{"id":4259,"date":"2001-10-01T00:00:49","date_gmt":"2001-09-30T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4259"},"modified":"2022-07-26T14:16:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:52","slug":"gewaltfreier-anarchismus-im-universalen-dialog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/gewaltfreier-anarchismus-im-universalen-dialog\/","title":{"rendered":"Gewaltfreier Anarchismus im universalen Dialog"},"content":{"rendered":"<p>Ein \u00fcberaus wichtiges Buch f\u00fcr alle gewaltfreien AnarchistInnen: der Briefwechsel, den der niederl\u00e4ndische gewaltfreie Anarchist Bart de Ligt und Mahatma Gandhi von 1928-1930 f\u00fchrten, liegt nun vollst\u00e4ndig vor, mit einer Einleitung und einem intelligenten Nachwort von Christian Bartolf, zus\u00e4tzlich versehen mit zwei transnationalen Eingriffen in die Diskussion durch den russischen Tolstoi-Nachfolger Vladimir Tchertkov und eine sp\u00e4te Verteidigung Gandhis durch den US-amerikanischen Theoretiker Richard Gregg. Das Buch dokumentiert damit einen wahrlich spannenden universalen Dialog \u00fcber entscheidende Dimensionen der Gewaltfreiheit, des Kriegswiderstands und der Staatskritik.<\/p>\n<p>Inhaltlich geht es darum, dass Bart de Ligt als jemand, der die gewaltfreien Massenaktionen Gandhis gerade zu w\u00fcrdigen wei\u00df, dessen widerspr\u00fcchliche Verteidigung seiner Sanit\u00e4ts- und Rekrutierungsaktionen bis 1918 kritisiert und von Gandhi eine Distanzierung im Sinne des radikalen Antimilitarismus verlangt; sp\u00e4ter kritisiert de Ligt von einem libert\u00e4r-gewaltfreien Standpunkt aus Gandhis Rolle als Vertreter der indischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung bei den Verhandlungen 1931 in London, wo er das Recht auf eigenst\u00e4ndige nationale Verteidigung, auch auf eine Armee, einforderte &#8211; und bei derselben Reise in der Schweiz dann Vortr\u00e4ge \u00fcber Staatskritik und radikalen Antimilitarismus hielt. Gandhis widerspr\u00fcchliche Position ergibt sich aus zwei entgegengesetzten inhaltlichen Traditionen: aus einer europ\u00e4ischen Rechtsposition heraus war Gandhi bis 1919 im Grunde Reformist und glaubte, durch Sanit\u00e4ts- und Rekrutierungskampagnen verbesserte B\u00fcrgerrechte f\u00fcr InderInnen rausholen zu k\u00f6nnen. Als das nicht eintrat, wurde er zum antikolonialen Revolution\u00e4r und verweigerte fortan jede Beteiligung am britischen Milit\u00e4rdienst. Aus einer indischen philosophischen Tradition des Antidogmatismus heraus sah er jedoch in der gewaltfreien Aktion ein emanzipatives Kampfmittel, das ein Individuum nur richtig anwenden k\u00f6nne, wenn es auch t\u00f6ten k\u00f6nnte, und das eine unabh\u00e4ngige Nation nur \u00fcbernehmen k\u00f6nne, wenn es die freie Wahl zwischen bewaffneter und gewaltfreier Verteidigung habe: &#8222;Es ist nicht m\u00f6glich, eine Person oder eine Gesellschaft durch Zwang gewaltfrei zu machen.&#8220; (S. 39) Da m\u00fcsse schon eine innere \u00dcberzeugung dabei sein. Gandhi hoffte zu dieser Zeit noch, dass der Erfolg seiner gewaltfreien Massenkampagnen seine MitstreiterInnen in der Bewegung von der Effektivitaet der Gewaltfreiheit und der Nutzlosigkeit der Bewaffnung eines unabh\u00e4ngigen Indien \u00fcberzeugen werde &#8211; eine etwas naive Einstellung, die Gandhi selbst im Laufe der 40er Jahre revidierte. Bart de Ligt kritisierte zurecht diesen gem\u00e4\u00dfigten, gewaltlosen Nationalismus Gandhis, ohne aber angeben zu k\u00f6nnen, auf was sich Gandhi sonst beziehen sollte, wenn denn ein antikolonialer Kampf gef\u00fchrt werden sollte.<\/p>\n<p>V. Tchertkov steuerte einen entscheidenden Einwand zur Diskussion bei, indem er gegen Gandhi darauf hinwies, dass Gewaltlose ja keineswegs dogmatische Gewalt aus\u00fcben, wenn sie nicht f\u00fcr \u00fcberzeugte Gewaltbef\u00fcrworter eintr\u00e4ten:<\/p>\n<p>&#8222;Indem ich mich enthalte, f\u00fcr die milit\u00e4rische Ausbildung zu stimmen, zwinge ich keinen, irgendetwas zu tun, genau so wie, wenn ich f\u00fcr die Ausbildung von Taschendieben mich enthalte, ich den Taschendieben keine Gewalt antue.&#8220; (S. 43) Gandhi ging von der Notwendigkeit einer freien Wahl aus, weil der Kolonialismus den InderInnen das Recht, eigenst\u00e4ndig Waffen zu tragen, seit Jahrhunderten verweigerte, w\u00e4hrend Bart de Ligt vorschlug, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Auf pers\u00f6nlicher Ebene ist Gandhis Vorschlag, durch das T\u00f6ten hindurch und dadurch zu h\u00f6herwertigen Kampfmitteln zu gelangen, sehr viel interessanter: das weist deutlich darauf hin, dass der gewaltfreie Kampf keine billige Ersatzhandlung sein darf, dass er nicht reine Symbolik werden darf und f\u00fcrs gute Gewissen gef\u00fchrt werden soll, sondern f\u00fcrs System wirklich gef\u00e4hrlich sein muss, in Isolation f\u00fchren kann und mit Repression rechnen muss.<\/p>\n<p>Trotzdem muss ich in beiden F\u00e4llen tendenziell eher Bart de Ligt zustimmen: sowohl der gewaltfreie Kampf f\u00fcr die unabh\u00e4ngige Nation als auch die F\u00e4higkeit zum T\u00f6ten f\u00fcrs selbstbewusste Individuum ist ein Versto\u00df gegen die gewaltfreie Ziel-Mittel-Relation: zuerst wird genau das forciert, was eigentlich \u00fcberwunden werden soll. Es bleibt aber die Frage, ob de Ligt seine Kritik nicht zu hart formuliert hat und damit eine \u00dcbereinstimmung verhinderte und den Ver\u00e4nderungsprozess Gandhis zu wenig in Rechnung stellte. Seine letzte Stellungnahme von 1932 ist denn trotzdem vers\u00f6hnlicher.<\/p>\n<p>An diesem wichtigen Buch habe ich nur die Aufmachung zu kritisieren, aus dem Titelbild ist nicht zu erkennen, worum es im Buche geht. Insbesondere die anarchistische Szene wird so an dieser Ver\u00f6ffentlichung weitgehend vorbeisehen &#8211; und gerade f\u00fcr die w\u00e4re sie doch so wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein \u00fcberaus wichtiges Buch f\u00fcr alle gewaltfreien AnarchistInnen: der Briefwechsel, den der niederl\u00e4ndische gewaltfreie Anarchist Bart de Ligt und Mahatma Gandhi von 1928-1930 f\u00fchrten, liegt nun vollst\u00e4ndig vor, mit einer Einleitung und einem intelligenten Nachwort von Christian Bartolf, zus\u00e4tzlich versehen mit zwei transnationalen Eingriffen in die Diskussion durch den russischen Tolstoi-Nachfolger Vladimir Tchertkov und eine &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/gewaltfreier-anarchismus-im-universalen-dialog\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gewaltfreier Anarchismus im universalen Dialog - graswurzelrevolution","description":"Ein \u00fcberaus wichtiges Buch f\u00fcr alle gewaltfreien AnarchistInnen: der Briefwechsel, den der niederl\u00e4ndische gewaltfreie Anarchist Bart de Ligt und Mahatma Gandhi"},"footnotes":""},"categories":[274,44,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-4259","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-262-oktober-2001","category-bucher","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4259","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4259"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4259\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4259"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4259"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4259"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}