{"id":4165,"date":"2001-09-01T00:00:00","date_gmt":"2001-08-31T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4165"},"modified":"2022-07-26T13:33:59","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:59","slug":"scharpings-tochter-storen-fahneneid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/09\/scharpings-tochter-storen-fahneneid\/","title":{"rendered":"Scharpings T\u00f6chter st\u00f6ren Fahneneid"},"content":{"rendered":"<p>An diesem Tag glich der Berliner Bendlerblock, der Sitz von Verteidigungsminister Scharping, einer einzigen milit\u00e4rischen Sperrzone. Etwa 2.000 PolizistInnen und Feldj\u00e4ger waren eigens daf\u00fcr abkommandiert worden: Vor meterhohen Gitterz\u00e4unen galt es 570 Rekruten zu besch\u00fctzen, die ohne St\u00f6rung geloben wollten, jederzeit und wo auch immer &#8222;die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen&#8220;. Die Soldaten, die die Eintrittskarten kontrollierten, waren am 20. Juli bestens vorbereitet, hatten mit allem gerechnet &#8211; nicht jedoch mit Scharpings T\u00f6chtern.<\/p>\n<p>Was jetzt? dachte der Feldwebel. Gerade waren zwei junge Damen in einer schwarzen Nobellimousine vorgefahren. Ihr Chauffeur dr\u00e4ngte auf Weiterfahrt. Die erste Absperrung hatten sie schon passiert, allerdings ohne Eintrittskarte. Ja, d\u00fcrfen die das? Die Kameraden vorne wollten wohl keine Scherereien. Befehl ist Befehl. Aber wenn sie nun mal die T\u00f6chter vom Chef sind? &#8211; Zumindest beim diesj\u00e4hrigen Rekruten-Gel\u00f6bnis war es um die Wehrbereitschaft nicht allzu gut bestellt. Vor die Wahl gestellt, ihrem Auftrag nachzugehen oder einer vermeintlichen Autorit\u00e4t folge zu leisten, entschied sich ein Wachposten nach dem anderen f\u00fcr letzteres. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. Denn pl\u00f6tzlich ketteten sich die Spr\u00f6\u00dflinge des Ministers an den Zaun und warfen &#8222;Alarmeier&#8220; auf den Asphalt, die wie Sirenen laut aufheulten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die 450 TeilnehmerInnen der Gegendemonstration nur bis auf zweihundert Meter n\u00e4hern konnten, hatten es die beiden Mitglieder von JungdemokratInnen\/Junge Linke direkt an den Appellplatz geschafft. &#8222;Es ging darum&#8220;, so die Landesvorsitzende Katja Grote, &#8222;den Protest h\u00f6rbar zu machen&#8220;. Minister Scharping soll jedenfalls gequ\u00e4lt gelacht haben. &#8222;Respekt vor dem Einfallsreichtum&#8220;, lie\u00df er verlautbaren.<\/p>\n<p>Ein \u00f6ffentliches Rekrutengel\u00f6bnis ist hierzulande solange noch nicht \u00fcblich. Erst recht nicht in der Hauptstadt, in dessen Westteil einst zahlreiche Verweigerer &#8222;emigrierten&#8220;. Das Alliiertenrecht setzte jahrzehntelang die Wehrpflicht au\u00dfer Kraft. Das aber ist lange her. Seit geraumer Zeit versucht die Bundeswehr nun auch in Berlin aus den Kasernen heraus ins \u00f6ffentliche Bewu\u00dftsein vorzudringen, was den \u00f6ffentlichen Raum mit einschlie\u00dft. Nicht ohne Erfolg. Mittlerweile d\u00fcrften sich die Leute an den Anblick von Uniformen gew\u00f6hnt haben. Bemerkenswert ist, da\u00df sich die Truppe dabei auf den milit\u00e4rischen Widerstand in der NS-Zeit beruft. Von rechtsradikalen Vorkommnissen in den eigenen Reihen will man sich distanzieren, dokumentiert aber gleichzeitig ein fragw\u00fcrdiges Geschichtsverst\u00e4ndnis: Das Aufbegehren jener Offiziere am 20. Juli 1944 war zwar gegen Hitler gerichtet, in vielen Punkten aber alles andere als demokratisch. Einig war man sich allein darin, den Krieg zu beenden &#8211; aber nicht der unz\u00e4hligen Verbrechen wegen, sondern um die Niederlage in Grenzen zu halten. Es wundert also nicht, da\u00df zum Gel\u00f6bnis besonders an diesem historischen Datum &#8211; und erst recht an diesem Ort, dem Bendlerblock &#8211; Protest artikuliert wird. So waren 1999 einige Demonstranten mit Trillerpfeifen \u00fcber den Appellplatz gelaufen, zum Teil halbnackt (s. GWR 241). Die Zeremonie wurde zur l\u00e4cherlichen Farce. &#8222;Tucholsky hat Recht&#8220; stand auf einem der Regenschirme, in Anspielung auf das Zitat: &#8222;Soldaten sind M\u00f6rder&#8220;. Eine Aktion, die \u00fcbrigens gleichfalls auf das Konto u.a. der JungdemokratInnen ging und vom Verfassungsschutz umgehend mit einem Eintrag ins &#8222;Jahrbuch&#8220; honoriert wurde.<\/p>\n<p>Die Bundeswehr will Teil der Gesellschaft sein, wenn nicht gar deren Spiegelbild. In Anbetracht der Mehrheitsverh\u00e4ltnisse beim letzten Berliner Rekrutengel\u00f6bnis kann man dem leider nur zustimmen. Eine Minderheit aber mit Phantasie, das ist doch schon was.<\/p>\n<p>Nun droht Scharpings T\u00f6chtern zwar kein Abendessen mit ihrem angeblichen Vater, aber zumindest eine Anzeige wegen Versto\u00dfes gegen das Versammlungsgesetz und Beleidigung. Das Rechtsverst\u00e4ndnis des Staatsschutzes ist offensichtlich genauso fehlgeleitet wie das Geschichtsverst\u00e4ndnis der Bundeswehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An diesem Tag glich der Berliner Bendlerblock, der Sitz von Verteidigungsminister Scharping, einer einzigen milit\u00e4rischen Sperrzone. Etwa 2.000 PolizistInnen und Feldj\u00e4ger waren eigens daf\u00fcr abkommandiert worden: Vor meterhohen Gitterz\u00e4unen galt es 570 Rekruten zu besch\u00fctzen, die ohne St\u00f6rung geloben wollten, jederzeit und wo auch immer &#8222;die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen&#8220;. 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