{"id":4394,"date":"2001-12-01T00:00:38","date_gmt":"2001-11-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4394"},"modified":"2022-07-26T14:16:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:51","slug":"der-ekel-kommt-hoch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/12\/der-ekel-kommt-hoch\/","title":{"rendered":"Der Ekel kommt hoch!"},"content":{"rendered":"<p>Am 29.10.2001 stand Staatsgast Gerhard Schr\u00f6der bei seinem Indien-Besuch in Neu-Delhi am Rajghat, der St\u00e4tte, an welcher der gewaltlose Revolution\u00e4r Mahatma Gandhi nach seiner Ermordung durch einen Hindu-Fundamentalisten verbrannt wurde. Einen Tag vorher hatte Schr\u00f6der in Pakistan neben dem Abschaffer der pakistanischen Demokratie und Putschistengeneral Musharraf die Fortsetzung der Bombardierung Afghanistans, explizit unbegrenzt und ohne Unterbrechung auch im islamischen Fastenmonat gefordert. Nach seiner R\u00fcckkehr von der Asienreise entschied er als erstes, 3900 deutsche Soldaten f\u00fcr den Krieg gegen Afghanistan bereitzustellen &#8211; den ersten Kampfeinsatz deutscher Soldaten au\u00dferhalb Europas &#8211; von der Farce in Somalia einmal abgesehen, als deutsche Soldaten Logistik f\u00fcr indische UN-Truppen bereitstellen mu\u00dften, die ganz zurecht dann lieber doch gleich zuhause blieben.<\/p>\n<p>Am Grabe Gandhis betonte Schr\u00f6der nach Agenturmeldungen, er habe schon immer Gandhis gewaltlosen Kampf um die indische Unabh\u00e4ngigkeit bewundert. In den Fernsehnachrichten am selben Abend wurde Gandhis Gewaltlosigkeit geflissentlich \u00fcbergangen, er wurde als &#8222;Vater der Nation&#8220; und &#8222;Vork\u00e4mpfer der Menschenrechte&#8220; erw\u00e4hnt, bevor dann wieder die Notwendigkeit des Krieges gegen Afghanistan betont wurde.<\/p>\n<p>Es kann hier viel gegen die problematische Erhebung Gandhis zu Indiens Nationalhelden eingewandt werden, auch gegen den Usus, da\u00df jeder staatsministerielle Depp, der Indien einen Besuch abstattet, vom Papst bis zu Schr\u00f6der, der Verbrennungsst\u00e4tte einen fast schon obligatorischen Besuch abstatten und scheinheilig Bewunderung heucheln will. Auch kann hier viel \u00fcber die absurde Tatsache spekuliert werden, da\u00df die Gastgeberregierung von Premier Vajpayee den M\u00f6rder Gandhis, Nathuram Godse, als ebenfalls vaterlandstreuen Nationalisten rehabilitiert hat und von daher zu der grenzenlosen Scheinheiligkeit dieser Kondolenzrituale geh\u00f6rig beitr\u00e4gt. F\u00fcr Detailverliebte k\u00f6nnte hier \u00fcber die eigenen Widerspr\u00fcche Gandhis einiges gesagt werden, denen er sich jedoch nicht zuletzt in seinem Briefwechsel mit dem holl\u00e4ndischen Anarchisten Bart de Ligt gestellt und die er sp\u00e4ter korrigiert hat. Trotzdem w\u00e4ren all diese Er\u00f6rterungen eine Bagatelle im Vergleich zu dem, was hier vor sich ging. Denn es ist davon auszugehen, was die Welt \u00fcber Gandhi zurecht verinnerlicht hat, und was sich auch durch allerlei Staatssymbolik nicht beiseite wischen l\u00e4\u00dft: da\u00df Gandhi zuallererst als Symbol f\u00fcr Gewaltlosigkeit und Kriegsgegnerschaft und diesbez\u00fcglich vor der Geschichte nicht schlecht dasteht.<\/p>\n<p>Und jetzt kommt so ein Schr\u00f6der wie ein Elefant im Porzellanladen daher und findet nichts dabei, so eben zwischen Bombenhagel und deutschem Milit\u00e4rimperialismus dort einen Kranz niederzulegen. Zu dieser Frechheit f\u00e4llt einem nichts mehr ein, oder vielleicht, um mit der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy in ihrem letzten Spiegel-Essay zu reden, als sie auf das Kriegsgeheul eines anderen Sozialdemokraten, Tony Blairs n\u00e4mlich, antwortete: &#8222;Jetzt wissen wir Bescheid. Schweine sind Pferde. M\u00e4dchen sind Jungen. Krieg ist Frieden.&#8220;<\/p>\n<p>Von einer rechten oder konservativen Regierung w\u00e4re keine andere Politik zu erwarten, ein Kohl, eine Merkel oder ein Stoiber w\u00e4ren selbstredend so kriegerisch wie Schr\u00f6der jetzt, wenn sie an der Macht w\u00e4ren &#8211; aber, und das ist der Unterschied, ich bezweifle, da\u00df sie so dreist und vor allem so klebrig heuchlerisch w\u00e4ren. Sie h\u00e4tten vielleicht sogar das Protokoll eines Staatsbesuchs in Indien in diesen &#8222;harten Zeiten&#8220; so angeordnet, da\u00df sie einem Besuch des Rajghats diskret aus dem Wege gegangen w\u00e4ren. Oder bin ich da zu optimistisch? Als Libert\u00e4rer verehre ich die Konservativen jedenfalls ob ihrer Ehrlichkeit, ob ihrer klaren Haltung als Gegner, der sich nicht mit den im Grunde zu bek\u00e4mpfenden Traditionen gemein macht, der sie nicht auf Teufel komm raus integrieren will, wo es einfach nichts mehr zu integrieren gibt.<\/p>\n<p>Dagegen verabscheue ich alle Sozialdemokraten auf der Welt gerade deshalb, weil sie so widerlich heucheln, weil sie wie weiland Noske noch von Sozialismus daherschwafeln, w\u00e4hrend sie das reaktion\u00e4re Milit\u00e4r auf ArbeiterInnen hetzen; weil sie einem gewaltlosen Revolution\u00e4r bewundernd kondolieren, w\u00e4hrend sie das reaktion\u00e4re Milit\u00e4r auf eine hungernde afghanische Bev\u00f6lkerung hetzen. Es wird einem schlecht, wenn man\/frau Schr\u00f6der dieser Tage sieht. Schr\u00f6der ist ein lebendiger Beweis daf\u00fcr, da\u00df Juso-Karrieren in Heuchelei, Imperialismus, Mord und Totschlag enden k\u00f6nnen. Wehret den Anf\u00e4ngen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 29.10.2001 stand Staatsgast Gerhard Schr\u00f6der bei seinem Indien-Besuch in Neu-Delhi am Rajghat, der St\u00e4tte, an welcher der gewaltlose Revolution\u00e4r Mahatma Gandhi nach seiner Ermordung durch einen Hindu-Fundamentalisten verbrannt wurde. 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