{"id":4249,"date":"2001-10-01T00:00:55","date_gmt":"2001-09-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4249"},"modified":"2022-07-26T14:16:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:52","slug":"louise-michel-und-die-pariser-kommune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/louise-michel-und-die-pariser-kommune\/","title":{"rendered":"Louise Michel und die Pariser Kommune"},"content":{"rendered":"<p>1871, vor 140 Jahren also, k\u00e4mpfte die Pariser Kommune um kommunalistische Selbstverwaltung, sozialistische Enteignung und das Niederrei\u00dfen nationaler Grenzen (das Lied &#8222;Die Internationale&#8220; von Eug\u00e8ne Pottier entstand kurz nach der Kommune). Sie fiel blutig der franz\u00f6sischen b\u00fcrgerlichen Reaktion zum Opfer. Wozu noch daran erinnern? Was hat das mit uns heute zu tun? Wie so oft schert sich Bernd Kramer nicht um diese dummen Fragen, die nur bewusstlose, geschichtslose Menschen stellen k\u00f6nnen. Um nur eine Folge der Pariser Kommune unter vielen zu nennen, die unser Leben heute bestimmt und die wir bereits als Selbstverst\u00e4ndlichkeit hinnehmen, ohne uns zu vergewissern, wie sehr sie erk\u00e4mpft worden ist: erst durch diesen zehnw\u00f6chigen Aufstand zwischen M\u00e4rz und Mai 1871 wurde die Monarchie in Frankreich endg\u00fcltig niedergeschlagen &#8211; denn wenn auch die b\u00fcrgerlich-parlamentarische Republik \u00fcber die vom &#8222;gemeinen&#8220; Volk, den ArbeiterInnen und Arbeitslosen, gew\u00e4hlte Kommune, siegte, so wagte die Republik es fortan doch nicht mehr, sich mit den Monarchisten f\u00fcr ein neues K\u00f6nigtum, und sei es nur ein konstitutionelles, mit der n\u00f6tigen Konsequenz zu verb\u00fcnden, aus Angst n\u00e4mlich vor einer neuerlichen Kommune!<\/p>\n<p>Und diese Erfahrung strahlte aus, u.a. auch auf Deutschland nach 1918. Es ist also nicht falsch zu sagen, dass durch die Geschichtsm\u00e4chtigkeit der Kommune als radikaler Alternative auch der deutschen nicht-monarchistischen Republik der Weg mitgeebnet wurde.<\/p>\n<p>Und deshalb ist es verdienstvoll von Kramer, uns die K\u00e4mpfe der Kommune auch nach so langer Zeit wieder vor Augen zu f\u00fchren. Er tut das in der uns inzwischen wohlbekannten Art, sich mit eigenen Interpretationen zur\u00fcck zu halten und daf\u00fcr Originalzitate und ZeitzeugInnen sprechen zu lassen. Und er verkn\u00fcpft dankenswerter Weise die Erinnerung an die Kommune mit der Erinnerung an eine ihrer wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten: Louise Michel (1830-1905).<\/p>\n<p>Louise Michel war nicht nur Barrikadenk\u00e4mpferin und Initiatorin eines Frauenbataillons der Kommune, sie war zugleich auch K\u00e4mpferin gegen die doppelte Unterdr\u00fcckung der Frau (der \u00e4u\u00dferen, die sie mit dem Mann teilte, und der inneren durch Mann und Familie, bei der sie allein widerstehen lernen m\u00fcsse), Lehrerin von nichtkirchlichen Volksschulen, Propagandistin und Vortragsreisende f\u00fcr den Anarchismus, schlie\u00dflich eine der ersten konsequenten GegnerInnen des Kolonialismus, den sie auf ihrer Verbannung in Neukaledonien kennen lernte. Sie lernte die Sprache der indigenen KanakInnen und solidarisierte sich mit ihrer Revolte in Neukaledonien im Jahre 1878. Auch das ist aktuell, denn Neukaledonien &#8211; immerhin eine riesige Insel \u00f6stlich von Australien &#8211; geh\u00f6rt noch heute zum Kolonialreich Frankreichs. Und bei aller heutigen berechtigten libert\u00e4ren Kritik an nationalistischen Befreiungsbewegungen kann die Aufrechterhaltung des Kolonialismus ja wohl aus emanzipatorischer Sicht keine Alternative sein. Da muss schon etwas Drittes, etwas qualitativ Anderes her.<\/p>\n<p>In der im Buch zentral stehenden Lebensgeschichte der Louise Michel, geschrieben von Renate Samit und Edith Thomas, wird an einer Stelle deutlich, dass die Entstehung der Kommune nicht unwesentlich mit gewaltlosen Kampfmitteln erreicht wurde. Ein erster Ansturm der b\u00fcrgerlichen Republik unter Thiers mit 6000 Soldaten am 18.3.1871 endete n\u00e4mlich so:<\/p>\n<p>&#8222;Die Frauen gingen zuerst vor, wie in unseren gro\u00dfen Tagen. Die Frauen vom 18. M\u00e4rz waren durch die Belagerung gest\u00e4hlt &#8211; sie hatten die doppelte Last des Elends getragen -und warteten nicht auf ihre M\u00e4nner. Sie umringten das Milit\u00e4r und redeten auf den Gesch\u00fctzf\u00fchrer ein: &#8218;Das ist eine Schande, was du da machst!&#8216; (&#8230;) Pl\u00f6tzlich st\u00fcrmten eine gro\u00dfe Anzahl Nationalgardisten mit erhobenen Gewehrkolben sowie viele Frauen und Kinder auf der anderen Seite von der Rue des Rosiers herbei. General Lecomte sah sich umzingelt, er befahl dreimal, das Feuer zu er\u00f6ffnen. Seine Leute blieben regungslos Gewehr bei Fu\u00df; die Menge n\u00e4herte sich, verbr\u00fcderte sich, Lecomte und seine Offiziere wurden verhaftet.&#8220; (S. 33f.)<\/p>\n<p>Leider geht im Buch die revolution\u00e4re Dimension dieses Anteils von Verweigerung und Fraternisierung im weiteren Kampfget\u00fcmmel und sp\u00e4ter in der Verteidigungsschlacht der Kommune unter und mit ihr versinken zuweilen auch die vielen Facetten der Louise Michel. Sie &#8222;liebe den Kanonendonner, den Pulvergeruch, die Kart\u00e4tschensch\u00fcsse in der Luft&#8220; (S. 16) &#8211; das war zweifellos die Louise Michel der Kommune. Schon Gustav Landauer hat aber in seinen hier leider nicht wieder abgedruckten Artikeln im &#8222;Sozialist&#8220; \u00fcber die Kommune betont, dass deren Scheitern nicht von der milit\u00e4rischen Verteidigung abhing oder von einer auch von Louise Michel bef\u00fcrworteten Milit\u00e4roffensive gegen die b\u00fcrgerlichen Versailler, sondern von der einfachen Tatsache, dass mit Ausnahme von Strassburg die Pariser Kommune im Lande isoliert war. Wenn es viele st\u00e4dtische Kommunen, vom Lande ganz zu schweigen, nach Art der Pariser gegeben h\u00e4tte, w\u00e4re es wohl um die Bourgeoisie geschehen gewesen. Nur dadurch h\u00e4tte auch die blutige Niederschlagung der Kommune vermieden werden k\u00f6nnen. F\u00fcr Louise Michel war es ein langer Weg von ihrer zeitweiligen \u00c4sthetisierung revolution\u00e4rer Gewalt zu der Einsicht, die sie \u00fcber die anarchistischen Attent\u00e4ter in den 1890er Jahren gewann: &#8222;Nat\u00fcrlich hatten auch sie Ideale, ob ihr Weg der richtige war&#8230;, ich wage es jetzt zu bezweifeln.&#8220; (S. 76)<\/p>\n<p>Dankbar bin ich Kramer f\u00fcr den Wiederabdruck des sehr intelligenten feministischen Aufsatzes von Marian Leighton \u00fcber Louise Michels Altruismus und ihre Kategorisierung als asketische Revolution\u00e4rin sowie als Charismatikerin in Max Webers Sinne (S. 90-101), den ich noch aus der &#8222;Frauen in der Revolution&#8220;-Reihe des Kramer Verlages in guter Erinnerung habe. Und schmunzelnd liest man\/frau die Hommages an Louise Michel, die am Ende des Buches aus unterschiedlichen politischen Richtungen versammelt sind. Am besten gef\u00e4llt mir Victor Hugos Erinnerungsgedicht; absto\u00dfend wie immer finde ich Arthur Rimbaud (&#8222;Blut! Blut! Auf ewig Rache, Terror und Krieg!&#8220; &#8211; ich kann seine lyrischen Racheerg\u00fcsse nicht ausstehen), und herzlich lachen k\u00f6nnen AnarchistInnen am Schluss, wenn sich Sowjetmarxisten und Maoisten gegenseitig die Erinnerung an die Kommune streitig machen und an ihr entweder die fehlende revolution\u00e4re Partei (Sowjetmarxisten) oder die fehlende starke Armee (Maoisten) kritisieren. Alles in allem also ein gelungenes Buch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1871, vor 140 Jahren also, k\u00e4mpfte die Pariser Kommune um kommunalistische Selbstverwaltung, sozialistische Enteignung und das Niederrei\u00dfen nationaler Grenzen (das Lied &#8222;Die Internationale&#8220; von Eug\u00e8ne Pottier entstand kurz nach der Kommune). Sie fiel blutig der franz\u00f6sischen b\u00fcrgerlichen Reaktion zum Opfer. Wozu noch daran erinnern? 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