{"id":4272,"date":"2001-10-01T00:00:14","date_gmt":"2001-09-30T22:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4272"},"modified":"2022-07-26T14:16:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:52","slug":"psychoanalyse-als-weg-anarchie-als-ziel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/psychoanalyse-als-weg-anarchie-als-ziel\/","title":{"rendered":"Psychoanalyse als Weg, Anarchie als Ziel!"},"content":{"rendered":"<p>Der &#8218;Anarcho-Psychologe&#8216; Otto Gross (1877-1920), bedeutendster Sch\u00fcler Sigmund Freuds und enger Freund Erich M\u00fchsams und Franz Jungs, ist sowohl unter PsychoanalytikerInnen als auch unter AnarchistInnen nahezu vergessen. In einem Brief an den Schweizer Arbeiterarzt und Anarchisten Fritz Brupbacher vom Fr\u00fchjahr 1912 beschrieb er seine Bem\u00fchungen, n\u00e4mlich &#8222;die unabsehbare Zukunft der Psychoanalyse gerade als Seele der revolution\u00e4ren Bewegung von morgen begreiflich zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend AnarchistInnen seine befreiende Psychoanalyse bis heute, ohne sie \u00fcberhaupt zur Kenntnis genommen zu haben, als nichtrevolution\u00e4r diffamieren, war PsychoanalytikerInnen Gross&#8216; Anarchismus, der die patriarchale Gesellschaft durch eine neue Gemeinschaft ersetzen wollte, in der Frauen und M\u00e4nner gleichberechtigt und frei sein sollten, viel zu radikal: &#8222;Allein die v\u00f6llige Unm\u00f6glichkeit jedweder Vormacht Irgendeines \u00fcber Irgendeinen&#8220;, so Gross, &#8222;gew\u00e4hrt die Sicherheit, da\u00df nie ein Mensch, in dem der freie sch\u00f6pferische Ungeist lebt, sich Elementen zweiten Ranges beugen mu\u00df&#8220; (1919).<\/p>\n<p>Daher ist es ausdr\u00fccklich zu begr\u00fc\u00dfen, da\u00df auf dem vom 28.-30. Mai 1999 in Berlin stattgefundenen Ersten Internationalen Otto-Gross-Kongre\u00df auch eine Internationale Otto-Gross-Gesellschaft e. V. gegr\u00fcndet wurde, \u00fcber deren Ziele und Aufgaben die Satzung informiert: &#8222;Aufgabe der Gesellschaft ist, das Werk und die gesellschaftliche Wirkung der T\u00e4tigkeit des Arztes, Wissenschaftlers und Revolution\u00e4rs Otto Gross zu erforschen, seinen Einflu\u00df auf die geisteswissenschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts darzustellen und die Ergebnisse dieser Arbeit \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich zu machen, auch durch Ver\u00f6ffentlichungen und Veranstaltungen aller Art [&#8230;]&#8220; (S. 250). Dem Vorstand geh\u00f6ren neben dem Londoner Psychoanalytiker Gottfried Heuer als Vorsitzendem, die Gross-Tochter Sophie Templer-Kuh als Ehrenvorsitzende, die Gross-Biographen Emanuel Hurwitz und Jennifer Michaels, der Verleger Raimund Dehmlow sowie der Gross&#8216;-Enkel Anthony Templer an.<\/p>\n<p>Die Internationale Otto-Gross-Gesellschaft (www.ottogross.org) unterh\u00e4lt ein Archiv mit der gr\u00f6\u00dften existierenden Sammlung von Texten, Filmen und Tonb\u00e4ndern dieses &#8218;Anarcho-Psychologen&#8216;. Daneben plant die Gesellschaft j\u00e4hrliche wissenschaftliche Tagungen zu Otto Gross, von denen bislang zwei stattgefunden haben: zuletzt in Burgh\u00f6lzli Z\u00fcrich unter dem Thema Psychiatrie, Psychoanalyse und Literatur (2000); ein entsprechender Kongre\u00dfband ist in Vorbereitung. Weitere Tagungen sind 2002 in M\u00fcnchen und 2003 in Graz, dem Geburtsort von Otto Gross, vorgesehen. Inzwischen hat sich auch die Erich-M\u00fchsam-Gesellschaft (L\u00fcbeck) auf ihrer elften Jahrestagung in Malente im Juni 2000 dem Thema &#8222;Anarchismus und Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Kreis um Erich M\u00fchsam und Otto Gross&#8220; gewidmet. Die dort gehaltenen Reden sind in den Schriften der Erich-M\u00fchsam-Gesellschaft, Heft 19, 2000, erschienen.<\/p>\n<p>Die nun vorliegenden gedruckten Vortr\u00e4ge der Ersten Internationalen Otto Gross-Konferenz erm\u00f6glichen einen beeindruckenden \u00dcberblick \u00fcber den Einflu\u00df Otto Gross&#8216; auf die anarchistische, subkulturelle, literarische-expressionistische und dadaistische Bewegung seiner Zeit, vor allem in M\u00fcnchen, Berlin und Ascona. Beleuchtet werden die unterschiedlichen Beziehungen zwischen Otto Gross und einigen Weggef\u00e4hrten: die Anarchisten Erich M\u00fchsam und Johannes Nohl, mit denen er freundschaftlich verbunden war, die Schriftsteller Franz Jung, Franz Werfel und Leonhard Frank, in deren literarischem Werk sich seine Spuren wiederfinden, die Schriftstellerinnen Lou Andreas-Salom\u00e9, Margarete Susman, Franziska zu Reventlow und Regina Ullman in ihrem Dialog mit Sigmund Freud und Otto Gross sowie die Dadaisten Hannah H\u00f6ch und Raoul Hausmann. Abgerundet wird der Band durch Gottfried Heuers informativen \u00dcberblick \u00fcber verlorene, wiedergefundene und neu entdeckte Schriften von Otto Gross, die er einbettet in eine Deutung zum gegenw\u00e4rtigen Stand der Forschung, sowie eine Zwischenbilanz von Michael Raub. Da\u00df sich die Herausgeber ganz bewu\u00dft darum bem\u00fchen, Gross&#8216; libert\u00e4re Psychoanalyse auf die politische Aktualit\u00e4t zu beziehen, verdeutlicht Heuer in seiner Begr\u00fc\u00dfungsansprache: &#8222;Wenn wir an diesem Wochenende zusammenkommen, um Otto Gross und sein Werk zu feiern, dann sollte das nicht in einem Elfenbeinturm geschehen, sondern wir sollten versuchen, mit der Welt um uns in Beziehung zu bleiben. Gross hat sein Leben lang darum gerungen, die Belange der Welt drau\u00dfen mit denen der Welt in uns zu verbinden. Da\u00df das Pers\u00f6nliche zugleich das Politische ist, hat nicht erst der Feminismus entdeckt. Es ist wohl nicht zu weit gegriffen, wenn wir Otto Gross&#8216; &#8222;Die Psychologie des Unbewu\u00dften ist die Philosophie der Revolution!&#8220; [1913] verstehen als: Die Psychologie des pers\u00f6nlichen Unbewu\u00dften ist die Philosophie der kollektiven politischen Revolution! Der Konflikt des Eigenen mit dem Fremden ist f\u00fcr Gross der Grundkonflikt, der die ganze Menschheit zerrei\u00dft innen wie au\u00dfen. Das meint auch das Morden in Kosovo. Das hei\u00dft dieser Krieg, gerade 1000 Kilometer von uns entfernt, hat seine Entsprechungen in den Kriegen sowohl in uns selbst als auch zwischen uns und denen, die wir lieben. Was Otto Gross versucht hat, ist, aus der Tradition anarchistischen Denkens, gegen den Willen zur Macht den Willen zur Beziehung zu setzen.&#8220;(S. 6f.) Der M\u00e4nnerbundforscher und Carl-Schmitt-Kritiker Nicolaus Sombart bringt die Bedeutung des Werkes von Otto Gross in seinem Kurzvortrag wie folgt auf den Punkt: &#8222;Die theoretische Leistung von Otto Gross besteht darin, die inter- und innerpsychischen Ursachen der Gewalt im Menschen (Mann\/Frau) freigelegt und nach Wegen gesucht zu haben, das \u00dcbel an der Wurzel zu entsch\u00e4rfen. Das f\u00fchrt in den &#8211; f\u00fcr &#8218;konservatives&#8216; Denken &#8211; mit einem Tabu belegten Bereich der Sexualit\u00e4t. Eine Konfrontation von konservativer und &#8218;psychoanalytischer&#8216; Politiktheorie wirft demnach die skandal\u00f6se Frage nach der Relevanz der Sexualit\u00e4t (Triebdynamik, Geschlechtlichkeit, Bisexualit\u00e4t etc.) f\u00fcr jede politische Theorie und ein zeitgen\u00f6ssisch-zeitgem\u00e4\u00dfes Politikverst\u00e4ndnis auf. Man k\u00f6nnte sagen, da\u00df allein darin &#8211; abgesehen von jedem revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungspotential &#8211; die geistesgeschichtlich-methodologische Bedeutung der Psychoanalyse, nicht nur f\u00fcr die Definition des Politischen, liegt: die Entstehung einer postfreudianischen Problemlage. Ihre Irreversibilit\u00e4t zu erkennen, statt zu verdr\u00e4ngen, w\u00e4re das eigentliche, einzig sinnvolle Ziel des &#8218;Projektes&#8216;.&#8220;(S. 232) Beiden &#8211; Sombarts und Heuers &#8211; Verweisen auf die anhaltende Aktualit\u00e4t des Denkens von Gross ist ausdr\u00fccklich zuzustimmen. Das gro\u00dfe historische Ziel aller AnarchistInnen, sich zu befreien vom Patriarchat, von der Familie und tabuisierter Sexualit\u00e4t, kurz: inneren wie \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen, und zur kommunit\u00e4ren, ausschweifenden Anarchie freier und gleicher Mernschen zu gelangen, findet in Otto Gross einen seiner nachhaltigsten Vork\u00e4mpfer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &#8218;Anarcho-Psychologe&#8216; Otto Gross (1877-1920), bedeutendster Sch\u00fcler Sigmund Freuds und enger Freund Erich M\u00fchsams und Franz Jungs, ist sowohl unter PsychoanalytikerInnen als auch unter AnarchistInnen nahezu vergessen. 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