Wissenschaft ist frei und nicht, wie bei uns, abh\u00e4ngig von Einrichtungen mit bestimmten Interessen, wie z.B. wirtschaftliche Verb\u00e4nde und Milit\u00e4r. Sie hat die Aufgabe, zur Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse beizutragen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Bildung sind im Anarchismus freie Schulen vorgesehen, wie sie Leo Tolstoi (+1910) und Francisco Ferrer (+1909) gefordert und praktiziert haben ((13)). Mit diesen Schulsystemen wird schon l\u00e4nger experimentiert. Ein Beispiel ist die freie Schule in Summerhill in England.<\/p>\n<p>Die Kultur ist, wie Wissenschaft und Bildung auch, frei und somit sehr ertragreich. Schon heute gibt es eine sehr ausgepr\u00e4gte und freie anarchistische Kulturszene.<\/p>\n<p>Anarchistische Kultur ist nach Gustav Landauer (1870-1919) deshalb so ertragreich, weil sie frei ist. &#8222;Wo kein Geist und keine innere N\u00f6tigung ist, da ist \u00e4u\u00dfere Gewalt, Reglementierung und Staat. Wo Geist ist, da ist Gesellschaft.&#8220; ((14))<\/p>\n<p>Wissenschaft, Bildung und Kultur sind im Anarchismus besonders wichtig, da sie dazu beitragen, das f\u00f6derierte System des Zusammenlebens zu stabilisieren, indem sie allen Menschen die gleichen M\u00f6glichkeiten geben und somit eine Etablierung von Herrschaft verhindern. Denn nur Menschen, welche die n\u00f6tige Bildung, M\u00f6glichkeiten zur wissenschaftlichen \u00dcberpr\u00fcfung und kulturelles Selbstbewusstsein haben, k\u00f6nnen eine freie Gesellschaft wahren. &#8222;Ohne libert\u00e4re Kultur ist jedoch jede soziale Bewegung dazu verurteilt, autorit\u00e4ren Losungen zu folgen oder Integrationsdynamiken durchzumachen, wie das die Massenbewegung in der DDR nach 1989 in rasendem Tempo als Vereinigungsproze\u00df erfahren hat.&#8220; ((15))<\/p>\n<h4>2.5. Kritik am autorit\u00e4ren Sozialismus<\/h4>\n<p>Kommunismus und Anarchismus scheinen sich sehr \u00e4hnlich zu sein. Beide haben die selben Wurzeln bei den Fr\u00fchsozialisten und beziehen sich auf dieselben Philosophen. Sie haben auch das gleiche Ziel: die freie Gesellschaft. Zur endg\u00fcltigen Trennung kam es in der Internationalen Arbeiter Assoziation. Marx schloss 1872 bei einem Kongress in Den Haag den Anarchisten Michael Bakunin aus. Bis heute ist eine Zusammenarbeit gegen den gemeinsamen Klassenfeind undenkbar.<\/p>\n<p>Beide Richtungen haben die gleiche Zielsetzung und unterscheiden sich eigentlich nur in der Vorstellung des Weges, der zum Ziel f\u00fchren soll. Die autorit\u00e4ren Sozialisten wollen eine zentrale Organisation der Arbeiter in einem autorit\u00e4ren Staat als \u00dcbergangsstadium. Die Anarchisten lehnen das ab, denn ein autorit\u00e4rer Staat hat mit der angestrebten Freiheit nichts zu tun. Bakunin, ein heftiger Kritiker von Marx, \u00e4u\u00dfert seine Kritik am Kommunismus folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&#8222;Ich verabscheue den Kommunismus, weil er die Negation der Freiheit ist und weil ich mir nichts Menschenw\u00fcrdiges ohne Freiheit vorstellen kann. Ich bin deshalb nicht Kommunist, weil der Kommunismus alle Macht der Gesellschaft im Staat konzentriert und aufgehen l\u00e4\u00dft, weil er notwendig zur Zentralisation des Eigentums in den H\u00e4nden des Staates f\u00fchren mu\u00df, w\u00e4hrend ich die radikale Abschaffung des Staates w\u00fcnsche, die radikale Ausrottung des Autorit\u00e4tsprinzips und der Vormundschaft des Staates, die, unter dem Vorwand, die Menschen sittlich zu erziehen und zu zivilisieren, sie bis heute versklavt hat. Ich w\u00fcnsche die Organisierung der Gesellschaft und des kollektiven und sozialen Eigentums von unten nach oben auf dem Weg \u00fcber die freie Assoziation und nicht von oben nach unten mit Hilfe irgendeiner Autorit\u00e4t, wer immer sie sei.&#8220; ((16))<\/p>\n<p>Die Autorit\u00e4t des Kommunismus birgt immer die Gefahr eine unfreie und unterdr\u00fcckte Gesellschaft entstehen zu lassen. &#8222;Man erkannte, da\u00df in einer autorit\u00e4ren Organisation bereits der Keim f\u00fcr eine neue autorit\u00e4re Gesellschaft enthalten war.&#8220; ((17))<\/p>\n<p>In der marxistischen Theorie spielt das revolution\u00e4re Volk eine untergeordnete Rolle. Jede Spontaneit\u00e4t des Volkes wird durch die strenge Organisation vernichtet, da sie diese gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Der Anarchismus hingegen fordert in seiner undogmatischen Theorie die selbstverwaltete Aktion des Volkes.<\/p>\n<p>Diese Unterschiede in der Vorstellung von Klassenkampf haben beide Bewegungen so sehr gespalten, dass man heute kaum noch von verwandten Theorien sprechen kann. Das liegt auch an den unterschiedlichen Wegen, welche die Geschichte beiden Richtungen gab. Der autorit\u00e4re Sozialismus hatte mehrere M\u00f6glichkeiten sich zu entwickeln. Somit war die Theorie \u00fcber die Revolution best\u00e4tigt und musste von Kommunisten nicht gro\u00df diskutiert werden. Die Anarchisten hingegen sahen sich durch den von vorneherein scheiternden Staatssozialismus in ihrer Kritik best\u00e4tigt und mussten ihre eigenen Revolutionstheorien immer wieder \u00fcberdenken, da sie erfolglos waren. Im Gegensatz zur kommunistischen Theorie wandelte sich die Theorie des undogmatischen Anarchismus st\u00e4ndig und passte sich der Zeit an.<\/p>\n<h4>2.6. Anarchistische Theorien der Gegenwart<\/h4>\n<p>Es gibt heute eine Vielzahl an anarchistischen Theorien, was daran liegen mag, dass der Anarchismus seine Theorien undogmatisch bildet. Alle Ans\u00e4tze bleiben aber den wichtigsten Grunds\u00e4tzen treu.<\/p>\n<h4>2.6.1. Anarchismus und repr\u00e4sentative Demokratie<\/h4>\n<p>Die heute g\u00e4ngigste Staatsform ist die repr\u00e4sentative Demokratie. Sie geht vom gleichen Menschenbild wie der Anarchismus aus und richtet sich nach \u00e4hnlichen moralischen Werten. Anarchismus und repr\u00e4sentative Demokratie sind sich \u00e4hnlicher als es scheint. Trotzdem gibt es einige Kritikpunkte der Anarchisten an der parlamentarischen Demokratie.<\/p>\n<p>Die Parlamentarisierung hat dazu gef\u00fchrt, dass &#8222;heute unter Politik fast ausschlie\u00dflich das repr\u00e4sentative Prinzip verstanden&#8220; ((18)) wird.<\/p>\n<p>Durch den Staat wird die Eigenverantwortung der B\u00fcrger nicht gef\u00f6rdert. &#8222;Der Staat agiert mit seinem Eigenleben unabh\u00e4ngig von der Gesellschaft, seine Macht beruht letztendlich auf dem Gewaltmonopol. Politik verstanden als Staatsraison ist weit davon entfernt die Menschen dazu zu ermutigen, sich selbst als f\u00fcr die Gemeinschaft verantwortungsvolle Wesen zu verstehen.&#8220; ((19))<\/p>\n<p>Au\u00dferdem unterscheiden sich die politischen Parteien, die zur Wahl stehen kaum in ihren politischen Inhalten. &#8222;Wir k\u00f6nnen zwischen den Parteien w\u00e4hlen, wie eine Hausfrau zwischen Persil und Omo, wenn sie in Wirklichkeit frisches Brot einkaufen will.&#8220; ((20)) Der Staat kann auch nur Parteien zulassen, die ihn nicht in Frage stellen.<\/p>\n<p>Weiterhin wird kritisiert, dass der W\u00e4hler durch seine Stimme einen Vertreter delegiert, den er nachher nicht mehr kontrollieren kann. &#8222;Parlamentarismus bedeutet die Delegation unserer eigenen Interessen und Bed\u00fcrfnisse an VertreterInnen, die f\u00fcr uns entscheiden sollen. Das W\u00e4hlen von Parteien bedeutet immer die unkontrollierbare Delegation von Macht an Andere.&#8220; ((21))<\/p>\n<p>Es wird von Anarchisten auch darauf hingewiesen, dass F\u00f6deralismus im anarchistischen Sinn etwas ganz anderes und viel freiheitlicheres bedeutet &#8222;als das in den gegenw\u00e4rtigen Parlamentarismus integrierte L\u00e4nderschema z.B. in der Bundesrepublik, das ebenfalls &#8218;f\u00f6derativ&#8216; genannt wird, aber dem anarchistischen f\u00f6deralistischen Verst\u00e4ndnis zutiefst widerspricht: Bundesrecht bricht hierzulande Landesrecht und nicht umgekehrt!&#8220; ((22))<\/p>\n<p>Aus der anarchistischen Staatskritik resultieren sehr viele Themen, f\u00fcr die der Anarchismus andere L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge oder Methoden anbietet, wie z.B. Umwelt, Energieverbrauch, Tierhaltung, Menschenrechte, Emanzipation, Krieg, usw.<\/p>\n<h4>2.6.2. Anarchismus als europ\u00e4ische Bewegung<\/h4>\n<p>Der Anarchismus kann nur als europ\u00e4ische Bewegung verstanden werden, da nur in Europa eine umfassende Religionskritik nach der Aufkl\u00e4rung m\u00f6glich war. Andere Kulturen, wie z.B. im islamisch gepr\u00e4gten Teil der Welt, wehren sich gegen den Universalismus der westlichen Kultur, gegen den auch der europ\u00e4ische Anarchismus Stellung bezieht. Auch in der nicht-europ\u00e4ischen Welt lassen sich jedoch libert\u00e4re Gruppen finden, die eben vor der anderen Kulturgeschichte interpretiert werden m\u00fcssen. &#8222;Wenn westliche AnarchistInnen diese wahr- und ernstnehmen, kann auch der westliche Anarchismus von nicht-westlichen Libert\u00e4ren erst wieder als B\u00fcndnispartner im Kampf gegen den herrschenden westlichen Universalismus wahrgenommen werden, ohne da\u00df westliche AnarchistInnen dabei \u00fcbrigens selbst hinter libert\u00e4re Standards auch des Rationalismus und der Aufkl\u00e4rung zur\u00fcckfallen m\u00fc\u00dften.&#8220; ((23))<\/p>\n<p>Der moderne Anarchismus fordert also die Ann\u00e4herung an freiheitliche Gruppierungen auf der ganzen Welt, auch wenn diese Religionskritik in ihr Programm nicht aufgenommen haben.<\/p>\n<h4>2.6.3. Der Anarcho-Syndikalismus<\/h4>\n<p>Der Anarcho-Syndikalismus ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine der wichtigsten Theorien zur anarchistischen Praxis. Er ist &#8222;die gewerkschaftliche Organisationsform des Anarchismus&#8220; ((24)) Der Anarcho-Syndikalismus versucht die Arbeiter \u00fcber Gewerkschaften zu organisieren, da die Arbeiter ihre Arbeitsvorg\u00e4nge am besten kennen und so auch selbst verwalten k\u00f6nnen. Au\u00dferdem stellen gewerkschaftlich organisierte Arbeiter eine starke Gegenmacht von unten dar, da sie durch Streiks die Produktion lahm legen k\u00f6nnen. Ferdinand Pelloutier stellt in seinem Aufsatz &#8222;Der Anarchismus und die Arbeitersyndikate&#8220; von 1895 den Anarcho-Syndikalismus vor: &#8222;Den reaktion\u00e4ren reformistischen Gewerkschaften der internationalen Sozialdemokratie sollten Gewerkschaften gegen\u00fcbergestellt werden, die sowohl die Arbeitsbedingungen verbessern als auch aktiv revolution\u00e4r sein sollten: Anstatt mit Petitionen (Bittschriften) und parlamentarischen Spielereien sollten diese Gewerkschaften ausschlie\u00dflich durch direkte Aktionen (Streiks, Fabrikbesetzungen, Aktionen gegen die Kapitalisten, Generalstreik usw.) ihre Forderungen durchsetzen.&#8220; ((25))<\/p>\n<p>Der Anarcho-Syndikalismus stellt nach wie vor eine M\u00f6glichkeit der anarchistischen Agitation und Organisation dar. Lou Marin kritisiert in seinem Text &#8222;Herausforderungen an den gewaltfreien Anarchismus&#8220; von 1997, dass der Anarcho-Syndikalismus bestimmte Produktions- und Bev\u00f6lkerungsstrukturen voraussetzen muss, die heute zumindest in Deutschland nicht gegeben sind. Die &#8222;Produktionsbedingungen machen heute die Perspektiven und Ansatzpunkte f\u00fcr den klassischen Anarcho-Syndikalismus weitgehend zunichte. (&#8230;) Aber auch Ver\u00e4nderungen in der Struktur der St\u00e4dte gef\u00e4hrden die Perspektiven f\u00fcr den traditionellen Anarcho-Syndikalismus. Das alte anarchosyndikalistische Organisationsmodell mit seinen Produktionsr\u00e4ten in Branchen und Betrieben und den Konsumptionsr\u00e4ten und Arbeitsb\u00f6rsen im Stadtteil setzt eine relativ homogene Bev\u00f6lkerungsstruktur in der NachbarInnenschaft, im Dorf oder Stadtteil, ja sogar \u00fcberregional voraus und eine hohe basisdemokratische Kommunikationsf\u00e4higkeit untereinander. Traditionell lie\u00df sich dieses Modell in st\u00e4dtischen ArbeiterInnenvierteln am ehesten verwirklichen.&#8220; ((26))<\/p>\n<p>Heutzutage wird, vor allem durch Murray Bookchin, &#8222;die <i>Workeritis<\/i>, die Arbeitsfixierung des vulg\u00e4ren Marxismus und des Anarchosyndikalismus&#8220; ((27)) kritisiert.<\/p>\n<h4>2.6.4. Der libert\u00e4re Kommunalismus<\/h4>\n<p>Eine neue und zur Zeit in anarchistischen Kreisen viel diskutierte Theorie ist der libert\u00e4re Kommunalismus. Die Idee, die dem libert\u00e4ren Kommunalismus zugrunde liegt, n\u00e4mlich, dass das gesellschaftliche Zusammenleben und die Produktion \u00fcber die Kommune organisiert sein soll, ist so alt wie der Anarchismus selbst. Den modernen Kommunalismus begr\u00fcndeten Janet Biehl und Murray Bookchin. Die Produktionsmittel sind im libert\u00e4ren Kommunalismus Eigentum der Kommune und nicht der Arbeiter. Die Kommunen sind r\u00e4tedemokratisch organisiert und frei f\u00f6deriert. Der libert\u00e4re Kommunalismus wendet das anarchistische R\u00e4tesystem auf die Kommune an und ersetzt somit die Arbeiterr\u00e4te.<\/p>\n<p>&#8222;Grob gesagt meint libert\u00e4rer Kommunalismus die direkt-demokratische Verwaltung der dezentralisierten Kommune durch B\u00fcrgerInnenversammlungen, bei denen alle erwachsenen B\u00fcrgerInnen in freier Diskussion Entscheidungen treffen. Die dezentralisierten Kommunen f\u00f6derieren sich wiederum mit anderen Kommunen, um \u00fcbergeordnete Aufgaben zu koordinieren und Austausch untereinander zu pflegen. (&#8230;)<\/p>\n<p>Auf wirtschaftlichem Gebiet bedeutet libert\u00e4rer Kommunalismus die Kommunalisierung der Wirtschaft, d.h. die Produktionsmittel sind nicht Eigentum der Arbeitenden oder ihrer Kooperativen, sondern der Kommune; Entscheidungen werden daher auf den B\u00fcrgerInnenversammlungen getroffen.&#8220; ((28))<\/p>\n<p>Der libert\u00e4re Kommunalismus ist in der Theorie noch nicht ausgereift und hat in Europa noch nicht viele Anh\u00e4nger gewinnen k\u00f6nnen. Momentan ist die Diskussion \u00fcber den Kommunalismus fast zum Erliegen gekommen, weil Bookchin und Biehl ein elit\u00e4res Denken entwickelt haben und sich vom Anarchismus lossagen m\u00f6chten. Das hatte zur Folge, dass sie auf internationalen Kongressen auf denen der libert\u00e4re Kommunalismus diskutiert werden sollte, anarchistische Delegierte ausschlossen und zur Diskussion nicht bereit waren. Wolfgang Haug zieht in einem Artikel \u00fcber diese Auseinandersetzung folgenden Schluss: &#8222;Aus den bislang gemachten Erfahrungen kann es eigentlich nur eine Konsequenz geben: der libert\u00e4re Kommunalismus muss weiter kontrovers diskutiert und entwickelt werden, und dies muss ohne Denkverbote m\u00f6glich sein und in offener Art und Weise geschehen.&#8220; ((29))<\/p>\n<h4>2.6.5.<i> Graswurzelrevolution\u00e4re <\/i>Anarchismus-Interpretation<\/h4>\n<p>Die Zeitung <i>Graswurzelrevolution <\/i>ist heute eine der wichtigsten anarchistischen Gruppierungen, die mit ihrem Programm viele Anarchisten anspricht und mit diesem Programm somit hier stellvertretend f\u00fcr den modernen Anarchismus in der BRD stehen kann. Dieses Programm legt sich nicht auf eine der anarchistischen Stilrichtungen fest, sondern vereint sie zu einer umfassenden Gesellschaftskritik und einer vielseitigen Vision einer herrschaftslosen Gesellschaft. Den einzelnen Theorien wird eine universelle G\u00fcltigkeit abgesprochen, da immer die strukturellen Gegebenheiten ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Deshalb soll die Organisation des Klassenkampfes auch nicht ausschlie\u00dflich \u00fcber Betriebe laufen sondern auch \u00fcber autonome Gruppen, die unabh\u00e4ngig von Arbeit und Betrieb sind.<\/p>\n<p>Die <i>Graswurzelrevolution<\/i> fordert weiterhin eine Praxis, die keine Gewalt in der Revolution anwenden darf. Diesem gewaltfreien Anarchismus liegt eine andere Vorstellung von Herrschaft zugrunde als dem Marxismus, die auf Etienne de la Boetie (16. Jahrhundert) zur\u00fcckgeht. Bei einer Revolution geht es dann nicht darum, die staatlichen Verh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern um sp\u00e4ter die Gesellschaft und als letztes das Individuum zu \u00e4ndern. Das Individuum beginnt, in dem es sich als frei begreift und jede Form der Beherrschung ablehnt. Dadurch \u00e4ndert es die Gesellschaft, die darauf die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse beseitigt. &#8222;Noch immer besteht das Revolutionsverst\u00e4ndnis des gewaltfreien Anarchismus darin, da\u00df es im wesentlichen die Unterst\u00fctzung der Beherrschten ist, die Herrschaft aufrechterh\u00e4lt. Revolution ist also logisch nicht die physische Ausl\u00f6schung der Herrschenden, sondern der Entzug der Unterst\u00fctzung durch die Beherrschten. Das ist eine bewu\u00dfte Willensentscheidung und f\u00fchrt zum emanzipatorischen Erlebnis der Solidarit\u00e4t. (&#8230;) Die Herrschaft als Struktur st\u00fcrzt in diesem Proze\u00df wie ein Kartenhaus in sich zusammen, w\u00e4hrend sie bei einer gewaltsamen Revolution bestehen bleibt und die get\u00f6teten Herrscher durch neue ersetzt werden. In diesem Sinne ist die gewaltfreie Revolution fiel radikaler als die gewaltsame.&#8220; ((30))<\/p>\n<p>F\u00fcr den gewaltfreien Anarchisten ergibt sich nat\u00fcrlich auch ein v\u00f6llig anderes Verst\u00e4ndnis von revolution\u00e4rer Arbeit, als f\u00fcr autorit\u00e4re Sozialisten und f\u00fcr die wenigen verbliebenen gewaltbereiten Anarchisten.<\/p>\n<h3>3. Aus der anarchistischen Praxis der Gegenwart<\/h3>\n<h4>3.1. Handlungsanleitungen des modernen Anarchismus<\/h4>\n<p>Da der Anarchismus jede Form der Autorit\u00e4t ablehnt und somit keinen Umsturz durch elit\u00e4re Revolution\u00e4re, wie z.B. Parteien oder terroristische Gruppierungen, herbeif\u00fchren will, kann er einen gesellschaftlichen Wandel nur als Massenbewegung erreichen, die er zur Zeit nicht ist. F\u00fcr dieses Problem gibt es verschiedene L\u00f6sungsans\u00e4tze. Gustav Landauer forderte anarchistische Kommunen, die durch gutes Beispiel Anh\u00e4nger f\u00fcr den Anarchismus gewinnen sollten. &#8222;Gehen wir wenigen doch voran, damit wir die vielen werden. Dem Volk kann niemand Gewalt antun als eben dieses Volk selber. Und gro\u00dfe Teile des Volkes halten zum Unrecht und zu dem, was ihnen selber an Leib und Seele Schaden tut, weil unser Geist nicht stark, nicht ansteckend genug ist. Unser Geist mu\u00df z\u00fcnden, mu\u00df leuchten, mu\u00df verlocken und an sich ziehen. Das tut nie die Rede allein; auch die gewaltigste, die z\u00fcrnendste, die sanfteste nicht. Das tut allein das Beispiel. Das Beispiel der Vorausgehenden m\u00fcssen wir geben.&#8220; ((31))<\/p>\n<p>Auch Peter Kropotkin (1842-1921) sah die Revolution in den Kommunen. Diese Vorstellung entspricht auch am besten den f\u00f6derativen Vorstellungen der Anarchisten. &#8222;Wir verstehen die Revolution als eine volksnahe Bewegung, welche sich in die Breite ausdehnt und in der das Volk in jeder Stadt, in jedem Dorf der aufst\u00e4ndischen Regionen den Neuaufbau der gesellschaftlichen Organisation selbst in die Hand nimmt.&#8220; ((32))<\/p>\n<p>Auch heute sehen die anarchistischen Gruppen die einzige M\u00f6glichkeit die freie Gesellschaft zu erreichen darin, die Theorie zu verbreiten und gleichzeitig zu zeigen, dass sie nicht nur eine Utopie, sondern auch verwirklichbar ist. Gewalt wird deshalb bei Aktionen abgelehnt.<\/p>\n<p>Der Anarchismus fordert nicht, wie der Marxismus, eine gro\u00dfe Revolution, bei der alles umgew\u00e4lzt werden soll, sondern viele kleine Schritte, mit denen in der Gegenwart und bei jedem selbst begonnen werden muss. Die marxistische Geschichtsauffassung, die besagt, dass die Ausbeutung der Arbeiter und der Kapitalismus automatisch zur Revolution f\u00fchren, wird als falsch betrachtet. So ist verst\u00e4ndlich, dass die anarchistische Szene ununterbrochen kleine Aktionen durchf\u00fchrt, um sich dem Ziel langsam zu n\u00e4hern. In der &#8222;Prinzipienerkl\u00e4rung der F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen \/ Graswurzelrevolution&#8220; werden die Perspektiven des revolution\u00e4ren Kampfes folgenderma\u00dfen beschrieben: &#8222;Wir sind der Meinung, da\u00df diese Ziele &#8211; so weit es geht &#8211; in unseren Kampf- und Organisationsformen vorweggenommen und zur Anwendung gebracht werden m\u00fcssen. Sie k\u00f6nnen weder mit der Anwendung lebenssch\u00e4digender Gewalt noch mit autorit\u00e4ren Organisationsformen durchgesetzt werden. Wir machen durch direkte Aktionen, durch passive und aktive Verweigerung der Zusammenarbeit einschlie\u00dflich der bewu\u00dften Mi\u00dfachtung staatlicher Gesetze die herrschende menschenfeindliche Ordnung und ihre Werte zum Thema von Auseinandersetzungen. Durch massenhaften zivilen Ungehorsam soll der staatliche Herrschafts- und Gewaltapparat zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und zerst\u00f6rt werden. Wir wollen einen Ver\u00e4nderungsproze\u00df, der aus dem Austragen gesellschaftlicher Konflikte erw\u00e4chst und in dem eine neue, von gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung getragene antiautorit\u00e4re, lebensbejahende Kultur entsteht.&#8220; ((33))<\/p>\n<h4>3.2. Die libert\u00e4re Kulturszene<\/h4>\n<p>Die anarchistische Kulturszene der Gegenwart ist kaum von Zeitungen und anarchistischen Aktionen zu trennen, da viele Gruppen vernetzt sind. Die Kulturszenen, die man als anarchistisch bezeichnen kann sind meist Subkulturen, die von der breiten \u00d6ffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen werden. Wie bereits erw\u00e4hnt ist Kultur f\u00fcr anarchistischen Widerstand besonders wichtig, um autorit\u00e4re Strukturen zu vermeiden. Trotz der relativ geringen Zahl an beteiligten Menschen f\u00fchrt die Freiheit in der anarchistischen Kultur zu einer solchen Vielfalt, dass hier nur einige Beispiele genannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte Massenwirkung haben heute anarchistische Rockbands, die ihr Vorbild meist bei <i>Ton Steine Scherben<\/i> finden. Als wichtigste Stilrichtung l\u00e4sst sich hier der Punk-Rock ausmachen, der jedoch haupts\u00e4chlich junge Zuh\u00f6rer, die mehr oder weniger politisch interessiert sind, anzieht. Punkbands mit besonders anarchistischen Inhalten sind neben vielen anderen <i>Toxoplasma<\/i>, <i>Wohlstandskinder<\/i> und <i>the Pig must die<\/i>.<\/p>\n<p>Anarchistisches Kabarett machen z.B. <i>der Blarze Schwock <\/i>aus M\u00fcnster. Diese K\u00fcnstlergruppe tritt h\u00e4ufig bei Hausbesetzungen oder gewaltfreien Aktionscamps auf. ((34))<\/p>\n<p>Bei Demonstrationen und Blockaden kommt es immer wieder zu einmaligem spontanen Stra\u00dfentheater.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Tradition hat die anarchistische Lyrik. Nennenswert ist hier als bekanntester Vertreter Erich M\u00fchsam (1878-1934). Der k\u00fcrzlich verstorbene Ernst Jandl (1925-2000) wird genau wie Bertolt Brecht (1898-1956) von den Anarchisten in Anspruch genommen.<\/p>\n<p>Eine v\u00f6llig andere Richtung schl\u00e4gt der Kunstanarchismus, der vom Dadaismus bis zur experimentellen Musik von John Cage reicht, ein. Er wendet die unhierarchischen, freien Ideale des Anarchismus auf die Kunst an, hat aber wenig mit dem Anarchismus oder der restlichen anarchistischen Kultur zu tun. Dazu hat er ein viel zu avantgardistisches Denken entwickelt. Der Kunstanarchismus revolutionierte die Kunst- und Musikgeschichte.<\/p>\n<h4>3.3. Theoriebildung durch Zeitungen<\/h4>\n<p>In der BRD gibt es viele anarchistische Zeitungen, die oft jedoch nur kurze Zeit erscheinen. Deshalb k\u00f6nnen nur einige hier vorgestellt werden. Sie sehen ihre wichtigsten Aufgaben in der Theoriebildung und der theoretischen Bildung. Dazu geh\u00f6rt auch die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen, wie z.B. Feminismus und Emanzipation, Umwelt, Krieg, Kapitalismuskritik und Globalisierung. Die Zeitungen versuchen dabei politische und gesellschaftliche Vers\u00e4umnisse und Fehler aufzudecken und zu analysieren.<\/p>\n<p>Neben der Theoriebildung stehen Aktionen im Mittelpunkt, \u00fcber die Zeitungen informieren und diese koordinieren und organisieren. Dabei ist auch wichtig, dass nachher eine ausf\u00fchrliche Berichterstattung und Reflexion stattfindet.<\/p>\n<p>Wie bereits erw\u00e4hnt ist die Kulturarbeit ebenso ein wichtiger Inhalt der Zeitungen. Dazu geh\u00f6ren au\u00dfer Buchkritiken auch Berichte \u00fcber Kulturzentren und Alternativprojekte.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Zeitungen der anarchistischen Szene und der sozialen Bewegung ist die <i>Graswurzelrevolution<\/i>. Sie erscheint seit 1972 monatlich mit einer momentanen Auflage von 3500 bis 3800 St\u00fcck ((35)). &#8222;Ansatzpunkt der <i>Graswurzelrevolution <\/i>ist in den 25 Jahren seit Bestehen gewesen, soziale Bewegungen zu beeinflussen, zu radikalisieren und dazu beizutragen, da\u00df sie schlie\u00dflich in eine gewaltfreie Revolution m\u00fcnden.&#8220; ((36))<\/p>\n<p>In vielen Sprachregionen der Welt erscheinen Zeitungen mit \u00e4hnlichem Inhalt, die somit eine internationale Berichterstattung erm\u00f6glichen. Das amerikanische Pendant hei\u00dft z.B. <i>grassrootsrevolution. <\/i>Diese Zeitung hat dort so gro\u00dfen Einfluss, das B\u00fcrgerbewegungen h\u00e4ufig als <i>grassrootsmovement<\/i> bezeichnet werden, obwohl sie mit anarchistischen Inhalten wenig oder \u00fcberhaupt nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Eine weitere pr\u00e4gende Zeitschrift in der BRD ist der <i>Schwarze Faden<\/i>, der seit 1980 ((37)) viertelj\u00e4hrlich mit einer Auflage von 2500 St\u00fcck erscheint ((38)). Der <i>schwarze Faden<\/i> erscheint im <i>Trotzdem Verlag<\/i>, der sich zur Zeit in eine Genossenschaft umwandelt. Der Verlag tut dies um der finanziellen Krise zu entgehen, in der sich viele kleine Verlage befinden. ((39))<\/p>\n<p>Als dritte Zeitung ist die anarcho-syndikalistische <i>Direkte Aktion<\/i> zu nennen, die sechs mal im Jahr erscheint. Sie ist das Presseorgan der FAU-IAA (Freie ArbeiterInnen Union\/ Internationale ArbeiterInnen Assoziation). Die Direkte Aktion erscheint seit dem Gr\u00fcndungsjahr der FAU-IAA 1977 ((40)) und koordiniert speziell die Aktionen der Mitglieder der FAU.<\/p>\n<p>Alle drei Zeitungen sind Mitglieder der WRI (War Resisters International) und somit weltweit mit antimilitaristischen und anarchistischen Gruppen vernetzt. Erst durch diese Verkn\u00fcpfung wird internationaler Widerstand erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend kann man \u00fcber die anarchistischen Zeitungen in der BRD sagen, dass sie die wichtigsten Organe des Widerstands sind, die aber nur manchmal die \u00d6ffentlichkeit erreichen k\u00f6nnen, z.B. bei gro\u00dfen Protestaktionen, an denen auch B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen beteiligt sind, wie der Widerstand gegen die Castortransporte oder die Globalisierung.<\/p>\n<h4>3.4. Widerstand der anarchistischen Szene<\/h4>\n<p>Auch der Widerstand entspricht in seiner Organisation den anarchistischen Prinzipien, die deshalb dezentral und unhierarchisch ist. So finden beispielsweise Vollversammlungen und Plena statt, auf denen aktiv der Konsens gesucht wird. So bleibt der Widerstand flexibel und unabh\u00e4ngig von bestimmten Personen.<\/p>\n<p>Immer wichtiger wird die Gewaltfreiheit bei Widerstandsaktionen, da sich der Anarchismus endlich vom Vorurteil des Terrors und des Chaos l\u00f6sen muss.<\/p>\n<p>Der Anarchismus ist heute als Widerstandsbewegung wichtiger als der Marxismus, was auch dazu f\u00fchrte, dass sich antiautorit\u00e4re Formen des Widerstands durchsetzen konnten. &#8222;der Neo-Anarchismus setzte sich nach 68 nicht unmittelbar innerhalb der sozialen Bewegung durch, sondern erst Ende der siebziger Jahre &#8211; vor allem unterst\u00fctzt durch Feminismus und \u00d6kologie &#8211; gegen autorit\u00e4r-marxistische Konzepte.&#8220; ((41)) Erst seit kurzer Zeit treten bei Aktionen gegen die Globalisierung wieder Konflikte mit autorit\u00e4r-sozialistischen Gruppen auf, wie z.B. bei den Protestaktionen gegen die Weltbank vom 21. bis 28. September 2000 in Prag: &#8222;Insgesamt fielen die trotzkistischen Gruppen dadurch auf, da\u00df sie nicht an den Plena teilnahmen, \u00fcber Verteilen von Schildern eine zahlenm\u00e4\u00dfige Dominanz vorzut\u00e4uschen suchten und ein sehr autorit\u00e4res Verhalten an den Tag legten. Platte Klassenkampf- und Arbeiterklassenrhetorik welche die lokale Geschichte nicht ber\u00fccksichtigten, waren kennzeichnend f\u00fcr die meist nur f\u00fcr einen Tag angereisten Linksrucker, Linkswender und anderen internationalen Entsprechungen.&#8220; ((42)) Dies zeigt, dass der Konflikt zwischen Kommunisten und Anarchisten immer noch nicht beendigt werden konnte, da die Gegens\u00e4tze tats\u00e4chlich von so grundlegender Natur sind.<\/p>\n<p>Es gibt heute mehrere Formen des gewaltfreien Widerstands. Die normale Demonstration ist kaum noch zu finden, da sie eigentlich nur bei gro\u00dfen Menschenmengen wirksam ist. Demonstrationen laufen auch immer Gefahr gewaltt\u00e4tig zu werden, deswegen findet h\u00e4ufig ein Kulturprogramm statt. Solche Demonstrationen werden dann &#8222;Reclaim the Streets&#8220;-Party (RTS) oder \u00e4hnlich genannt. Dieses Kulturprogramm erschwert der Polizei nebenbei die Rechtfertigung von repressiven Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Die Blockade ist eine Demonstration, die gezielt wichtige Verkehrspunkte oder \u00e4hnliches lahm legt. Blockaden f\u00fchren h\u00e4ufig zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei und zu Verhaftungen. Da die anarchistischen Demonstranten in kleine autonome Gruppen aufgeteilt sind, bleiben sie auch nach Verhaftungen noch flexibel und handlungsf\u00e4hig. Es wird versucht, die zahlenm\u00e4\u00dfige Unterlegenheit der Demonstranten durch besonders originelle und wirksame Aktionen auszugleichen.<\/p>\n<p>Das wichtigste Thema des Widerstands ist momentan die Globalisierung, die von den Multikonzernen, der Weltbank und der Welthandelsorganisation (WTO) angestrebt wird. Anarchisten kritisieren an der Globalisierung, dass sie zur Festigung der europ\u00e4ischen und amerikanischen Dominanz in der Politik und Wirtschaft dient, die Ausbeutung der armen L\u00e4nder f\u00f6rdert und somit die Kluft zwischen arm und reich, oben und unten verst\u00e4rkt. Ein sehr gro\u00dfer Erfolg des Widerstands war die Blockade der WTO-Konferenz Anfang Dezember 1999 in Seattle. Etwa 40000 Menschen mit unterschiedlichem politischem Hintergrund legten die Stadt lahm, so dass der Ausnahmezustand verh\u00e4ngt wurde. Die Konferenz konnte gest\u00f6rt werden und am Ende war man zu keinen Ergebnissen gekommen. Die Blockade war weitgehend gewaltfrei und bot eine Vielfalt an kulturellen Veranstaltungen, wie z.B. Musik und Stra\u00dfentheater. ((43)) Weitere Aktionen gegen die Globalisierung gab es in London und in Prag.<\/p>\n<p>Der Versuch einer Blockade der EXPO unter dem Motto &#8222;EXPO NO! die BeHERRschung verlieren&#8220; ((44)) scheiterte an der \u00dcbermacht der Polizei ((45)) und der geringen Zahl an Demonstranten.<\/p>\n<p>Des weiteren finden immer wieder Aktionen gegen Castortransporte, Bundeswehreins\u00e4tze, Menschenrechtsverletzungen und Abschiebungen statt.<\/p>\n<p>Der gewaltfreie Widerstand ist, obwohl er recht harmlos klingt, wahrscheinlich die wirksamste au\u00dferstaatliche Methode politische Ver\u00e4nderungen zu erreichen. Das zeigt auch der Erfolg, den Martin Luther King oder Mahatma Gandhi mit gewaltfreiem Widerstand hatten. Die anarchistische Szene bezieht sich h\u00e4ufig auf beide, da sie nicht nur in ihrer Taktik sondern auch in ihren Zielen dem Anarchismus \u00e4hnlich sind.<\/p>\n<h4>3.5. Alternative Wohnprojekte<\/h4>\n<p>Die Theorie des Anarchismus fordert das Vorangehen mit gutem Beispiel. Deshalb sind alternative Wohnprojekte und Freir\u00e4ume in Kulturzentren ein wichtiger Teil der anarchistischen Praxis.<\/p>\n<p>Immer wieder kommt es deswegen zu Hausbesetzungen, in denen alternative Kulturzentren und Lebensformen entstehen. Eines von vielen Beispielen hierf\u00fcr war die Besetzung der Uppenbergschule in M\u00fcnster am 1. Januar 2000. Am 10. 2. 2000 wurde das Geb\u00e4ude von der Polizei ger\u00e4umt. W\u00e4hrend der Besetzung entstand in dem Geb\u00e4ude ein &#8222;Freiraum, der von vielen unterschiedlichen Menschen lebendig gef\u00fcllt und gestaltet wurde. Viele politische Gruppen hatten ihre Plena aus Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung und nicht zuletzt auf Grund der vorhandenen R\u00e4umlichkeiten in die Uppenbergschule verlegt. F\u00fcr jede Woche wurde ein vielseitiges Veranstaltungsprogramm zusammengestellt, das von allen mitgestaltet werden konnte.&#8220; ((46))<\/p>\n<p>Neben den besetzten H\u00e4usern gibt es in Deutschland zahlreiche Kommunen, &#8222;in denen Menschen unterschiedlichster Auspr\u00e4gung altersgemischt zusammen wohnen und\/oder zusammen arbeiten.&#8220; ((47)) Einige Kommunen veranstalteten 2000 eine Kommune-Info-Tour um sich und ihre alternative Lebensform vorzustellen und zu diskutieren. ((48))<\/p>\n<h4>3.6. Das Betriebssystem Linux<\/h4>\n<p>Das Computerbetriebssystem Linux ist erw\u00e4hnenswert, weil auch hier mit gutem Beispiel voran gegangen wird. Es wurde nach anarchistischem Vorbild programmiert und ver\u00e4ndert. Linux ist ein Betriebssystem mit offenem Quellcode, d.h. jeder Benutzer kann das Programm ver\u00e4ndern. Bei herk\u00f6mmlicher Software, wie die Produkte von Marktf\u00fchrer Microsoft, ist dieser Quellcode verschl\u00fcsselt. Nur die Firma kann das Programm ver\u00e4ndern. Man k\u00f6nnte diesen Quellcode auch als modernes Eigentum an Produktionsmitteln bezeichnen. Er sichert den Bestand der Firma.<\/p>\n<p>Hacker aus der ganzen Welt ver\u00e4ndern Linux st\u00e4ndig und dezentral. So k\u00f6nnen Fehler schneller behoben werden und so ist dieses Betriebssystem um einiges zuverl\u00e4ssiger als die teuren Microsoft Programme. &#8222;Die Meinung, was nichts kostet, k\u00f6nne auch nichts wert sein, ist im Fall von Linux genauso falsch wie die \u00dcberzeugung der Fusionierer und Turbokapitalisten, ohne Controlling, ohne Macht und ohne Hierarchien k\u00f6nne man kein Produkt erfolgreich auf dem Weltmarkt durchsetzen, und mit einem undisziplinierten Haufen von Anarcho-Programmierern sei sowieso nur der Mi\u00dferfolg programmiert. Linux beweist das Gegenteil.&#8220; ((49)) Hubertus Soquat vom Wirtschaftsministerium, das wie viele andere Beh\u00f6rden teilweise auch schon zu Linux gewechselt hat, beschreibt diesen Vorgang folgenderma\u00dfen: &#8222;Durch die offenen Quellcodes k\u00f6nnen Millionen Programmierer \u00fcberall auf der Welt gleichzeitig an der Verbesserung der Software arbeiten. Solche Energie kann eine einzelne Firma gar nicht aufbringen.&#8220; ((50)) Da die Programmierer, von denen sich viele zum Anarchismus bekennen, kein Interesse an Profit haben, steht Linux kostenlos im Internet zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Eric S. Raymond, eine wichtige Figur der Hackerszene, bezieht sich in seinen theoretischen Abhandlungen \u00fcber die Hackerkultur auf anarchistische Theoretiker, z.B. wenn er die &#8222;Kultur des Schenkens&#8220; ((51)) begr\u00fcndet. &#8222;Das &#8218;Prinzip des Befehlens&#8216; ist auf die Freiwilligen unm\u00f6glich anzuwenden, die wir im Anarchistenparadies Internet ((52)) vorfinden. Um effektiv zu kooperieren und zu wetteifern, m\u00fcssen Hacker, die ein kollaboratives Projekt leiten wollen, lernen, wie man effektive Gemeinden im Sinne Kropotkins &#8218;Prinzip der \u00dcbereinkunft&#8216; rekrutiert und begeistert.&#8220; ((53))<\/p>\n<p>Der Erfolg von Linux wird durch den kriminellen Ruf der Hackerszene aber noch behindert und Hubertus Soquat wei\u00df wahrscheinlich nicht wie recht er hat, wenn er sagt: &#8222;F\u00fcr manchen, der sein Leben lang nur mit Windows gearbeitet hat, ist Linux wie Anarchie.&#8220; ((54)) Die Marktanteile von Linux steigen st\u00e4ndig ((55)) und so kann Linux zur Gefahr f\u00fcr Microsoft werden. Auf jeden Fall zeigt Linux, dass es eine Alternative zum profitorientierten Kapitalismus gibt.<\/p>\n<h3>4. Kritik am Anarchismus<\/h3>\n<p>Anders als zum Marxismus ist zum Anarchismus kaum Kritik zu finden. Das liegt daran, dass der Anarchismus bisher nur selten Staaten gef\u00e4hrden konnte. Es bestand also nie die Notwendigkeit den Anarchismus konstruktiv zu kritisieren oder zu widerlegen.<\/p>\n<p>Auch von marxistischer Seite wurde der Anarchismus kaum kritisiert, da der autorit\u00e4re Sozialismus lange die f\u00fchrende revolution\u00e4re Bewegung war. So besteht die Kritik h\u00e4ufig nur aus Beschimpfungen und pers\u00f6nlichen Beleidigungen der anarchistischen Theoretiker. Ein Vorwurf der autorit\u00e4ren Sozialisten ist, dass der Anarchismus nicht zwingend eine Weltrevolution fordert, sondern die Ver\u00e4nderungen auf lokaler Ebene vorsieht.<\/p>\n<p>Von demokratischer Seite wird haupts\u00e4chlich die anarchistische Organisation kritisiert, die &#8222;leicht in handlungsunf\u00e4higer Desorganisation&#8220; ((56)) ende. Die fehlende Theorie zur Revolution f\u00fchre zu einer Ersch\u00f6pfung der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte, so dass eine anarchistische Revolution leicht durch Repression und milit\u00e4rischen Druck von anderen Staaten zerschlagen werden k\u00f6nne. ((57))<\/p>\n<p>Anarchisten werden in der heutigen Zeit &#8222;als Freiheitsk\u00e4mpfer bewundert&#8220; ((58)), die politischen Forderungen finden jedoch kaum Beachtung, noch werden Anarchisten als Gefahr f\u00fcr den Staat gesehen. Der Lifestyle-Anarchismus, wie er in Kommunen praktiziert wird f\u00fchre nicht zu gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen, sondern sei nur eine egoistische Verwirklichung der anarchistischen Ideale. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sich der Anarchismus nur auf Agrargesellschaften beziehe. &#8222;Die anarchistischen Theoretiker sind \u00fcberzeugende Konzepte schuldig geblieben, wie freie Assoziation, F\u00f6deration und Autonomie der Kommunen in <i>hochindustrialisierten <\/i>Gesellschaften sich behaupten sollen.&#8220; ((59))<\/p>\n<h3>5. Schluss<\/h3>\n<p>Anarchie kann nur entstehen, wenn die davon betroffenen Menschen das wollen. Er muss eine Massenbewegung auf lokaler Ebene sein. Der Anarchismus l\u00e4uft also nicht Gefahr, wie viele politischen Ideologien, ein nur von Minderheiten gewolltes System zu sein. Er ist auch nicht totalit\u00e4r, weil er einerseits andere Meinungen akzeptiert und den Konsens mit diesen suchen kann, andererseits entstehen totalit\u00e4re Systeme dann, wenn eine Minderheit ihre Macht gef\u00e4hrdet sieht und sie mit allen Mitteln verteidigen will. Im Anarchismus hat aber niemand Macht, die er verteidigen kann.<\/p>\n<p>Der Anarchismus kritisiert zwar die repr\u00e4sentative Demokratie, doch trotzdem sch\u00e4tzen sie die meisten Anarchisten als das bestehende politische System, in dem es sich noch am besten leben l\u00e4sst. Dieser Meinung war auch Heinrich Friedetzky (1910-1998), der &#8222;zuweilen anbrachte: &#8218;Der letzte Arsch der Demokratie ist mir immer noch lieber als das sch\u00f6nste Gesicht der Diktatur.'&#8220; ((60))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Einf\u00fchrung Die Demokratisierung der Welt hat zu zahlreichen Konflikten gef\u00fchrt und bisher keine gerechte Welt schaffen k\u00f6nnen. Nato und UNO konnten die Konflikte nicht ausreichend l\u00f6sen. Hunger, Armut und Verelendung in vielen Regionen der Erde sowie die fortschreitende Umweltzerst\u00f6rung k\u00f6nnen scheinbar nicht verhindert werden. 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