{"id":4049,"date":"2001-06-01T00:00:37","date_gmt":"2001-05-31T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4049"},"modified":"2022-07-26T14:26:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:20","slug":"es-gibt-keine-militarische-losung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/06\/es-gibt-keine-militarische-losung\/","title":{"rendered":"&#8222;Es gibt keine milit\u00e4rische L\u00f6sung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: <\/strong>Kannst du etwas \u00fcber dich selbst, \u00fcber deine pers\u00f6nliche Lebensgeschichte erz\u00e4hlen?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Seit etwa sieben Jahren geh\u00f6re ich der antimilitaristischen Bewegung in Kolumbien an, der Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung. Es begann, als ich zum Kriegsdienst eingezogen werden sollte und die Einberufung verweigerte. Meine Gr\u00fcnde waren ethischer, moralischer Natur: ich war gegen den Krieg. In Kolumbien gibt es kein Gesetz, das die Kriegsdienstverweigerung anerkennt. Artikel 18 der Verfassung erkennt zwar die &#8222;Gewissensfreiheit&#8220; an, nicht aber die Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgr\u00fcnden. Entsprechend reagierten die Gerichte in meinem Fall: ich wurde wegen Desertion verurteilt. Obwohl ich niemals eine Uniform oder eine Waffe getragen hatte. Trotzdem erkl\u00e4rten sie mich zum Deserteur und verurteilten mich zu sieben Monaten Gef\u00e4ngnis. Nachdem ich diese Zeit abgesessen hatte, wurde ich entlassen, aber gleich wieder zum Kriegsdienst einberufen. Ich weigerte mich zum zweiten Mal und wurde diesmal zu einem Jahr Gef\u00e4ngnis verurteilt &#8211; wegen wiederholter Desertion. Ich ging aber nicht ins Gef\u00e4ngnis. Es hatte Drohungen gegen mich und meine Familie gegeben, die Situation war sehr unsicher. Ich versteckte mich drei Jahre lang. Nach dieser Zeit der Illegalit\u00e4t wurde mein Fall fallengelassen, und ich hoffte, der Haftbefehl gegen mich w\u00fcrde aufgehoben. Das war nicht der Fall, aber ich wurde auch nicht mehr von Milit\u00e4r oder Polizei behelligt. Merkw\u00fcrdigerweise bekam ich sogar per Post das Milit\u00e4rbuch zugeschickt, das man eigentlich erst nach Ableistung des Kriegsdienstes bekommt. Das war f\u00fcr mich pers\u00f6nlich vielleicht praktisch, aber politisch war es nat\u00fcrlich nicht das, was wir erreichen wollten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser drei Jahre der Illegalit\u00e4t engagierte ich mich in der KDV-Arbeit &#8211; unter falschem Namen nat\u00fcrlich. Wir gr\u00fcndeten KDV-Gruppen in verschiedenen St\u00e4dten; ich geh\u00f6rte zum KDV-Kollektiv Medell\u00edn. Es wurde 1996, ein Jahr nach meiner Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis, gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Es war nicht ganz einfach, in der Illegalit\u00e4t zu \u00fcberleben. Aber es funktionierte dank der politischen und pers\u00f6nlichen Solidarit\u00e4t von Gruppen, Genossen und Freunden, die daf\u00fcr sorgten, dass ich etwas zu essen und einen Schlafplatz hatte.<\/p>\n<p>Im Moment sind wir dabei, das Lateinamerikanische Netzwerk f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung (ROLC) aufzubauen.<\/p>\n<p><strong>GWR:<\/strong> \u00dcber die Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung in Kolumbien wissen wir hierzulande nur wenig. Vielleicht kannst du uns kurz ihre historische und politische Entwicklung darstellen.<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Die kolumbianische Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung ist eine der \u00e4ltesten in Lateinamerika. Sie entstand 1989, vor allem auf Initiative mennonitischer Gruppen, die das Recht auf Freistellung vom Kriegsdienst aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden forderten. Bald kam auch die politische Komponente hinzu. Verschiedene Organisationen bildeten sich aus Jugendbewegungen und sozialen Bewegungen heraus, und Anfang der 90er Jahre bildete sich das erste funktionierende KDV-Kollektiv in Bogot\u00e1. Zun\u00e4chst konzentrierte sich die Arbeit darauf, die Anerkennung des Rechts auf KDV und die Abschaffung des milit\u00e4rischen Zwangsdienstes per Gesetz zu fordern. So 15, 20 Gesetzesentw\u00fcrfe wurden vorgelegt, aber keiner davon hatte Erfolg. 1991 wurde im Rahmen der &#8222;constituyente&#8220;, die dem Land eine neue Verfassung geben sollte, immerhin die Einf\u00fchrung des Artikels 18 durchgesetzt. Aber auch dieser ist keine umfassende L\u00f6sung f\u00fcr die Kriegsdienstverweigerer in unserem Land. Er gilt nur f\u00fcr die Verweigerung aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden. Studenten der evangelischen und katholischen Priesterseminare sind jetzt vom Milit\u00e4rdienst befreit. Aber wenn wir politische, ethische oder moralische Gr\u00fcnde f\u00fcr unsere Ablehnung des Krieges geltend machen, werden wir nach wie vor nicht anerkannt.<\/p>\n<p>Inzwischen ist die Bewegung dazu \u00fcbergegangen, schwerpunktm\u00e4\u00dfig Informationsarbeit zu machen, das Thema KDV auf unterschiedlichen Ebenen bekannt zu machen. In sozialen Bewegungen, im Parlament, unter Jugendlichen &#8211; und indem ganz konkret die Prozesse gegen Kriegsdienstverweigerer begleitet werden.<\/p>\n<p>Wie gesagt: seit 1996 gibt es das KDV-Kollektiv in Medell\u00edn, und im vergangenen Jahr entstand ein Netzwerk f\u00fcr die KDV-Arbeit in Kolumbien, dem sieben h\u00f6chst unterschiedliche Organisationen angeh\u00f6ren, von der kolumbianischen Arbeiterjugend bis zur mennonitischen Kirche &#8211; und nat\u00fcrlich auch die KDV-Kollektive Medell\u00edn und Bogot\u00e1.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Bei unserem Gespr\u00e4ch neulich hast du sehr eindr\u00fccklich die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen in Kolumbien geschildert, unter denen ihr arbeitet und die, wie du gesagt hast, eure Ziele und Ideen oft als realit\u00e4tsfern erscheinen lassen.<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel:<\/strong> Nun, zum einen meinte ich damit die wirtschaftliche Situation unserer Gruppen: es fehlen uns schlicht die Mittel, in andere Regionen des Landes zu gehen und dort unsere Forderungen \u00fcberhaupt bekannt zu machen. Unsere Arbeit spielt sich im wesentlichen in den Ballungsr\u00e4umen um Bogot\u00e1 und Medell\u00edn ab. Jenseits dieser St\u00e4dte haben wir nicht die M\u00f6glichkeit, Brosch\u00fcren oder Flugbl\u00e4tter mit Informationen zu verteilen. Wir haben also ganz einfach nicht das Geld, um fl\u00e4chendeckend gegen die Desinformation anzuk\u00e4mpfen; und dabei sind wir \u00fcberzeugt, dass die Desinformation in unserem Land eine wesentliche Ursache daf\u00fcr ist, dass es kaum Kriegsdienstverweigerer gibt. So viele Leute wissen \u00fcberhaupt nicht, was Kriegsdienstverweigerung ist, dass es so etwas gibt. Erst recht nicht, dass es ein Recht darauf geben sollte; dass Kolumbien v\u00f6lkerrechtliche Vertr\u00e4ge unterzeichnet hat, die das Land verpflichten, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in seine Verfassung aufzunehmen. Und die \u00fcberwiegende Mehrheit dieser Leute k\u00f6nnen wir rein geografisch nicht erreichen &#8211; so viel zur wirtschaftlichen Situation unserer Gruppen&#8230;<\/p>\n<p>Aber ein ganz wesentlicher Faktor ist die wirtschaftliche Situation der Gesellschaft insgesamt. Viele Jugendliche sehen keine Perspektive f\u00fcr ihr Leben. Wenn sich ihnen nun die <em>Chance<\/em> des Milit\u00e4rdienstes bietet &#8211; denn als Chance wird er tats\u00e4chlich wahrgenommen, und das ist nicht nur in Kolumbien so, sondern in ganz Lateinamerika -, dann nutzen sie die Gelegenheit. F\u00fcr viele Jugendliche ist das Milit\u00e4r die einzige M\u00f6glichkeit, lesen und schreiben zu lernen, die einzige M\u00f6glichkeit, eine Arbeit zu finden. Sich f\u00fcr den Krieg zu entscheiden, ist also ein riesiger wirtschaftlicher und pers\u00f6nlicher Vorteil. Die meisten sagen: Warum sollte ich nicht zum Milit\u00e4r gehen? Wenn ich den Kriegsdienst verweigere, lande ich im Gef\u00e4ngnis oder muss jahrelang untertauchen. Wenn ich dagegen zum Milit\u00e4r gehe, kann ich vielleicht sogar studieren &#8211; oder zumindest meine Familie ern\u00e4hren helfen. Meine Familie hungert und hofft auf mich, ich kann sie nicht einfach im Stich lassen und den Kriegsdienst verweigern. &#8211; Und dann werden wir gefragt: Und was habt Ihr uns zu bieten? Geld? Die M\u00f6glichkeit zu lernen? Eine Schule zu besuchen? Wer wird meine Familie ern\u00e4hren?<\/p>\n<p>In den Augen vieler ist KDV ein Privileg der b\u00fcrgerlichen Jugendlichen &#8211; um den Kriegsdienst zu verweigern, muss man ein gesichertes Existenzminimum haben, sonst nimmt man buchst\u00e4blich in Kauf, dass die eigene Familie verhungert. Es geht ja nicht nur um die M\u00f6glichkeit zu studieren, es geht &#8211; f\u00fcr die meisten viel existentieller &#8211; um die M\u00f6glichkeit zu arbeiten. Solange ein m\u00e4nnlicher Jugendlicher kein Milit\u00e4rbuch vorweisen kann, findet er nicht einmal einen Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Ohnehin wird die Mehrheit der Jugendlichen in unserem Land ausgebeutet: Sie werden extrem schlecht bezahlt, sie erhalten nicht einmal den Mindestlohn, und die realen Arbeitszeiten sind sehr viel l\u00e4nger als offiziell vorgeschrieben. Oft existiert praktisch kein arbeitsrechtlicher Schutz.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Das ist auch der Grund, weshalb du forderst, dass sich die antimilitaristische Bewegung nicht nur auf die Themen KDV und Militarismus beschr\u00e4nken darf, sondern sich mit der gesamtgesellschaftlichen Struktur auseinandersetzen muss.<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Ja klar. Wir haben es ja auch mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Einem System, in dem junge Menschen in den Krieg ziehen m\u00fcssen, um ihr \u00dcberleben zu sichern.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>In einem deiner Aufs\u00e4tze schreibst du: &#8222;Nicht der Krieg sollte unser Antrieb sein, sondern unsere eigenen Ideen der sozialen Gerechtigkeit, der Entwicklung, der Vielfalt. Wir m\u00fcssen mit &#8230; einer neuen Kultur des Friedens dem Krieg die Legitimation entziehen. Wir m\u00fcssen \u00fcberall auf dem Kontinent zu einer permanenten Opposition werden. Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass unsere Gruppen zu Zentren der Aktion, des Widerstands und der politischen Debatte werden, wo st\u00e4ndig Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den Aufbau einer Gesellschaft ohne Hierarchie erarbeitet werden.&#8220; ((1)) Deine Forderung ist, aktiv gesellschaftliche Utopien zu entwickeln, um den herrschenden Realit\u00e4ten etwas entgegensetzen zu k\u00f6nnen, was \u00fcber die radikale Verweigerung hinausgeht. Wie sieht deine Vorstellung einer egalit\u00e4ren, gerechteren Gesellschaft, einer Gesellschaft, die ohne Milit\u00e4r und Militarismus auskommen kann, aus?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Schon unsere konkreten Forderungen reichen ja im Grunde weiter als bis zur blo\u00dfen Abschaffung des milit\u00e4rischen Zwangsdienstes. Wir sind nicht einfach nur &#8222;gegen das Milit\u00e4r&#8220; als abgegrenzte Institution. Wir wollen eine Gesellschaft, in der die Menschen das Recht <em>und<\/em> die faktische M\u00f6glichkeit haben, sich zu verweigern und &#8222;Nein&#8220; zu sagen. Wenn wir uns nur auf die formalen rechtlichen Aspekte beschr\u00e4nken, haben wir vielleicht bald eine Situation, in der es zwar ein Recht auf KDV gibt, die \u00fcberwiegende Mehrheit der Menschen sich dieses Recht aber nicht leisten kann: die \u00f6konomische M\u00f6glichkeit besteht f\u00fcr sie und ihre Familien einfach nicht. Deshalb m\u00fcssen wir weitergehen und die Frage stellen: Wo sind die Rechte der Jugendlichen, der Minderj\u00e4hrigen, der in Kinderarbeit Ausgebeuteten? Wo sind die wirtschaftlichen Rechte der Bauernfamilien, die ihre Produkte nicht verkaufen k\u00f6nnen? Die Frage nach dem strukturellen Problem der Ungleichheit, dem riesigen Abgrund zwischen Arm und Reich: es gibt so gut wie keine Mittelschicht in unserem Land, es gibt nur Arme und Reiche. Den Reichen stehen alle M\u00f6glichkeiten der Korruption offen, sie k\u00f6nnen sich alles kaufen &#8211; zum Beispiel auch das Milit\u00e4rbuch.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Hast du konkrete L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr eine gesellschaftliche Alternative &#8211; oder den Weg dorthin?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Nun, der Weg muss auf lange Sicht dahin f\u00fchren, die Ursachen des Krieges abzuschaffen, die Gr\u00fcnde, die uns fortgesetzt zwingen, Krieg zu f\u00fchren. Eine einfache L\u00f6sung, ein Patentrezept habe ich auch nicht. Ich wei\u00df nur, dass die L\u00f6sung globalen Charakter haben muss. Dass sie <em>alle<\/em> Menschen etwas angeht. Denn wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass, wenn im Zusammenhang mit dem Kriegsdienst von &#8222;Sicherheit&#8220; geredet wird, immer zwei Formen von Sicherheit im Spiel sind, die wir klar unterscheiden m\u00fcssen. Zum einen die Sicherheit im milit\u00e4rischen Sinne: Sicherheit des Territoriums, der Staatsgrenzen usw. Zum anderen aber das, was wir die menschliche Sicherheit nennen: Gesundheit, Bildung, M\u00f6glichkeiten der Kommunikation, M\u00f6glichkeiten alternativen Arbeitens, M\u00f6glichkeiten der menschlichen Entwicklung. Und diese Sicherheit existiert in unserem Land f\u00fcr die meisten Menschen nicht. Und je mehr der Fetisch der milit\u00e4rischen, der territorialen, der Grenzsicherheit gest\u00e4rkt wird, desto rapider schwinden die Chancen, menschliche Sicherheit zu schaffen.<\/p>\n<p>Zur Zeit versucht man uns ja zu verkaufen, dass die einzige M\u00f6glichkeit, allen Menschen unseres Landes eine Chance auf ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu geben, darin best\u00fcnde, den Drogenhandel zu eliminieren. Als ob der Drogenhandel eine willk\u00fcrliche Bosheit, eine Laune w\u00e4re, und nicht ein Teil der gesellschaftlichen Struktur. Die Mehrheit der Kokaproduzenten sind Bauern und B\u00e4uerinnen, die nie eine M\u00f6glichkeit hatten, ihre regul\u00e4ren Produkte zu vermarkten. Als dann die Paramilit\u00e4rs, die Guerilla oder eben auch die Drogenh\u00e4ndler in ihre D\u00f6rfer kamen, bauten sie Schulen und Landebahnen f\u00fcr Flugzeuge und versprachen den Leuten, ihnen ihre gesamte Ernte abzukaufen, wenn sie Koka anbauten. D.h. diese Bauern und B\u00e4uerinnen hatten pl\u00f6tzlich die Garantie, dass sie nie wieder Probleme haben w\u00fcrden, ihre Produkte zu verkaufen: f\u00fcr sie war das eine unerh\u00f6rte Chance.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Die Aufgabe, &#8222;menschliche Sicherheit&#8220; zu schaffen &#8211; ist das f\u00fcr dich vorrangig die Aufgabe einer gesellschaftlichen Gruppe oder Klasse? Eine nationale Aufgabe? Oder eine internationale, weltweite?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Eine weltumspannende Aufgabe. Mir ist zum Beispiel nicht klar, wie die Europ\u00e4er in ihrem Wohlstand ruhig leben k\u00f6nnen, mit dem Lebensstandard, den sie haben, wo sie doch wissen, dass auf der Erde dreimal so viele Menschen in Armut leben, viele von ihnen hungern. Ich glaube, die Menschen in Europa fragen sich einfach nie, woher denn ihr Wohlstand kommt &#8211; warum es ihnen so gut geht, warum es bei ihnen soziale Sicherheit gibt, warum es Arbeitslosenhilfe gibt, warum niemand vor Hunger stirbt, warum kaum jemand auf der Stra\u00dfe leben muss. Denn das ist die Kehrseite ihres Wohlstands: Die Hungernden, die Menschen, die auf der Stra\u00dfe leben m\u00fcssen &#8211; sie sind vielleicht nicht vor ihrer Haust\u00fcr, aber sie sind die Realit\u00e4t in anderen Kontinenten, zum Beispiel in Lateinamerika. Ebenso die Menschen, die als billige Arbeitskr\u00e4fte ausgebeutet werden, ohne jede soziale Absicherung, ohne Arbeitnehmerrechte. Zu den Garantien, die die multinationalen Unternehmen fordern, um \u00fcberhaupt in einem lateinamerikanischen Land zu investieren, geh\u00f6rt, dass die Regierung ihnen alle Belastungen und Risiken abnimmt und vor allem die Gewerkschaften ausschaltet. Der Mindestlohn f\u00fcr einen Arbeiter liegt bei 150 Dollar &#8211; und damit soll er dann seine Familie ern\u00e4hren. Und wenn er arbeitslos wird, muss er betteln gehen &#8211; oder eben in den Krieg.<\/p>\n<p>Das urs\u00e4chliche Problem Lateinamerikas ist also nicht der Krieg, und schon gar nicht der Drogenhandel. Das Problem sind wir, das Problem ist die Gesellschaft. Kolumbien verbraucht viermal so viele Chemikalien wie der Rest Lateinamerikas zusammen. Kolumbien ist zur Zeit der weltweit zweitgr\u00f6\u00dfte Importeur US-amerikanischer Waffen. Wir sind der wichtigste Empf\u00e4nger von US-Milit\u00e4rhilfe in Lateinamerika, wir bekommen viermal soviel wie jedes andere lateinamerikanische Land &#8211; dank des &#8222;Plan Colombia&#8220;. ((2))<\/p>\n<p>Aber das wird zu nichts f\u00fchren, das ist keine L\u00f6sung. Eine wirkliche L\u00f6sung setzt eine weltweite Bewusstseinsbildung voraus.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Siehst du in den Aktionen und Massendemonstrationen gegen den Neoliberalismus, die in Europa und Nordamerika anl\u00e4sslich des WWF, der FTAA-Konferenz, der G8-Gipfeltreffen usw. stattgefunden haben, einen Schritt in die richtige Richtung?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Ja, definitiv. Ich war sehr \u00fcberrascht, ich hatte \u00fcber das Ausma\u00df dieser Proteste nichts gewu\u00dft. Dass da 25.000, 30.000 Menschen auf die Stra\u00dfe gehen, um auf die Handvoll Menschen Druck auszu\u00fcben, die \u00fcber die Welt entscheiden: Das ist ein Anfang. Das ist ein Teil des Protests, der zu etwas Dauerhaftem werden m\u00fcsste. Der sich von den einzelnen Anl\u00e4ssen, den Gipfeltreffen und dergleichen l\u00f6sen und permanent kritisieren m\u00fcsste, was sich da abspielt. Zum Beispiel die Massaker, die die Multis in unseren L\u00e4ndern anrichten. Die massenhaften Vertreibungen mit Billigung der Regierungen. Die Zerst\u00f6rung der Umwelt.<\/p>\n<p>Und dieser Protest (in den Metropolen, d.\u00dc.) muss sich mit dem Protest in Lateinamerika vernetzen.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Welchen Eindruck hattest du von der Kommunikation mit Einzelnen und Gruppen w\u00e4hrend deiner Reise durch Deutschland und Europa? Wie wurden deine Vortr\u00e4ge, deine Analysen und \u00dcberlegungen aufgenommen? Wurde deine Einsch\u00e4tzung der Zusammenh\u00e4nge, der Ursachen und Folgen geteilt?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Es gab Leute, denen nicht einmal bewusst war, dass ihr Land Waffen nach Lateinamerika exportiert &#8211; w\u00e4hrend seine Regierung zugleich sagt: Wir unterst\u00fctzen dort den Friedensprozess. Die meisten Leute wussten nicht, dass der Gro\u00dfteil der Chemikalien, die Kolumbien f\u00fcr die Kokaproduktion verwendet, aus Europa und den USA kommt. Oder dass die Leute, die im amerikanischen Kongress f\u00fcr den Plan Colombia stimmten, die Besitzer der Waffenfabriken sind. Dass durch den Plan Colombia, der angeblich der Bek\u00e4mpfung des Drogenhandels dienen soll, Kolumbien zu einer milit\u00e4rischen Bedrohung f\u00fcr ganz Lateinamerika hochger\u00fcstet wird. Das ist Teil einer milit\u00e4rischen Strategie &#8211; nat\u00fcrlich r\u00fcsten die anderen lateinamerikanischen Staaten jetzt auch entsprechend auf. Und kaufen zu diesem Zweck Waffen aus den USA. In Holland wussten die Leute nicht, dass ihre Regierung die Kolonie der Antillen als Milit\u00e4rbasis f\u00fcr den Plan Colombia zur Verf\u00fcgung stellt.<\/p>\n<p>Dann gibt es viele unter den politisch Interessierteren, die eine verkl\u00e4rte Vorstellung von der Guerilla in Kolumbien haben: Die \u00e4lteste Guerilla Lateinamerikas! Die Helden des Widerstands! 50 Jahre heroischen Kampfes &#8211; das kann man doch nicht einfach aufgeben! Der Kampf muss weitergehen!<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Wie denkst du \u00fcber die Guerilla?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Dass es keine Guerilla gibt. Es gibt nur einen Kampf zwischen verschiedenen Milit\u00e4rs. Die FARC ist zu einer der Armeen geworden, die es in unserem Land gibt und die sich \u00fcber die territoriale Souver\u00e4nit\u00e4t im Land streiten. Die FARC bietet keine wirkliche politische Alternative, sondern nur eine weitere hierarchische, totalit\u00e4re Struktur.<\/p>\n<p>Wie s\u00e4he unsere Zukunft aus, wenn diese Guerilla siegen w\u00fcrde? D\u00fcster!<\/p>\n<p>Die Strukturen unseres Landes werden sich nicht auf dieser milit\u00e4rischen Ebene ver\u00e4ndern lassen.<\/p>\n<p>50 Jahre Krieg haben uns zur Gen\u00fcge bewiesen, dass es keine milit\u00e4rische L\u00f6sung gibt. Dass wir die L\u00f6sung unserer Probleme nicht den Streitkr\u00e4ften &#8211; egal welcher Couleur &#8211; \u00fcberlassen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>In der Geschichte unseres Landes haben sich die verschiedensten Armeen abgewechselt, und keine konnte die strukturellen Probleme beseitigen.<\/p>\n<p>Es wird Zeit, dass endlich die Bev\u00f6lkerung als Ganze die Verantwortung \u00fcbernimmt, sich auf die Suche nach L\u00f6sungen macht. Sonst wird der Krieg ewig weitergehen. Und die Menschen des Landes werden immer in der Rolle der Opfer bleiben.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>An welche Formen politischen Handelns denkst du dabei? Hast du eine Vorstellung, wie die n\u00e4chsten Schritte ganz konkret aussehen k\u00f6nnten?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Die Strukturen des Landes sind so komplex und die \u00dcbermacht des Milit\u00e4rs, der Paramilit\u00e4rs und der Guerilla ist so erdr\u00fcckend, dass es kaum m\u00f6glich scheint, konkrete Ans\u00e4tze zu entwickeln.<\/p>\n<p>Dennoch m\u00fcssen wir daran festhalten: Wer die Macht hat, hat deshalb noch lange nicht recht. Unser Kampf mag als romantisch und unrealistisch bel\u00e4chelt werden, vielleicht ist er das auch. Wir sind eine winzige Minderheit gegen\u00fcber 80.000 Milit\u00e4rs und 50.000 Guerrilleros und offiziell 8.000 Paramilit\u00e4rs (inoffiziell sind es sehr viel mehr). Trotzdem wollen wir weitermachen. Wir wollen nicht zulassen, dass es immer mehr Tote in diesem Krieg gibt. Wir wollen uns mit dieser Realit\u00e4t nicht abfinden.<\/p>\n<p>Innerhalb unseres Aktionsradius &#8211; der zugegebenerma\u00dfen klein ist &#8211; haben wir ein ganz konkretes Ziel: Wir wollen erreichen, dass weniger Jugendliche zum Milit\u00e4r, in den Krieg gehen. Ihnen klar machen, dass es diese M\u00f6glichkeit \u00fcberhaupt gibt.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wollen wir zumindest weiterhin \u00f6ffentlich machen, was passiert &#8211; auf staatlicher Ebene in Kolumbien, aber auch durch die als Unterst\u00fctzung getarnte Interessenpolitik der USA und der EU. Wir wollen informieren, unseren Protest nach au\u00dfen tragen.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch, ganz klar zu sagen: Es gibt keinen B\u00fcrgerkrieg in Kolumbien. Es gibt nur einen Krieg gegen die Zivilgesellschaft. In einem B\u00fcrgerkrieg ist die Zivilgesellschaft in zwei Lager gespalten. Das ist in Kolumbien nicht der Fall. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Zivilgesellschaft legitimiert weder das eine noch das andere Lager, sondern w\u00fcnscht sich nur Frieden und das Recht auf Leben. Was in unserem Land passiert, ist, dass mehrere milit\u00e4rische Machtbl\u00f6cke sich untereinander die Macht streitig machen. Die Zivilbev\u00f6lkerung hat davon herzlich wenig. Sie ist Opfer des Krieges zwischen den feindlichen Milit\u00e4rstrukturen.<\/p>\n<p>Wo ist in unserem Land der Geist zu sp\u00fcren, den Subcomandante Marcos in Chiapas vermittelt, wenn er sagt: &#8222;Die Guerilla ist nicht dazu da, die Zivilbev\u00f6lkerung zu t\u00f6ten. Die Guerilla ist dazu da, die Zivilbev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen, selbst wenn sie sich feindlich gesonnen zeigt&#8220;? In Kolumbien dagegen ermordet die Guerilla Bauern und Dorfbewohner, wenn sie im Verdacht stehen, die Paramilit\u00e4rs zu unterst\u00fctzen. Und die Paramilit\u00e4rs handeln genauso: Sie t\u00f6ten diejenigen, die sie f\u00fcr Unterst\u00fctzer der Guerilla halten.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Hat Subcomandante Marcos, haben die Zapatistas in deinen Augen eine L\u00f6sung zu bieten &#8211; auch f\u00fcr euch?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Wir lehnen die bewaffnete Strategie grunds\u00e4tzlich ab. Allerdings sehen wir auch, dass die EZLN die Position der aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen st\u00e4rkt, dass sie ihnen eine Stimme gibt. Das ist ein Ziel, das auch wir erreichen m\u00f6chten &#8211; ohne zu den Waffen greifen zu m\u00fcssen und zu einer weiteren Bedrohung, einer weiteren Komponente des Krieges zu werden. Auf gewaltlose Weise wollen wir die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung st\u00e4rken, die kein Interesse am Krieg haben kann, und ihr Bewusstsein f\u00fcr die Notwendigkeit des Friedens sch\u00e4rfen.<\/p>\n<p><strong>GWR: <\/strong>Wie k\u00f6nnte der Beitrag deutscher bzw. europ\u00e4ischer Gruppen zu eurer Arbeit konkret aussehen?<\/p>\n<p><strong>Luis Gabriel: <\/strong>Es gibt viele M\u00f6glichkeiten. In erster Linie ist es f\u00fcr uns wichtig, dass die Menschen hier aufmerksam verfolgen, was bei uns geschieht. Jenseits der Verhandlungen zwischen Regierung und Guerilla, jenseits des Drogenhandels. Dass sie aufmerksam verfolgen, was mit der Zivilbev\u00f6lkerung geschieht. Mit den Bauern und B\u00e4uerinnen, den Ind\u00edgenas, den Frauen, den Antimilitaristen, den Menschenrechtsgruppen. Denn diese Menschen werden verhaftet, get\u00f6tet, ins Exil gezwungen. Dagegen m\u00fcssen die Leute hier ihre Stimme erheben. Und auch dagegen, dass ihre Regierung diese Zust\u00e4nde in Kolumbien stillschweigend unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit ist die wirtschaftliche Unterst\u00fctzung. Die Regierungen geben zwar Geld &#8211; die deutsche, die niederl\u00e4ndische, die belgische Regierung: Sie alle stellen Kolumbien Geld zur Verf\u00fcgung. Aber eben nicht der Zivilbev\u00f6lkerung! Das Geld flie\u00dft ins Milit\u00e4r, in die Feldz\u00fcge gegen den Koka-Anbau und auch in die Guerilla. Aber nichts davon wird f\u00fcr eine echte L\u00f6sung f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung verwendet: die Menschen hungern weiter, werden vertrieben und get\u00f6tet. Und deshalb brauchen die Gruppen der Zivilgesellschaft Geld &#8211; die antimilitaristischen, die Ind\u00edgenas- und die Frauengruppen. Diejenigen, die wirklich etwas f\u00fcr die Menschen tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Kannst du etwas \u00fcber dich selbst, \u00fcber deine pers\u00f6nliche Lebensgeschichte erz\u00e4hlen? Luis Gabriel: Seit etwa sieben Jahren geh\u00f6re ich der antimilitaristischen Bewegung in Kolumbien an, der Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung. Es begann, als ich zum Kriegsdienst eingezogen werden sollte und die Einberufung verweigerte. Meine Gr\u00fcnde waren ethischer, moralischer Natur: ich war gegen den Krieg. In &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/06\/es-gibt-keine-militarische-losung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Es gibt keine milit\u00e4rische L\u00f6sung\" - graswurzelrevolution","description":"GWR: Kannst du etwas \u00fcber dich selbst, \u00fcber deine pers\u00f6nliche Lebensgeschichte erz\u00e4hlen? Luis Gabriel: Seit etwa sieben Jahren geh\u00f6re ich der antimilitaristisch"},"footnotes":""},"categories":[264,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-4049","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-260-sommer-2001","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4049","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4049"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4049\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4049"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}