{"id":4300,"date":"2001-11-01T00:00:31","date_gmt":"2001-10-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4300"},"modified":"2022-07-26T13:56:55","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:55","slug":"feindbild-islam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/feindbild-islam\/","title":{"rendered":"Feindbild &#8222;Islam&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein Anblick zum Abgew\u00f6hnen: G\u00fcnter Kunert, anerkannter Lyriker, Ex-DDR-Dichter mit sanftem Hang zum Dissidententum, dem die deutsche Literatur einige ihrer sch\u00f6nsten politischen Verse verdankt, vor den Kameras eines privaten Kulturmagazins. Schwammig und aufgedunsen, kahlk\u00f6pfig, daf\u00fcr aber mit zwei ostentativ breiten Hosentr\u00e4gern bespannt, auf denen alle paar Zentimeter die Flagge der Vereinigten Staaten prankte, lie\u00df er sich aus \u00fcber <em>&#8222;Gefahren des Islam&#8220;<\/em>. Er wolle, so Kunert <em>&#8222;um Gottes Willen&#8220;<\/em> nichts gegen <em>&#8222;unsere muslimischen Mitb\u00fcrger&#8220;<\/em> sagen. Es sei aber doch nicht zu leugnen, da\u00df im Islam ein <em>&#8222;Gefahrenpotential&#8220;<\/em> schlummere, gr\u00f6\u00dfer als das jeder anderen Religion. <em>&#8222;Wenn Sie einem Katholiken sagen: &#8218;Geh hin und t\u00f6te den da!&#8216;, dann wird er das nicht tun&#8220;,<\/em> verk\u00fcndete der Herr vor dem Gartenfenster gelassen<em> &#8222;Ein Muslim&#8220;<\/em> &#8211; bequemes R\u00e4keln auf dem Sessel, dann kurzes Zupfen an den patriotischen Hosentr\u00e4gern &#8211;<em> &#8222;tut es!&#8220;<\/em>. Und warum? <em>&#8222;Weil&#8220;<\/em>, so Kunert mit \u00dcberzeugung, <em>&#8222;das Gebot &#8218;Du sollst nicht t\u00f6ten&#8216; f\u00fcr den Islam keine Bedeutung hat&#8220;<\/em>. Aha.<\/p>\n<h3>Feindbild &#8222;Islam&#8220;<\/h3>\n<p>Vollendete, oft b\u00f6swillige Ahnungslosigkeit ist es, die den Islam, eine der gr\u00f6\u00dften und historisch wie kulturell faszinierendsten Religionen dieses Planeten, gegenw\u00e4rtig wieder einmal zur <em>&#8222;Religion des Terrors&#8220;<\/em> promoviert. Begriffe wie <em>&#8222;Fundamentalismus&#8220;<\/em>, <em>&#8222;Gewalt&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Irrationalit\u00e4t&#8220;<\/em> scheinen wie festgeklebt an seinem Namen. Als ewiger Feind des <em>&#8222;zivilisierten Westens&#8220;<\/em> dr\u00e4ut er von jenseits des Mittelmeeres, ein dunkles, undefinierbares Gemisch aus <em>&#8222;R\u00fcckst\u00e4ndigkeit&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Aggression&#8220; <\/em>(Konzelmann), das sich nun anschickt, nachdem Karl Martell es dazumal vor Tours und Poitiers noch heldenhaft hatte zur\u00fcckwerfen k\u00f6nnen, das christliche Abendland endg\u00fcltig zu \u00fcberrennen. Im Internet versorgen Unwissende oder Scharfmacher &#8211; die Grenzen sind flie\u00dfend geworden &#8211; erschrockene B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit besonders martialischen Koranzitaten, allesamt gr\u00fcndlichst aus dem Zusammenhang gerissen und auf Grausigkeit getrimmt, und hier und da wird das heilige Buch des Islam gar schon mit Hitlers <em>&#8222;Mein Kampf&#8220;<\/em> gleichgesetzt:<\/p>\n<p><em>&#8222;Es ist hier ein zur Vernichtung entschlossener Antisemitismus am Werk &#8211; darin seinem nationalsozialistischen Vorbild auf qualitativer Ebene durchausebenb\u00fcrtig -, der die Wahl- und Ma\u00dflosigkeit des pal\u00e4stinensischen Massenmordens begr\u00fcndet. In dieser Hinsicht kommt momentan dem Koran eine \u00e4hnliche Rolle zu wie seinerzeit Hitlers Machwerk &#8218;Mein Kampf&#8216; in Deutschland. Die pal\u00e4stinensische Gesellschaft in ihrer jetzigen Gestalt ist konstitutionell friedensunf\u00e4hig und -unwillig; allein das islamistisch inspirierte Vernichtungsprojekt h\u00e4lt sie zusammen.&#8220;<\/em> (aus: Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die M\u00f6rder! 1. Stellungnahme der BAHAMAS-Redaktion zum islamistischen Massaker in den USA)<\/p>\n<p>Da\u00df es sich bei der neuerlichen Verteufelung des Islam weit mehr um ein rassistisches als theologisches Clich\u00e9e handelt, wird rasch deutlich, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, da\u00df die raschest wachsende muslimische Gemeinde sich keineswegs in den Arabischen L\u00e4ndern befindet, sondern in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ausgerechnet der amerikanische Bundesstaat Texas, genauer die texanische Gro\u00dfstadt Houston &#8211; keineswegs San Francisco oder New York! &#8211; hat sich zur gr\u00f6\u00dften muslimischen Enklave jenseits des Atlantik entwickelt. Man wird derart gew\u00f6hnt an jenen blutgierigen Kinderschreck mit dem Turban und dem langen Bart, da\u00df es vielen ZeitungsleserInnen &#8211; selbst den wohlmeinenderen &#8211; kaum mehr vorstellbar sein d\u00fcrfte, da\u00df ganz selbstverst\u00e4ndlich Tausende von wei\u00dfen, artig glattrasierten Westeurop\u00e4ern oder US-Amerikanern sich zum Islam bekennen, t\u00e4glich ihre Gebete verrichten und den Fastenmonat einhalten; ebenso, wie tausende arabischer Christinnen und Christen in ihren Gottesh\u00e4usern zu <em>&#8222;Allah&#8220;<\/em> beten. Denn das arabische Wort <em>&#8222;Allah&#8220;<\/em> bedeutet nichts weiter als <em>&#8222;Gott&#8220;<\/em> &#8211; eine Tatsache, die den selbsternannten <em>&#8222;Islam -Experten&#8220;<\/em> und ihren Exegeten vermutlich niemals beizubringen sein wird, die in ihrer Beharrlichkeit, <em>&#8222;Allah&#8220;<\/em> statt <em>&#8222;Gott&#8220;<\/em> zu sagen und zu schreiben, wo immer es nur geht, aus dem monotheistischen Gott der Juden, Christen und Moslems &#8211; keineswegs zuf\u00e4llig &#8211; so etwas wie einen rein islamischen Fetisch schnitzen. Auch fundamentalistische Bewegungen sind keineswegs auf den Islam abonniert. Die radikale Siedlerbewegung in Israel darf man wohl mit Fug und Recht als j\u00fcdisch-fundamentalistisch bezeichnen, und christlicher Fundamentalismus ist eine zunehmende Bedrohung, etwa, wenn Abtreibungsgegner in US-Amerikanischen Kliniken Amok laufen. <em>&#8222;Alle Religionen k\u00f6nnen fundamentalistisch werden&#8220;<\/em>, sagt der Hamburger Orientalist Gernot Rotter: <em>&#8222;Das liegt auch daran, da\u00df diese Religionen mit sogenannten heiligen Texten operieren. Heilige Texte aber sind normative Texte. Und normative Texte haben den &#8218;Vorteil&#8216;, da\u00df sie wie Steinbr\u00fcche gehandhabt werden k\u00f6nnen. Man kann sich aus ihnen jeweils den Brocken herausbrechen, den man gerade f\u00fcr seine Argumentation braucht. (&#8230;) So kann man nat\u00fcrlich im Islam Militanz genauso wie absolute Friedfertigkeit mit dem Koran (&#8230;) begr\u00fcnden&#8220;<\/em>. Es kann nicht oft genug wiederholt werden: nicht Religion ist das Entscheidende, sondern die gesellschaftliche und politische Situation, in der sie zu bestimmten Zwecken und im Interesse bestimmter Gruppen <em>funktionalisiert<\/em> wird. Es ist keineswegs uninteressant zu untersuchen, wie z.B. radikalislamische Organisationen ihre An, &#8211; und Absichten aus dem Koran zu st\u00fctzen suchen, oder bestehende Strukturen islamischer Gemeinden f\u00fcr ihre Machenschaften nutzen. Ebenso, wie es interessant ist, zu beobachten, wie mediale <em>&#8222;Glaubenskrieger&#8220; <\/em>des <em>&#8222;Westens&#8220;<\/em> auf Mattscheibe und Zeitungsseiten mit ein paar Halbwahrheiten und L\u00fcgen die Kriegstrommel r\u00fchren. Religion aber bleibt Folie, Legitimation, Auslegung, Rechtfertigung &#8211; und niemals Handlungsgrund! Wer die Motivation etwa pal\u00e4stinensischer Jugendlicher erfahren m\u00f6chte, die selbstbewu\u00dft und ruhig verk\u00fcnden, sie freuten sich darauf, als <em>&#8222;M\u00e4rtyrer&#8220;<\/em> f\u00fcr die Sache Pal\u00e4stinas zu sterben, und dabei mit nichts weiter hantieren kann als den muslimischen Vorstellungen vom Paradies, hilft &#8211; gewollt oder ungewollt &#8211; mit, die arabische Welt weiter zu verteufeln. Diese Verteufelung aber mu\u00df, bleibt sie weitgehend unwidersprochen, dazu f\u00fchren, da\u00df irgendwann <em>alle<\/em> Menschen islamischen Glaubens in einer seit dem 11. September auf billige, wiewohl blutige Polarisierung zusteuernden Welt zu <em>&#8222;Feinden&#8220;<\/em> erkl\u00e4rt werden &#8211; in Deutschland w\u00e4ren das allein \u00fcber 3 Millionen Menschen, weltweit sch\u00e4tzungsweise 1,5 Milliarden&#8230;<\/p>\n<p>Weniges hilft besser, tats\u00e4chliche Handlungsgr\u00fcnde zu erfassen und ein seit Jahrhunderten schiefes Bild der islamischen Welt etwas gerade zu r\u00fccken, als Kenntnis, und sei es nur rudiment\u00e4re, der Geschichte und Traditionen des Islam selbst. Der Autor dieser Zeilen wird nicht von sich behaupten k\u00f6nnen, mehr als eben solche rudiment\u00e4ren Kenntnisse zu besitzen. Wenn aber die ExpertInnen schweigen, m\u00fcssen <em>&#8222;Minderbemittelte&#8220;<\/em> ran.<\/p>\n<h3>Das Schreckgespenst der Scharia<\/h3>\n<p>Am Beispiel der Scharia, des Islamischen Rechtssystems, l\u00e4\u00dft sich wie an kaum einer anderen Besonderheit der Islamischen Welt veranschaulichen, wie Vorurteile und Irrt\u00fcmer den Blick auf die wahren Hintergr\u00fcnde und Gefahren bestimmter Entwicklungen, nicht nur im Nahen Osten, verstellen k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>Nichts scheint f\u00fcr &#8222;den Westen&#8220; so furchteinfl\u00f6\u00dfend und bedrohlich zu sein wie die fortschreitende <em>&#8222;Islamisierung&#8220;<\/em> im Rechtsgef\u00fcge arabischer bzw. afrikanischer Staaten, die Einf\u00fchrung der Scharia in eigentlich weitgehend s\u00e4kularisierten L\u00e4ndern wie beispielsweise Nigeria oder die Debatte um eine Angleichung des \u00e4gyptischen Strafrechts an die <em>&#8222;Gebote des Koran&#8220;<\/em>, wie sie von der einflu\u00dfreichen Muslim-Bruderschaft noch Ende der neunziger Jahre gefordert wurde und wohl erst mit den Anschl\u00e4gen auf das World Trade Center und das Pentagon ein Ende finden d\u00fcrfte. F\u00fcr uninformierte BetrachterInnen stellt sich die Scharia als eine Abfolge grausiger, mittelalterlicher Strafen dar, die ungebrochen seit dem 8. Jahrhundert angewandt worden seien: f\u00fcr Ehebruch Auspeitschung oder Steinigung beider Beteiligter, einem Dieb soll die Hand abgehackt werden usw. Dar\u00fcber hinaus schreibe die Scharia die \u00dcberlegenheit des Mannes fest, dem sogar das Z\u00fcchtigungsrecht innerhalb der Familie noch zugestanden werde. Wie kaum etwas scheint die Scharia die <em>&#8222;R\u00fcckst\u00e4ndigkeit&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Menschenverachtung&#8220;<\/em> des Islam unter Beweis zu stellen und im Widerspruch zu <em>&#8222;westlichen&#8220;<\/em> Prinzipien wie <em>&#8222;Freiheit&#8220;<\/em> und <em>&#8222;Menschenrechte&#8220;<\/em> zu stehen&#8230;<\/p>\n<p>Die Existenz &#8211; und mitunter Anwendung &#8211; brutaler K\u00f6rperstrafen und die streng patriarchale Ausrichtung diverser Vorschriften sind f\u00fcr einzelne Staaten nicht zu bestreiten. Dennoch sieht die Wirklichkeit anders aus und ist &#8211; man ahnt es &#8211; komplizierter.<\/p>\n<p><em>&#8222;F\u00fcr den klassischen und den modernen Islam&#8220;<\/em>, schreibt Baber Johansen, Professor f\u00fcr Islamwissenschaften an der Freien Universit\u00e4t Berlin und einer der wenigen ausgewiesenen europ\u00e4ischen Kenner der islamischen Rechtsgeschichte, <em>&#8222;spielt das islamische Recht eine Rolle als normatives System, das grundlegenden Geboten der Religion Ausdruck geben soll. Dieses Recht ist aber nicht nur auf die Offenbarung bezogen, also nicht nur auf den Koran, die Sunna, das hei\u00dft die Praxis des Propheten und den Konsensus der Gemeinden, sondern auch auf die politische Gemeinde der Muslime, in der es eine Vielzahl von Nichtmuslimen gibt. Das islamische Recht hat daher einen doppelten Bezug. Einmal auf die politische Gemeinde, auf den Herrschaftsapparat und auf die politische Organisation der Muslime, sowie weiter auf die Offenbarung selbst&#8220;<\/em>. Das hei\u00dft: von Anfang an war die Scharia eine <em>Auslegung<\/em> der grundlegenden Quellen des Islam, die den politischen und religi\u00f6sen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit Rechnung tragen mu\u00dfte &#8211; etwas, das islamische Fundamentalisten nicht gerne h\u00f6ren! Zwar gilt gl\u00e4ubigen Muslimen der Koran als das unmittelbare Wort Gottes, das &#8211; anders als in der Bibel &#8211; nicht durch Vermittlung Dritter \u00fcberliefert, sondern dem Propheten direkt diktiert worden sei, ebenso selbstverst\u00e4ndlich aber war es dem islamischen Glaubensverst\u00e4ndnis, da\u00df ein Normalsterblicher Gottes Wort nicht ohne weiteres fassen k\u00f6nne, da\u00df es also der Interpretation bed\u00fcrfe, und da\u00df diese Interpretation anfechtbar sei. Der fr\u00fche Islam entwickelte ein nicht &#8211; kodifiziertes, dialogisches, man k\u00f6nnte fast sagen <em>&#8222;demokratisches&#8220;<\/em> Rechtsgef\u00fcge, ein sogenanntes <em>&#8222;Juristenrecht&#8220;<\/em>, das in vielerlei Hinsicht beweglicher und menschlicher war als das b\u00fcrokratisch-formelle Recht heutiger Tage, und das bis ins 19. Jahrhundert hinein Geltung besa\u00df. Rechtsstreits wurden (auch) verstanden als Ann\u00e4herung an das Wort Gottes, Prozesse zu gelehrten Disputen juristischer Auslegung der Offenbarung. Das Rechtsverst\u00e4ndnis entwickelte sich auf diese Weise kontinuierlich weiter, zumal eine Professionalisierung der Jurisprudenz zun\u00e4chst auf sich warten lie\u00df, sondern gelehrte W\u00fcrdentr\u00e4ger das Richteramt aus\u00fcbten. Da etwa der Koran als vielleicht wichtigste Quelle der Scharia, abgesehen von den bereits erw\u00e4hnten sogenannten <em>Hadd-Strafen<\/em>, kaum ausdr\u00fcckliche Straffestlegungen enth\u00e4lt, und, wie jedes gro\u00dfe Buch menschlicher Geistigkeit, eine schier unbegrenzte Zahl von Lesarten zul\u00e4\u00dft, wirkte dieses System der Rechtsprechung Jahrhunderte lang wie eine Schutzklausel f\u00fcr die Angeklagten &#8211; auch wenn die verh\u00e4ngten Strafen, ganz wie im christlichen Europa, mitunter drakonisch ausfielen.<\/p>\n<h3>Dialog und Paragraphen<\/h3>\n<p>Wie wenig gerade der Koran als Gesetzestext im Sinne eines modernen Paragraphenrechts zu lesen ist, erschlie\u00dft sich auch daraus, da\u00df unter den einzig dezidiert aufgef\u00fchrten Bestrafungen, eben jenen <em>Hadd- Strafen<\/em>, zwar, wie gesagt, Vergehen wie Ehebruch, Diebstahl, Alkoholgenu\u00df (!) und Apostasie (das Abfallen vom rechten Glauben) zu finden sind, ein so schwerwiegendes Delikt wie Mord aber gar nicht aufgef\u00fchrt wird. Auch die Anwendung der (tats\u00e4chlich mittelalterlichen) Strafpraxis und ihre Deklarierung zum glaubenskonformen Rechtsprinzip, das keiner weiteren Diskussion mehr bed\u00fcrfe, mu\u00df also aus der <em>politischen<\/em> Situation der jeweiligen Staaten erkl\u00e4rt werden, und <em>nicht<\/em> aus dem Islam. Denn Muslime wie islamische Staaten rund um den Globus berufen sich zwar allesamt auf die gleichen grundlegenden Quellen (Koran, Haidith, Konsensus der Gl\u00e4ubigen und Scharia), von einem einheitlichen Glaubensverst\u00e4ndnis aber kann nie und nirgends die Rede sein. <em>&#8222;Der Islam ist keine Kirche, keine verfa\u00dfte Gemeinschaft&#8220;<\/em>, erkl\u00e4rt Muhammad Salim Abdullah, Direktor des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland in Soest: <em>&#8222;Bei uns ist jeder Moslem selbst bestimmt, auch in seiner Auslegung des Islam. Zweitens: Jeder Staat gibt das Bild des Islam vor, bestimmt die Lehren, legt die Texte fest, die zu predigen sind&#8220;<\/em>. Die rigorose Anwendung der ber\u00fcchtigten K\u00f6rperstrafen, von radikalen Kr\u00e4ften als unmittelbares Gebot Gottes deklariert, bleibt daher ein politisches und kein theologisches Ph\u00e4nomen: Es ist kein Zufall, da\u00df ausgerechnet die Taliban das in dieser Hinsicht rigideste Strafsystem eingef\u00fchrt haben und damit gerade auch in der islamischen Welt auf Ablehnung sto\u00dfen &#8211; dient es doch auf brutale Weise der Unterdr\u00fcckung m\u00f6glichen Widerstandes und dem Erhalt ihrer Macht in einem von Krieg und B\u00fcrgerkrieg zerr\u00fctteten Land. In Saudi-Arabien h\u00e4lt sich eine \u00e4u\u00dferst korrupte, feudale Herrscherclique mittels fundamentalistischer Rechtspolitik seit Jahrzehnten an der Macht &#8211; mit Segen des <em>&#8222;Westens&#8220;<\/em>. Die Fixierung des urspr\u00fcnglich dialogischen Rechtes auf ein kodifiziertes positives Recht nach westlichem Muster im Zuge der Entstehung postkolonialer Nationalstaaten im Orient \u00f6ffnete in dieser Hinsicht machtbewu\u00dften Cliquen T\u00fcr und Tor. So legten zahlreiche Staaten unter anderem fest, da\u00df nach dem Koran Apostasie, also das Abfallen vom rechten Glauben, ohne Umschweife mit dem Tode zu bestrafen sei. Als Apostasie aber galten vor ihren Gerichten <em>&#8222;sozialistische Umtriebe&#8220;<\/em>! Opfer eines solchen <em>&#8222;Gesinnungsstrafrechts&#8220; <\/em>(Johansen) wurden, Ironie des Schicksals, nicht selten Mitglieder damals noch weitgehend links ausgerichteter islamischer Gruppen. Auch in Staaten wie dem Sudan oder Nigeria dient die <em>&#8222;Islamisierung&#8220;<\/em> des Rechtes heute dem Machterhalt korrupter und meist diktatorischer Regime &#8211; ganz wie in <em>&#8222;westlichen&#8220;<\/em> Diktaturen Repression und Terror w\u00fcten, nicht selten ebenfalls aus einer Religion, diesmal freilich der christlichen, legitimiert. Und gerade an einem Staat wie Nigeria, in dem der Erd\u00f6lgigant Shell mehr als ein W\u00f6rtchen mitzureden hat und in dem der Widerstand der Ogoni, wohl auf immer mit dem Namen des ermordeten Schriftstellers und alternativen Nobelpreistr\u00e4gers Ken Saro-Wiwa verbunden, gegen Shells menschenverachtende F\u00f6rderpolitik im Niger-Delta brutal niedergehalten wird, kann man sich die Rolle des <em>&#8222;Westens&#8220;<\/em> bei dieser Entwicklung vor Augen f\u00fchren&#8230;<\/p>\n<h3>Die Verfolgung der Verfolger<\/h3>\n<p>Richtig ist ohne Zweifel, da\u00df sich in den letzten Jahren vor allem in arabischen Raum eine Ver\u00e4nderung feststellen l\u00e4\u00dft: es sind nun meist radikale Gruppen, u.a. eben jene so viel beschworenen Fundamentalisten, und nicht staatliche Parteien oder Politiker, die eine Versch\u00e4rfung des Strafsystems fordern. Man soll sich h\u00fcten, das Gefahrenpotential und den wachsenden Einflu\u00df solcher Gruppen klein zureden &#8211; auch wenn von einer noch so engstirnigen Glaubenssekte zu einem Selbstmordattent\u00e4ter noch mancher Schritt zu gehen bleibt und ein schl\u00fcssiger Beweis f\u00fcr die Beteiligung islamischer Gruppen an der Bluttat von New York und Washington &#8211; wie plausibel sie auch immer scheinen mag! &#8211; nach wie vor aussteht. Muslimische Soziologinnen und Soziologen haben immer auf die Gefahr durch sogenannte islamistische Gruppen hingewiesen &#8211; eine Gefahr freilich, die sich in erster Linie auf jene L\u00e4nder erstreckt, in denen diese Gruppen ihren R\u00fcckhalt finden. Auch was ihre Arbeit in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern angeht, so Muhammad Salim Abdullah, solle man sich vor unseri\u00f6ser Panikmache h\u00fcten: <em>&#8222;Was die Innenministerkonferenz in ihrer Reaktion nicht bedenkt, ist die Tatsache, da\u00df sich die Gewalt solcher Extremisten zun\u00e4chst immer gegen Moslems anderer Ausrichtung richtet. Die Liberalen unter uns sind die am ehesten Gef\u00e4hrdeten. Nicht ein Christ oder ein Politiker hat schon einmal gefordert, mir den Kopf abzuschlagen, sondern Metin Kaplan, der selbst ernannte &#8218;Kalif von K\u00f6ln&#8216;. Wir werden als erste bedroht, die andere Bev\u00f6lkerung weit sp\u00e4ter oder vielleicht gar nicht&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Was dem Ruf extremistischer Gruppen nach einer sch\u00e4rferen Handhabung der Scharia in manchen Staaten Geh\u00f6r verschafft, d\u00fcrfte nicht zuletzt die versuchte <em>&#8222;Abwehr westlicher Hochm\u00fctigkeit&#8220;<\/em> sein, meint die Orientalistin Gudrun Kr\u00e4mer. Die fortgesetzte Marginalisierung der arabischen Welt durch die Industriestaaten des <em>&#8222;Westens&#8220;<\/em> f\u00fchre zu einer verbitterten <em>&#8222;R\u00fcckbesinnung&#8220;<\/em> auf die angeblichen <em>&#8222;Grundfesten&#8220;<\/em> muslimischer Identit\u00e4t &#8211; und damit zu einer extrem reaktion\u00e4r-klerikalen Politik, mit der freilich meist die innere Zerr\u00fcttung lediglich \u00fcberspielt werden kann. Gernot Rotter geht in seiner Analyse noch weiter:<em> &#8222;Es ist eigentlich das neu eskalierende Feindbild des Westens gegen\u00fcber dem Islam, das innerhalb der islamischen Welt ein Gegenfeindbild hervorgerufen hat&#8220;<\/em>. Interessanterweise <em>versto\u00dfen<\/em> islamistische Gruppen n\u00e4mlich gegen grundlegende Traditionen des Islam &#8211; und kommen dabei den <em>&#8222;Positionen&#8220;<\/em> ihrer <em>&#8222;westlichen&#8220;<\/em> Gegner, was Unkenntnis und Engstirnigkeit angeht, erstaunlich nahe. Fundamentalisten in \u00c4gypten lassen nur mehr den Koran als Glaubensgrundlage gelten, alles andere ist ihnen bereits vom <em>&#8222;Westen&#8220;<\/em> verderbtes Teufelszeug. Die Scharia soll hier gewisserma\u00dfen mit eisernem Besen den <em>&#8222;westlichen Schmutz&#8220;<\/em> davonfegen und die Fiktion einer <em>&#8222;rein islamische Gesellschaft&#8220;<\/em> bef\u00f6rdern. Tats\u00e4chlich sind die realen Handlungsm\u00f6glichkeiten solch r\u00fcckschl\u00e4giger Gruppierungen in der politischen Arena klein. Und auch der Glaube &#8211; sollte er denn ernst gemeint sein und nicht nur einer Diktatur den Weg ebnen &#8211; mit Hilfe von Gesetzen tiefe soziale Probleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, m\u00fc\u00dfte Westeurop\u00e4erInnen bekannt vorkommen, wie Baber Johansen anmerkt: <em>&#8222;Die Erwartung, da\u00df das Recht Probleme l\u00f6sen wird, zu deren L\u00f6sung man der Politik die sachliche und moralische Kompetenz abspricht, ist &#8211; wie man in Italien, aber auch in anderen Teilen Westeuropas sehen kann &#8211; nicht auf die Gesellschaften des Nahen Ostens beschr\u00e4nkt&#8220;<\/em>. Bedenkt man dar\u00fcber hinaus, da\u00df es vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika waren, die w\u00e4hrend des kalten Krieges islamistische Gruppen wie die Hamas als <em>&#8222;Puffer&#8220;<\/em> gegen den <em>&#8222;Kommunismus&#8220;<\/em> nutzten und massiv unterst\u00fctzten, wird auch hier deutlich, wie wenig man den wirklichen Problemen nahekommt, wenn man wie hypnotisiert auf die islamische Religion stiert und and\u00e4chtig der Schauerm\u00e4r der G\u00fcnter Kunerts dieser Welt lauscht. Ein unvoreingenommener und neugieriger Umgang mit der Welt des Islam w\u00e4re Menschen und Medien gerade in dieser Situation dringend anzuraten, statt populistischen Tanderadeis und Hokuspokus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Anblick zum Abgew\u00f6hnen: G\u00fcnter Kunert, anerkannter Lyriker, Ex-DDR-Dichter mit sanftem Hang zum Dissidententum, dem die deutsche Literatur einige ihrer sch\u00f6nsten politischen Verse verdankt, vor den Kameras eines privaten Kulturmagazins. Schwammig und aufgedunsen, kahlk\u00f6pfig, daf\u00fcr aber mit zwei ostentativ breiten Hosentr\u00e4gern bespannt, auf denen alle paar Zentimeter die Flagge der Vereinigten Staaten prankte, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/feindbild-islam\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Feindbild \"Islam\" - graswurzelrevolution","description":"Es war ein Anblick zum Abgew\u00f6hnen: G\u00fcnter Kunert, anerkannter Lyriker, Ex-DDR-Dichter mit sanftem Hang zum Dissidententum, dem die deutsche Literatur einige ihr"},"footnotes":""},"categories":[287,1033],"tags":[],"class_list":["post-4300","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-263-november-2001","category-so-viele-farben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4300","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4300"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4300\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}