{"id":4266,"date":"2001-10-01T00:00:55","date_gmt":"2001-09-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4266"},"modified":"2012-03-04T19:38:05","modified_gmt":"2012-03-04T17:38:05","slug":"philosophie-als-auflosung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/philosophie-als-auflosung\/","title":{"rendered":"Philosophie als Aufl\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p>Als der Philosoph Gilles Deleuze 1996 seinem Leben ein Ende setzend aus dem Fenster sprang, erf\u00fcllte er sich dort, an der frischen Luft, einen letzten Wunsch: &#8222;M\u00f6glichkeiten, oder ich ersticke&#8220;. An den Verh\u00e4ltnissen zu Grunde zu gehen oder zum Asphalt, ist ein un\u00fcblich gewordener Topos. Ungekl\u00e4rt auch die Frage, ob im Freitod der nach innen gewendete Wille zur Macht sich verwirklicht oder den gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen mit der Aufl\u00f6sung des Subjektes getrotzt wird. Aber Deleuze war eigentlich ein lebensbejahender Intellektueller.<\/p>\n<p>In Deutschland ist dieses fundamentale Ja oft nicht oder falsch verstanden worden. Dass er das autonome Subjekt analytisch zugunsten einer Wunschmaschine abgel\u00f6st sehen wollte, trug ihm gar das Adjektiv &#8222;faschistisch&#8220; (Manfred Frank) ein. Klaus Theweleit hingegen griff die Wunschmaschinen-Metapher nicht nur als Metapher sondern als (antifaschistische) Methode auf, um faschistische Realit\u00e4tsproduktionen in der Weimarer Republik zu untersuchen (&#8222;M\u00e4nnerphantasien&#8220;). Mit noch st\u00e4rkerer Polarisierung als die Ans\u00e4tze seiner poststrukturalistischen KollegInnen sind die Arbeiten von Deleuze hierzulande aufgegriffen worden. Diese inhaltliche Breite der Rezeption ist auch in dem von Marvin Chlada herausgegebenen Sammelband &#8222;Das Universum des Gilles Deleuze&#8220; aufgespannt. Dabei werden weniger Gedankenweltraumkarten entworfen als vielmehr einzelne Wegweiser zu spannenden Denkstationen gesetzt. Als Einf\u00fchrung konzipiert, wird auch in Form und Inhalt versucht, der Vielfalt des Deleuzeschen Werkes Rechnung zu tragen. Eher assoziative Texte und Polemiken stehen neben wissenschaftlich und analytisch verfa\u00dften Beitr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Zu der zweiten Gattung geh\u00f6rt sicher der Aufsatz von Daniel Loick. Er stellt die politisch entscheidende Frage, ob die Philosophie Deleuze&#8216; zu der f\u00fcr eine &#8222;emanzipatorische Ver\u00e4nderung der Gesellschaft notwendigen Kritik an aktuellen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen produktiv zu machen ist&#8220;, und gelangt zu der Antwort, dass nicht. Angesichts der gegenw\u00e4rtig praktischen Bedrohung des Subjektes gelte es auch philosophisch, Identit\u00e4t im Dienste einer radikaldemokratischen Kultur zu verteidigen. Auch der Kulturkritiker J\u00fcrgen Roth findet Deleuze schei\u00dfe und feiert f\u00fcr die Mittteilung dessen &#8211; wie nach Theweleit jeder Verriss &#8211; sprachverliebt sich selbst. Ob die deleuzianisch-antiautorit\u00e4re Attacke auf das handlungsm\u00e4chtige Subjekt der Geschichte allerdings tats\u00e4chlich den neoliberalen Frontalangriff vorbereitet, eingeleitet oder gar mit verursacht hat, mu\u00df m.E. fraglich bleiben.<\/p>\n<p>Denn zun\u00e4chst war die Aufl\u00f6sung von starren Ich-Formationen zugunsten neuer, bislang zivilisatorisch verhinderter Intensit\u00e4ten gedacht. Den flexiblen Menschen als leistungsorientierte Norm haben andere daraus gedreht (Zum Beispiel Bertelsmann: &#8222;Wie beh\u00e4lt man die Nase vorn, wenn man alten Hierarchien den R\u00fccken kehren will?&#8220;). Deleuze als einen Wegbereiter des Management Development-Programms eines Medien-Multis zu interpretieren, wird seinem Denken kaum gerecht.<\/p>\n<p>Dass eine Reihe von Mikrom\u00e4chten die gro\u00dfen Herrschaftszentren st\u00fctzen, mag heute eine kulturtheoretische Binsenweisheit sein. Die zeitdiagnostische Signatur der Kontrollgesellschaft, die Deleuze im Anschlu\u00df an Foucault u.a. aus dieser Einsicht entwickelte, machte ihn aber zum Stichwortgeber f\u00fcr die hiesige Kritik der Popul\u00e4rkultur. So konstatiert beispielsweise der Popkritiker Martin B\u00fcsser, Deleuze sei der &#8222;erste und bislang einzige Denker, der aus der Akademie heraus auch auf verschiedene Pop-Subkulturen <em>prim\u00e4r aufgrund seiner Methode<\/em> wirkte&#8220;. Diese sei pseudo-dilettantisch, gekennzeichnet durch Spr\u00fcnge und Irritationen, schnelle Wechsel von Seri\u00f6sit\u00e4t zu Ramsch, von Fachtermini zu Vulg\u00e4rsprache.<\/p>\n<p>Eine Philosophie, die ein Denken propagiert, das nach dem Vorbild eines chaotisch wuchernden Wurzelwerkes (Rhizom) organisiert ist, und in Forderungen m\u00fcndet wie &#8222;La\u00dft keinen General in euch aufkommen!&#8220;, erscheint gerade in Zeiten der von Alt-68ern gef\u00fchrten Kriege wieder aktuell. Und als eine w\u00fcrdige Fortsetzung von 68 allemal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der Philosoph Gilles Deleuze 1996 seinem Leben ein Ende setzend aus dem Fenster sprang, erf\u00fcllte er sich dort, an der frischen Luft, einen letzten Wunsch: &#8222;M\u00f6glichkeiten, oder ich ersticke&#8220;. An den Verh\u00e4ltnissen zu Grunde zu gehen oder zum Asphalt, ist ein un\u00fcblich gewordener Topos. 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