{"id":4252,"date":"2001-10-01T00:00:39","date_gmt":"2001-09-30T22:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4252"},"modified":"2022-07-26T14:16:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:52","slug":"a-las-barricadas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/a-las-barricadas\/","title":{"rendered":"A las Barricadas"},"content":{"rendered":"<p>Selten ist eine Autobiographie so bewegend wie &#8222;Helmut Kirschey: A las Barricadas. Erinnerungen und Einsichten eines Antifaschisten&#8220;.<\/p>\n<p>1913 in Elberfeld geboren, aufgewachsen in proletarischen Verh\u00e4ltnissen in Wuppertal, engagierte sich Helmut Kirschey fr\u00fch in kommunistischen Zusammenh\u00e4ngen, l\u00f6ste sich aber 1931 unter dem Eindruck der &#8222;Hexenprozesse&#8220; in der Sowjetunion vom kommunistischen Jugendverband und trat der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter Union Deutschlands (FAUD) bei.<\/p>\n<p>&#8222;Der Grund daf\u00fcr, dass ich die kommunistische Bewegung verlie\u00df, war (&#8230;) der Zentralismus und wie Stalin seine Macht missbrauchte. Wir waren es auch m\u00fcde, st\u00e4ndig zu h\u00f6ren &#8218;Stalin ist das Licht, Stalin ist die Sonne&#8216; und all dieses Geschwafel. Au\u00dferdem war die Partei zentralistisch, und man durfte Kritik nicht einmal andeutungsweise \u00e4u\u00dfern. Es hie\u00df einfach: &#8218;Die Partei hat es so beschlossen.'&#8220; (S. 44)<\/p>\n<p>Die von AnarchistInnen vertretenen Ansichten \u00fcber die Machtverteilung zwischen unten und oben und der dezentrale Organisationsaufbau der FAUD zogen ihn an.<\/p>\n<p>&#8222;Die anarchosyndikalistische Bewegung in Deutschland war eine gewisse Zeitlang eine Massenbewegung mit Hunderttausenden von Mitgliedern gewesen, aber als ich eintrat, bestand sie nur noch aus etwa 4000 Personen und war auf wenige St\u00e4dte konzentriert. Trotzdem war die Organisation aktiv.&#8220; (S. 45)<\/p>\n<p>Die antifaschistischen Aktivit\u00e4ten der Wuppertaler AnarchistInnen, an denen sich Kirschey beteiligte, hatten Folgen. 1933, nach der nationalsozialistischen Macht\u00fcbernahme, wurde Kirschey verhaftet. Nach acht Monaten Haft im KZ Dinslaken floh er in die Niederlande und engagierte sich dort als Aktivist der <em>Deutschen Anarchosyndikalisten <\/em>(DAS). Als Exil-Organisation produzierte die DAS Zeitschriften wie <em>Die Internationale<\/em>, die getarnt als <em>Deutschtum im Ausland<\/em> ins Reichsgebiet geschmuggelt und dort konspirativ von anarchistischen Untergrundgruppen verbreitet wurden.<\/p>\n<p>Als sich im Sommer 1936 eine anarchosyndikalistische Massenbewegung erfolgreich gegen den Franco-Faschismus wehrte und eine soziale Revolution erlebte, entschlossen sich Kirschey und andere Mitglieder der DAS die libert\u00e4re CNT-FAI in Spanien zu unterst\u00fctzen. Nach einer gef\u00e4hrlichen Reise gelang es Kirschey &#8222;aus der tiefsten Illegalit\u00e4t in Holland nach Port Bou zu kommen, wo es nur so wimmelte von Symbolen der CNT-FAI: Auf Armbinden, M\u00fctzen, Halst\u00fcchern und Fahrzeugen. Wir waren so \u00fcbergl\u00fccklich, dass wir weinen mussten.&#8220; (S. 96)<\/p>\n<p>In Barcelona produzierte die DAS z.B. die deutschsprachige Zeitung <em>Soziale Revolution<\/em> (die heute als gut erhaltenes Original in der Geschichtswerkstatt Dortmund zu finden ist und auf einen Reprint wartet), sowie Radiosendungen, die \u00fcber Kurzwelle nach Deutschland ausgestrahlt wurden.<\/p>\n<p>&#8222;Au\u00dferdem fungierten wir als eine Art Anlaufstelle f\u00fcr ausl\u00e4ndische Journalisten, Anarchisten und Syndikalisten, die nach Barcelona kamen, um sich \u00fcber die Ereignisse zu informieren. Die international bekannteste Anarchistin, Emma Goldman, kam im Oktober 1936 nach Spanien. (&#8230;) Emma Goldman war eine phantastische Frau, und wir f\u00fchrten lange Gespr\u00e4che mit ihr. Sie stand der CNT sehr kritisch gegen\u00fcber, weil die Organisation sich darauf eingelassen hatte, die Funktion des Staatsapparates zu \u00fcbernehmen. Sie fand, es sei nicht passend f\u00fcr eine anarchistische Bewegung, sich mit so etwas zu besch\u00e4ftigen. Wir erkl\u00e4rten ihr, dass wir keine Wahl gehabt hatten und dass es vielmehr darum ging, zu retten was zu retten war. Wir k\u00e4mpften gegen eine ganze Welt: Deutschland, Italien und Portugal gaben Franco ihre ganze Unterst\u00fctzung.&#8220; (S. 101)<\/p>\n<p>Anfang 1937 ging Kirschey als Milizion\u00e4r der Kolonne Durruti an die Front. Im Mai 1937 wurde er Zeuge der Stra\u00dfenk\u00e4mpfe zwischen CNT-FAI und Kommunisten.<\/p>\n<p>Kurz darauf wurde er gemeinsam mit anderen deutschen Anarchosyndikalisten von sowjetischen Geheimagenten verhaftet und sieben Monate lang in ein Gef\u00e4ngnis bei Valencia gesperrt und verh\u00f6rt. Im April 1938 wurde er freigelassen. Mittlerweile hatten die von Moskau unterst\u00fctzten Stalinisten die libert\u00e4re Revolution erstickt, die CNT-FAI hatte ihre herausragende Rolle verloren. Der Sieg des Faschismus r\u00fcckte n\u00e4her und zudem wurden antiautorit\u00e4re SozialistInnen von Stalins Schergen bedroht. Kirschey floh deshalb \u00fcber Paris nach Amsterdam und schlie\u00dflich nach Schweden. Dort wurde er f\u00fcr einige Jahre Mitglied der syndikalistischen <em>Sveriges Arbetares Centralorganisation<\/em> (SAC). Trotz der Gefahr als &#8222;unerw\u00fcnschter Ausl\u00e4nder&#8220; ins nationalsozialistische Deutschland abgeschoben zu werden, schmuggelte er mit schwedischen Eisenbahnern Flugbl\u00e4tter in die Z\u00fcge, in denen Soldaten der Wehrmacht durchs &#8222;neutrale&#8220; Schweden transportiert wurden.<\/p>\n<p>1943 erhielt er seine erste Arbeitserlaubnis und 1955 wurde er schwedischer Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Heute, als 88-J\u00e4hriger, reist Helmut Kirschey durch die Bundesrepublik, h\u00e4lt Vortr\u00e4ge in Libert\u00e4ren Zentren, Universit\u00e4ten und Schulen. &#8222;Wenn ich erz\u00e4hle, versuche ich, der Zeit zwischen 1914 und 1945 ein Gesicht zu geben, und die Reaktionen darauf sind immer sehr positiv. Viele Male habe ich S\u00e4tze geh\u00f6rt wie: &#8218;Die Lehrer haben davon erz\u00e4hlt, und wir haben nicht alles verstanden, aber wenn sie dar\u00fcber sprechen, ist es etwas ganz anderes.&#8216; Das freut mich zu h\u00f6ren, dabei habe ich nur das erste Jahr der Hitlerzeit mitgemacht, das Allermeiste blieb mir erspart.&#8220; (S. 214)<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich finden sich Wiederholungen und viele historische Informationen aus &#8222;A las barricadas&#8220; sind in AnarchismusforscherInnenkreisen bekannt. Nat\u00fcrlich bleiben Fragen offen, z.B. warum Kirschey den Genossen Augustin Souchy nicht leiden konnte. Nat\u00fcrlich ist nicht allen &#8222;Einsichten&#8220; Kirscheys zuzustimmen. Na und. &#8222;A las barricadas&#8220; ist ein wichtiges Buch. Es spiegelt das <em>gelebte Leben<\/em> eines sympathischen Anarchosyndikalisten wider.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten ist eine Autobiographie so bewegend wie &#8222;Helmut Kirschey: A las Barricadas. 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