{"id":4057,"date":"2001-06-01T00:00:14","date_gmt":"2001-05-31T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4057"},"modified":"2022-07-26T14:26:21","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:21","slug":"beleidigung-und-verachtung-der-vergewaltigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/06\/beleidigung-und-verachtung-der-vergewaltigung\/","title":{"rendered":"Beleidigung und Verachtung der Vergewaltigung&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Vom 10. bis zum 11. Juni 2000 fand in Istanbul eine Tagung unter dem Titel: &#8222;Schluss mit dem sexuellem Missbrauch und den Vergewaltigungen in Untersuchungshaft&#8220; statt. Vertreterinnen verschiedener Frauenorganisationen hielten Reden \u00fcber Vergewaltigung und Folter. Besonderes Gewicht erhielt die Tagung aber durch die Beitr\u00e4ge vergewaltigter Frauen und ihrer Verwandten. Dort waren sie also: eine unbestreitbare Realit\u00e4t und damit eine Bedrohung f\u00fcr kollektive Verdr\u00e4ngungsmechanismen, die eine andere Wahrnehmung der Realit\u00e4t erzeugen. Vergewaltigt und verachtet, in ihrer Integrit\u00e4t angegriffen und in der Erwartung, dass sie zusammenbrechen w\u00fcrden unter der Last der Erinnerungen, die sie zu zerst\u00f6ren drohen&#8230; und sie sind <em>zur\u00fcckgekommen<\/em>. Allein dadurch dass sie aussprachen, was ihnen angetan wurde, vereiteln sie die Ziele der Vergewaltiger.<\/p>\n<p>Der Staat lie\u00df mit einer Reaktion nicht auf sich warten. Die Organisatorinnen und RednerInnen der Tagung wurden angeklagt, die &#8222;moralische Pers\u00f6nlichkeit des Staates beleidigt&#8220; zu haben. Am 21. M\u00e4rz 2001 hat der Richter in der ersten Prozesssitzung gegen 19 Angeklagte den \u00fcberaus cleveren Entschluss gefasst, Fatma Polatta\u00fe vor Gericht zu laden. Fatma Polatta\u00feist seit zweieinhalb Jahren im Gef\u00e4ngnis und konnte sich an der Tagung \u00fcberhaupt nicht beteiligen. Zudem wird sie immer noch wegen des Traumas, dass sie in Untersuchungshaft erlitten hat, \u00e4rztlich behandelt!<\/p>\n<p>Die Anw\u00e4ltin Fatma Karaka\u00fe arbeitet seit Juli 1997 zusammen mit den Anw\u00e4ltinnen Eren Keskin und Jutta Hermans im &#8222;B\u00fcro zur juristischen Hilfe gegen sexuelle Misshandlung und Vergewaltigung in Untersuchungshaft&#8220;. Die Zahl ihrer Klientinnen betr\u00e4gt nach vier Jahren 135. Als &#8222;einen Tropfen im Meer&#8220; beschreibt sie diese Zahl, die so niedrig bleibt, weil es schwer f\u00e4llt, \u00fcber die Vergewaltigung zu sprechen und weil die Angst gro\u00df ist, wieder arrestiert zu werden.<\/p>\n<p>Das &#8222;B\u00fcro&#8220; vermittelt zwischen den Klientinnen und Institutionen wie der T\u00fcrkischen \u00c4rztekammer, der T\u00fcrkischen Menschenrechtsstiftung und der Istanbuler Universit\u00e4t, um f\u00fcr eine \u00e4rztliche Untersuchung und psychologische Atteste zu sorgen, welche den Gerichten als Beweismittel vorgelegt werden. Zuletzt hat der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte im Fall \u00de\u00fckran Ayd\u00fdn gegen die T\u00fcrkische Republik den Staat f\u00fcr schuldig erkl\u00e4rt, weil kein psychologisches Attest eines unabh\u00e4ngigen Arztes erstellt wurde. Es mehren sich die (gerichtlichen) Hinweise, dass psychologische Atteste auch im Inland endlich als Beweismittel zu akzeptieren seien. Um aber Verbindliches sagen zu k\u00f6nnen, wird mit Spannung auf den Ausgang der laufenden Prozesse gewartet.<\/p>\n<p>25 der 135 F\u00e4lle wurden bisher vor den Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte gebracht und in keinem der inl\u00e4ndischen Prozesse wurde ein angeklagter Polizist oder Soldat wegen Vergewaltigung verurteilt. Da wo ein Urteil ergangen ist, lautete es nicht auf Vergewaltigung wie der Fall von Remziye Din\u00e7 zeigt. Sie wurde in Batman von zwei Dorfsch\u00fctzern vergewaltigt und gebar ein Kind. Das Gericht verurteilte den Dorfsch\u00fctzer, dessen Vaterschaft durch einen DNA-Test bewiesen wurde, wegen &#8222;sexueller Beziehung mit einer Minderj\u00e4hrigen mit ihrem Einverst\u00e4ndnis&#8220;.<\/p>\n<p>Neben der Unterst\u00fctzung im juristischen Bereich, ist der gesellschaftliche und psychologische Aspekt in der Zusammenarbeit zwischen dem &#8222;B\u00fcro&#8220; und den vergewaltigten Frauen wichtig. In dem aktuellen Rechtsstreit anl\u00e4sslich der Tagung solidarisieren sich die Frauen gegen das Ziel der Vergewaltiger, sie zu isolieren und sie erfahren Unterst\u00fctzung in der Auffassung, dass sie weder schuldig noch schmutzig sind.<\/p>\n<p>Auch Fatma Karaka\u00fe ist in ihrer Eigenschaft als Rednerin angeklagt und sie beschreibt den Prozess gegen sie als &#8222;einen Prozess gegen das Projekt. Wir m\u00fcssen in der T\u00fcrkei Freispruch erlangen oder vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte gewinnen. Wir verfolgen die F\u00e4lle von 135 Klientinnen. Begehen wir also 135 Straftaten? Der Staat widerspricht seinen eigenen Rechtsnormen,&#8220; gem\u00e4ss derer Vergewaltigung und Folter Straftaten sind.<\/p>\n<p>Den Staat als eine Person zu begreifen und ihm Motive und Reaktionen, die eigentlich in den Bereich der Psychologie geh\u00f6ren, zuzuschreiben, muss zu Recht als Reduktion, ergo als gef\u00e4hrlich angesehen werden. Doch das aus der Anklageschrift gegen die RednerInnen und Organisatorinnen der Tagung entnommene Zitat, am Anfang des Artikels, fordert eine derartige Simplifizierung regelrecht heraus. Die Anklageschrift dokumentiert, wie der Verteidigungsreflex des Staates in Aktion tritt, wenn sein systematischer Unterdr\u00fcckungsmechanismus blo\u00dfgestellt wird. Die &#8222;Pers\u00f6nlichkeit&#8220; der vor inl\u00e4ndischen Gerichten und dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte angeklagten Beamten und die &#8222;moralische Pers\u00f6nlichkeit&#8220; des Staates sind eins geworden und der Staat versucht die \u00f6ffentlich gewordene nackte Realit\u00e4t zu \u00fcbert\u00f6nen: &#8222;Wie kannst Du es wagen,<strong> <\/strong>mich zu beleidigen? Was, du sprichst von Vergewaltigung? Du verfolgst schlechte Absichten.&#8220;<\/p>\n<p>Die Darstellung der Vergewaltigten als &#8222;Opfer&#8220; und ihre scheinbare Verwandlung in &#8222;die Anderen, diejenigen, die nicht Wir sind&#8220;, soll ein warnendes Beispiel f\u00fcr uns alle sein, das uns vor einem \u00e4hnlichen Schicksal bewahren soll. W\u00fcrden wir dieser Absicht des Staates folgen, dann w\u00fcrden wir die indirekte Botschaft des Folterers an die Gesellschaft aufnehmen und verinnerlichen. Das Erlebte zu benennen und zu teilen sowie Rechenschaft vom System als Ganzem und vom einzelnen T\u00e4ter zu fordern, ist notwendig, um sowohl die psychologische Integrit\u00e4t der Vergewaltigten wieder aufzubauen, als auch um die Folter aus moralischem Gesichtspunkt zu verurteilen. Und es tr\u00e4gt dazu bei, die Folter als eine Herrschaftstechnik zu defunktionalisieren.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Sitzung gegen die RednerInnen und Organisatorinnen der Tagung wird am 21. Juni 2001 stattfinden. F\u00fcr Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung: <a href=\"mailto:Karakas_Fatma@Yahoo.com\">Karakas_Fatma@Yahoo.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 10. bis zum 11. Juni 2000 fand in Istanbul eine Tagung unter dem Titel: &#8222;Schluss mit dem sexuellem Missbrauch und den Vergewaltigungen in Untersuchungshaft&#8220; statt. Vertreterinnen verschiedener Frauenorganisationen hielten Reden \u00fcber Vergewaltigung und Folter. Besonderes Gewicht erhielt die Tagung aber durch die Beitr\u00e4ge vergewaltigter Frauen und ihrer Verwandten. 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