{"id":4361,"date":"2001-11-01T00:00:55","date_gmt":"2001-10-31T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4361"},"modified":"2022-07-26T14:16:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:51","slug":"einige-linke-in-deutschland-und-der-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/11\/einige-linke-in-deutschland-und-der-krieg\/","title":{"rendered":"Einige Linke in Deutschland und der Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es einen Krieg gibt, hat er dann am 11.September 2001 begonnen? Alle, f\u00fcr die der Krieg &#8211; wie f\u00fcr <em>Jungle World<\/em>-Redakteurin Heike Runge &#8211; mit den Attentaten in New York City und Washington begonnen hat, nehmen Bin Laden ernst, auch wenn sie ihn als Irren titulieren: Seine Kriegserkl\u00e4rung erfordert Beantwortung.<\/p>\n<p>Hatte die <em>Jungle World <\/em>sich beim Krieg in Jugoslawien noch l\u00f6blich dadurch ausgezeichnet, nicht plump einer Kriegspartei das Wort zu reden, ist offenbar jetzt der Zeitpunkt dichotomen Entscheidungszwanges eingetreten: Mit Anton Langraf erkl\u00e4rt ausgerechnet der Chef vom Dienst der linken Wochenzeitung, der Kapitalismus sei seinen Feinden vor zu ziehen, weil diese mit dem Gedanken an Emanzipation auch alle Gottlosen und vor allem Juden ausrotten wollten. Dagegen m\u00fcsse vorgegangen werden, &#8222;wenn n\u00f6tig, auch mit Gewalt&#8220; (<em>Jungle World<\/em> 40\/ 2001). Diese Kriegsbef\u00fcrwortung, die weniger moderne Errungenschaften als voraufkl\u00e4rerische Ethik widerspiegelt, ist eine Positionierung im (Anti-)Amerikanismus-Diskurs. Schon im Zweiten Golfkrieg war eine Spaltungslinie innerhalb der deutschen Linken neben der Haltung zu Israel die zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Neben Teilen der <em>Jungle World<\/em>-Belegschaft steht insbesondere die Zeitschrift <em>konkret<\/em> f\u00fcr die Position, ein Antiamerikanismus m\u00fcsse sich f\u00fcr deutsche Linke verbieten. Und das aus mindestens drei Gr\u00fcnden: Erstens haben die Amerikaner Deutschland vom Faschismus befreit,. zweitens waren es rechte Nationalisten, die die USA anschlie\u00dfend als &#8222;Besatzungsmacht&#8220; bezeichneten, und drittens besch\u00fctzen die USA mit dem Staat Israel die Opfer des Nationalsozialismus. Eine neutrale Position den USA gegen\u00fcber scheint es aber nicht zu geben. So h\u00e4lt der in dieser Hinsicht Ma\u00dfstab setzende deutsch-israelische Historiker Dan Diner die Haltung zu den Amerikanern f\u00fcr einen &#8222;Indikator f\u00fcr die Verwestlichung Deutschlands&#8220;. Die Zugeh\u00f6rigkeit zur auf individueller Freiheit und Demokratie basierende Zivilisation werde darin angezeigt. Wer sie nicht liebt, steht auf der falschen Seite.<\/p>\n<p>Um sich als echte WestlerInnen zu profilieren, \u00fcbernehmen die zitierten <em>Jungle World-<\/em>MacherInnen die Position derer, die sie geschlagen sehen wollen: Denn dass mit den beiden T\u00fcrme im S\u00fcden Manhattans zivilisatorische Errungenschaften gef\u00e4llt wurden, haben ja &#8211; wenn sie es waren &#8211; islamische Fundamentalisten inszeniert. Und damit das nicht noch ein mal vorkommt, soll die westliche Kriegstechnologie den Hinterw\u00e4ldlern aus Kabul mal zeigen, wo der Hammer h\u00e4ngt? Die Au\u00dfenpolitik der USA, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nur Israel gesch\u00fctzt, sondern Tausende von emanzipatorisch denkenden Menschen das Leben gekostet hat, wird von den antideutschen Linken unter den Tisch gekehrt oder den vermeintlichen Verschw\u00f6rungstheorien Noam Chomskys zugeschrieben. Krieg schafft Einheit auch im Pressewesen. Dass es aber mal <em>Jungle World<\/em> und <em>BILD <\/em>zusammenbringen w\u00fcrde, wer h\u00e4tte das gedacht: Dass die Zeitung das eigene Logo mit Stars and Stripes unterlegt wie bei Springers, kommt angesichts der Feier amerikanischer Werte jedenfalls wenig ironisch r\u00fcber.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite die autorit\u00e4re Linke, repr\u00e4sentiert in den verbliebenen kommunistischen Splitterparteien und Zeitungen wie der <em>jungen Welt<\/em>. Hier wird ein kulturalistischer Antiamerikanismus gepflegt, wobei Israel nur selten vorkommt und die USA als Zentrale des kulturellen wie \u00f6konomischen Imperialismus gehandelt werden. Zwar werden die Terroranschl\u00e4ge nicht als &#8222;rechtens&#8220; empfunden, wie vom Nazi Horst Mahler, aber ein latenter Antikapitalismus wird den T\u00e4tern schon unterstellt. Eine \u00fcble Schnittmenge zwischen einigen Linksorthodoxen und Faschos bildete schon immer der Ha\u00df auf das Konstrukt des &#8222;j\u00fcdischen Finanzkapitals&#8220;, das in New York City ans\u00e4ssig sei und im World Trade Center gelebt bzw. gearbeitet habe.<\/p>\n<p>Weder ein Hauch des Antisemitismus ist aus emanzipatorischer Sicht zu dulden, noch die R\u00fcckkehr des V\u00f6lkischen in die Semantik, die bereits handlungsleitend f\u00fcr all die Bewohner der &#8222;zivilisierten Welt&#8220; geworden ist, die P\u00e4lastinensische Restaurants angegriffen oder arabisch aussehende Menschen beschimpft haben. Angesagt ist hingegen eine differenzpolitische Betrachtungsweise, die einen texanischen Bauern nicht f\u00fcr den Repr\u00e4sentanten einer freien Welt h\u00e4lt, nur weil m\u00f6glicherweise ein reicher b\u00e4rtiger Idiot religi\u00f6s verbr\u00e4mten und gro\u00dfangelegten Terror verbreitet. Ebenso k\u00f6nnen geostrategische und milit\u00e4rische Ziele der USA kritisiert werden, ohne dass der segensreiche Einflu\u00df US-amerikanischer Popkultur auf die eigene Biographie auch nur ansatzweise geleugnet werden mu\u00df. Und Israels Siedlungspolitik ist zur\u00fcckzuweisen, ohne dem Staat Israel auch nur die Spur des Existenzrechtes abzusprechen.<\/p>\n<p>Der Krieg hat weder am 11.September angefangen noch mit dem Aufmarsch der US-amerikanischen Truppen. Der Krieg beginnt mit dem Kampf um die Worte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es einen Krieg gibt, hat er dann am 11.September 2001 begonnen? 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