{"id":4227,"date":"2001-10-01T00:00:56","date_gmt":"2001-09-30T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4227"},"modified":"2022-07-26T14:26:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:17","slug":"medien-staat-und-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/medien-staat-und-terror\/","title":{"rendered":"Medien, Staat und Terror"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Diese so vollkommene Demokratie stellt selber ihren unvorstellbaren Feind her, den Terrorismus. Sie will n\u00e4mlich lieber, dass man sie nach ihren Feinden und weniger nach ihren Ergebnissen beurteilt&#8220;<\/p>\n<p>Guy Debord<\/p>\n<p>Die beiden \u00fcberregionalen und \u00fcberszenischen anarchistischen Zeitungen hatten k\u00fcrzlich noch gleichlautend mit &#8222;Gipfel der Staatsgewalt&#8220; getitelt (vgl. <em>graswurzelrevolution<\/em> Nr.261 und <em>direkte aktion <\/em>Nr.147). Gemeint war mit diesem Wortspiel die ungeheure Repression beim Gipfeltreffen der G8-Staaten im Juli in Genua. Dass das aber l\u00e4ngst noch nicht der Gipfel war, wird sich vermutlich in den kommenden Wochen, wenn nicht Monaten oder Jahren zeigen. Die politischen Konsequenzen der Attentate auf die beiden T\u00fcrme des World Trade Center und aufs Pentagon sind in vollem Gange und dennoch in ihren Ausma\u00dfen nicht ansatzweise abzusehen. Ob die ver\u00e4nderte Skyline New Yorks und einige Tausend Tote die geopolitischen und milit\u00e4rischen Tr\u00e4ume der USA wahrmachen werden, wie die <em>junge Welt <\/em>behauptet (<em>jW<\/em>, 22.\/23.09.2001), steht zu bef\u00fcrchten. Aber nicht nur in der Au\u00dfenpolitik der USA wird geballte Staatsgewalt im Globalformat auf den Plan gerufen. In allen Staaten der westlichen Welt, f\u00fcr die die Attentate von New York ein Einheit stiftendes Ereignis ohne Gleichen wurden, werden repressive Politiken \u00fcberdacht, neu formuliert und vor allem versch\u00e4rft. Angesichts der Kanzler-Interpretation vom &#8222;Angriff auf die zivilisatorische Welt&#8220; redet in Deutschland niemand mehr vom Makedonien-Einsatz der Bundeswehr, Scharpings Karriere wurde am 11.September gerettet und die <em>taz <\/em>macht auf der Titelseite (22.\/23.09.2001) Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine neue deutsche Au\u00dfenpolitik. \u00dcber die Kritik am geplanten Einwanderungsgesetz wird weniger geredet, nur die Rechten nutzen die Opfer von New York noch in der selben Woche, um f\u00fcr Versch\u00e4rfungen zu pl\u00e4dieren. Innere Sicherheit wird nicht nur gro\u00df geschrieben wie schon lange, sondern auch noch fett und schnell.<\/p>\n<p>Apropos Schreibweisen. Der 12. September war ein gro\u00dfer Tag f\u00fcr die Medien. Brennpunkte gab es nicht nur in Manhattans S\u00fcden und der ARD, sondern auf allen Sendern, die ihr Programm nicht aus Piet\u00e4tsgr\u00fcnden kurzfristig eingestellt hatten: Die Omnipr\u00e4senz eines Ereignisses in den Medien, wie es sie seit dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr gegeben hat, wenn \u00fcberhaupt schon ein mal. <em>Die Zeit<\/em> publiziert die erste Sonderausgabe ihrer Geschichte, die brennenden zwei T\u00fcrme in allen Farben und Variationen des Einsturzes auf den Illustrierten der n\u00e4chsten Woche. Schon weil Einheit so wenig Widerspruch und kein Z\u00f6gern duldet, ist sie suspekt. Doch au\u00dfer der Betroffenheit ist wenig Verl\u00e4ssliches. Vielleicht ist die Welt, wie in diesen Tagen dauernd gesagt wird, wirklich nicht mehr so, wie sie war (aber wann war sie das schon mal?!): Dass dem Irrsinn der Attent\u00e4ter ein anderer von Seiten der USA auf dem Fu\u00dfe folgen w\u00fcrde, erkennt die <em>taz<\/em> direkt, so auch <em>Jungle World<\/em> und <em>junge Welt<\/em>. Andere Zeitungen haben die Stars and Stripes nicht nur semiotisch dem Logo unterlegt (<em>BILD<\/em>, <em>WamS<\/em>), sondern inhaltlich jedem Artikel. Dass es f\u00fcr den Irrsinn keine urs\u00e4chliche Erkl\u00e4rung g\u00e4be, erkl\u00e4rt ausgerechnet ein Soziologe und das in der <em>taz<\/em>. Der Luhmann-Fan Peter Fuchs h\u00e4lt Terror f\u00fcr ein eigenes, autonomes Funktionssystem, &#8222;irritierbar, aber nicht intervenierbar&#8220; (<em>taz<\/em>, 18.09.2001). Keine Eingriffsm\u00f6glichkeit bescheinigt auch Hans Magnus Enzensberger der Situation, allerdings in der <em>FAZ<\/em>, und diagnostiziert die universale Charaktereigenschaft, die Terrorristen mit Warlords, Befreiungsk\u00e4mpferInnen, Guerilleros und Hitler teilen, n\u00e4mlich den Drang zur &#8222;Selbstzerst\u00f6rung&#8220; (<em>FAZ<\/em>, .18.09.2001). Dem systemtheoretischen und dem todestriebverliebten Abschied von der Suche nach Zusammenh\u00e4ngen wird aber in den selben Bl\u00e4ttern auch entgegengehalten. So analysiert der Philosoph Giorgio Agamben in Anlehnung an Foucaults Regierungs-Theorem (vgl. <em>Apoplex, Schlaganfall f\u00fcr M\u00fcnster, anarchistisch, lokal, monatlich, linksradikal,<\/em> Nr.76) Terror als Komplizen staatlicher Sicherheitspolitik: &#8222;Nichts ist daher notwendiger als eine Revision des Begriffs der Sicherheit als Leitgedanken staatlicher Politik&#8220; (<em>FAZ<\/em>, 20.09.2001). Und f\u00fcr Klaus Theweleit ist der Angriff auf die phallischen Geb\u00e4ude &#8222;banal gesagt, ein Tritt in die Eier, der auch den Kopf trifft&#8220; (<em>taz<\/em>, 19.09.2001).<\/p>\n<p>Der Kampf f\u00fcr die Rechte von MigrantInnen und antimilitaristische Positionen werden sich in Zukunft vor ungeahnte Legitimationsbed\u00fcrftigkeiten gestellt sehen. Und sie werden ihre intellektuellen Verb\u00fcndeten mehr denn je \u00fcberall und nirgends suchen m\u00fcssen. Die Regierungsberatung der <em>taz<\/em> ist dabei vermutlich noch die harmlosere Antipose. Dass eine Spur der Attent\u00e4ter auch in studentische Milieus deutscher Gro\u00dfst\u00e4dte f\u00fchrte, nutzt der RCDS im Einklang mit <em>FAZ<\/em>-Leserbriefschreibern dazu, die verfassten Studierendenschaften, insbesondere Linke ASten, unter Generalverdacht zu stellen. Sozialistische Gruppen h\u00e4tten schlie\u00dflich mit dem militanten Fl\u00fcgel des Islam einen Antiamerikanismus gemeinsam.<\/p>\n<p>Ohne Tatbeweise und konkretes Ziel zieht die US-Armee derweil mit eingeschworener NATO-Unterst\u00fctzung in den Krieg. Diesem werden &#8211; die USA r\u00fcsteten zum &#8222;Sturm&#8220; (<em>WamS<\/em>) &#8211; wie schon im zweiten Golfkrieg naturhafte Z\u00fcge attestiert. Natur und archaische Denkmuster wie Rache und Vergeltung sind Opfern gesellschaftlicher Greueltaten in der Geschichte allerdings \u00e4u\u00dferst selten zu Hilfe geeilt. Und anderen auch nicht. Dass verschiedene Aktionen im Rahmen der Globalisierungskritik von einigen US-amerikanischen Nichtregierungsorganisationen abgesagt wurden, ist in Zeiten, in denen von Genua kaum mehr jemand etwas wissen will, bez\u00fcglich emanzipatorischer Politik sicherlich das falsche Signal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Diese so vollkommene Demokratie stellt selber ihren unvorstellbaren Feind her, den Terrorismus. Sie will n\u00e4mlich lieber, dass man sie nach ihren Feinden und weniger nach ihren Ergebnissen beurteilt&#8220; Guy Debord Die beiden \u00fcberregionalen und \u00fcberszenischen anarchistischen Zeitungen hatten k\u00fcrzlich noch gleichlautend mit &#8222;Gipfel der Staatsgewalt&#8220; getitelt (vgl. graswurzelrevolution Nr.261 und direkte aktion Nr.147). 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