{"id":4274,"date":"2001-10-01T00:00:54","date_gmt":"2001-09-30T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4274"},"modified":"2022-07-26T14:16:52","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:52","slug":"gewaltlos-libertarer-zionismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/10\/gewaltlos-libertarer-zionismus\/","title":{"rendered":"Gewaltlos-libert\u00e4rer Zionismus"},"content":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass es dieses Buch gibt &#8211; und was f\u00fcr ein Pech, dass es wohl kaum diejenigen LeserInnen finden wird, die es verdient. BasisaktivistInnen, ob sie sich mit der Geschichte des Antisemitismus, der Geschichte des Zionismus, den deutsch-j\u00fcdischen Diskussionen in der Weimarer Republik oder auch mit den historischen Hintergr\u00fcnden des Israel-Pal\u00e4stina-Konfliktes besch\u00e4ftigen, werden dieses fundierte, detailverliebte und wichtige Werk wohl leider kaum zur Kenntnis nehmen: der hohe Preis und die daraus zu schlie\u00dfende geringe Auflage dieses Buches werden daf\u00fcr sorgen, dass die Kluft zwischen Wissenschaft und Aktivismus wohl un\u00fcberwindlich bleiben wird. Das ist in diesem Fall schade, denn die vorliegende Analyse der zwischen 1916 und 1928 erschienenen deutschsprachigen Zeitschrift &#8222;Der Jude&#8220;, die von Martin Buber herausgegeben und lange Zeit redaktionell gestaltet wurde, ist vorbildlich f\u00fcr eine Zeitschriftenanalyse. Zeitungen und Zeitschriften &#8211; das vergessen sozialwissenschaftliche ForscherInnen oft &#8211; waren, zumindest im 20. Jahrhundert, diejenigen Medien, in denen sich Meinungsbildungsprozesse und Positionen am konkretesten und direktesten ausdr\u00fcckten. Umso dankbarer k\u00f6nnen wir Eleonore Lappin daf\u00fcr sein, die Diskussionen aus &#8222;Der Jude&#8220; wieder sichtbar und nachvollziehbar gemacht zu haben.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gibt die Autorin einen \u00dcberblick \u00fcber Vorgeschichte und Organisation dieser deutsch-j\u00fcdischen Monatsschrift, die Ende 1917 eine H\u00f6chstauflage von 3500 Exemplaren erreichte, um dann die darin gef\u00fchrten Diskussionen ausf\u00fchrlich und trotzdem \u00fcbersichtlich darzustellen: die Diskussionen um die Kriegsbeteiligung deutscher Juden im Ersten Weltkrieg, die Diskussion \u00fcber Zionismus im deutschen, europ\u00e4ischen und christlichen Umfeld ebenso wie die Visionen der Verwirklichung in Pal\u00e4stina, die Diskussionen \u00fcber j\u00fcdische Literatur, Kultur und Erziehung zwischen S\u00e4kularisierung und Religiosit\u00e4t.<\/p>\n<p>&#8222;Der Jude&#8220; war das Blatt der kulturzionistischen deutschsprachigen Juden und J\u00fcdinnen. Es wurde zwar von zionistischen Vereinigungen und Verlagen herausgegeben und mitfinanziert, blieb aber gleichzeitig unabh\u00e4ngig und immer in kritischer Distanz zur zionistischen Orthodoxie. Es vertrat keinen orthodoxen b\u00fcrgerlichen Nationalismus, sondern einen ethisch-sozialistischen Nationalismus, der gleichzeitig nicht im Widerspruch zu \u00fcbernationalen Idealen der gesamten Menschheit stehen sollte. Gleichzeitig grenzte sich das Blatt von den liberalen j\u00fcdischen Organisationen ab, die die Assimilation in den deutschen Nationalstaat bef\u00fcrworteten und damit die Beteiligung am Ersten Weltkrieg begr\u00fcndeten. Dabei begann auch Buber, dem &#8222;Juden&#8220; anfangs eine kriegsbef\u00fcrwortende Linie aufzupr\u00e4gen, aus R\u00fccksicht auf die besonders bedrohte j\u00fcdische Gemeinschaft im zaristischen Russland, sowie mit einer noch aus dem Expressionismus mitgeschleppten \u00dcberbewertung der &#8222;Tat&#8220;, die im Krieg zwar ohne Zweck sei, aber immerhin auf die aufbauende Tat im zu besiedelnden Pal\u00e4stina vorbereite. Dies erntete den entschiedenen Widerspruch von Gustav Landauer, der in dieser Ideologie eine falsche, mit der Realit\u00e4t nichts zu tun habende Sinngebung j\u00fcdischen Soldatentums verdammte, w\u00e4hrend es den Soldaten im Sch\u00fctzengraben in Wirklichkeit nur ums profane, nackte \u00dcberleben ginge. Buber nahm Landauers Kritik sehr ernst und \u00e4nderte alsbald seine Linie. Redaktionell muss Buber zudem hoch angerechnet werden, dass er, mit Ausnahme des transnational-pazifistischen Dramas &#8222;Jeremias&#8220; von Stefan Zweig (S. 317), immer auch kriegsgegnerische Artikel ins Blatt nahm, auch zu einer Zeit, als sie noch seinen eigenen Positionen widersprachen. Landauers Einfluss war dann vor allem in der Nachkriegszeit w\u00e4hrend den Diskussionen um die j\u00fcdischen Gemeinschaftssiedlungen in Pal\u00e4stina, die ohne Staat und Milit\u00e4r auskommen und sich um Verst\u00e4ndigung mit der arabischen Bev\u00f6lkerung bem\u00fchen sollten, zu sp\u00fcren. AutorInnen wie Margarete Susmann, Hans Kohn, Robert Weltsch oder Siegfried Lehmann waren alle mehr oder weniger von Landauers libert\u00e4rem Sozialismus beeinflusst, was die Zeitung nahezu naturgem\u00e4ss zur Verb\u00fcndeten der nichtmarxistisch-anarchistischen Organisationen &#8222;Hapoel Hazair&#8220;, die sich zudem als &#8222;Gesinnungsgenossenschaft&#8220; und nicht als Partei verstand, oder des Friedensbundes &#8222;Brit Schalom&#8220; in Pal\u00e4stina bzw. innerhalb der zionistischen Bewegung werden lie\u00df.<\/p>\n<p>Allerdings, auch das zeigt Lappin in ihrer Studie deutlich auf, m\u00fcssen die Visionen und Konzepte der Zeitung im R\u00fcckblick als historisch gescheitert bewertet werden. Niemand sprach das nach dem Ende der Zeitung so deutlich aus wie Hans Kohn, der schlie\u00dflich resignierte, als 1929 nach antisemitischen Ausschreitungen an der Klagemauer j\u00fcdische Organisationen erstmals bewaffnete Vergeltungsschl\u00e4ge gegen pal\u00e4stinensische Organisationen durchf\u00fchrten:<\/p>\n<p>&#8222;Ich glaube, da\u00df es m\u00f6glich ist, uns mit englischer Hilfe und sp\u00e4ter mit Hilfe unserer eigenen Bajonette, die wir schamhaft Haganah (hebr.: &#8222;Verteidigung&#8220;, d.A.) nennen, weil wir den Mut zu unserer eigenen Politik nicht haben, noch lange in Pal\u00e4stina halten und wachsen k\u00f6nnen. Wir werden aber dann der Bajonette nie entbehren k\u00f6nnen. Das Mittel wird das Ziel bestimmt haben. Das j\u00fcdische Pal\u00e4stina wird nichts von jenem Zion haben, f\u00fcr das ich eingetreten bin.&#8220;<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund des aktuellen B\u00fcrgerkrieges ist das eine Prognose von au\u00dferordentlichem Weitblick, abgegeben zu Beginn aller bewaffneten Auseinandersetzungen. Dies zeigt, dass auch in dieser Frage gilt: es ist gerade der Beginn der bewaffneten K\u00e4mpfe, der verhindert werden muss; denn ist die bewaffnete Dynamik erst einmal entfacht, wird es immer schwerer, ihr Einhalt zu gebieten. Das musste dann auch Buber in seiner Zeit in Israel erfahren, wo er als kritischer Mahner ebenso pr\u00e4sent wie erfolglos war.<\/p>\n<p>Seit Februar 2000 gibt es \u00fcbrigens eine sehr rege Martin Buber-Gesellschaft, die nun bereits ihr zweites Halbjahresheft unter dem Titel &#8222;Im Gespr\u00e4ch&#8220; herausgebracht hat. Die Zeitschrift ist sch\u00f6n gestaltet und bietet auch f\u00fcr Libert\u00e4re wichtige Diskussionsbeitr\u00e4ge: in der ersten Ausgabe zum Beispiel den meines Wissens einzigen bisher erschienenen deutschsprachigen Bericht \u00fcber die Tagung zu Judentum und Anarchismus, die im Mai 2000 in Venedig stattfand, in der zweiten Ausgabe Beitr\u00e4ge \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Buber zu Landauer oder den Messianismus Gershom Sholems. Diese aktuelle Zeitschrift ist als Erg\u00e4nzung des besprochenen Buches \u00fcber eine historische Zeitschrift von Buber und seinem Umfeld sehr zu empfehlen und zeigt, dass der Geist des ebenso libert\u00e4ren wie religi\u00f6sen wie revolution\u00e4ren Sozialisten Martin Buber auch heute noch lebendig ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, dass es dieses Buch gibt &#8211; und was f\u00fcr ein Pech, dass es wohl kaum diejenigen LeserInnen finden wird, die es verdient. 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