{"id":4264,"date":"2001-10-01T00:00:45","date_gmt":"2001-09-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4264"},"modified":"2022-07-26T14:16:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:52","slug":"soziale-selbstorganisation-und-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/soziale-selbstorganisation-und-demokratie\/","title":{"rendered":"Soziale Selbstorganisation und Demokratie"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201c&#8217;Demokratie&#8216; ist doch prima, oder? Hier k\u00f6nnen ja alle Leute ihre PolitikerInnen w\u00e4hlen, und das alle vier Jahre. Da kann mensch doch mitbestimmen, was die hohe Politik machen soll. &#8211; Oder etwa nicht?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Christian Fuchs ist Informationstheoretiker, er lebt und arbeitet in Wien, hat zu tun mit der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie, eigentlich aber ist er Wissenschaftler mit <em>interdisziplin\u00e4rer<\/em> Ausrichtung. In seiner neuesten Arbeit untersucht er den Kapitalismus sowie das Konzept der gegenw\u00e4rtigen repr\u00e4sentativen (durch gew\u00e4hlte Entscheidungstr\u00e4gerInnen gepr\u00e4gte) Demokratie auf ihren tats\u00e4chlichen demokratischen Gehalt. Seine Arbeit &#8222;Soziale Selbstorganisation&#8230;&#8220; &#8211; in wissenschaftlich-theoretischer Sprache verfasst und entsprechend zu lesen &#8211; ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und ich will hier nur einige Aspekte kurz anrei\u00dfen, die mir besonders wichtig erschienen. So gelingt es Fuchs, das, was der Marxismus als &#8222;Klassengegensatz&#8220; begreift, nicht nur in Bezug auf die \u00d6konomie (Beispiel: Postfordismus) zu modernisieren, sondern \u00fcber das Thema der \u00d6konomie hinaus in den Bereich der Politik, der &#8222;Demokratie&#8220; vorzudringen, wo er das heutige System politischer Repr\u00e4sentation anhand der gesellschaftlichen Verteilung von &#8222;sozialen Informationen&#8220; untersucht. Sp\u00e4testens seit dieser Arbeit kann wohl davon gesprochen werden, dass es so etwas wie eine moderne &#8218;Klassentheorie der Demokratie&#8216; gibt.<\/p>\n<p>Fuchs geht vom Standpunkt einer &#8218;dialektischen Theorie der Selbstorganisation&#8216; (S. 56) aus, die sich am Ph\u00e4nomen der &#8222;sozialen Information&#8220; festmacht. &#8222;Informationen&#8220; werden heute, so Fuchs, in autorit\u00e4rer oder hierarchiekompatibler Hinsicht gebraucht, n\u00e4mlich eher im Sinne von &#8218;Botschaft&#8216;, &#8218;Nachricht&#8216; bzw. &#8218;Unterrichtung&#8217;\/ &#8218;Belehrung&#8216;. So werden uns in der heutigen kapitalistischen Informationsgesellschaft &#8218;Botschaften&#8216; \u00fcber unsere &#8222;Wirklichkeit&#8220; eingegeben, allabendlich erhalten wir unsere Nachrichtenzufuhr bei ARD &amp; ZDF; in der Schule oder am Arbeitsplatz werden wir unterrichtet bzw. belehrt, wie wir unsere Leistungen optimieren sollen; Parteien oder Gro\u00dfgewerkschaften teilen uns mit, wie wir einen gesellschaftlichen Vorgang zu verstehen haben. Wir verhalten uns gegen\u00fcber der &#8222;Information&#8220; passiv, wir bekommen von den &#8222;Informierten&#8220;, namentlich PolitikerInnen (also von &#8222;Oben&#8220;) mitgeteilt, &#8218;was l\u00e4uft&#8216;. So konsumieren wir Informationen als Ware. G\u00e4nzlich unber\u00fccksichtigt dabei bleibt, dass &#8222;Information&#8220; im Lateinischen auch die Bedeutung von &#8222;Formen&#8220; bzw. &#8222;Gestalten&#8220; (z.B. der Politik, der \u00d6konomie) einschlie\u00dft. Dies beinhaltet den Aspekt, dass wir die &#8222;Information&#8220; in die eigenen H\u00e4nde nehmen, die Umst\u00e4nde selbst formen, die uns angehen.<\/p>\n<p>Von diesen \u00dcberlegungen ausgehend, untersucht Fuchs die Bedingungen heutiger &#8222;sozialer Information&#8220; am Beispiel der repr\u00e4sentativen &#8218;Demokratie&#8216;. Wie bereits erahnt werden kann, macht sich die Theorie an einer ungerechten (partizipatorische Interessen der Bev\u00f6lkerung ausschlie\u00dfende) Handhabung &#8222;sozialer Information&#8220; fest. Unter sozialen Informationen wird im Folgenden verstanden: &#8222;Strukturen wie soziale Normen, Gesetze, soziale Werte und Regeln, die durch das Zusammenwirken mehrerer Individuen entstanden sind&#8220; (Fuchs, S. 74). Diese sozialen Informationen k\u00f6nnen nun <em>&#8222;soziale Inklusionen&#8220; <\/em>(Entscheidungen \u00fcber Regeln, die zustande kommen, indem die Betroffenen beteiligt werden) oder <em>&#8222;soziale Exklusionen&#8220;<\/em> (Entscheidungen \u00fcber Regeln, die unter Ausschluss der Betroffenen zustande kommen) sein. Mit dem begrifflichen Werkzeug der &#8222;sozialen Inklusivit\u00e4t&#8220; oder der &#8222;sozialen Exklusivit\u00e4t&#8220; von &#8222;Informationen&#8220; kommt Fuchs zu dem Schluss, dass die repr\u00e4sentative &#8218;Demokratie&#8216; und ihre Gesetzgebung lediglich <em>exklusive<\/em> soziale Informationen produzieren, weil die politischen Entscheidungen (z.B. Verabschiedung von Gesetzen) von denjenigen, die von den Entscheidungen betroffen sind, weitestgehend entkoppelt sind. Und dies in zweierlei Hinsicht: So f\u00fchrt einerseits die Wahl von ParlamentarierInnen als politische Entscheidungstr\u00e4gerInnen dazu, dass sich Entscheidungen von der Alltagsbasis l\u00f6sen, andererseits f\u00fchren <em>Mehrheitsprinzipien<\/em> innerhalb der repr\u00e4sentativen Demokratie zum Ausschluss von Minderheiten. Beide Aspekte begr\u00fcnden hinreichend eine Kritik an der Repr\u00e4sentation als &#8222;exklusiver&#8220; &#8218;Demokratie&#8216; und den Klassengegensatz zwischen politisch (ganz &#8222;demokratisch&#8220;) ein- und ausgeschlossenen Teilen der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Im Anschluss untersucht Fuchs nun den gegenw\u00e4rtigen Anarchismus daraufhin, inwiefern hier &#8222;inklusive&#8220; oder &#8222;exklusive&#8220; Informationen produziert werden. Nicht unn\u00fctz erscheint hier zun\u00e4chst einmal der Hinweis, dass der Anarchismus (und dies ist auch meine Einsch\u00e4tzung) eine &#8222;spezielle Form der Theorie der Direktdemokratie&#8220; (S. 189) darstellt, mithin als eine selbst\u00e4ndige <em>Demokratietheorie<\/em> anzusehen ist, die sich allerdings massiv von repr\u00e4sentativen Entscheidungsmodellen unterscheidet. Insofern sich 1. der Anarchismus gegen Entscheidungstr\u00e4gerInnen und politische\/\u00f6konomische Eliten verwahrt und 2. innerhalb seines Entscheidungskonzepts eine Beteiligung derjenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, an den entsprechenden Beschl\u00fcssen anstrebt, noch dazu 3. innerhalb der Entscheidungsproduktion auf <em>Konsens<\/em> wert legt (Einschluss von Minderheiten in eine Entscheidung), kommt Fuchs zu dem Schluss, dass anarchistisch-direktdemokratische Entscheidungsmodelle &#8222;der Vorstellung von sozialer Selbstorganisation &#8230; n\u00e4her kommen als etablierte repr\u00e4sentativ- und direktdemokratische (Volksentscheid, Volksbegehren, Volksinitiative, usw.), da sie die Etablierung inklusiver sozialer Informationen zu einem wesentlichen Teil ihres Ansatzes machen. Es geht dabei um die Vorstellung, dass Betroffene die Entscheidungsprozesse, als deren Ergebnisse soziale Informationsstrukturen entstehen, selbst bestimmen und gestalten k\u00f6nnen und dass sie unter ver\u00e4nderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch die F\u00e4higkeiten entwickeln k\u00f6nnen, dies in der Praxis durchzuf\u00fchren&#8220; (S. 211).<\/p>\n<p>Leider gelingt es auch libert\u00e4ren AutorInnen nicht immer, ein begriffliches Handwerkszeug f\u00fcr demokratietheoretische Debatten zur Verf\u00fcgung zu stellen, das einerseits eine kritische Analyse vereinfacht, andererseits multifunktional und gut ge\u00f6lt ist. Fuchs scheint dies jedoch mit Hilfe der Begriffe <em>&#8222;inklusive&#8220;<\/em> und<em> &#8222;exklusive soziale Information&#8220;<\/em> zu gelingen. Mit dieser Unterscheidung l\u00e4sst es sich gut in politikwissenschaftliche Debatten einsteigen. Nicht mehr und nicht weniger erscheint als der Zweck der vorliegenden Arbeit, denn im Alltagsgespr\u00e4ch k\u00f6nnte mensch auch auf andere Weise ausdr\u00fccken, dass Anarchismus Sinn macht. Wer sich in diesem Sinne bei Fuchs erst einmal durch ein bestimmtes wissenschaftliches Vokabular durchgearbeitet hat, den\/die erwartet eine meines Erachtens fundierte Gesellschaftsanalyse, die &#8211; nebenbei gesagt &#8211; gr\u00fcndlich mit der Idee von J\u00fcrgen Habermas aufr\u00e4umt, in der Politik einer repr\u00e4sentativen &#8218;Demokratie&#8216; w\u00fcrden Kommunikationsfl\u00fcsse der gesellschaftlichen Basis umgesetzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist dies Werk derzeit eines der wichtigsten B\u00fccher auf meinem Tisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201c&#8217;Demokratie&#8216; ist doch prima, oder? Hier k\u00f6nnen ja alle Leute ihre PolitikerInnen w\u00e4hlen, und das alle vier Jahre. 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