{"id":4322,"date":"2001-11-01T00:00:49","date_gmt":"2001-10-31T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4322"},"modified":"2022-07-26T13:33:56","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:56","slug":"und-du-weist-das-wird-passieren-wenn-wir-uns-organisieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/und-du-weist-das-wird-passieren-wenn-wir-uns-organisieren\/","title":{"rendered":"&#8222;Und Du wei\u00dft, das wird passieren, wenn wir uns organisieren!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Zahlen von Samstag (13.10.) schwanken noch betr\u00e4chtlich: selbst die &#8211; grunds\u00e4tzlich nicht ernst zu nehmenden -ver\u00f6ffentlichten Zahlen der Polizei liegen inzwischen nicht mehr bei 8.000, sondern bei 25.000 Protestierenden, und die VeranstalterInnen sprechen in ihren optimistischsten Einsch\u00e4tzungen von 60.000 Menschen! Ab einer gewissen Menge aber wird die genaue Zahl f\u00fcr Beteiligte nebens\u00e4chlich und das Erlebnis das Gleiche: so weit das Auge reicht Menschen, die aus demselben Grund wie man selbst nicht schweigen wollen und beweisen, dass es m\u00f6glich ist, die massive Medienpropaganda zu hinterfragen. Wichtigste Aussage also: es GIBT eine Opposition zu der z.Zt. in ihrem Umfang niederschmetternden Zustimmung zu den US-Bombenangriffen. Die Fassungslosigkeit, die die derzeitigen Entwicklungen hervorrufen m\u00fcssten, ist wenigstens bei einem Teil der Bev\u00f6lkerung zu sp\u00fcren, der merkt: &#8222;Jetzt oder nie!&#8220; F\u00fcr mich als M\u00fcnsteranerin war die Wirkung wie erwartet: eine Erholung von den gelegentlichen herablassenden bis aggressiven Kommentaren der PassantInnen vor dem M\u00fcnsteraner Friedenssaal und ein enormer Motivationsschub. Da die Demo von unterschiedlichen Leuten auch sehr unterschiedlich empfunden worden ist, m\u00f6chte ich noch mal deutlich sagen, dass dies gezwungenerma\u00dfen nur ein Beitrag aus meiner Perspektive sein kann.<\/p>\n<p>Um 5 Uhr morgens waren wir in M\u00fcnster losgefahren, mit f\u00fcnfzig Leuten war der Bus voll besetzt. Da wir eine Stunde vor Beginn des Auftakts vor dem Roten Rathaus um 13.00 Uhr bereits ankamen, hatten wir Zeit, in Ruhe Transparente und das 3-Personen-Friedenspferd (keiner wollte das Hinterteil machen.) zu versorgen. Das mulmige Gef\u00fchl angesichts der anfangs noch sehr vereinzelten Protestierenden verschwand bald, als sich der Neptunplatz zu f\u00fcllen begann. Anstrengend und penetrant waren die DKP- und MLPD-Fahnen und die massive Parteipropaganda der PDS, die neben Fahnen auch flei\u00dfig Luftballons an die Kinder verteilten, in echter Jahrmarktsmanier. St\u00e4ndige Bem\u00fchungen, sich als Individuum von den Parteiflaggen zu distanzieren, waren die Folge. Aufdringliche Versuche der MLPD, rhythmische Protestparolen unters Volk zu bringen (&#8222;Gegen Bush und Taliban&#8220;, &#8222;Kein Kriegseinsatz der Bundeswehr &#8211; Schr\u00f6der, Fischer: H\u00f6rt ihr schwer?!&#8220;, &#8222;U.S.A. &#8211; Raus aus Afghanistan&#8220;), wollten nicht recht gelingen. Trotz allem waren die Musikeinlagen auch anderer Gruppen gute Stimmungsmacher, die uns auf dem Demonstrationszug begleiteten. Vom Roten Rathaus vor dem Fernsehturm am Alexanderplatz ging es Richtung Leipziger Stra\u00dfe, deren vier Spuren zur H\u00e4lfte wegen des Demonstrationszugs f\u00fcr den Verkehr abgesperrt worden war. \u00dcber die Markgrafenstra\u00dfe gelangten wir zum Gendarmenplatz, auf dem die Menschen bald so dicht gedr\u00e4ngt standen, dass sie sich gegenseitig auf die F\u00fc\u00dfe traten. Durchsagen lie\u00dfen uns wissen, dass dennoch l\u00e4ngst nicht Alle auf den Platz gelangen k\u00f6nnten und \u00fcber weniger verstopfte Nebenstra\u00dfen eventuell noch in N\u00e4he der Kundgebungsb\u00fchne gelangen k\u00f6nnten. Dabei fiel der durchaus hohe Anteil an &#8222;Normalb\u00fcrgerInnen&#8220; positiv auf, oder nennen wir sie &#8222;Personen, die nicht durch ihr \u00c4u\u00dferes Stellung nehmen und Aussagen treffen.&#8220; Einen sch\u00f6nen Anblick boten au\u00dferdem die unmissverst\u00e4ndlichen und geistreichen Transparente (s. Fotos in dieser GWR).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Reden auf der Kundgebung gab es wenig Anlass zu Bauchschmerzen, mit Ausnahme der Werbung f\u00fcr die PDS, die anerkennend als einzige Partei genannt wurde, die sich gegen die Kriegseins\u00e4tze \u00e4u\u00dfert. Unmut im Publikum war hier auch h\u00f6rbar. Als Seitenhieb auf die Gr\u00fcnen war diese Bemerkung allenfalls brauchbar. Von den vielen Briefen, die Solidarit\u00e4t mit den Protestierenden bekunden wollten, wurde einer von Joan Baez und Harry Belafonte vorgelesen, der einen Hauch von &#8217;68-Stimmung mit sich brachte. Die Redebeitr\u00e4ge waren gut und deutlich, vielschichtig und hintergr\u00fcndig. Grunds\u00e4tzliche Kritik war trotz des breiten B\u00fcndnisses oder gerade deshalb am richtigen Ort: die Kritik blieb nicht bei der Erkenntnis stehen, dass Gewalt gegen Gewalt keine L\u00f6sung ist und die Bombenangriffe weder mit dem V\u00f6lkerrecht vereinbar sind noch menschlich zu verantworten. Die politischen Zusammenh\u00e4nge und Hintergr\u00fcnde, jahrzehntelange imperialistische Au\u00dfenpolitik der U.S.A. und die daraus folgenden Ungerechtigkeiten, Abh\u00e4ngigkeiten, sozialen und wirtschaftlichen Schieflagen in der Welt wurden thematisiert und angeprangert. Ebenso die massive Kriegspropaganda, der im Moment ein erschreckend hoher Anteil der Bev\u00f6lkerung erliegt, v\u00f6llig unbeeindruckt von der deutschen Geschichte. Das Transparent &#8222;Wollt Ihr den globalen Krieg?&#8220; fand ich in diesem Zusammenhang besonders wirkungsvoll. Auch Schilys Innenpolitik, die massiven Versch\u00e4rfungen der &#8222;Ma\u00dfnahmen zur inneren Sicherheit&#8220; und die rechtliche Aush\u00f6hlung in einem haarstr\u00e4ubenden Tempo auf direktem Weg zum \u00dcberwachungsstaat wurden scharf angegriffen und als schamlose Ausnutzung der angefachten Hysterie in der Bev\u00f6lkerung entlarvt. Emp\u00f6rung und lauten Protest erfuhr auch die damit zusammenh\u00e4ngende Asylpolitik, die kaum noch schlimmer h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen, und doch noch immer unertr\u00e4glicher wird. Durch die wirksame Propaganda rassistischer Gleichsetzung bzw. Assoziierung von Ausl\u00e4ndern und (potentiellen) Verbrechern wird das Grundrecht auf Asyl weiter ausgeh\u00f6hlt und gleichzeitig die Sensibilisierung f\u00fcr selbst ausgel\u00f6stes Fl\u00fcchtlingselend behindert.<\/p>\n<p>Von einer ernstzunehmenden, unparteiischen und differenzierten Medienberichterstattung w\u00fcrde ich beispielsweise die \u00dcbertragung eines Teils dieser Reden erwarten, anstatt in verqueren Formulierungen zu versuchen, die Forderungen der Demonstrierenden mehr schlecht als recht zu \u00fcbermitteln.<\/p>\n<p>Ein Zwischenfall darf nicht unerw\u00e4hnt bleiben. Die NPD-Werbeplakate an Laternenpf\u00e4hlen, in kaum erreichbarer H\u00f6he geh\u00e4ngt, waren uns schon am Rathaus \u00fcbel aufgesto\u00dfen. Unterwegs hatte ein Demonstrant unter dem lauten Jubel der Menge in einer Kletteraktion eines davon entfernt. Was aber dann am Franz\u00f6sischen Dom passierte, war den Aufstand der Menge wert: einige Nazis hatten ein gro\u00dfes NPD-Transparent ausgerollt. Oben an der Kuppel standen weitere Menschen mit einem &#8222;Wir sind das Volk&#8220;-Transparent, die von Einigen als Nazis eingestuft wurden. Aus voller Inbrunst kamen die Rufe &#8222;Nazis raus!&#8220; und &#8222;Runterholen&#8220;. Die Rednerin hatte keine Chance, gegen die lautstarken Proteste der Demonstrierenden anzukommen, die den Blick nicht von dem Transparent abwandten und keine Ruhe gaben, eher es von einer einzelnen Person in einer stark umjubelten Aktion abgeh\u00e4ngt und in einen Hinterhof geworfen wurde. Die Gefahr, auch in diesem Fall wieder mit den Falschen in einen Topf geworfen zu werden war ein besonderer Dorn im Auge. Beginnend mit Bushs &#8222;Either you&#8217;re with us or you&#8217;re against us&#8220;-Strategie, die alle Kritiker als solidarisch mit den Taliban und mit den grauenvollen Anschl\u00e4gen abstempeln sollten, geht die Verleumdung weiter mit \u00c4u\u00dferungen wie der des NRW-Innenministers Fritz Behrens, dass demn\u00e4chst &#8222;Brandanschl\u00e4ge, Mahnwachen, &#8230;&#8220; etc. zu erwarten w\u00e4ren. Wir werden uns darauf nicht einlassen und davon nicht einsch\u00fcchtern lassen! Es bleibt viel Aufkl\u00e4rungsarbeit zu leisten. Auch wenn die Berichterstattung ein Armutszeugnis ist: ein deutliches Zeichen wie die Gro\u00dfdemos in Berlin und Stuttgart sind ein Schritt auf dem Weg dahin, erst Unsichere und Zweifler zu \u00fcberzeugen und damit die Antikriegsproteste auszuweiten.<\/p>\n<p>&#8222;Und was nicht ist, das kann noch werden &#8211; wir k\u00f6nnen uns ganzschnell vermehren&#8230;!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zahlen von Samstag (13.10.) schwanken noch betr\u00e4chtlich: selbst die &#8211; grunds\u00e4tzlich nicht ernst zu nehmenden -ver\u00f6ffentlichten Zahlen der Polizei liegen inzwischen nicht mehr bei 8.000, sondern bei 25.000 Protestierenden, und die VeranstalterInnen sprechen in ihren optimistischsten Einsch\u00e4tzungen von 60.000 Menschen! 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