{"id":4335,"date":"2001-11-01T00:00:30","date_gmt":"2001-10-31T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4335"},"modified":"2022-07-26T14:26:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:17","slug":"die-afghanische-tragodie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/die-afghanische-tragodie\/","title":{"rendered":"Die afghanische Trag\u00f6die"},"content":{"rendered":"<h3>I. Zeitgeschichtliche Hintergr\u00fcnde<\/h3>\n<p>Am Karfreitag des Jahres 1991 erhielt ich von einem Mujaheddin-Kommandanten im Gebiet der Khugiani eines pashtunischen Stammes in der N\u00e4he von Jelalabad eine ehrenvolle Einladung. Sichtlich beeindruckt davon, da\u00df ich so dicht wie m\u00f6glich an die Panzer-Front des Kabuler Regimes heranfahren wollte und mich die Verminung des Gel\u00e4ndes nicht einsch\u00fcchterte, bot er mir an, an der bevorstehenden Eroberung Kabuls teilzunehmen. Ich schlug die Einladung aus mit der Begr\u00fcndung, es seien schon zu viele Afghanen gestorben; meine Aufgabe k\u00f6nne es nicht sein, mich am T\u00f6ten von noch mehr Afghanen zu beteiligen, so sehr ich mit dem Ziel, dem Regime in Kabul ein Ende zu bereiten, einverstanden sei.<\/p>\n<p>Jener Karfreitag wurde f\u00fcr mich zum schw\u00e4rzesten meines Lebens, nachdem besagter Kommandant im Einklang mit anderen Anwesenden auf meine Frage, welche Wiederaufbauprojekte sie in ihrem befreiten Gebiet betrieben, geantwortet hatte: Darauf k\u00e4me es jetzt nicht an; erst m\u00fc\u00dften Kabul befreit und alle Kommunisten an die Wand gestellt werden. Das markierte einen krassen Unterschied zu allen Erfahrungen, die ich mit anderen (afrikanischen) Befreiungsbewegungen gemacht hatte.<\/p>\n<p>In gl\u00fchender Mittagssonne am Rande des Djoma-Bazars eine leichte Aufhellung: einfache Mujaheddin riefen mir zu: &#8222;Erz\u00e4hlen Sie mal der Welt, was hier vor sich geht. Wir hungern und in Peshawar leben die F\u00fchrer unserer Parteien in gro\u00dfen Villen und fahren in dicken Wagen. Wir wollen endlich Frieden!&#8220;<\/p>\n<p>Diese Szenen spielten sich knapp 25 Jahre nach meinem ersten achtmonatigen Aufenthalt in Afghanistan ab. Nachdem ich im September 1966 Kabul von Peshawar kommend \u00fcber den Khyber-Pa\u00df per Bus erreicht hatte, fuhr ich am n\u00e4chsten Morgen zur Kabuler Universit\u00e4t, um meine Akkreditierung als Forscher einzuleiten. Ich erkundigte mich bei zwei Studenten nach dem Sitz der f\u00fcr mich zust\u00e4ndigen Literaturfakult\u00e4t. Sie antworteten mir gleich auf Deutsch und fragten: Wissen Sie eigentlich, da\u00df im Norden Afghanistans Landarbeiter von ihrem Grundherren verbrannt worden sind?<\/p>\n<p>Das war f\u00fcr mich eine frappierende Information, auf die ich bei meiner wissenschaftlichen Lekt\u00fcre nirgends gesto\u00dfen war. Die beiden BWL-Studenten, die von westdeutschen Dozenten unterrichtet wurden, waren keine Kommunisten, sie blieben w\u00e4hrend deren Herrschaft im Exil. Sie wollten nur &#8222;wirkliche Demokratie&#8220;. Die schockierende Information wurde mir sp\u00e4ter auch von anderer Seite best\u00e4tigt &#8211; der kriminelle Sachverhalt entspricht repressiven Praktiken, die bis heute in einigen Regionen Indiens betrieben werden.<\/p>\n<p>Die Hoffnung auf Demokratisierung des politischen Systems war durch die endlich erfolgte Inkraftsetzung einer modernen Verfassung im Stil der konstitutionellen Monarchie auf der Basis des allgemeinen Wahlrechts (auch f\u00fcr Frauen!) im Jahr 1964 gen\u00e4hrt, aber durch die blutige Niederschlagung von Studenten- und Sch\u00fclerprotesten bereits am 25. Oktober 1965 entt\u00e4uscht worden. Der Ministerpr\u00e4sident Dr. Moh. Yussuf, der der erste Nicht-Pashtune auf dieser Position war, trat zur\u00fcck. Anla\u00df der Unruhen zur parlamentarischen Premiere waren Ger\u00fcchte \u00fcber korrupte Minister, die auch von deutschen Konzernen Geld angenommen haben sollten. Lassen wir offen, wie gro\u00df der Wahrheitsgehalt dieser auf dem Uni-Campus grassierenden Ger\u00fcchte war. Offen bleibt auch, wieweit es v.a. Kommunisten waren oder im Gegenteil reaktion\u00e4re Hofkreise, welche die Ger\u00fcchtek\u00fcche anheizten. Tatsache ist aber, da\u00df Dr. Yussuf nicht den Schie\u00dfbefehl gab, als sich ein Demonstrationszug auf seine Villa hin bewegte. Es war wohl General Shah Wali, ein Onkel des K\u00f6nigs, der ohnehin gegen das Demokratisierungsprojekt arbeitete. F\u00fcr ihn war es eine Provokation, da\u00df bei den Wahlen auch VertreterInnen der linken Demokratischen Volkspartei gew\u00e4hlt worden waren, unter ihnen Babrak Karmal und eine \u00c4rztin, Dr. Anahita Rabzadeh.<\/p>\n<p>Gegen diese linken Abgeordneten richteten sich im November 1966 die Aggressionen der reaktion\u00e4ren Parlamentarier im Unterhaus; Babral Karmal wurde krankenhausreif geschlagen; die erw\u00e4hnte \u00c4rztin wurde geschlagen &#8211; ein nach dem Pashtunwali eigentlich unerh\u00f6rter Vorgang.<\/p>\n<p>Die Idylle, die das herbstliche Kabul, umgeben von Pistazienw\u00e4ldern und fruchtbaren Oasen, bot, stellte sich mir nach kurzer Zeit als tr\u00fcgerisch dar. Schon damals kursierten Szenarien, nach denen Afghanistan auch formell politisch aufgeteilt werden sollte: in einen prosowjetischen Staat im n\u00f6rdlichen Landesteil, mit seinen Erdgas- und \u00d6lvorkommen sowie seiner landwirtschaftlichen \u00dcberflu\u00dfproduktion, und einen westlich orientierten S\u00fcdteil.<\/p>\n<p>Dieses Szenario wurde bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts real antizipiert: Nord-Afghanistan galt als sowjetische Einflu\u00dfzone, w\u00e4hrend im S\u00fcden und Osten des Landes die US-amerikanischen und westdeutschen Projektgebiete lagen. \u00c4hnliche Einflu\u00dfzonen gab es in den Ministerien selbst: Das Minenministerium war stark mit sowjetischen Experten besetzt, w\u00e4hrend im Planungsministerium die Korridore jeweils sowjetischen, US-amerikanischen oder deutschen Experten zugeordnet waren. Die Universit\u00e4t wurde weitgehend von US-Amerikanern und Deutschen finanziert und unterrichtet, das Polytechnikum wurde von sowjetischer Seite gebaut und unterhalten.<\/p>\n<p>Von besonderer Bedeutung war, da\u00df die wichtigste Fremdsprache an der Kadettenanstalt russisch war, Sowjetische Offiziere waren als technische Instruktoren unentbehrlich, da die Ausr\u00fcstung der Armee ausschlie\u00dflich von der Sowjetunion geliefert wurde, nachdem die USA wegen Afghanistans Neutralit\u00e4tspolitik und wegen Dauds Pashtunenpolitik, welche auf eine Herausl\u00f6sung der pashtunischen Siedlungsgebiete aus dem pakistanischen Staatsverband zielte, dem Land keine &#8222;Milit\u00e4rhilfe&#8220; gew\u00e4hrten.<\/p>\n<p>Gleichwohl hatten die USA mit der Realisierung des gro\u00dfen Helmand-Bew\u00e4sserungs-Projekts das vorher schuldenfreie Land in die Schuldenfalle getrieben. Dieses Projekt zur Modernisierung der Landwirtschaft, das nicht zuletzt auch das Nomadenproblem durch Se\u00dfhaftmachung l\u00f6sen sollte, scheiterte an der grotesken Fehlplanung, die die \u00f6kologischen Gegebenheiten ignoriert hatte.<\/p>\n<p>Insgesamt fehlte eine Gesamtkonzeption f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung, w\u00e4hrend die Auslandsschulden als Folge der Entwicklungsprojekte von Jahr zu Jahr wuchsen.<\/p>\n<p>Als Ergebnis der internationalen Ausbildungshilfe ergab sich trotz eines starken Nationalismus eine Fremdbestimmung und Fragmentierung der afghanischen professionellen Intelligenz, die gro\u00dfe Schwierigkeiten hatte, gemeinsame Definitionen der nationalen Interessen zu treffen. Innerhalb der progressiven Kr\u00e4fte konnten sich nicht einmal zwei Hauptfl\u00fcgel der Demokratischen Volkspartei dauerhaft einigen. Diese Zerstrittenheit bef\u00f6rderte bei Teilen der Intelligenz eine Umorientierung zu islamischen Gruppierungen, welche die liberale Modernisierung, die nach dem gescheiterten, \u00fcberst\u00fcrzten Experiment Amanullahs und langen Jahren der Stagnation von K\u00f6nig Zaher betrieben wurde, bek\u00e4mpften (z.B. durch das Abfackeln eines Kinos in Kandahar).<\/p>\n<p>Diese konservativen Kr\u00e4fte hatten ihren st\u00e4rksten R\u00fcckhalt in den l\u00e4ndlichen Gebieten, wo Mullahs, Scheichs und Fakire wichtige Autorit\u00e4tspersonen sein konnten. Diese Gebiete waren von sehr verschiedenen Sprachgemeinschaften, insbesondere aber den pashtunischen St\u00e4mmen bestimmt. Vor allem im Osten und S\u00fcden galt au\u00dferhalb der Bazare nicht das staatliche Recht, sondern das Pashtunwali, das auf rigiden Ehrvorstellungen und strengen Sanktionsregelungen, die im Bereich des Sexualkodex weit \u00fcber die Sunna hinausgingen, beruhte.<\/p>\n<p>Die St\u00e4mme sind als segment\u00e4re Systeme organisiert; d.h. sie haben keine dauerhafte Zentralinstanz mit Polizei und Verwaltung; Entscheidungen werden auf Versammlungen getroffen. St\u00e4mme k\u00f6nnen aber Sprecher haben, Khane, die kraft pers\u00f6nlicher Autorit\u00e4t und Reichtum (Gastfreundschaft) starken Einflu\u00df aus\u00fcben k\u00f6nnen; als Mittelsm\u00e4nner stellen sie den Kontakt zu Regierungen und Herrschern her und kassieren Subsidien, die sie teilweise umverteilen.<\/p>\n<p>Die St\u00e4mme sind genealogischstrukturiert und lassen sich relativ leicht mobilisieren; sie sind aber schwer regierbar. Harte Lebensbedingungen in Hochgebirgen und Steppen haben Gesellschaften von hoher Widerstandskraft hervorgebracht, die kaum zu unterwerfen sind. Das gilt selbst dann, wenn die Herrscher selbst Pashtunen sind.<\/p>\n<p>Nach dem R\u00fcckschlag f\u00fcr den politischen Reformproze\u00df, den der R\u00fccktritt von Premier Yussuf darstellte, dem auch ein Revirement in vielen Ministerien und Institutionen (z.B. Universit\u00e4t) folgte, resignierte der Reformehrgeiz des K\u00f6nigs, dessen Ansehen durch Ger\u00fcchte und tats\u00e4chliche Aff\u00e4ren, besonders auch im n\u00e4heren famili\u00e4ren Umfeld, beeintr\u00e4chtigt wurde. Der Monarch, der bereits mit 19 Jahren die Nachfolge seines bei der Abschlu\u00dffeier der deutschen Oberrealschule ermordeten Vetters Nadir Khan antreten mu\u00dfte, zeigte deutliche Spuren von Amtsm\u00fcdigkeit. Das gr\u00f6\u00dfte historische Verdienst hatte sich Zaher Shah 1941 erworben, als er nach dem deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion die Loya Jirga daran hinderte, Britisch-Indien und der Sowjetunion den Krieg zu erkl\u00e4ren. Er reagierte aber viel zu sp\u00e4t auf die Hungersnot Anfang der 70er Jahre, der ca. 100 000 Menschen zum Opfer fielen. W\u00e4hrend eines Urlaubs in Italien lie\u00df er sich 1973 ohne gro\u00dfen Protest von seinem Vetter und fr\u00fcheren Premier Daud absetzen. Dessen autorit\u00e4rer F\u00fchrungsstil, nicht zuletzt aber seine Entfremdung von den progressiven Offizieren und Intellektuellen, die ihn bei seinem Coup d&#8217;Etat unterst\u00fctzt hatten, isolierten ihn innenpolitisch. Au\u00dfenpolitische Erfolge wie die Verbesserung der Beziehungen zum Schah des Iran und zum pakistanischen Premier Bhutto weckten den Argwohn des Kreml. Sein gewaltsamer Sturz am 27. April 1978 war ein blutiger Staatsstreich, bei dem offen bleibt, welchen Anteil die sowjetische Botschaft in Kabul und die prosowjetischen afghanischen Offiziere, Gewerkschafter und Intellektuellen hatten. Die in zwei Fraktionen gespaltenen Saur-Revolution\u00e4re befehdeten sich nach der Machtnahme; es zeigte sich eine auff\u00e4llige Unf\u00e4higkeit zum Kompromi\u00df. Die Khalq-Fraktion verdr\u00e4ngte Karmal und seine Anh\u00e4nger aus F\u00fchrungspositionen und inhaftierte oder exekutierte sie. Es war blanker Voluntarismus, in einem Land mit 40.000 Industriearbeitspl\u00e4tzen eine kommunistische Partei an die Macht putschen zu wollen und das noch als &#8222;proletarische Modellrevolution der Dritten Welt&#8220; (Taraki) auszugeben. Aber auch die als zentrale Rechtfertigung f\u00fcr die &#8222;Revolution&#8220; angegebene Agrarreform wurde \u00fcberhastet konzipiert und gewaltsam von unerfahrenen Funktion\u00e4ren durchgef\u00fchrt. Dies f\u00fchrte zu ersten kleinen Revolten v.a. in den pashtunischen Gebieten. Als im M\u00e4rz 1979 sowjetische Berater in Herat get\u00f6tet wurden, weigerten sich afghanische Piloten, die Stadt zu bombardieren, woraufhin sie von sowjetischen Flugzeugen angegriffen wurden. Die Zuspitzung der Lage veranla\u00dfte die sowjetische F\u00fchrung, nach einer Alternative zu Premier Hafiz Amin zu suchen. Der vergleichsweise gem\u00e4\u00dfigte Pr\u00e4sident Taraki wurde aber beim Versuch, die Moskauer Weisung durchzusetzen, t\u00f6dlich verletzt. Danach versuchte die sowjetische F\u00fchrung sogar, den K\u00f6nig zur R\u00fcckkehr aus dem Exil zu bewegen. Erst dann fiel die definitive Entscheidung zur milit\u00e4rischen Intervention. Am 27. Dezember 1979 wurden die ersten Teile des &#8222;beschr\u00e4nkten Kontingents&#8220;, das zeitweise 120.000 Soldaten erreichte, eingeflogen. Teile der afghanischen Armee integrierten sich in den sofort aufflammenden Widerstand, der vorher nur lokal isoliert aufgetreten war. Die Massenflucht nach Pakistan und in den Iran sollte v.a. die Familien in Sicherheit bringen. Die M\u00e4nner kehrten in ihr Land zur\u00fcck, um mit den Methoden der Guerilla, die in drei Kriegen gegen die Briten entwickelt worden waren, die Besatzer, die obendrein das Stigma der Gottlosigkeit trugen, zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Das ging nicht ohne massive milit\u00e4rische und finanzielle Unterst\u00fctzung durch die USA, Pakistan und Saudi-Arabien. Mit US-amerikanischem und saudischem Geld wurde nicht nur das \u00dcberleben in den Fl\u00fcchtlingslagern gesichert; damit wurden chinesische Waffen gekauft. Nach langem Z\u00f6gern erhielten die Mujaheddin auch Luftabwehrraketen vom Typ Stinger, mit der die gepanzerten sowjetischen M8-Hubschrauber ausgeschaltet werden konnten.<\/p>\n<p>In vielen Berichten und Kommentaren wird behauptet, die Mujaheddin seien von der CIA und der pakistanischen Armee trainiert worden. Mir scheint das in dieser Allgemeinheit zweifelhaft. Mit Schu\u00dfwaffen kann jeder erwachsene Afghane umgehen; zumindest die Bergst\u00e4mme wissen die &#8222;Vorteile des Gel\u00e4ndes&#8220; zu nutzen. Au\u00dferdem gab es ja die patriotischen Offiziere der afghanischen Armee. Aber sie erhielten direkte Unterst\u00fctzung durch pakistanische Offiziere, die die Artillerie bedienten und die Logistik organisierten. CIA-Agenten spielten sicher eine Rolle bei der Einweisung in den Gebrauch der Stinger-Raketen. Dies war wichtig bis zum Abzug der sowjetischen Truppen, der am 15.2.1989 abgeschlossen war. Sie hatten politisch und milit\u00e4risch den Kampf gegen die Mujaheddin verloren; ihr R\u00fcckzug verlief aber geordnet im Vergleich zu dem schm\u00e4hlichen Abzug der US-Amerikaner aus Saigon. Bis 1992 dauerte der interne Krieg gegen das Najibullah-Regime in Kabul, das durch \u00dcberl\u00e4ufer wie insbesondere General Dostum gest\u00fcrzt wurde. In diesem Jahr begann sich das Ausma\u00df der afghanischen Trag\u00f6die erst richtig abzuzeichnen: die Unf\u00e4higkeit der Verantwortlichen zu einer konstruktiven politischen L\u00f6sung, die sich nur bei der eingangs beschriebenen Szene aus dem Jahr 1991 bereits \u00fcberdeutlich dargestellt hatte.<\/p>\n<h3>II. Von der nationalen Befreiung in den Ruin<\/h3>\n<p>In der Stunde des Sieges brachen die alten Interessengegens\u00e4tze, die durch Abh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Sponsoren versch\u00e4rft wurden, welche schon die als Exil-Regierung fungierende 7-Parteien-Koalition in Peshawar geplagt hatten, in h\u00f6herem Ma\u00dfe und mit schlimmsten Folgen wieder auf. Deren formeller Pr\u00e4sident, der Theologieprofessor Sibghatullah Al-Mojaddedi, verf\u00fcgte \u00fcber wenig Macht, schon deswegen, weil seine Partei im Vergleich zu den islamistischen Parteien, wie z.B. der Hezbe Islami Hekmatyars, deutlich weniger Zuwendungen erhielt. Hegmatyar praktizierte h\u00e4ufig eine Politik des leeren Stuhls. Die Konkurrenz zwischen den gem\u00e4\u00dfigten und den extrem fundamentalistischen Parteien machte alle Hoffnungen auf einen vern\u00fcnftigen Ausgleich unterschiedlicher Positionen, z.B. hinsichtlich der Stellung der Frauen, zunichte. Es bleibt daran zu erinnern, da\u00df schon kurze Zeit, nachdem die Mujaheddin die Macht in Kabul \u00fcbernommen hatten, die Fernsehansagerinnen von den Bildschirmen verschwanden. Die Universit\u00e4ten in Kabul und Jelalabad h\u00f6rten ohnehin auf zu funktionieren. Der erzwungene R\u00fcckzug der Frauen aus den Berufen fand bereits in dieser Phase statt ebenso wie der Verschleierungszwang in der st\u00e4dtischen \u00d6ffentlichkeit. Au\u00dfer Hekmatyar, auf den noch sp\u00e4ter einzugehen sein wird, waren vor allem Kommandant Ahmed Shah Massud und General Rashid Dostum die Akteure im &#8222;Great Game&#8220;.<\/p>\n<p>Massud verdankte seine herausragende politische Bedeutung nicht nur seinem Charisma. Dieses konnte nur wirksam werden, weil der Kommandant in einer strategisch wichtigen Region die eigene Volksgruppe der Panjshir-Tajiken mobilisieren konnte. Das Panjshirtal st\u00f6\u00dft n\u00f6rdlich von Kabul auf die von der Sowjetunion gebaute Salang-Stra\u00dfe, die mit ihren Tunneln und Galerien auch im Winter den Verkehr zur sowjetischen Grenze sicherstellen sollte. Vom Panjshirtal aus konnte diese Verkehrsader schon mit kleinen milit\u00e4rischen Vorst\u00f6\u00dfen blockiert werden. Umgekehrt erwies es sich aber als unm\u00f6glich, das Panjshirtal dauerhaft zu erobern: das Tal verengt sich an mehreren Stellen so stark, da\u00df milit\u00e4rische Konvois von den beiderseits der Stra\u00dfe aufragenden Bergw\u00e4nden aus blockiert und vernichtet werden konnten. Daran scheiterte nicht nur die sowjetische Armee sondern auch die Taliban. Von dieser soziogeographischen Basis aus konnten auch F\u00fchrungsanspr\u00fcche im nahegelegenen Kabul geltend gemacht werden. Massuds Popularit\u00e4t verdankte sich nicht nur seiner operativen F\u00fchrungsqualit\u00e4t, sondern auch seinen Bem\u00fchungen, wenigstens im Panjshirtal Institutionen des Bildungswesens und der Gesundheitsversorgung unter schwierigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>In seinem letzten Fernsehinterview hat der vor dem Angriff auf das WTC ermordete Ahmed Shah Massud einger\u00e4umt, da\u00df die Mujaheddin nach ihrem Sieg \u00fcber die &#8222;Kommunisten&#8220; im Jahr 1992 an ihrer Unf\u00e4higkeit gescheitert sind, eine funktionsf\u00e4hige Regierung zu bilden.<\/p>\n<p>Massud und Rabbani strebten in grotesker Verkennung der ethnischen wie der milit\u00e4rischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse eine Abl\u00f6sung der seit dem 18. Jahrhundert bestehenden Hegemonie der st\u00e4rksten Megaethnie, der Pashtunen, durch eine Koalition der verschiedenen ethnischen Minderheiten, die mehrheitlich Dari, eine afghanische Form des Persischen (Farsi), sprechen, an.<\/p>\n<p>Eine besondere moralische und politische Belastung stellte dabei der usbekische General Abdul Rashid Dostum dar. Seine Karriere begann als Wachmann im nordafghanischen Erdgasgebiet; es gelang ihm, zum Chef einer nordafghanischen Miliz aufzusteigen, deren Aufgabe zun\u00e4chst der Schutz der Erdgasanlagen vor Sabotageakten war. Er stieg w\u00e4hrend der sowjetischen Okkupation zum General und schlie\u00dflich zum Verteidigungsminister auf. Seine Milizen waren f\u00fcr die H\u00e4ufigkeit ihrer Vergewaltigungen ber\u00fcchtigt, sie benahmen sich noch schlimmer als die Angeh\u00f6rigen des &#8222;begrenzten Kontingents&#8220; der Sowjetarmee. An dieser Praxis \u00e4nderte sich auch nach seinem politischen Richtungswechsel nichts.<\/p>\n<p>Nach dem Scheitern der Regierungsbildungsversuche in Kabul konzentrierte sich Dostum auf die n\u00f6rdlichen und nord\u00f6stlichen Teile Afghanistans mit den Zentren Mazare Sharif und Kunduz. Da dies die \u00f6konomisch produktivste Region des gesamten Landes ist, konnte eine funktionsf\u00e4hige Verwaltung aufgebaut werden. Viele Anh\u00e4nger des gescheiterten kommunistischen Regimes konnten dort beweisen, da\u00df sie aus ihren Fehlern gelernt hatten. Dostum allerdings behielt seinen brutalen F\u00fchrungsstil bei. Die von ihm veranla\u00dfte Ermordung des Bruders seines Generalstabschefs f\u00fchrte zu dessen Frontwechsel: er ging mit gro\u00dfen Teilen seiner Truppen zu den Taliban \u00fcber, wodurch 1998 zun\u00e4chst Mazare Sharif und schlie\u00dflich fast alle wichtigen St\u00e4dte des Nordens von den Taliban erobert werden konnten. Nach seiner Niederlage setzte sich Dostum in die T\u00fcrkei ab, wo im \u00fcbrigen seit den 80er Jahren 25.000 Usbeken als Milizen gegen die Kurden eingesetzt werden, Erst seit sich die Aussichten der Nordallianz auf ausl\u00e4ndische Unterst\u00fctzung verbessert haben, ist er wieder ins Frontgebiet zur\u00fcckgekehrt<\/p>\n<p>&#8222;Ingenieur&#8220; Gulbuddin Hekmatyar verfolgte die verh\u00e4ngnisvolle Vision, aus Afghanistan eine &#8222;Islamische Republik&#8220; im Sinne eines zentralistischen Einheitsstaats zu machen. Er verurteilte zwar jede Form des Tribalismus, de facto strebte er aber einen von den Pashtunen bestimmten Einheitsstaat an. Die formelle Absage an das pashtunische Hegemoniestreben diente der Beruhigung seiner pakistanischen Protektoren im pakistanischen Geheimdienst und in der pakistanischen Armee, weil so das alte Pashtunistanprojekt erledigt schien. Vor allem war damit auch eine ernst gemeinte Absage an die Wiederherstellung der seit 1747 vom pashtunischen K\u00f6nigsclan aus dem Stamm der Durrani gestellten Monarchie verbunden.<\/p>\n<p>Letzten Endes war Hekmatyar doch auf seine pashtunischen Stammesgenossen als politisch-milit\u00e4rische Basis angewiesen. Freilich immer mit Beistand der pakistanischen Armee und der saudischen Wahabiten. Diese Unterst\u00fctzung b\u00fc\u00dfte er ein, als er sich beim &#8222;Gro\u00dfen Spiel&#8220; \u00fcbernahm und sich im Sog der starken antiamerikanischen Welle in der islamischen Welt im 2. Golfkrieg massiv f\u00fcr Saddam Hussein einsetzte. Nach dem im wesentlichen durch den Frontwechsel des usbekischen Verteidigungsministers herbeigef\u00fchrten Sturz des Kommunisten Najibullah, wurde Hegmatyar zwar 1992 Ministerpr\u00e4sident der neuen Regierung; wegen seiner hegemonialen Attit\u00fcden kam er aber nicht zur konstruktiven Machtaus\u00fcbung; er beteiligte sich nur an der Zerst\u00f6rung Kabuls im Kampf gegen seine Kabinettskollegen unter dem ohnehin bla\u00df wirkenden Pr\u00e4sidenten Rabbani. Hekmatyar hatte immer \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, da\u00df nach dem Sieg \u00fcber den sowjetischen Imperialismus die Befreiung vom US-Imperialismus das Ziel muslimischer Politik sein m\u00fc\u00dfte. In einem Gespr\u00e4ch, das er mit mir Anfang 1981 in Frankfurt f\u00fchrte, bekr\u00e4ftigte er nicht nur diese Position, sondern legte eine ausf\u00fchrliche Begr\u00fcndung vor: er habe den Marxismus-Leninismus ausf\u00fchrlich studiert (tats\u00e4chlich war er sogar kurzzeitig Mitglied einer linken Studentengruppe an einem Kabuler College), sei aber schlie\u00dflich zum Ergebnis gekommen, da\u00df nur der Islam die universelle L\u00f6sung f\u00fcr die Probleme der Gegenwart biete. Sein Verst\u00e4ndnis des Islam war nicht r\u00fcckw\u00e4rts gewandt, kontemplativ, sondern erhob Anspruch auf Modernit\u00e4t. Organisatorisch hatte er viel vom Leninismus abgeschaut; auch seine Politik der Rekrutierung gut ausgebildeter Intellektueller als Kader seiner Hezbe Islami zeigt dies. Intellektuelle, die die Mitarbeit verweigerten, wurden aber h\u00e4ufig liquidiert &#8211; eine deutliche Parallele zu den Praktiken der Kabuler Kommunisten. Die Todeslisten, die in Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst erstellt wurden, trieben einen Gro\u00dfteil der noch in Peshawar verbliebenen progressiven afghanischen Intellektuellen in die weltweite Emigration. Dadurch vergr\u00f6\u00dferte sich die Bedeutung der strikt islamisch orientierten Intelligenz. Vor allem aber machte sich der direkte Einflu\u00df pakistanischer Mullahs immer f\u00fchlbarer.<\/p>\n<p>Mit der wachsenden Schw\u00e4chung von Hekmatyars Position als Ergebnis seines fatalen Engagements 1991, ergab sich f\u00fcr die fundamentalistischen Politiker und Milit\u00e4rs in Pakistan die Notwendigkeit, einen Ersatz zu finden. In dieser Situation kamen die Taliban ins Spiel.<\/p>\n<h3>III. Die Taliban als &#8222;Ordnungsmacht&#8220;<\/h3>\n<p>Die Taliban wurden vorzugsweise unter den Kriegswaisen in den Fl\u00fcchtlingslagern rekrutiert. Au\u00dfer dem Koranunterricht erhielten sie eine milit\u00e4rische Schulung. Ihre Schulen unterlagen dem Einflu\u00df der extremistischen pakistanischen Parteien wie der Jamate Ulema Islam. Entsprechend der ethnischen Zusammensetzung der Fl\u00fcchtlingslager in der pakistanischen NW-Provinz handelte es sich bei diesen Jungen in erster Linie um Pashtunen. Der vom pakistanischen Geheimdienst angeleitete Aufbau ihrer Kampfverb\u00e4nde geschah weitgehend unbemerkt von jeder \u00d6ffentlichkeit. Die \u00dcbernahme der Macht in Kandahar 1994 erregte zwar Aufsehen, wurde aber als lokales Ereignis verbucht. Erst mit dem Vordringen in nordwestliche Richtung und der \u00fcberraschenden Eroberung Herats im Jahr 1995 wurde das Vordringen der Taliban auch international beachtet. Der Anschlu\u00df k\u00e4uflicher Kommandanten und warlords erm\u00f6glichte in kurzer Zeit eine Ausbreitung des Herrschaftsbereichs der extrem fundamentalistischen Bewegung, der 1996 die bereits weitgehend zerst\u00f6rte Hauptstadt Kabul nach kurzen K\u00e4mpfen in die H\u00e4nde fiel. Hier und in den St\u00e4dten errichteten die Taliban ein extrem rigides Kontrollsystem. Frauen wurden mit wenigen Ausnahmen aus der \u00d6ffentlichkeit und insbesondere aus den Bildungsinstitutionen verbannt. Die Burka wurde obligatorisch. Aber auch M\u00e4nner wurden bizarren Regeln unterworfen. Das Tragen zu kurzer B\u00e4rte und zu langer Haare wurde mit Stockhieben bestraft.<\/p>\n<p>Mit der bereits erw\u00e4hnten Einnahme von Mazare Sharif 1998 wurde die Eroberung weiter Teile Nordafghanistans eingeleitet, so da\u00df die Taliban schlie\u00dflich 85-90 % des afghanischen Staatsgebiets kontrollierten. Die 1992 erfolgte \u00f6ffentliche Folterung und Exekution des bisher unter dem Schutz der UN-Mission stehenden Ex-Staatschefs Najibullah und seines Bruders wurde zum Symbol der Brutalit\u00e4t, mit der die Taliban ihre Auffassung von Scharia durchsetzten.<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage nach der erstaunlichen Akzeptanz dieser Herrschaft. Sie beruht generell auf der eingangs von mir wiedergegebenen Verbitterung \u00fcber die destruktiven K\u00e4mpfe der Kriegsparteien und der Sehnsucht nach Wiederherstellung \u00f6ffentlicher Sicherheit. Selbst Frauen, die unter der Vergewaltigung von Dostums Milizen aber auch anderer &#8222;K\u00e4mpfer&#8220; gelitten hatten, sahen in der Verbannung aus der \u00d6ffentlichkeit zun\u00e4chst ein Schutzversprechen.<\/p>\n<p>Anfang M\u00e4rz 2001 begannen die Zerst\u00f6rungsarbeiten an den beiden gr\u00f6\u00dften Buddha-Statuen in Bamian, die am 9. M\u00e4rz zu 80% durchgef\u00fchrt worden waren. Diese Zerst\u00f6rungen erfolgten trotz heftiger weltweiter Proteste, auch von Seiten islamischer Autorit\u00e4ten, nicht zuletzt im Iran. Der von Mullah Omar legitimierte Beschlu\u00df, alle &#8222;Idole&#8220; in Afghanistan zu zerst\u00f6ren, war innerhalb der Taliban-F\u00fchrung umstritten. Mit der Durchsetzung des Zerst\u00f6rungsbeschlusses sollte die St\u00e4rke des Willens zur Errichtung eines strikt islamischen Regimes dokumentiert werden. Die Sprengung der Buddha-Statuen sollte nicht nur ein \u00c4rgernis beseitigen; wichtiger war wohl die Zerst\u00f6rung eines f\u00fcr die schiitischen Hazara wichtigen Zentrums: man darf die Statuen in der breiten und hohen Felswand mit den vielen ehemaligen M\u00f6nchsh\u00f6hlen und zahlreichen weiteren Statuen nicht isoliert vom fruchtbaren Hochtal von Bamian betrachten: hier wurde ein nat\u00fcrlich-kulturelles Gesamtkunstwerk geschaffen, ein f\u00fcr die Hazara in jeder Hinsicht produktiver Mittelpunkt: von der Landwirtschaft bis zum Tourismus (die Statuen waren von der UNESCO zum Weltkulturerbe erkl\u00e4rt worden und waren das attraktivste Touristenziel des an Sehensw\u00fcrdigkeiten reichen Landes).<\/p>\n<p>Die wiederholt angek\u00fcndigte Sprengung der Buddha-Statuen entspricht nicht nur dem extremen Fundamentalismus der Taliban; sie sollte demonstrieren, da\u00df ihr Regime entschlossen war, auf die von der UNO verh\u00e4ngten Embargosanktionen und die weitgehende Nichtanerkennung der Regierung massiv zu reagieren. Sie nahmen in Kauf, auf der institutionellen Ebene international noch st\u00e4rker isoliert zu werden, weil sie dies durch ihre zahlreichen Kontakte zu Militanten in anderen islamischen L\u00e4ndern und den z.B. auf dem Balkan k\u00e4mpfenden &#8222;Afghanen&#8220;, die ob ihrer Brutalit\u00e4t besonders gef\u00fcrchtet waren, kompensieren konnten. F\u00fcr das Regime des Mullah Omar reichten die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien, den Vereinigten Emiraten und zu Pakistan zur Not aus. Und da war ja auch der Mujahed und Gesch\u00e4ftsmann Osama bin Laden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. Zeitgeschichtliche Hintergr\u00fcnde Am Karfreitag des Jahres 1991 erhielt ich von einem Mujaheddin-Kommandanten im Gebiet der Khugiani eines pashtunischen Stammes in der N\u00e4he von Jelalabad eine ehrenvolle Einladung. Sichtlich beeindruckt davon, da\u00df ich so dicht wie m\u00f6glich an die Panzer-Front des Kabuler Regimes heranfahren wollte und mich die Verminung des Gel\u00e4ndes nicht einsch\u00fcchterte, bot er &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/die-afghanische-tragodie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die afghanische Trag\u00f6die - graswurzelrevolution","description":"I. 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