{"id":4066,"date":"2001-06-01T00:00:42","date_gmt":"2001-05-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4066"},"modified":"2022-07-26T14:26:20","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:20","slug":"die-turkischen-streitkrafte-und-menschenrechtsverletzungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/06\/die-turkischen-streitkrafte-und-menschenrechtsverletzungen\/","title":{"rendered":"Die T\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte und Menschenrechtsverletzungen"},"content":{"rendered":"<p>Am 15. Mai 1999 wurde beim Hague Appeal of Peace ein Bericht vorgestellt, der Menschenrechtsverletzungen in und durch die t\u00fcrkische Armee dokumentiert. Ein Jahr sp\u00e4ter, am 15. Mai 2000, wurde die deutsche \u00dcbersetzung ver\u00f6ffentlicht und jetzt, nach einem weiteren Jahr soll ein aktueller Bericht f\u00fcr das Jahr 2001 auf einer Webseite zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Die Webseite, deren Adresse bei Redaktionsschluss noch nicht feststand, wird Informationen \u00fcber die Menschenrechtsverletzungen in und durch die t\u00fcrkische Armee zeitnah zweisprachig t\u00fcrkisch\/englisch beinhalten.<\/p>\n<p>Die AutorInnen des Berichtes von 1998 hatten sich zum Ziel gemacht zu zeigen, auf welche Weise das t\u00fcrkische Milit\u00e4r an Menschenrechtsverletzungen beteiligt ist. Das hat f\u00fcr die T\u00fcrkei insofern eine grosse Bedeutung, als sich das Milit\u00e4r &#8222;als W\u00e4chter der Demokratie bezeichnet&#8220; und Vorw\u00fcrfe zu Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Milit\u00e4r bisher kaum erhoben wurden.<\/p>\n<p>Die Webseite erh\u00f6ht nun den praktischen Nutzen der gesammelten Informationen f\u00fcr Fl\u00fcchtlings- und Solidarit\u00e4tsgruppen sowie f\u00fcr Rechtsanw\u00e4ltInnen in Europa. Sie k\u00f6nnen aktuelle Informationen jederzeit auf englisch recherchieren und abrufen.<\/p>\n<p>Als Quelle f\u00fcr die Dokumentation liegen Zeitungsnachrichten, unver\u00f6ffentlichte wissenschaftliche Arbeiten, Berichte der Menschenrechtsstiftung (TIHV) und Interviews mit ehemaligen Soldaten vor. Die Interviews erg\u00e4nzen die Datensammlung und sollen helfen, durch einzelne l\u00e4ngere Gespr\u00e4che ein Bild \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse in den t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4ften entstehen zu lassen.<\/p>\n<p>Die Menschenrechtsverletzungen innerhalb oder durch das Milit\u00e4r betreffen im wesentlichen Personen, die im Ausnahmezustandsgebiet leben und die BerichterstatterInnen betonen, dass der Krieg eine wichtige Rolle f\u00fcr Art und Umfang der Verletzungen spielt. Aber sie sagen auch, dass &#8222;die Realit\u00e4t der Menschenrechtsverletzungen nicht mit dem Beginn des Krieges entstanden ist; Menschenrechtsverletzungen haben historische und strukturelle Gr\u00fcnde.&#8220; Schon bevor die PKK ihre Friedensangebote unternehmen konnte, erteilen die AutorInnen damit der Hoffnung eine Absage, ein einseitig ausgerufenes Kriegsende w\u00fcrde die Situation der Unterdr\u00fcckten erheblich verbessern und auch wenn die Zahl der Menschenrechtsverletzungen im S\u00fcdosten zur\u00fcckgeht, bleibt eine Dokumentation erforderlich.<\/p>\n<p>Das erste Kapitel des Berichtes dokumentiert Menschenrechtsverletzungen von Milit\u00e4rs an der Zivilbev\u00f6lkerung. Dort stellen die AutorInnen fest, dass &#8222;entgegen der weitverbreiteten Stimmung im Volk nicht nur die Polizei in Folterpraktiken involviert ist. Auch die Armee ist mitschuldig. Und besonders die Verantwortung der Gendarmerie, die auf dem Lande die Aufgabe des Sicherheitsapparates \u00fcbernimmt, ist gross.&#8220;<\/p>\n<p>Neben den f\u00fcr die T\u00fcrkei \u00fcblichen Folterpraktiken in Kasernen und Gendarmariestationen werden F\u00e4lle \u00fcberwiegend von Hirten dokumentiert, die im Laufe von Gefechten zwischen Milit\u00e4r und der PKK &#8222;versehentlich&#8220; get\u00f6tet oder verletzt wurden.<\/p>\n<p>Bemerkenswert in diesem Kapitel ist auch die Sammlung von Todes- und Verletzungsf\u00e4llen durch Minen und Blindg\u00e4nger. &#8222;Wir bewerten die Verletzungen oder Todesf\u00e4lle von Zivilpersonen, durch Minen und gefundene Bomben, als eine Verletzung des Rechtes auf Leben. Dies gilt besonders f\u00fcr Kinder, die sich der Gefahr nicht bewusst sind. Das verantwortungslose Zur\u00fccklassen von Bomben und Raketen sowie die Verminung von Wohngebieten kann nicht als eine &#8222;Zwangsl\u00e4ufigkeit des Krieges&#8220; abgetan werden.&#8220; Folgerichtig werden diese F\u00e4lle als Menschenrechtsverletzung dokumentiert und der Menschenrechtsbegriff um eine Dimension erweitert.<\/p>\n<p>&#8222;Ein Grossteil der Verletzten wurde durch den Verlust von H\u00e4nden, Armen oder F\u00fcssen verkr\u00fcppelt. Die meisten Verletzungen und Todesf\u00e4lle durch Minen finden auf Dorfstrassen, in der N\u00e4he von Grenzstreifen und in der Umgebung von milit\u00e4rischem Gel\u00e4nde statt. Fast alle Todesf\u00e4lle durch gefundene Bomben waren Kinder.&#8220;<\/p>\n<p>Im Zweiten Kapitel werden F\u00e4lle von Menschenrechtsverletzungen innerhalb der t\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte dokumentiert. &#8222;Unter den angegebenen F\u00e4llen finden sich die meisten der in der T\u00fcrkei \u00fcblichen Arten von Menschenrechtsverletzung wieder. Trotzdem ist nicht zu \u00fcbersehen, dass es sich bei den \u00f6ffentlich gewordenen F\u00e4llen meistens um die Verletzung des Rechtes auf Leben handelt.&#8220; Die AutorInnen heben hervor, es ginge dabei &#8222;um Selbstmorde w\u00e4hrend des Kriegsdienstes und\/oder zweifelhafte Todesf\u00e4lle. W\u00e4hrend die Armee diese F\u00e4lle als Selbstmorde darstellt, behaupten die Verwandten, es handele sich um Mord oder zumindest zweifelhafte Todesursachen.&#8220; In den meisten F\u00e4llen l\u00e4\u00dft sich nicht nachweisen, ob es sich um Selbstmorde in Folge von Kriegstraumatisierungen oder um verdeckte Morde durch Vorgesetzte handelt. Signifikant ist aber, dass die \u00fcberwiegende Zahl der Toten kurdische M\u00e4nner sind. Von einer nicht einzusch\u00e4tzenden Dunkelziffer ist auszugehen.<\/p>\n<p>In der Regel werden keine Nachrichten \u00fcber weitere gerichtliche Untersuchungen gegen die beschuldigten Soldaten ver\u00f6ffentlicht. Alle Versuche der AutorInnen zu Betroffenen Kontakt aufzunehmen schlugen fehl oder wurden aus Angst vor Repression abgelehnt.<\/p>\n<p>Das Dritte Kapitel befasst sich mit den Folgen, die der Krieg auf die Psyche von Soldaten, und ZivilistInnen hat. Unter dem Begriff &#8222;Vietnamsyndrom&#8220; sind die posttraumatsichen Stresssymptome in der t\u00fcrkischen Gesellschaft bekannt geworden. Die zerst\u00f6rerischen Folgen die der Krieg auf die menschliche Psyche haben kann, liessen sich nicht mehr verbergen. Sie wurden zum Medienereignis. Ein Beispiel mag das verdeutlichen:<\/p>\n<p>&#8222;Der Kommandogendarm Ali R. Eker aus Balikesir hat zwei Monate nach seiner Entlassung aus dem Wehrdienst mit einem Jagdgewehr Selbstmord begangen. Eker, der nach Ende seiner Wehrpflicht zur\u00fcck in sein Heimatdorf Mahmudiye kam, hat sich in das Zivilleben nicht wieder einleben k\u00f6nnen. Seine Familie berichtete, dass er nachts nicht schlafen konnte, in seiner Milit\u00e4runiform umherging, hinter T\u00fcren, unter Treppen und im Strohschuppen Wache hielt und fortw\u00e4hrend &#8222;<em>die M\u00e4rtyrer rufen mich<\/em>&#8220; sagte.<\/p>\n<p>Der Bericht schwankt zwischen der n\u00fcchternen Datensammlung, den nahegehenden pers\u00f6nlichen Interviews und dem engagierten Vortrag von sich aufdr\u00e4ngenden Schlussfolgerungen. Die Motivation ist eindeutig: &#8222;Wir haben diesen Krieg nicht aufhalten k\u00f6nnen, aber k\u00f6nnen vielleicht, im Versuch seine negativen Auswirkungen auf das Mindeste zu reduzieren, seine Erbschaft an kommende Generationen abwehren.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. Mai 1999 wurde beim Hague Appeal of Peace ein Bericht vorgestellt, der Menschenrechtsverletzungen in und durch die t\u00fcrkische Armee dokumentiert. Ein Jahr sp\u00e4ter, am 15. 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