{"id":4139,"date":"2001-09-01T00:00:39","date_gmt":"2001-08-31T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4139"},"modified":"2022-07-26T14:26:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:19","slug":"das-erste-schwul-lesbische-kulturzentrum-in-der-turkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/09\/das-erste-schwul-lesbische-kulturzentrum-in-der-turkei\/","title":{"rendered":"Das erste schwul-lesbische Kulturzentrum in der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p>Die Gruppe Kaos GL ver\u00f6ffentlicht seit sieben Jahren ununterbrochen die erste Schwulen\/Lesben-Zeitschrift der T\u00fcrkei. Seit einigen Monaten f\u00fchrt die Gruppe ihre Aktivit\u00e4ten im Kaos Kulturzentrum fort. 1994 in Ankara gegr\u00fcndet, ist Kaos GL eine der ersten Schwulen\/Lesben-Gruppen der T\u00fcrkei. Sie wurde durch die Herausgabe der gleichnamigen Zeitschrift und durch viele Aktivit\u00e4ten eine der aktivsten und bekanntesten Gegenkulturgruppen des Landes. Jahrelang k\u00e4mpfte Kaos GL darum, geeignete Versammlungsr\u00e4ume zu finden. Nun hat sie mit grosser Entschlossenheit ein eigenes Kulturzentrum gegr\u00fcndet. Das Zentrum, auch wenn es lediglich eine Etagenwohnung ist, verf\u00fcgt \u00fcber eine Bibliothek und Versammlungsr\u00e4ume f\u00fcr bis zu 50 Personen. Kaos GL veranstaltet ein Programm mit Foren und Filmvorf\u00fchrungen. Mit dem Zentrum stellt Kaos GL nun selbst Versammlungsr\u00e4ume f\u00fcr andere Gegenkulturgruppen in Ankara bereit.<\/p>\n<p>Die Zeitschrift Kaos GL erschien bis zum letzten Jahr lediglich als im Fotokopieverfahren hergestelltes Periodikum. Auf eine Mahnung der Polizei hin wurde die Zeitschrift legalisiert. Diese &#8218;erzwungene\u2018 Entwicklung trifft sich meiner Meinung nach mit dem Wunsch der Gruppe, nicht weiter im &#8218;Untergrund\u2018 zu bleiben und sich \u00f6ffentlich und legal zu machen. Die seit sieben Jahren monatlich erscheinende Zeitschrift ist ab jetzt nur noch alle drei Monate zu haben. Kaos GL hat sich ausserdem entschieden, eine monatliche Zeitung unter dem Titel &#8222;Parmak&#8220; (Finger) zu ver\u00f6ffentlichen. Mit der Zeitung Parmak, die seit M\u00e4rz 2001 erscheint, will sich die Gruppe vor allem in die aktuelle Tagesordnung einmischen.<\/p>\n<p>In einem Interview im letzten Jahr betonten Ali Erol und Ali \u00d6zbas von Kaos GL, dass es Kaos GL nicht darum geht, eine neue Minderheitenkultur zu schaffen. \u00d6ffentliches Auftreten, keine Scheu vor neugierigen Blicken und Auseinandersetzung mit coming-out geh\u00f6ren m.E. zu den positivsten Seiten der Gruppe. &#8222;Was Kaos GL gemacht hat und machen wird&#8220; ist laut Gruppe ihre Kultur. In diesem Rahmen hatte die Gruppe eine libert\u00e4re und &#8222;aktuell&#8220; oppositionelle Identit\u00e4t. Allerdings scheint sie nach dem Prozess der Popularisierung, die mit der Er\u00f6ffnung des Kulturzentrums eingesetzt hat, Probleme damit zu haben, ihre Identit\u00e4t beizubehalten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Kaos GL in der Vergangenheit an Foren, an 8. M\u00e4rz-Demos und Radiosendungen teilgenommen hat, scheint sie das Interesse an nach aussen gerichteten Aktionen und Aktivit\u00e4ten zu verlieren. Pessimistisch k\u00f6nnten wir sagen, dass die Gruppe sich in die eigenen vier W\u00e4nde gesperrt hat und ihre ganze Energie auf das Kulturzentrum richtet. Trotz dieser Tendenz ist Kaos GL bei vielen Aktivit\u00e4ten weiter pr\u00e4sent. So z.B. die Teilnahme am 1. Mai 2001 und ein Stand beim Fr\u00fchlingsfestival der Technischen Universit\u00e4t des Mittleren Osten. Am 1. Mai trugen die AktivistInnen von Kaos GL Regenbogenfahnen und verteilten Flugbl\u00e4tter. Diese erste Teilnahme einer schwul-lesbischen Gruppe am 1. Mai hat ihre Stimme in weite Kreise &#8211; von kommunistischen bis hin zu islamistischen Medien &#8211; getragen.<\/p>\n<p>Die Gruppe geh\u00f6rt weiter zu den OrganisatorInnen des halbj\u00e4hrlichen grossen Schwul\/Lesben-Treffens. Das sechste Treffen im Fr\u00fchling 2001 wurde von vielen TeilnehmerInnen als ein Zeichen f\u00fcr eine bestimmte Reifung der Bewegung bewertet.<\/p>\n<p>Wie der Name nahelegt, ist die Gruppe libert\u00e4r\/freiheitlich ausgerichtet. Eine zu erwartende Nebenwirkung des Kulturzentrums scheint eine Anpassung an den mainstream zu sein. Obwohl sich Kaos GL durch die monatliche &#8222;Parmak&#8220; in die aktuelle Tagesordnung einmischt, scheint die fr\u00fchere oppositionelle Identit\u00e4t im Kleiderschrank abgestellt zu sein. Die kulturellen\/intellektuellen Aktivit\u00e4ten im Zentrum, das eher einen Gay-Cafe Eindruck hinterl\u00e4sst, sind sp\u00e4rlich und das Interesse der Mehrheit der &#8222;Kunden&#8220; an denselben ist eher gering. Wie diese Verw\u00e4sserung sich positiv auf zuk\u00fcnftige Aktivit\u00e4ten der Kaos GL und auf ihre Verantwortung als bekannteste Schwulen\/Lesben-Gruppe auswirken wird, bedarf einer Auseinandersetzung. Ich frage mich, welchen Nutzen f\u00fcr Kaos GL der Versuch hat, auf diese Weise &#8222;mehr zu werden und damit zu erstarken&#8220;. Ein Gespr\u00e4ch mit Ali Erol zeigt auf, dass die sich entwickelnde Tendenz auf das Desintersse der Besucher des Kulturzentrums zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Ein passives Zuschauen dieser Entwicklung l\u00e4sst m.E. die siebenj\u00e4hrige Erfahrung und Verantwortung von Kaos GL nicht zu.<\/p>\n<p>Das Kaos Kulturzentrum wurde Ende 2000 gegr\u00fcndet und die Zeit, f\u00fcr eine gereifte Kritik ist noch fr\u00fch und ein vorsichtiger Umgang mit den erarbeiteten Instrumenten kann durchaus einen neuen Schub f\u00fcr die Befreiung der Schwulen und Lesben in der T\u00fcrkei mit sich bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gruppe Kaos GL ver\u00f6ffentlicht seit sieben Jahren ununterbrochen die erste Schwulen\/Lesben-Zeitschrift der T\u00fcrkei. Seit einigen Monaten f\u00fchrt die Gruppe ihre Aktivit\u00e4ten im Kaos Kulturzentrum fort. 1994 in Ankara gegr\u00fcndet, ist Kaos GL eine der ersten Schwulen\/Lesben-Gruppen der T\u00fcrkei. 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