{"id":4247,"date":"2001-10-01T00:00:06","date_gmt":"2001-09-30T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4247"},"modified":"2022-07-26T14:26:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:18","slug":"das-andere-indien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/das-andere-indien\/","title":{"rendered":"Das andere Indien"},"content":{"rendered":"<p>Vermutlich ist es ein schwieriges Unterfangen, die Vielf\u00e4ltigkeit gewaltfreien Widerstandes nach Gandhi in Indien skizzieren zu wollen. Dies betont Lou Marin bereits in seiner Einf\u00fchrung (Das andere Indien. Anarchismus, Frauenbewegung, Gewaltfreiheit, \u00d6kologie, S.10). Nach meiner Einsch\u00e4tzung, die sich auf eine langj\u00e4hrige Besch\u00e4ftigung mit sozialen Aktionsgruppen auf dem indischen Subkontinent st\u00fctzt, ist das Ziel der HerausgeberInnen zu gro\u00dfen Teilen gelungen. Denn sie wollen verdeutlichen, dass<\/p>\n<p>1.) die Wahrnehmung von Anarchismus als Chaos im Sinne eines &#8218;globalen Grundkonsenses&#8216; durch die Vielfalt realer Utopien in Form sozialer Bewegungen des 20. Jahrhunderts in Indien entzaubert werden kann,<\/p>\n<p>2.) praktische sowie theoretische Hinwendung zum Anarchismus immer mit Gewaltkritik und gewaltfreier Aktion als Widerstandsmethode verbunden ist,<\/p>\n<p>3.) durch das &#8218;andere Indien&#8216; libert\u00e4rer bzw. anarchistischer Pr\u00e4gung autorit\u00e4re Dominanzkulturen &#8211; v.a. in Form des dogmatischen Kommunismus&#8216; und religi\u00f6ser Fundamentalismen &#8211; konstruktiv infrage gestellt werden k\u00f6nnen und<\/p>\n<p>4.) soziale Bewegungen, die aus europ\u00e4ischer Perspektive als anarchistisch eingesch\u00e4tzt werden, in Indien eine lange Tradition haben.<\/p>\n<p>Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Einf\u00fchrung, theoretische \u00dcberlegungen und praktische Beispiele. Kernst\u00fcck der Publikation ist die <em>Einf\u00fchrung<\/em>. Es gelingt, einen eng an den Quellen entwickelten Querschnitt indischer anarchistischer Str\u00f6mungen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Ende des 20. Jahrhunderts zu vermitteln &#8211; begonnen bei den gewaltsamen Attentaten gegen die britische Kolonialmacht durch junge Intellektuelle, die v.a. durch ihre Studien einen starken Bezug zu Europa hatten, \u00fcber Mohandas Karamchand Gandhi, bis hin zu Sarvodaya, Vinoba Bhave, Jayaprakash Narayan und der Krise heutiger Bewegungen.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt von Gandhis &#8218;Anarchismus einer anderen Art&#8216; (Speech at Benares University, 6 \/ 2 \/ 1916; CWMG ((1)), Bd.13, S.210 &#8211; 216) waren auf der politischen Ebene v.a. die Auseinandersetzungen mit jungen Intellektuellen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, durch gewaltsame Attentate die britische Kolonialmacht zu beenden. Dass Gandhi von Tolstoi und Thoreau beeindruckt war und versuchte, ihre Positionen in die Praxis umzusetzen, ist belegt. Die Vermutung aber, er habe auch Peter Kropotkins &#8218;Gegenseitige Hilfe&#8216; rezipiert (S.12), halte ich f\u00fcr gewagt. Es ist, wie Lou Marin richtig ausf\u00fchrt, nicht belegt (vgl. CWMG). Gleichwohl muss einschr\u00e4nkend darauf hingewiesen werden, dass die CWMG einer europ\u00e4ischen Systematik in vielen Punkten nicht standhalten. Eine andere Gegenfrage k\u00f6nnte sein: Ist es f\u00fcr Gandhis Konzepte von Sarvodaya und Satyagraha bedeutsam, ob er dieses Buch gelesen hat? Ich denke nicht. Hinsichtlich der Anarchismus-Debatte im indischen Kontext hat Gandhi immer wieder auf die Vielf\u00e4ltigkeit und Ambivalenz von &#8218;Anarchismus&#8216; hingewiesen. Ich bin jedoch nicht sicher, ob es m\u00f6glich ist, mit europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben Gandhis Vision einer basisdemokratischen Gesellschaft zu messen. Seine Konzepte von &#8218;Hind Swaraj or Indian Home Rule&#8216; (Gandhi 1938) oder &#8218;Constructive Programme&#8216; (1941) sind zun\u00e4chst v.a. im indischen Kontext zu verstehen. Beide Schriften sind bis heute Grundstein der praktischen Philosophie Gandhis.<\/p>\n<p>Das nach dem Tod Gandhis (1948) entstandene Vakuum gewaltfreier Aktion wurde v.a. durch Bewegungen ausgef\u00fcllt, die im Kontext von Sarvodaya zu begreifen sind. ((2))<\/p>\n<p>Unter F\u00fchrung Vinoba Bhaves, den Gandhi als seinen Nachfolger benannt hatte, sind die Landschenkungs- und Dorfschenkungsbewegungen in den 50er Jahren zu nennen, die zwar gescheitert sind, gleichzeitig aber Vision f\u00fcr neue Initiativen im Jetzt darstellen. Hinzu kommen die Bewegungen gegen die Regierung von Indira Gandhi in den 70er Jahren (v.a. gegen die nicht vorhandene Grundbed\u00fcrfnisbefriedigung der Bev\u00f6lkerungsmehrheit, steigende Preise, Arbeitslosigkeit, Korruption in der Verwaltung) unter F\u00fchrung von Jayaprakash Narayan, dem &#8218;gandhian turned socialist&#8216;, der sein radikal-demokratisches Konzept der &#8218;Total Revolution&#8216; als Gegenentwurf zur herrschenden Politik formulierte und umzusetzen versuchte. ((3)) Die Entwicklung von Bewegungen nach Gandhi ist im Kontext der Anarchismus-Debatte immer stark gepr\u00e4gt durch die Distanzierung von Naxaliten. Unter diesem Begriff werden heute all jene Gruppen zusammengefasst, die in der Regel ausgehend von einem marxistisch-leninistischen Hintergrund durch Gewaltt\u00e4tigkeiten die nach wie vor ungel\u00f6ste Landfrage kl\u00e4ren wollen. Die regional und intentional sehr unterschiedlichen Gruppierungen haben folgende Gemeinsamkeiten: Sie operieren v.a. in Nord-Ost-Indien (Bihar, Bengal, Orissa) und haben eine autorit\u00e4r-patriarchale Struktur.<\/p>\n<p>Sarvodaya als konstruktiv-gewaltfreies Gegenprogramm wird heute neben vielz\u00e4hligen Einzelgruppierungen v.a. im von Vinoba Bhave initiierten Netzwerk Sarva Seva Sangh (&#8218;Vereinigung f\u00fcr den Dienst an allen&#8216;) und den von Jayaprakash begr\u00fcndeten Chhatra Yuva Sangarsh Vahini (&#8218;Studentische Jugend-Kampfgruppen&#8216;) vertreten. Die These von Lou Marin, dass aus der Krise, die durch den Tod der charismatischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten Vinoba Bhave und Jayaprakash Narayan die Chance erwachsen sei, &#8222;die libert\u00e4ren Tendenzen nun besser umsetzen und sich bei den neuen feministischen und \u00f6kologischen Bewegungen auf eine produktive Weise beteiligen zu k\u00f6nnen&#8220; (S.20), halte ich f\u00fcr gewagt. Denn wer Indien und verschiedene soziale Bewegungen kennt, wei\u00df, dass diese europ\u00e4isch gepr\u00e4gte Hoffnung auf dem Subkontinent praktisch bedeutungslos ist. Im Sinne Gandhis bedeutet Leadership, ein Gleicher unter Gleichen zu sein, aber eben immer auch ein &#8218;Leader&#8216;, was in der Regel einer charismatischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit entspricht (z.B. Gandhi, Young India, 8 \/ 12 \/ 1921; zit. nach Hingorani \/ Hingorani 1985, S.194). Dies stellt eine Ambivalenz dar, die aus europ\u00e4ischer Perspektive f\u00fcr Basisdemokratie nur schwer nachvollziehbar ist.<\/p>\n<p>Bei aller Kritik sei hier noch einmal darauf hingewiesen, dass die Einf\u00fchrung sehr fundiert erarbeitet ist und einen dankbaren \u00dcberblick sozialer Bewegungen Indiens im 20. Jahrhundert darstellt.<\/p>\n<p>Unklar ist die Auswahl der beiden Texte im <em>Essay-Teil<\/em>. Unabh\u00e4ngig davon, dass sie bereits in der L\u00e4nge unterschiedlich sind (122 gegen\u00fcber 13 Seiten), stellt der erste Beitrag (&#8218;Der Herrschaftsvirus&#8216;) &#8211; verfasst von der Calcutta-Freundschaftsgruppe &#8211; eher ein analytisches Frustrations-Konzept, der zweite Beitrag von Manimala (&#8218;Die Frauen aus dem Todesg\u00fcrtel von Bihar&#8216;) eher einen Tatsachenbericht dar. Der Zusammenhang ist m.E. jedoch nicht unbedingt herzustellen. Gemeinsamkeit ist, dass sich beide Beitr\u00e4ge mit Aspekten nord-\u00f6stlicher Bundesl\u00e4nder (Bihar und Bengalen) besch\u00e4ftigen. Ziel der beiden Artikel ist nach Aussage der Herausgeber, einerseits das wiederentdeckte Konzept &#8218;Gegenseitiger Hilfe&#8216; (Kropotkin) aktuell f\u00fcr ehemalige maoistische AktivistInnen zu beleuchten und andererseits die klassisch libert\u00e4re Forderung &#8218;Das Land denen, die es bebauen&#8216; f\u00fcr die Radikalisierung l\u00e4ndlicher kastenloser Frauen zu thematisieren (S.9 &#8211; 10). Ob dies gelingt, m\u00fcssen weitere LeserInnen entscheiden.<\/p>\n<p>Der im ersten Beitrag diskutierte und an praktischen Beispielen verdeutlichte &#8218;Herrschaftsvirus&#8216; in sozialen Bewegungen wird als globales Ph\u00e4nomen beschrieben. Gemeint ist: &#8222;Wenn revolution\u00e4re Bewegungen erfolgreich sind, werden sie unausweichlich zu einem Teil des Establishments&#8220; (S.27). Der Beitrag richtet sich nach eigenem Anspruch an die &#8222;noch nicht g\u00e4nzlich resignierten Radikalen, die eine holistische Revolution im Geiste der sechziger und siebziger Jahre anstreben&#8220; (S.28). Quintessenz des Beitrages ist, dass zwar auch diese AutorInnen keine Antworten formulieren k\u00f6nnen, sich aber mit der Erkenntnis &#8218;im gleichen Boot zu sitzen&#8216; an andere Verzweifelte wenden und gemeinsam von der &#8222;sozialen Revolution tr\u00e4umen&#8220; (S.141) wollen. Der Versuch, eigene Ideen in einem Vorschlag (S.140 &#8211; 149) zu b\u00fcndeln, bringt die ganze Frustration noch einmal auf den Punkt.<\/p>\n<p>Der zweite Beitrag ist die \u00dcbersetzung eines 1995 ver\u00f6ffentlichten Artikels, der 1989 anl\u00e4sslich eines Seminars zum Thema &#8218;Indische Frauen. Mythen und Realit\u00e4t&#8216; verfasst wurde. Er besch\u00e4ftigt sich mit dem &#8218;Todesg\u00fcrtel von Bihar&#8216;. Es ist zwar richtig, dass sich am Grundproblem dieser Region nichts ver\u00e4ndert hat, wie zum Ende des Beitrages angemerkt wird (S.163) &#8211; hinsichtlich sexueller Ausbeutung von Frauen, grausamer Konfrontationen zwischen Landbesitzenden und Landlosen sowie Ermordungen, wobei die meisten Opfer landlose ArbeiterInnen sind. Gleichwohl w\u00e4re ein Hinweis auf die Neuverteilung der Bundesl\u00e4nder, die zu einer Ver\u00e4nderung v.a. von Bihar gef\u00fchrt hat, hilfreich gewesen. Was in dem Beitrag als Zentral-Bihar bezeichnet wird, geh\u00f6rt heute gr\u00f6\u00dftenteils zum neuen Bundesland Jharkhand. Der Analyse der Autorin, dass Kasten- und Klassenzugeh\u00f6rigkeit in dieser Region fast identisch sind, muss demgegen\u00fcber nach wie vor zugestimmt werden. In radikaler Weise beschreibt sie die inneren Widerspr\u00fcche der meisten Naxaliten-Gruppierungen aus einer gandhianischen Perspektive und beschreibt als mutmachendes Gegenbeispiel zum gewaltsamen Agieren die Arbeit der Chhatra Yuva Sangarsh Vahini (&#8218;Studentische Jugend-Kampfgruppen&#8216;) in der Umgebung von Gaya, die auf Jayaprakash Narayan zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Die ausgew\u00e4hlten Beispiele im <em>Gespr\u00e4che-Teil<\/em> sind alle in Form von Interviews mit VertreterInnen sozialer Aktionsgruppen dokumentiert, die ein Redakteur der Graswurzelrevolution von November 1999 bis Februar 2000 gef\u00fchrt hat. Die Gespr\u00e4chspartnerInnen sind sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt und bieten einen guten \u00dcberblick indischer Pers\u00f6nlichkeiten und ihrer Positionen in aktuellen sozialen Bewegungen. Drei der Gespr\u00e4che wurden mit VertreterInnen der Anti-Atom-Bewegung gef\u00fchrt, angereichert durch einen Beitrag aus einem 1999 erschienenen Buch \u00fcber die Nuklearpolitik S\u00fcdasiens &#8211;<\/p>\n<p>Surendra Gadekar (Vedchi \/ Gujarat), Shashi &amp; Prakash Tyagi sowie Manish Kumar (Jodhpur \/ Rajasthan), Xavier Dias (Jamshedpur \/ Bihar). Drei weitere besch\u00e4ftigen sich mit Perspektiven der Frauenbewegung &#8211; Usha Thakkar (Bombay \/ Maharashtra), Madhu Kishwar (Delhi), Maitreyi Chatterjee (Calcutta \/ West Bengal). Zwei Beitr\u00e4ge thematisieren \u00d6kologie und expansionistische Industriepolitik &#8211; Alok Agrawal (Pathrad \/ Madhya Pradesh), Claude &amp; Norma Alvarez (Mapusa \/ Goa).<\/p>\n<p>Alles in allem: Das Buch eignet sich v.a. f\u00fcr ExpertInnen des Anarchismus und sozialer Bewegungen, die den Blick \u00fcber den europ\u00e4ischen Tellerrand hinaus erweitern wollen. F\u00fcr EinsteigerInnen ist die Publikation nicht zu empfehlen, da ein sehr umfassendes Faktenwissen vorausgesetzt werden muss. Aus der ExpertInnenperspektive fehlt gleichwohl ein Res\u00fcmee. Nach der sehr gelungenen Einf\u00fchrung, den beiden unterschiedlich zu bewertenden Essays und den anregenden Praxisbeispielen w\u00e4ren zwei oder drei Seiten Thesen o.\u00e4. w\u00fcnschenswert gewesen. Ansonsten f\u00fchlt man sich in der W\u00fcste der Fakten etwas alleingelassen und sucht nach einem roten Faden.<\/p>\n<p>Gemessen an den eingangs erw\u00e4hnten Anspr\u00fcchen der Herausgeber, gelingt es in der Publikation,<\/p>\n<p>1.) anarchistisch gepr\u00e4gte soziale Bewegungen als Gegenkonzept zu Chaos und herrschender Machtpolitik im globalen Ma\u00dfstab zu empfehlen,<\/p>\n<p>2.) die konstruktive \u00dcberwindung von Gewalt durch Gewaltfreiheit darzustellen,<\/p>\n<p>3.) in Ans\u00e4tzen zu verdeutlichen, dass das &#8218;andere Indien&#8216; Dominanzkulturen verschiedener Couleur konstruktiv infrage stellen kann und<\/p>\n<p>4.) die lange Tradition sozialer Bewegungen begreifbarer zu machen, die aus europ\u00e4ischer Perspektive als anarchistisch eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Gerade der letzte Punkt birgt immer die latente Gefahr interkultureller Kommunikationen in sich &#8211; aufgrund eigener dominanter Kategorien einen anderen Kulturkreis spezifisch einzusch\u00e4tzen ((4)) und Relevanzsysteme des Gegen\u00fcber auszublenden. Ich habe gleichwohl den Eindruck gewonnen, dass die HerausgeberInnen des vorliegenden Buches sich dieses Problems bewusst sind und weitgehend einf\u00fchlsam damit umgehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich ist es ein schwieriges Unterfangen, die Vielf\u00e4ltigkeit gewaltfreien Widerstandes nach Gandhi in Indien skizzieren zu wollen. Dies betont Lou Marin bereits in seiner Einf\u00fchrung (Das andere Indien. Anarchismus, Frauenbewegung, Gewaltfreiheit, \u00d6kologie, S.10). 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