{"id":4329,"date":"2001-11-01T00:00:28","date_gmt":"2001-10-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4329"},"modified":"2022-07-26T14:16:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:51","slug":"die-krise-der-linken-fallt-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/die-krise-der-linken-fallt-aus\/","title":{"rendered":"Die Krise der Linken&#8230; F\u00c4LLT AUS!"},"content":{"rendered":"<h3>Liebe Helen,<\/h3>\n<p>nun ist die 2. anarchistische Woche fast vorbei und ich habe Zeit Dir endlich einen l\u00e4ngeren Brief zu schreiben. Kurz vorweg: es war toll. Wir (die Graswurzelrevolution Hannover) und die Freie ArbeiterInnen Union Hannover hatten letztes Jahr im November angefangen die anarchistische Woche zu planen. Am Anfang der Vorbereitung haben wir uns 14-t\u00e4gig getroffen, am Schlu\u00df 2 bis 3 Mal die Woche, und massenweise telefoniert! So war es nicht nur meine Examensarbeit, die mich davon abgehalten hat, Dich zu besuchen.<\/p>\n<p>Wie Du auf unserer Homepage gesehen hast, haben wir letztendlich dreiundf\u00fcnfzig Veranstaltungen geplant. So umfangreich hatten wir uns das Programm letztes Jahr nicht vorgestellt und uns war klar, dass uns allen diese vierzehn Tage &#8211; neben Arbeit, Umzug, Familie und FreundInnen &#8211; leicht \u00fcber den Kopf wachsen k\u00f6nnte. Ich habe mich vor der anarchistischen Woche noch mal schnell in die Sonne zur\u00fcckgezogen, wie Du an der Urlaubspostkarte gesehen hast. Kaum zur\u00fcck, hat mich eine heftige Erk\u00e4ltung ein paar Tage ins Bett gezwungen, so dass die anarchistische Woche vor \u00dcberorganisation durch mich verschont blieb und flie\u00dfen konnte, was ohnehin gut vorbereitet war. Wir hatten geplant, uns t\u00e4glich am fr\u00fchen Abend mit dem ganzen Team zu treffen, um die Arbeit fortlaufend zu koordinieren und einen Informationsflu\u00df zu gew\u00e4hrleisten. Dieses Treffen hat nur ein Mal zum Halbzeitres\u00fcmee stattgefunden. Die Informationen flossen prima bei unseren Begegnungen bei den Veranstaltungen, auf den G\u00e4ngen und beim n\u00e4chtlichen Absacken in Kneipen. Die Koordination fand, wo sie im Vorbeigehen nicht ausreichte, am Telefon statt.<\/p>\n<p>Sicherlich, es gab Veranstaltungen, die eine bessere \u00d6ffentlichkeitsarbeit verdient h\u00e4tten und nur von drei bis sieben G\u00e4sten besucht wurden, die Schulveranstaltungen sind komplett ausgefallen, weil es keine Anmeldungen gab. Im Nachhinein betrachtet, h\u00e4tten bei den meisten Veranstaltungen auch nicht viel mehr G\u00e4ste in den R\u00e4ume und Beitr\u00e4ge in den Diskussionen Platz gefunden. Die 2. anarchistische Woche war t\u00e4glich in der HAZ angek\u00fcndigt und in \u00fcberregionalen szene- und hannoverschen Monatszeitungen.<\/p>\n<p>Die 2. anarchistische Woche war von uns, ca. 15 Menschen aus FAU und Graswurzel, vor allen Dingen als Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen und Austausch geplant. Dazu wollten wir uns zur Anregung ReferentInnen einladen. An die Programmplanung sind wir ganz egoistisch herangegangen. Wir haben nur das geplant, was uns interessiert. Und wir wollten eine gute Zeit miteinander verbringen. &#8222;Der Weg ist das Ziel&#8220; sagten wir uns und wenn keiner kommt, dann hatten wir ein gutes Jahr zusammen. Das Programm ist immer umfangreicher geworden, was ja auch zeigt, dass wir uns gegenseitig eine Menge zu sagen haben. Die Arbeitsbedingungen waren haarstr\u00e4ubend unprofessionell. Wir nutzten vorwiegend unsere privaten PCs und R\u00e4ume als B\u00fcros, was dazu f\u00fchrte, dass die aktuellen Dateien dann doch mal auf einem PC waren, an den wir nun grade nicht herankamen, keine\/r das grade vorhandene E-Mail-Programm bedienen konnte oder wir Druckvorlagen nicht herstellen konnten, weil der Drucker kaputt war. Die Plakate und Programme lagerten im Infoladen oder im AStA und manchmal auch im Kofferraum, so verbrachten wir einige Zeit damit unser Zeug immer wieder zusammen zu suchen.<\/p>\n<p>Wir haben die anarchistische Woche schlie\u00dflich f\u00fcr eine kleine \u00d6ffentlichkeit geplant, um FreundInnen und einzelnen Menschen aus anarchistischen Zusammenh\u00e4ngen die Gelegenheit zu geben teilzunehmen. Die umfangreiche \u00d6ffentlichkeitsarbeit haben wir gemacht, um anl\u00e4\u00dflich der 2. anarchistischen Woche Aufmerksamkeit auf die Ideen des Anarchismus zu lenken. Nicht zuletzt wollten wir angesichts der gegenw\u00e4rtigen deprimierenden Diskussion (in der Linken) um taugliche Modelle zur Gesellschaftsver\u00e4nderung, -entwicklung und -organisation, mal qualifiziert darauf hinweisen, dass der Anarchismus der Gesellschaft da noch einiges zu bieten hat.<\/p>\n<p>Davon, dass zur 2. anarchistischen Woche \u00fcber 1.500 G\u00e4ste zwischen 10 und 75 Jahren kamen, von denen wir die meisten weder kannten noch je gesehen hatten, wurden wir nicht nur in Bezug auf den Arbeitsanfall in der &#8222;Schlafplatzb\u00f6rse&#8220; \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Einige unserer G\u00e4ste waren weit angereist, aus dem Ruhrgebiet, Friesland und Dresden. Ein Teil der G\u00e4ste besch\u00e4ftigte sich anl\u00e4\u00dflich der anarchistischen Woche erstmals mit dem Anarchismus, einige wollten die Gelegenheit nutzen, Informationen vorgetragen zu bekommen oder im Film zu sehen, statt sie sich selber erlesen zu m\u00fcssen. Andere waren hervorragend vorbereitet und f\u00fchrten hochqualifizierte Diskussionen. Einige belebten die Diskussion durch ihre Spontaneit\u00e4t. Meine Highlights: 1. Die Frage aus den Reihen der G\u00e4ste: welche Drogen Gustav Landauer genommen habe, um so drauf zu kommen, wie es im Vortrag geschildert wurde, beantworteten mehrere andere G\u00e4ste gleichzeitig mit: &#8222;Junge, der hat gelesen!&#8220; und &#8222;Ein gutes Buch, das ist besser als Drogen!&#8220;. 2. Ein Gast wurde durch sein Kind als Zeitzeuge der anarchistischen Bewegung im Hannover der 60er und 70er Jahre geoutet, sp\u00e4ter erg\u00e4nzte der Vater den Vortrag an entsprechender Stelle. Er erz\u00e4hlte die Geschichte der gewaltfrei-libert\u00e4ren <em>Direkten Aktion<\/em>, die 1964\/65 in Hannover als eine Vorl\u00e4uferzeitung der <em>graswurzelrevolution<\/em> erschien.<\/p>\n<p>W\u00e4ren wir flexibler gewesen, h\u00e4tten wir den G\u00e4sten &#8222;Die Pest&#8220; nicht mit dem dann doch eher winzig wirkenden TV-Ger\u00e4t vorgespielt sondern mit dem Beamer. Drei\u00dfig G\u00e4ste harrten bis weit nach Mitternacht auf ihren St\u00fchlen aus.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich bei der Beschreibung der 2. Anarchistischen Woche am Anfang anfangen. Aber der Beginn mit der Auftaktparty war dann gar nicht mehr der Anfang, weil die Einf\u00fchrungsveranstaltung &#8222;Was sie schon immer \u00fcber Anarchie wissen wollten, aber nie zu fragen wagten&#8220; bereits am Tag vor der Auftaktparty (und zus\u00e4tzlich zum Programm) in Langenhagen stattfand. So fange ich jetzt noch einmal, wenn auch nicht am Anfang, so doch von vorne an:<\/p>\n<p>Aufgrund der Zusammenarbeit von Graswurzel und FAU konnten wir unsere vielf\u00e4ltigen Kontakte einbringen und eine prima Infrastruktur f\u00fcr die 2. anarchistische Woche nutzen. Als Veranstaltungsorte hatten wir R\u00e4ume gew\u00e4hlt, die durch ihre Entstehungsgeschichte nahezu Teil der Neuen Sozialen Bewegung sind. Der Pavillon und das UJZ Kornstra\u00dfe wurden vor fast drei\u00dfig Jahren als erste &#8222;Jugendzentren&#8220; in Hannover durch Demonstrationen, Hausbesetzung und z\u00e4he Verhandlungen ertrotzt. Die unterschiedliche Entwicklung der beiden, die auch durch die unterschiedlichen Legalisierungs- und Professionalisierungsprozesse bedingt ist, k\u00f6nnte allein Gegenstand einer umfangreichen Betrachtung sein. Die schreibe ich jetzt nicht. Ich schreibe Dir lieber, dass die Betreuung im Pavillon super war oder um es mit den Worten von Moses aus der FAU zu sagen: &#8222;Die tragen uns hier noch den Arsch hinterher&#8220;.<\/p>\n<p>Im Pavillon ist auch die st\u00e4dtische Oststadtbibliothek, in deren R\u00e4umen wir einen Teil der Veranstaltungen durchf\u00fchren konnten. Au\u00dferdem bekamen wir dort ab Anfang September ein Schaufenster zur Ausstellung &#8222;anarchistischer Devotionalien&#8220;, &#8222;antiker&#8220; Graswurzeln und Literatur zum Anarchismus aus dem Bestand der Stadtbibliothek Hannover.<\/p>\n<p>Die beiden anderen Veranstaltungsorte sind auf dem Sprengelgel\u00e4nde in der Nordstadt und j\u00fcngere Projekte. Ich wei\u00df nicht, ob es das Kino im Sprengel schon gab, als Du noch in Hannover gewohnt hast. Inzwischen gibt es einen richtigen Kinosaal und kompetente MitarbeiterInnen, ohne deren Einsatz, wir den Kino-Teil der anarchistischen Woche nicht auf die Beine gestellt bekommen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Ein Teil unserer G\u00e4ste konnte auch in &#8222;Projekten&#8220; (Sturmglocke und Baukasten) \u00fcbernachtet. Unser Angebot in der Volxk\u00fcche zu speisen, wurde von nur wenigen G\u00e4sten angenommen. Andererseits wurde mehrfach Bedarf nach Raum und Zeit f\u00fcr weitere Diskussionen deutlich, was wir so nicht vorausgesehen hatten und auch so schnell nicht einrichten konnten.<\/p>\n<p>Zu Beginn habe ich Dir geschrieben, dass die 2. anarchistische Woche fast vorbei ist. &#8222;fast&#8220;, weil &#8222;Was sie schon immer \u00fcber Anarchie wissen wollten&#8230;&#8220; in den n\u00e4chsten Wochen durch die Republik tourt. Ein Video-Mitschnitt vom &#8222;Spiel ohne Grenzen&#8220; (Eine Spielshow zu Humangenetik und Migration) wird wohl zumindest in Hannover im Offenen Kanal ver\u00f6ffentlicht. Das h\u00e4ngt dann nicht mehr so sehr an uns, weil das Spiel und der Video-Mitschnitt von der Anti-EXPO-AG gemacht wurden, die \u00e4hnlich wie das Kino im Sprengel, ohne mit der Wimper zu zucken, Teile an der Arbeit \u00fcbernommen haben, die wir nicht mehr selber leisten konnten.<\/p>\n<p>Die Eindr\u00fccke und Erkenntnisse aus dieser Woche werden an andern Stellen (wenn auch nicht immer offensichtlich) wieder auftreten, wenn Impulse aus den Veranstaltungen z.B. zur Initiative im hannoverschen Abschiebeknast oder zur Entwicklung der t\u00fcrkisch-deutschen <em>Otk\u00f6k\u00fc<\/em> (Graswurzel) aufgegriffen werden. Was ich mir w\u00fcnsche ist, dass &#8222;unsere&#8220; ReferentInnen an anderer Stelle ganz offensichtlich wieder auftreten, und da gilt unser Angebot f\u00fcr Unterst\u00fctzung bei der Vermittlung \u00fcber die anarchistische Woche hinaus. Unsere Internetadresse (<a href=\"mailto:Anarchistische_wochen@gmx.de\">Anarchistische_wochen@gmx.de<\/a>) besteht auch daf\u00fcr weiter.<\/p>\n<p>Da ich nicht an allen Veranstaltungen teilnehmen konnte, kann ich auch nicht zu allen ReferentInnen etwas sagen. Um Dich mit meiner Begeisterung f\u00fcr die ReferentInnen, die ich gesehen habe, nicht zu nerven, fasse ich mich kurz und ich treffe eine Auswahl. Beeindruckend: die enthusiastische Art, in der Wolfgang Eckhardt seinen Forschungsgegenstand: Michael Bakunin w\u00e4hrend des Vortrages geradezu verk\u00f6rpert. Witzig und feurig: Die Unterhaltung mit dem Zauberer Matthias Wesslowski zu &#8222;Anarchismus im Spannungsfeld von Fiction und Illusion&#8220;. Spannend wie ein Krimi und nicht zuletzt durch die Untermalung mit dem Klavier, wie ein schwarz-wei\u00df Film: die szenische Lesung: &#8222;Mord im Sachsenlager 5&#8220;. Da k\u00f6nnte ich mir tats\u00e4chlich vorstellen, dass diese Veranstaltung einerseits auch Deine Jugendlichen mitrei\u00dft, andererseits vielleicht auch eine Anregung dazu sein kann, eine eigene Inszenierung zur eigenen Migration zu machen. Bei den Veranstaltungen von Bernd Dr\u00fccke &#8211; zu &#8222;libert\u00e4re Presse&#8220; und &#8222;Otk\u00f6k\u00fc&#8220; &#8211; tauchte bei mir immer wieder der Gedanke auf, den Jugendlichen ein Kommunikationsmittel an die Hand zu geben, um deren eigenen Ausdruck zu f\u00f6rdern. Vielleicht diskutieren wir das bei meinem n\u00e4chsten Besuch bei Dir?<\/p>\n<p>Schade, dass Du nicht dabei warst. Die 3. anarchistische Woche in Hannover machen wir 2021. Da bilden wir dann bestimmt Schwerpunkte zu den Themen Syndikalismus, Freie Liebe, Wahlboykott und Antimilitarismus, die wir dieses mal nur am Rande betrachtet haben.<\/p>\n<p>Dann sind Deine Kinder &#8222;aus dem Gr\u00f6bsten raus&#8220; und ich hoffe Du kannst vorbeikommen. Bis bald.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Helen, nun ist die 2. anarchistische Woche fast vorbei und ich habe Zeit Dir endlich einen l\u00e4ngeren Brief zu schreiben. Kurz vorweg: es war toll. Wir (die Graswurzelrevolution Hannover) und die Freie ArbeiterInnen Union Hannover hatten letztes Jahr im November angefangen die anarchistische Woche zu planen. 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