{"id":4331,"date":"2001-11-01T00:00:58","date_gmt":"2001-10-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4331"},"modified":"2022-07-26T12:59:07","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:07","slug":"kein-zufalliger-mord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/kein-zufalliger-mord\/","title":{"rendered":"Kein zuf\u00e4lliger Mord"},"content":{"rendered":"<p>Am Donnerstag, den 14.6.2001, wurde Brankica Becejac in Berlin ermordet. Viele Menschen trauern um sie. Sie war als Jugendliche aktiv in der SAG und sp\u00e4ter \u00fcber Jahre im Autonomen Frauen\/Lesben-Kollektiv der Universit\u00e4t Hannover. Sie hat in Hannover Germanistik und Sozialpsychologie studiert und ist im April 1999 nach Berlin umgezogen.<\/p>\n<p>Sie war eine radikalfeministische Schriftstellerin, und hat in ihrem Leben sowohl Frauen als auch M\u00e4nner geliebt. Sie wurde von ihrem langj\u00e4hrigem Geliebten erstochen und erschlagen, der sich danach selbst erh\u00e4ngt hat.<\/p>\n<h3>Ist eine solche Tat nicht \u00e4u\u00dferst privat? Nein, ein solcher Tod ist hochpolitisch.<\/h3>\n<p>Denn Frauen und erst recht Ausl\u00e4nderinnen, die von der Norm abweichen, als Intellektuelle, als Lesbierinnen, als feministisch und linksradikal engagierte, oder auch nur als Frauen, die sich gegen sexistische Beziehungsnormen wehren, werden nicht zuf\u00e4llig von M\u00e4nnern erschlagen.<\/p>\n<p>Brankica kam aus einer jugoslawischen MigrantInnenfamilie, Mutter und Vater arbeiteten in der Fabrik. Sie hat in ihrem Leben das ihr zugedachte normative Schicksal verweigert und sich eine M\u00f6glichkeit erk\u00e4mpft, als Schriftstellerin zu arbeiten. Sie hatte gerade ihre ersten Erfolge; ein Literaturstipendium und Verlage, die an ihren Schriften Interesse zeigten.<\/p>\n<p>Sie hat gegen die deutsche Norm des normalen Lebens eines GastarbeiterInnenkindes vielf\u00e4ltig versto\u00dfen. Als Frau, als sogenannte &#8218;Ausl\u00e4nderin&#8216; und als ArbeiterInnenkind hat sie sich &#8218;unangemessen&#8216; intellektuell interessiert und engagiert. Sie hat Frauen geliebt und eine radikalfeministische Politik vertreten, indem sie sich st\u00e4ndig mit anderen Menschen auseinander setzte und den allt\u00e4glichen Sexismus und Faschismus mit Wort und Tat bek\u00e4mpfte. Und sie hat &#8218;zu gut&#8216; deutsch gesprochen, die Sprache besser beherrscht als die meisten Deutschen; auch dies f\u00fcr viele RassistInnen eine Provokation. Ihre Erfahrungen auf dem Ausl\u00e4nderamt waren entsprechend einschl\u00e4gig. Brankica hat die Gewaltverh\u00e4ltnisse, die sie erfahren hat, als Schriftstellerin und Journalistin (vor allem im Freitag) skandalisiert.<\/p>\n<p>Sie hat sich geweigert, in einer Kleinfamilie zu verenden oder als lonesome Yuppie die weitere Asozialierung zu bef\u00f6rdern, und hat bewu\u00dft andere Beziehungsformen gesucht.<\/p>\n<p>Geheiratet hat sie ihren langj\u00e4hrigen Geliebten lediglich deshalb, weil sie nur so in diesem rassistischen Land auf eine unproblematische Einb\u00fcrgerung hoffen konnte. Beide haben nach eigenem Bekunden Heirat als etwas absurdes empfunden.<\/p>\n<p>Und doch hat er sie ermordet, als sie ihre Lebensverh\u00e4ltnisse \u00e4ndern wollte. Sie wollte aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, um sich mit ihm auf neue Art wieder begegnen zu k\u00f6nnen und um selbst zum Schreiben zu kommen. Sie hat gehofft, ihn, der im Alkohol- und Fernsehkonsum versunken war, wieder aufwecken und einen Neuanfang mit ihm machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dessen ungeachtet stand entgegen jeglicher Realit\u00e4t auch in diesem Fall in der Zeitung, da\u00df sie aus Eifersucht erstochen worden sei, und die Normalb\u00fcrgerIn schw\u00e4tzt von weiblicher Schuld.<\/p>\n<p>Beim Ausr\u00e4umen der Wohnung <em>&#8211; L: &#8222;Das mu\u00df ja ne hei\u00dfe Nacht gewesen sein.&#8220;<br \/>\n<\/em>Beim Ausr\u00e4umen der Wohnung &#8211; F:<em> &#8222;Die mu\u00df ihn ganz sch\u00f6n gereizt haben.&#8220;<br \/>\n<\/em>Eine Bekannte &#8211; D<em>: &#8222;Sie hat immer schon gesagt, da\u00df sie nicht alt werden w\u00fcrde.&#8220;<br \/>\n<\/em>Im Hinterhof &#8211; G:<em> &#8222;Und in der Wohnung haben sich k\u00fcrzlich drei gegenseitig umgebracht.&#8220;<br \/>\n<\/em>Eine, die es gut mit ihm meint &#8211; K:<em> &#8222;Sie hat ihn in den Tod getrieben.&#8220;<br \/>\n<\/em>Zwei im Gespr\u00e4ch &#8211; S:<em> &#8222;Seine Mutter ist gestorben, als er noch ganz klein war.&#8220; <\/em>&#8211; T:<em> &#8222;Dann wundert es einen ja nicht.&#8220;<br \/>\n<\/em>Nach der Zeitungslekt\u00fcre &#8211; N:<em> &#8222;Da hat wieder ein Ausl\u00e4nder seine Frau umgebracht.&#8220;<br \/>\n<\/em>Nach der Zeitungslekt\u00fcre &#8211; H<em>: &#8222;Er hat sie mit ihrem Liebhaber erwischt und ist ausgerastet.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Aber auch wenn es Eifersucht gewesen w\u00e4re, was w\u00fcrde das ausmachen? Aus welchem anderen Grund, als um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr einen sexistischen Mord zu wecken, schreiben Zeitungen von Eifersucht? Denn im Alltagsverst\u00e4ndnis dieser Republik scheint es ja akzeptabel zu sein, wenn ein Mann &#8217;seine&#8216; Frau ermordet, weil sie ihn verlassen wollte. Er hat das Klischee bedient, da\u00df M\u00e4nner ihre Familien ausl\u00f6schen.<\/p>\n<p>Aber wenn Du dies aussprichst, bezeichnet mann dich als totalit\u00e4r. Denn der Mord an Frauen in seiner gesellschaftlichen Funktion hat immer noch als verschwiegener vor sich zu gehen.<\/p>\n<p>Bei der Ermordung von Frauen geht es nicht um irgendeine archaische M\u00e4nnlichkeit, es geht um die Vollstreckung der sexistisch-rassistischen Norm einer nach wie vor frauenverachtenden Gesellschaft; ein Grund f\u00fcr seine Tat l\u00e4sst sich im Nachhinein immer finden, so da\u00df sie auf jeden Fall die Schuldige ist.<\/p>\n<p>Dann hei\u00dft es: <em>&#8222;Sie war untreu.&#8220; &#8211; &#8222;Sie hat ihn zu sehr an sich gebunden.&#8220; &#8211; &#8222;Er musste ihr immer treu sein.&#8220; &#8211; &#8222;Sie ist nicht gen\u00fcgend auf ihn eingegangen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ein solcher Tod ist \u00f6ffentlich, die allt\u00e4glichen Morde an Frauen sind nicht privat. Unabh\u00e4ngig von allen pers\u00f6nlichen Motiven der T\u00e4ter sind sie auch immer Teil eines sexistischen Normierungssystems. Brankicas Geliebter wu\u00dfte dies. Man kann davon ausgehen, da\u00df er sich zu einem gewissen Teil bewu\u00dft f\u00fcr die sexistische kleinb\u00fcrgerliche Norm entschieden hat, denn die Ermordung einer Frau, die nicht ihren Mann umsorgt, sondern eigene Wege geht, ihn gar noch auffordert, sich zu ver\u00e4ndern, liegt allemal innerhalb dieser Norm.<\/p>\n<p>Oft genug hat er im Alltag zu h\u00f6ren bekommen, da\u00df ein Mann sich durchsetzen m\u00fcsse, wenn n\u00f6tig mit Gewalt. Oft genug wurde er mit dem Hass gegen Brankica konfrontiert, mit Rassismus und Sexismus. Er hat dieselben frauenverachtenden Klischees in einem Teil seiner philosophischen Lekt\u00fcre wiedergefunden, bei Nietzsche, bei Platon und vielen anderen. Er hat auch in Hannover Germanistik und Philosophie studiert.<\/p>\n<p>Mit den genannten Klischees der Philosophen ist nicht gemeint; &#8222;Wenn du zum Weibe gehst, vergi\u00df die Peitsche nicht!&#8220;, sondern die grunds\u00e4tzlichen Ausschl\u00fcsse und Aggression gegen &#8218;das Weibliche&#8216;, die diese Theorien durchziehen, und die z.B. von Luce Irigaray benannt werden. Eine Kritik, die ihm bekannt war. Wir haben gedacht, er h\u00e4tte die feministische Kritik nicht nur begriffen, sondern auch verinnerlicht. Niemand hat erwartet, da\u00df er diese Klischees in die Realit\u00e4t umsetzen w\u00fcrde. Darin haben wir uns get\u00e4uscht. Es ist ein Fehler, die Macht des allt\u00e4glichen Sexismus&#8216; und Rassismus&#8216; zu untersch\u00e4tzen, diese Art der Rede ist niemals harmlos.<\/p>\n<p>Die Schuldigen sitzen dort, wo wieder einmal gegen Frauen, gegen Ausl\u00e4nderInnen, gegen Feministinnen, gegen Lesben, gegen Intellektuelle gehetzt wird, und der n\u00e4chste T\u00e4ter sich zum Vollstrecker der Moral berufen f\u00fchlt. Und die Leute applaudieren, reden, ratschen: <em>&#8222;Die Frau hat es zu weit getrieben.&#8220;<\/em><\/p>\n<h3>Weit davon entfernt, eine solche Problematik aufzugreifen, berichtet die Presse nicht einmal sachlich, im Gegenteil hie\u00df es im Berliner Tagesspiegel: &#8222;Jugoslawischer Mann ersticht seine deutsche Frau.&#8220; Dabei war er Deutscher und sie Jugoslawin.<\/h3>\n<p>Nicht umsonst werden M\u00e4nner als T\u00e4ter nach wie vor h\u00e4ufig milde beurteilt, als w\u00e4ren sie die Opfer, da sie ja aus &#8218;Liebe&#8216; bzw. &#8218;Leidenschaft&#8216; get\u00f6tet h\u00e4tten. Es ist schon absurd, wenn die besondere Hinterh\u00e4ltigkeit und Feigheit solcher Morde, in denen M\u00e4nner das Vertrauen, die Liebe und die Zuwendung ihrer Frauen mi\u00dfbrauchen, um sie ohne eigene Gefahr abschlachten zu k\u00f6nnen, auch noch als Strafmilderungsgrund wirkt. Dem entgegen riskieren Frauen, die sich gegen ihre Vergewaltiger und m\u00e4nnlichen Schl\u00e4chter wehren, und dies aus eindeutigen Gr\u00fcnden nicht in direkter Konfrontation tun k\u00f6nnen, nach wie vor eine lange Haftstrafe. Allen, die das nicht wahrhaben wollen, empfehlen wir den aktuellen Dokumentarfilm Gotteszell \u00fcber ein Frauengef\u00e4ngnis. Patriarchat und Sexismus werden immer noch auch mit brachialer Gewalt durchgesetzt.<\/p>\n<p>Denn wenn eine Frau nach Jahren erlittener Gewalt ihren Mann t\u00f6tet hei\u00dft es; &#8222;<em>Lies mal, hier steht, da\u00df sie ihren Mann im Schlaf mit der Axt erschlagen hat.&#8220; &#8211; &#8222;Das ist doch wirklich abgefeimt, auch noch zu feige, ihm dabei ins Gesicht zu sehen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Dies bedeutet nicht, da\u00df es einen Krieg zwischen den Geschlechtern g\u00e4be. Nein, es gibt keinen Krieg, denn dazu fehlen die m\u00e4nnlichen Toten. Au\u00dferdem gibt es sehr viele Frauen, die mitmachen, die nur allzu gerne ihren T\u00f6chtern oder Freundinnen in den R\u00fccken fallen. Und wagt eine Frau Kritik an m\u00e4nnlichem Gehabe, so f\u00fchlt sie sich h\u00e4ufig bem\u00fc\u00dfigt, ein &#8222;ich bin aber keine Feministin&#8220; hinterher zu schieben. &#8218;Schlagt mich nicht, ich bin nicht b\u00f6se&#8216;. Kritisiert wird dies selten. W\u00fcrde ein Mann jedes mal, wenn er faschistische Gewalt kritisiert, ein &#8222;ich bin aber kein Antifaschist&#8220; folgen lassen, w\u00fcrde dies zumindest Irritationen hervorrufen.<\/p>\n<p>Und altbackene Identit\u00e4tspolitik betreiben vor allem die M\u00e4nner, die sich nach wie vor gegen quotierte Redelisten und andere Instrumente wenden. Sie wissen sehr wohl ihre m\u00e4nnliche Bevorzugung zu verteidigen. Wenn es um die eigene M\u00e4nnerb\u00fcndelei geht, vergessen sie die dekonstruktive Kritik nur allzu willig. Wo sind die linken M\u00e4nner, die die Dekonstruktion der M\u00e4nnlichkeit als politische Praxis umzusetzen versuchen?<\/p>\n<p>Wenn ein deutscher, junger, wei\u00dfer linker Mann aus politischen Gr\u00fcnden, z.B. bei einem Polizeieinsatz, get\u00f6tet wird, klirren in der Republik die Scheiben. Wenn ein Farbiger ermordet wird, gibt es Proteste und immerhin noch eine Liste der Opfer. \u00dcber ermordete Frauen wird nicht einmal mehr Buch gef\u00fchrt &#8211; zumindest nicht innerhalb der einschl\u00e4gigen linken und linksliberalen Zeitungen und Zeitschriften.<\/p>\n<h3>Wieso gibt es keine solche Liste der Morde an Frauen? Wieso gibt es keine Skandalisierung?<\/h3>\n<p>Offensichtlich haben sowohl Frauen als auch M\u00e4nner Angst, bzw. kein Interesse, die Tatsachen zu benennen: da\u00df ganz normale M\u00e4nner Frauen ermorden und sich selbst dabei zum Opfer stilisieren. Schlie\u00dflich sind sie ja gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig so arm und defizit\u00e4r als M\u00e4nner. Das legitimiert dann auch schon mal einen Mord. Denn sie, die eben noch Heilige war, und jetzt Hure und nicht mal Mutter ist, hat es ja nicht besser verdient.<\/p>\n<p>Geschlechtsklischees greifen allt\u00e4glich nach wie vor nicht nur in der Werbung und im Film. Diejenige, die dies kritisiert, riskiert damit, sich selbst auszugrenzen, als dogmatisch oder political correct, oder gar feministisch zu gelten.<\/p>\n<h3>Wie aber soll frau mit M\u00e4nnern im Bewu\u00dftsein dieser Gewaltverh\u00e4ltnisse leben &#8211; vor allem dann, wenn sich mann nicht klar dagegen positioniert? Wie im Alltag bestehen, ohne dies alles zu verdr\u00e4ngen?<\/h3>\n<p>Brankica Be\u00e8ejac ging es in ihrer Literatur darum, die Gewalt aufzudecken, diese Verdr\u00e4ngung zu durchbrechen. F\u00fcr sie war damit die Hoffnung verkn\u00fcpft, da\u00df Menschen sich und ihre Handlungsweise \u00e4ndern &#8211; auch in einem politischen Sinn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag, den 14.6.2001, wurde Brankica Becejac in Berlin ermordet. Viele Menschen trauern um sie. Sie war als Jugendliche aktiv in der SAG und sp\u00e4ter \u00fcber Jahre im Autonomen Frauen\/Lesben-Kollektiv der Universit\u00e4t Hannover. 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