{"id":4143,"date":"2001-09-01T00:00:44","date_gmt":"2001-08-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4143"},"modified":"2022-07-26T14:26:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:19","slug":"gedanken-zum-militarismus-in-der-turkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/09\/gedanken-zum-militarismus-in-der-turkei\/","title":{"rendered":"Gedanken zum Militarismus in der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p>Es l\u00e4sst sich nicht wirklich behaupten, dass in der T\u00fcrkei der Militarismus im allgemeinen und die Armee im besonderen wirkliche Forschungsthemen der sozialen Wissenschaften sind. Es gibt nur sehr wenige Studien zu Armee und Militarismus und bei diesen wenigen f\u00e4llt auf, dass sie meist einer kritischen Perspektive entbehren. Entweder werden historische Daten einfach nur zusammengef\u00fcgt oder die offizielle Meinung wird reproduziert. Dabei sind zwei Ph\u00e4nomene un\u00fcbersehbar: Die bedeutende Rolle, die die Armee in der osmanisch-t\u00fcrkischen Modernisierung (ge)spielt (hat) und die Anf\u00e4lligkeit der t\u00fcrkischen Politik gegen\u00fcber militaristischen Einflussnahmen und Interventionen. Vor diesem Hintergrund ist das geringe Interesse der sozialen Wissenschaften erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n<p>Da die sozialen Wissenschaften vom Nationalstaat selbst eingef\u00fchrt wurden, besteht bis heute eine ideologische Verbindung zwischen den Sozialwissenschaften und dem Staat. Die zentrale Achse dieser Verbindung ist das Verst\u00e4ndnis, dass es das wichtigste Ziel f\u00fcr die t\u00fcrkische Gesellschaft ist, sich zu verwestlichen und zu modernisieren. Diese prowestlich\/modernistische Ideologie ist nach der Republiksgr\u00fcndung die gemeinsame ideologische Basis zwischen den intellektuellen Eliten und den meist aus dem Milit\u00e4r stammenden Gr\u00fcndern und F\u00fchrern geworden.<\/p>\n<p>Auf Grundlage der ideologischen Gemeinsamkeit halten viele Intellektuelle die bestimmende Rolle der Armee und die autorit\u00e4ren staatlichen Massnahmen f\u00fcr legitim. Langsam entr\u00fcckten so alle Probleme, die mit der Armee zusammenh\u00e4ngen, in einen Raum, der jenseits des kritisch erfassbaren Spielraums der sozialen Wissenschaften liegt. Es setzte eine Unf\u00e4higkeit ein, sich mit dem Militarismus auseinander zu setzen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns erlauben, noch einen Schritt weiter zu gehen, dann k\u00f6nnen wir behaupten, dass die t\u00fcrkischen Intellektuellen und die Gesellschaft besonders in diesem Punkt im Einklang stehen. Zwischen der Unf\u00e4higkeit sich mit Militarismus auseinander zu setzen und der ideologischen Rechtfertigung der Armee innerhalb der Gesellschaft, besteht eine reale Parallelit\u00e4t.<\/p>\n<p>Serdar Sens Buch &#8222;Die Streitkr\u00e4fte und der Modernismus&#8220; geb\u00fchrt m.E. eine herausragende Stellung unter den wenigen Studien zur Armee. Mit der Thematisierung der tieferen Wurzeln der gesellschaftlichen Legitimation der Armee stellt dieses Buch eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Sens kritische Frage l\u00e4sst sich wie folgt formulieren: Wie kommt es, dass in der T\u00fcrkei, obwohl es drei Milit\u00e4rputsche gab, die jedes mal die Lebensbedingungen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit verschlechterten, die Legitimation der T\u00fcrkischen Streitkr\u00e4fte nach diesen Putschen stets angestiegen ist?<\/p>\n<p>Die Frage auf diese Weise zu stellen, ist m.E. aus zwei Gr\u00fcnden wichtig: Erstens entsteht die M\u00f6glichkeit, die Armee nicht nur als einen Verteidigungs- oder Repressionsapparat zu thematisieren, sondern auch als den Tr\u00e4ger einer bestimmten Ideologie, die innerhalb der Gesellschaft legitimiert wird. Zweitens er\u00f6ffnet diese Frage den Blick auf die Beziehungen zwischen Armee und Gesellschaft, die damit analysiert werden k\u00f6nnen. Wir erlangen die M\u00f6glichkeit sowohl ein besseres Verst\u00e4ndnis davon zu entwickeln, was es mit der Armee auf sich hat, als auch mit einer Gesellschaft, welche die Armee als die &#8218;vertrauensw\u00fcrdigste Institution\u2018 ansieht. Sen schreibt zum Milit\u00e4rputsch vom 12. September 1980, dass die Unterst\u00fctzung der Massen nicht nur mit dem <em>&#8222;Erfolg der Bem\u00fchungen die Bev\u00f6lkerung zu t\u00e4uschen&#8220;<\/em> erkl\u00e4rt werden kann. <em>&#8222;Wenn die T\u00e4uschung auch erfolgreich ist, muss das kulturelle Potential, dass diese T\u00e4uschung erm\u00f6glicht, wahrgenommen werden.&#8220;<\/em> (S. 27)<\/p>\n<p>&#8222;Die Streitkr\u00e4fte und der Modernismus&#8220; ist prim\u00e4r der Versuch zu durchleuchten, in welchen Prozessen und unter welchen Bedingungen ein kulturelles Potential in der Gesellschaft entsteht, das es zul\u00e4sst, get\u00e4uscht und daher einfacher regiert zu werden. Sen betont die Rolle der Armee &#8211; zun\u00e4chst in ihrer Eigenschaft als Repressionsorgan &#8211; die sie als <em>ideologischer Apparat<\/em> in der Formung des neuen Regimes, des neuen Menschenbildes, des neuen Gesellschaftsmodels, kurz der modernen republikanischen Kultur spielte.<\/p>\n<p>Legen wir dies etwas genauer dar. Das Modernisierungsprojekt der Republik ruht auf drei S\u00e4ulen. Auf der politischen Ebene ist das &#8218;der unteilbare Nationalstaat\u2018, auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene ist das &#8218;die laizistische und nationale Identit\u00e4t\u2018 und auf \u00f6konomischer Ebene ist das &#8218;die Industrialisierung und der Aufbau\u2018. Um dieses Projekt verwirklichen zu k\u00f6nnen, war es n\u00f6tig, einen neuen Menschentypus zu schaffen, der sich als Teil der t\u00fcrkischen Nation begreift, der sich mit dem Staat der Nation identifiziert und der sich nicht zuletzt f\u00fcr kapitalistische Produktionsstrukturen und st\u00e4dtische Beziehungsformen eignet. Allerdings waren die Mechanismen die Gesellschaft in einen Modernisierungsprozess einzubinden sehr schwach. Die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung stellte die erdr\u00fcckende Mehrheit dar, die osmanisch-islamische Tradition bestimmte die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die Industrie und die f\u00fcr sie erforderlichen Strukturen waren unterentwickelt und die Zahl der Alphabeten war verschwindend gering. Diese Ausgangssituation hat die Armee als eine relativ moderne Institution, die unter der Kontrolle der Kemalisten stand, zu der zentralen Figur im Aufbau der modernen Kultur werden lassen.<\/p>\n<p>Um die Aufbau- und Erziehungsfunktion der Armee zu erf\u00fcllen war die effektivste Massnahme, die Wehrpflicht einzuf\u00fchren. Insbesondere bei den jungen M\u00e4nnern vom Land, die zum ersten Mal aus dem Dorf heraus in die St\u00e4dte kamen, f\u00fchrte das zu einer Ersch\u00fctterung ihrer Lebenswelt. Mit Schreib- und Leseunterricht und beruflicher Fortbildung wurden die jungen M\u00e4nner zu &#8218;qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften\u2018 ausgebildet, die f\u00fcr den &#8218;\u00f6konomischen Aufbau\u2018 unentbehrlich waren. Die im Milit\u00e4ralltag erlernte Disziplin bereitete die jungen M\u00e4nner auf die kapitalistischen Produktionsweisen vor. Mit Sens Worten:<\/p>\n<p><em>&#8222;W\u00e4hrend der Kampf der Armee einerseits die Lebenswelten ersch\u00fctterte, erschaffte er andererseits den f\u00fcr den kapitalistischen Produktionsprozess geeigneten Menschen. Im kapitalistischen System wurden Menschen ben\u00f6tigt, die in Werkst\u00e4tten und Fabriken zu Maschinen werden, nicht rebellieren und sich dem langweiligen Produktionsprozessen f\u00fcgen. In ihrer eigenen hierarchisch-autorit\u00e4ren Struktur erschafft die Armee genau diesen Menschen. In der Produktion wird die Position des Vorgesetzten vom Chef, Vorarbeiter u.a. eingenommen. Es l\u00e4sst sich ohne weiteres sagen, dass der ideologische Kampf, der \u00fcber die Armee gef\u00fchrt wurde, wichtige Auswirkungen auf die Formung der Kultur hatte. Die t\u00fcrkische Arbeiterklasse wurde entsprechend geformt und weist ernsthafte Schwierigkeiten auf, einen organisierten Kampf zu f\u00fchren.&#8220;<\/em> (S. 106)<\/p>\n<p>Die Armee als einen ideologischen Apparat zu nutzen, die Gesellschaft zu modernisieren, hat zwei dauerhafte Auswirkungen entfaltet. Ahmet Insel ((1)) beschreibt eine Auswirkung als den Aufbau eines <em>&#8222;etatistischen Sozialen&#8220;<\/em>. Die Armee hat dazu beigetragen, das Regime und den Staat zu legitimieren. Sie hat die Staatsideologie mittels Wehrpflicht an den m\u00e4nnlichen Teil der Bev\u00f6lkerung direkt vermittelt und damit die Formung einer etatistisch-nationalistischen Kultur vorangetrieben. Zweitens <em>&#8222;wurden Eigenschaften der Streitkr\u00e4fte, wie Hierarchie und Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit in die neu geschaffene Kultur integriert&#8220;<\/em> (S. 52) Denn Eigenschaften von Apparaten, die die Ordnung reproduzieren, haben dauerhafte Auswirkungen auf die hegemoniale Kultur. <em>&#8222;Die Auswirkungen des repressiven und hierarchischen Charakters der milit\u00e4rischen Organisationsstrukturen lassen sich in der neuen Kultur und ihren Beziehungsformen deutlich wiedererkennen. Dies ist ein wichtiger Grund f\u00fcr die Akzeptanz, die die Bev\u00f6lkerung der Armee entgegen bringt.&#8220;<\/em> (S. 29)<\/p>\n<p>Sens Buch erkl\u00e4rt anhand einer soliden Perspektive und mit einer F\u00fclle von \u00fcberzeugenden Daten, worauf die gesellschaftliche Legitimation der Armee beruht und welche Rolle sie in der Entwicklung der Kultur der modernen (t\u00fcrkischen) Republik gespielt hat. Das Buch l\u00e4sst aber die wichtige Frage unbeantwortet&#8216; wie die Armee dazu in die Lage versetzt wurde und warum sie gewillt war, diese Rolle zu \u00fcbernehmen. Zweifellos hat der Autor, in Hinblick auf die \u00c4ra, auf die er seine Studie begrenzt hat, diese Frage nicht zu beantworten. Ich denke aber, dass diese Frage wichtig ist, um die Geschichte des Militarismus in der T\u00fcrkei und seine Verbindung zur Entwicklung des modernen Staates in aller Komplexit\u00e4t offenzulegen.<\/p>\n<p>Falls wir die Entwicklung der Armee im Kontext der Modernisierungsbewegung des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich betrachten, werden wir m.E. nicht nur auf die &#8211; so oft beschworene &#8211; &#8218;technisch und ideologisch modernste Institution\u2018 des Reiches stossen. Wir werden auch bemerken, dass der Modernisierungsprozess die Armee seit Anfang des 19. Jahrhunderts mit der praktischen Erfahrung ausgestattet hat, wie das gesellschaftliche Gewebe zu zersetzen und an die Anforderungen eines modernen Staates anzupassen ist. Eine entsprechende Studie w\u00fcrde unseren Horizont \u00fcber die erforderlichen Ausgangsbedingungen des modernen Staates in der T\u00fcrkei und der Entwicklung des raison d\u2018etat im Modernisierungsprozess erweitern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es l\u00e4sst sich nicht wirklich behaupten, dass in der T\u00fcrkei der Militarismus im allgemeinen und die Armee im besonderen wirkliche Forschungsthemen der sozialen Wissenschaften sind. Es gibt nur sehr wenige Studien zu Armee und Militarismus und bei diesen wenigen f\u00e4llt auf, dass sie meist einer kritischen Perspektive entbehren. 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