{"id":4407,"date":"2001-12-01T00:00:26","date_gmt":"2001-11-30T22:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4407"},"modified":"2022-07-26T14:26:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:16","slug":"kandahar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/12\/kandahar\/","title":{"rendered":"Kandahar"},"content":{"rendered":"<p>Ein beeindruckender und aktueller Film aus der iranischen Filmszene,                 die unter den Bedingungen des Exils und mit meist geringen Budgetmitteln                 hervorragende Werke hervorbringt. Regisseur Mohsen Makhmalbaf                 wollte wohl eine ignorante Welt zur Wahrnehmung der Frauenunterdr\u00fcckung                 durch die Taliban aufr\u00fctteln, als er diesen Film drehte. Nun wird                 er ebenso sicher zur Legitimationspropaganda f\u00fcr den Krieg des                 Westens instrumentalisiert werden. Wenn der Film, der in Frankreich                 und England bereits gelaufen ist, dadurch auch den Weg in die                 deutschen Kinos findet, ist das nicht schlimm &#8211; denn Mohsens inhaltliche                 Aussage l\u00e4\u00dft sich nicht verbiegen, ist zeitlos g\u00fcltig: mit dem                 Zwang zur Burka, der totalen Verschleierung, aus der heraus eine                 Frau die Welt wie aus einem permanenten Gef\u00e4ngnis betrachten mu\u00df,                 wenn sie den Fu\u00df aus dem Haus setzen will, ist jede Grenze eines                 sch\u00fctzenden Sinns der islamischen Verschleierung \u00fcberschritten.                 Das Leben der so permanent in ihrem Alltagsverhalten umst\u00e4ndlich                 drangsalierten Frauen wird zur Qual. Es gibt eine Grenze f\u00fcr jeden                 Kulturrelativismus, und der hei\u00dft eindeutig festmachbare Herrschaft,                 eindeutig festmachbare Gewalt. Und die ist beim Zwang zur Burka                 gegeben, das ist das Thema und die Aussage des Films.<\/p>\n<p>Verpackt ist das in eine Story, die weitaus mehr behandelt: eine                 afghanische Fl\u00fcchtlingsfrau, die den Weg nach Kanada gefunden                 hatte, kehrt ins Land der Taliban zur\u00fcck, weil ihre Schwester                 unter den Bedingungen der Frauendiskriminierung so leidet, dass                 sie nach Kanada schrieb, sie werde sich in der Nacht der totalen                 Sonnenfinsternis das Leben nehmen. Also will die Kanado-Afghanin                 nach Kandahar, um ihre Schwester vom Selbstmord abzuhalten und                 ihr neue Hoffnung zu geben. Der Film beschreibt den Weg nach Kandahar                 und bricht bei der Ankunft in der Stadt unvermittelt ab. Dennoch                 erfahren die ZuschauerInnen in eindringlichen Szenen etwas vom                 Leben unter den Taliban und den Folgen der permanenten Kriege                 in Afghanistan: thematisiert werden die Minenopfer und ihr j\u00e4mmerliches,                 gleichzeitig unsolidarisches Betteln um k\u00fcnstliche Gliedma\u00dfen                 bei internationalen Hilfsorganisationen; thematisiert werden islamistische                 Koranschulen und der \u00dcberlebenskampf eines von diesen Schulen                 geflogenen Jungen, der zum zeitweiligen Begleiter der schon halb                 verwestlichten Kanado-Afghanin wird; thematisiert wird interessanterweise                 auch der verloren gegangene Traum eines US-amerikanischen Black                 Muslim, der nach Afghanistan gegangen ist, um gegen die Sowjets                 zu k\u00e4mpfen und nun desillusioniert ist &#8211; er hilft der Kanado-Afghanin                 durch die Fallstricke des Alltags im Taliban-Regime.<\/p>\n<p>Wenn nach dem Einmarsch der Nordallianz &#8211; der in dieser Hinsicht                 \u00fcbrigens nicht zu trauen ist &#8211; in Kabul Frauen vereinzelt ihre                 Burka abgelegt haben und sie wieder in die Schule und zur Arbeit                 d\u00fcrfen, dann ist das f\u00fcr sie tats\u00e4chlich eine Befreiung aus einem                 Leben im Gef\u00e4ngnis ohne Gef\u00e4ngnismauern. Das ist nicht die Frage,                 die KriegsgegnerInnen berechtigterweise anzweifeln k\u00f6nnen. Die                 Frage ist, ob die wahrscheinlich Tausenden von Toten, darunter                 viele Unschuldige, die die mittlerweile siebenw\u00f6chigen Bombardements                 und der weitere Krieg in Afghanistan gekostet haben und kosten                 werden, gegen diese Form der gewaltsamen Befreiung &#8211; die auf unsicheren                 F\u00fc\u00dfen steht, was die Warlords der Nordallianz betrifft -, tats\u00e4chlich                 aufgewogen und ob sie dadurch gerechtfertigt werden kann. Das                 kann von KriegsgegnerInnen in Zweifel gezogen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein beeindruckender und aktueller Film aus der iranischen Filmszene, die unter den Bedingungen des Exils und mit meist geringen Budgetmitteln hervorragende Werke hervorbringt. Regisseur Mohsen Makhmalbaf wollte wohl eine ignorante Welt zur Wahrnehmung der Frauenunterdr\u00fcckung durch die Taliban aufr\u00fctteln, als er diesen Film drehte. 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