{"id":4421,"date":"2001-12-01T00:00:12","date_gmt":"2001-11-30T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4421"},"modified":"2022-07-26T14:26:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:16","slug":"bin-laden-und-die-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/12\/bin-laden-und-die-moderne\/","title":{"rendered":"Bin Laden und die Moderne"},"content":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zu vielen Unterstellungen ihrer KritikerInnen und ganz im Gegensatz auch zum letzten Krieg der NATO gegen Jugoslawien stellt sich in der Friedensbewegung niemand hin und sagt, er oder sie verteidige die bisherige Regierung der Angegriffenen, also die Taliban. Niemand, von marginalen und obskuren Sekten vielleicht abgesehen, die sich bei langwieriger Suche immer finden lassen, hat ernsthaft die Taliban in Afghanistan oder Bin Ladens weltweite Terrororganisation verteidigt, die ganz zu Unrecht den Namen &#8222;Basis&#8220; besitzt. Wiederholt ist etwa in den Spalten der &#8222;Graswurzelrevolution&#8220; auf die grausame und intolerable Unterdr\u00fcckung der Frauen in Afghanistan hingewiesen worden, die von den Westm\u00e4chten lange ignoriert und jetzt ebenso n\u00fctzlich f\u00fcr die Legitimation des Bombenkrieges (denn es ist ja nicht nur die USA und GB, sondern auch etwa die BRD, die Krieg f\u00fchrt) ist, wie sie beim neuen Verb\u00fcndeten, der sogenannten &#8222;Nordallianz&#8220;, keineswegs verschwunden ist: Die Warlords der Nordallianz, die von 1992 bis 1996 schon einmal herrschten und damals den permanenten B\u00fcrgerkrieg f\u00fchrten, &#8222;haben Kabul auf dem Gewissen und die Vergewaltigung Tausender Frauen.&#8220; ((1)) Dieselben Frauen, die nun nach dem patriarchalen Gef\u00e4ngnisstaat der Taliban endlich ihre Gesichter wieder zeigen k\u00f6nnen, haben 1996 beim Einmarsch der Taliban gejubelt, weil diese den Massenvergewaltigungen der Warlord-Truppen im B\u00fcrgerkrieg ein vorl\u00e4ufiges Ende bereiteten. So meint die revolution\u00e4re Frauenorganisation Afghanistans, RAWA: &#8222;RAWA hat bereits die abscheulichen Verbrechen der N\u00f6rdlichen Allianz dokumentiert. (&#8230;) Obwohl die N\u00f6rdliche Allianz gelernt hat, vor dem Westen als &#8218;demokratisch\u2019 und sogar als Unterst\u00fctzer der Frauenrechte aufzutreten, haben sie sich in Wirklichkeit nicht im mindesten ge\u00e4ndert, genauso wie ein Leopard seine Flecken niemals \u00e4ndern kann.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Es ist Konsens in der Friedensbewegung, sich nicht mit einer Seite in diesem Krieg gemein zu machen, wie das manche antiimperialistischen Teile von ihr im Jugoslawienkrieg durchaus noch mit dem Milosevic-Regime machten. Wenn das aber so ist, dann ist die Aufdeckung der Herrschaftsstrukturen auf Seiten des islamistischen Terrorismus genauso wichtig wie die Denunziation derjenigen der NATO. Tendenziell w\u00e4re es sogar legitim, von der Friedensbewegung Antworten auf die Frage zu erwarten, wie denn Bin Laden oder die Taliban oder etwa auch das nach innen ungeheuer repressive, offiziell prowestliche saudi-arabische Regime nichtbewaffnet bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnten?<\/p>\n<h3>Bin Laden als vom Westen aufger\u00fcsteter Terrorist und Kapitalist<\/h3>\n<p>Da\u00df der Islamismus Bin Ladens eher als modernes Ph\u00e4nomen denn als Ausdruck des Archaischen oder als Schuld des Islam gedeutet werden mu\u00df, zeigt schon sein Beruf: er ist als steinreicher Bauunternehmerssohn sein Leben lang in erster Linie Kapitalist gewesen. Sein Vater ist durch den Ausbau der heiligen Moscheen in Mekka und Medina im Auftrag der saudischen K\u00f6nigsfamilie reich geworden. Als Osama Bin Laden das erste Mal nach Afghanistan ging, um dort die Sowjets zu bek\u00e4mpfen, hat er nicht nur Gelder aus Saudi-Arabien mitbekommen, sondern ab 1986 auch Gelder und Waffen vom CIA \u00fcber dessen Chef William Casey. Dritter im Bunde war schlie\u00dflich der pakistanische Geheimdienst ISI, der ebenfalls aus dem Westen kommende Gelder und Waffen nach Afghanistan lieferte und deren Kreation zu einem nicht unbetr\u00e4chtlichen Teil die Taliban waren. Diese Tatsachen sind bekannt, \u00fcber sie ist in letzter Zeit viel ver\u00f6ffentlicht worden. ((3))<\/p>\n<p>Bin Laden ist keineswegs irgendein archaischer W\u00fcstenclanchef, sondern ein moderner Kapitalist, der seine Kriegsstrategie den \u00f6rtlichen Gegebenheiten anpasst. Wenn man\/frau zudem noch bedenkt, da\u00df Bin Ladens letztliche Radikalisierung und seine Ausweisung aus Saudi-Arabien damit zusammenh\u00e4ngen, da\u00df er die US-Pr\u00e4senz in Saudi-Arabien bis weit nach dem Golfkrieg verurteilte und sich erst daraus seine Kritik am Ausverkauf des \u00d6lreichtums Saudi-Arabiens zu dem Westen genehmen Preisen ergibt, dann mu\u00df die Ursache seines Terrorismus in erster Linie als Ausdruck kapitalistischer Konkurrenz gedeutet werden: Bin Laden h\u00e4lt sich oder Saudi-Arabien f\u00fcr den eigentlichen Eigent\u00fcmer der \u00d6lquellen und also f\u00fcr diejenigen, die dar\u00fcber bestimmen sollen, unter welchen Bedingungen sie ausgebeutet werden k\u00f6nnen. Und weil die gegenw\u00e4rtigen Regierungen in Saudi-Arabien u.a. islamischen L\u00e4ndern, wie etwa Pakistan, nicht gem\u00e4\u00df dieser kapitalistischen Konkurrenzsituation handeln, will er sie st\u00fcrzen und durch im Grunde nationalkapitalistisch handelnde Regierungen abl\u00f6sen, ob sie nun von ihm oder von einem seiner Getreuen gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Und weil die USA derzeit die Bedingungen setzt, unter denen die \u00d6lquellen in Saudi-Arabien und im Persischen Golf &#8211; und vielleicht bald auch im \u00f6lreichen Kasachstan &#8211; ausgebeutet werden, ist Bin Ladens konkurrenzorientierter Gegenpart die USA. Und weil die USA derzeit die einzige Weltmacht ist, ist dieser aus kapitalistischer Konkurrenz hervorgegangene Krieg Bin Ladens ein Krieg im Weltma\u00dfstab. Bin Ladens Gruppe mu\u00df so als aufstrebende Machtgruppierung gedeutet werden, deren erstes Ziel der Sturz prowestlicher Regierungen in der arabisch-islamischen Welt ist. Insofern kommt ihm der Krieg des Westens gegen Afghanistan entgegen und tappt der Westen in eine Falle Bin Ladens, weil nur unter den Bedingungen der Emp\u00f6rung in der jeweiligen Bev\u00f6lkerung \u00fcber diesen Krieg Regimes wie die der Fahds in Saudi-Arabien oder Musharrafs in Pakistan ins Wanken kommen. ((4))<\/p>\n<h3>Die Rolle des Islam<\/h3>\n<p>Vom Islam war in all diesen machtstrategischen \u00dcberlegungen Bin Ladens bisher noch \u00fcberhaupt nicht die Rede. Das Ph\u00e4nomen Bin Laden ist auch insofern ganz anders als fr\u00fchere unterdr\u00fcckte Gruppierungen oder &#8222;V\u00f6lker&#8220;, die sich gegen den Imperialismus des Westens oder der USA wandten, weil eine soziale Rhetorik bei Bin Laden keine Rolle spielt. Er h\u00e4lt zwar die Dominanz der USA \u00fcber die \u00d6lquellen aus nationalarabischen Gr\u00fcnden f\u00fcr ungerecht, nichts jedoch deutet darauf hin, da\u00df ein Erfolg seiner Machtanspr\u00fcche etwa in Saudi-Arabien oder Pakistan darauf hinausliefe, z.B. den einfachen Menschen jeweils den gleichen Anteil am \u00d6lreichtum zu vermachen. Ganz im Gegensatz zu fr\u00fcheren Auseinandersetzungen geht es bei Bin Laden nicht um soziale Emanzipation, in Afghanistan oder Pakistan auch keineswegs um eine Ausschaltung des Hungers oder der Armut. Wenn Bin Laden baut, dann baut er Protzbauten f\u00fcr seine Auftrag- oder Gastgeber oder Infrastruktur f\u00fcr milit\u00e4rische Aufmarschgebiete und nicht in erster Linie Sozialwohnungen.<\/p>\n<p>In den gescheiterten sozialistischen und nationalen Befreiungsbewegungen der &#8222;Dritten Welt&#8220; liegt jedoch auch schon eine Ursache einerseits f\u00fcr die fehlende soziale Rhetorik, andererseits f\u00fcr den Rekurs auf den Islam. Der Islam wird also instrumentalisiert f\u00fcr Bin Ladens Machtstrategie &#8211; ebenfalls eine sehr moderne Art des Umgangs mit einer Religion.<\/p>\n<p>Da\u00df der Islam so etwas mit sich machen l\u00e4\u00dft, hat nat\u00fcrlich mit seinem inh\u00e4renten Autoritarismus zu tun, der bei ihm nicht ausgepr\u00e4gter als in anderen Weltreligionen ist, aber gleichwohl nat\u00fcrlich vorhanden. Es n\u00fctzt hier \u00fcberhaupt nichts, darum herumzureden, da\u00df mittels des Islam nat\u00fcrlich genauso Gewalt wie ihr Gegenteil, Gewaltlosigkeit, gerechtfertigt werden kann. Die terroristischen Islamisten finden im Islam mindestens vier Quellen zur Begr\u00fcndung von Gewalt:<\/p>\n<p>1. Zun\u00e4chst kann die Entstehung des Islam bereits als kriegerische Staatsgr\u00fcndungsideologie gedeutet werden: im Jahre 622 fl\u00fcchtete der Prophet Muhammad nach Medina, verb\u00fcndete sich mit den dort Herrschenden und f\u00fchrte mit ihnen schlie\u00dflich einen Krieg sowohl gegen die umliegenden arabischen St\u00e4mme der Beduinen (die \u00fcbrigens in vielen Quellen als anarchisch strukturiert beschrieben werden, was allerdings nicht idealisiert werden sollte) und gegen Mekka, und beiderseits gegen deren Polytheismus und f\u00fcr den islamischen Monotheismus. Heraus kam mit dem Islam gleichzeitig ein Milit\u00e4rstaat, der sich von den beduinischen Stammesstrukturen unterschied, und woraus sich die permanente Schwierigkeit des Islam, Politik und Religion zu trennen, erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>2. Gewalt wird im Koran als &#8222;Futuhat&#8220;, als milit\u00e4rische Eroberung zur Ausbreitung des Islam, sanktioniert. Der &#8222;Futuhat&#8220; ist Teil des &#8222;Djihad&#8220;, der wiederum mit Anstrengung zur Verbreitung des Islam \u00fcbersetzt werden mu\u00df. Das bedeutet also: die Verbreitung des Islam kann, mu\u00df nicht, \u00fcber milit\u00e4rische Eroberung geschehen (Alternativen w\u00e4ren: \u00dcberzeugung, friedliche Eroberung). Der Djihad kann, mu\u00df nicht, Gewalt bedeuten. Es gibt wie in jeder Missionsreligion eine Aufteilung in Gl\u00e4ubige (Umma, Haus des Friedens) und Ungl\u00e4ubige (Harb, Haus des Krieges). Der Krieg gegen Ungl\u00e4ubige ist erlaubt, weil Ungl\u00e4ubige weniger wert sind als Gl\u00e4ubige (aber: Ungl\u00e4ubige sind auch nicht nichts wert oder k\u00f6nnen auch nicht als Unmenschen definiert werden, weil sie ja missioniert werden, also potentiell Teil der Umma werden k\u00f6nnen). Futuhat ist aber als kollektiver Krieg zur Ausbreitung des Islam definiert, er verbietet individuelle T\u00f6tung, erlaubt auch Enklaven monotheistischer Minderheiten (Christentum, Judentum) innerhalb des Ausbreitungsgebietes und besteht auf einem Kodex des ritterlichen Kampfes, verbietet das Umbringen von Nichtkombattanten, also ZivilistInnen oder Verwundeten.<\/p>\n<p>3. Gewalt wird in der Fr\u00fchgeschichte des Islam als &#8222;Ridda&#8220; sanktioniert: da der Islam in den Augen der besiegten Beduinenst\u00e4mme an die Person Muhammads als Imam gekn\u00fcpft war (Imam hei\u00dft &#8222;F\u00fchrer&#8220;), hie\u00df das f\u00fcr sie nach dem Tode Muhammads auch, dass sie fortan nicht mehr an den Islam gebunden waren. Die nachfolgenden Imame nach Muhammad mu\u00dften also erneut Krieg gegen die wieder abgefallenen St\u00e4mme f\u00fchren, um ihren F\u00fchrungsanspruch durchzusetzen (Ridda). Ridda hie\u00df in der sp\u00e4teren Geschichte des Islam auch jede Art von Glaubensabfall. Vor allem alternative Koraninterpreten wurden oftmals der Ridda beschuldigt, ebenso KetzerInnen. Die ausgesprochenen Todesurteile wegen Glaubensabfall (Apostasie) gegen Mahmud Taha (islamischer Gewaltloser), Salman Rushdie (indischer Schriftsteller) oder Taslima Nasrin (feministische Schriftstellerin aus Bangla-Desh) wurden mit der Tradition der Ridda begr\u00fcndet. Innerhalb der Ridda wiederum wird auch die individuelle T\u00f6tung, das Todesurteil (Fatwa), gerechtfertigt.<\/p>\n<p>4. Gewalt wird im weiteren Verlauf der Fr\u00fchgeschichte des Islam auch als &#8222;Fitna&#8220; sanktioniert: Fitna hei\u00dft eigentlich S\u00fcnde, Unruhe innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft, und bezeichnet einen innerislamischen Krieg, der in der islamischen Fr\u00fchgeschichte bereits bei der Ermordung des dritten Kalifen Uthman (Kalif ist der Nachfolger Mohammeds, der die Pflicht zur Einigung der Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen hat und von Gott eingesetzt ist) erstmals auftaucht und sich dann oft wiederholte. Uthman wurde durch rivalisierende Quraisch-St\u00e4mme ermordet (aus dem Stamm der Quraisch kam Muhammad). Das Interessante ist aber, dass man nach der Niederlage von Uthmans Truppen 40 Tage wartete und dar\u00fcber nachdachte, ob man ihn nun ermorden darf oder nicht: denn Uthman war als Kalif und Imam von Gott eingesetzt und weigerte sich, sein Amt aufzugeben, dazu habe er als Mensch kein Recht. Das machte den Aufst\u00e4ndischen Probleme. Bassam Tibi schreibt dazu: &#8222;Ein Widerstandsrecht, das die Aufst\u00e4ndischen legitimieren k\u00f6nnte, gibt es im Islam nicht. Die Linie der Argumentation verl\u00e4uft anders: Weil Uthman f\u00fcr sie nicht mehr den wahren Imam personifizierte, war die Rebellion gegen ihn keine Verweigerung der Untergebenheit. (&#8230;) Nach ihrem islamischen Selbstverst\u00e4ndnis waren sie nicht die Armee des Kalifen, sondern die Umma- oder die Djihad-Armee, also Soldaten Gottes; denn ihre Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem Imam gilt Allah, nicht der Person des Herrschers. (M.E. lie\u00dfe sich aus dieser Argumentation durchaus ein gewaltloses Widerstandsrecht begr\u00fcnden, auch ein libert\u00e4res, wenn die neue Loyalit\u00e4t nicht gleichzeitig einem Gegen-Imam \u00fcbertragen w\u00fcrde; d.A.) Diese Position vertreten in unserer Gegenwart fundamentalistische M\u00f6rder in Algerien oder \u00c4gypten, die sich Allahs K\u00e4mpfer nennen. Die Djihad-M\u00f6rder des \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten Sadat gelten ihnen als j\u00fcngers Vorbild f\u00fcr die Entmachtung eines Herrschers, dem die Legitimit\u00e4t des Imam abgesprochen wurde.&#8220; ((5)) Danach begreifen sich bewaffnete Islamisten innerhalb des Islam also nicht als Widerst\u00e4ndler, sondern immer schon als Gotteskrieger, als Rechtgeleitete, und ihre Anf\u00fchrer als eigentliche Imame im Gegensatz zu bek\u00e4mpften Imamen oder F\u00fchrern oder Regierenden, die ihren Pflichten zur Einheit der Umma nicht nachkommen (deswegen aber mu\u00df es also auch immer einen &#8222;F\u00fchrer&#8220; geben und also ist eine islamische Guerilla nie nichthierarchisch strukturiert!). So auch Bin Laden, der eine Fatwa (Todesurteil) auf die US-AmerikanerInnen ausspricht, obwohl er in den Augen der meisten MuslimInnen gar kein Recht dazu hat, weil er kein Imam ist. In seinen eigenen Augen ist er jedoch einer, und das gen\u00fcgt ihm wohl. Auch Chomeini war vor seiner Machtergreifung im Iran ein selbsternannter Imam im Untergrund.<\/p>\n<p>Das praktische Ergebnis dieser vielen Formen, in denen im Islam Gewalt sowohl nach innen wie nach au\u00dfen gerechtfertigt werden kann, ist eine Verlaufsgeschichte des Islam, die von einer Gewaltgeschichte und allen Formen des individuellen und kollektiven Mordes und Kriegen begleitet ist (das ist ja, wie wir wissen, im Christentum nicht anders). Nur: jede heutige islamistische Gruppe geht hier instrumentell vor. Sie holt sich im Koran oder in der Geschichte des Islam genau diejenige Rechtfertigungsideologie, die sie f\u00fcr ihre Situation oder ihre Kriegsf\u00fchrung braucht. Es geht beim Ph\u00e4nomen des Islamismus also nicht um den Islam, sondern um eine Instrumentalisierung des Islam.<\/p>\n<p>Und warum ist es der Islam, der instrumentalisiert wird?<\/p>\n<h3>Die verlorene Attraktivit\u00e4t des Sozialismus und ihre Wiedergeburt als herrschaftsloser Sozialismus<\/h3>\n<p>Weil im Verlauf des 20. Jahrhunderts alternative Legitimationen des Widerstands der arabischen und islamischen Welt ihre Attraktivit\u00e4t verloren haben, wird heute wieder auf den Islam zur\u00fcckgegriffen. Diese Legitimationen, mit denen sich die arabisch-islamische Welt gegen den Kolonialismus wehren wollte, waren erstens importiert und zweitens autorit\u00e4r. Weil die Geschichte des Islam bis ins 20. Jahrhundert durchaus mit soviel Gewalt und Krieg verkn\u00fcpft war, kam es zu tausenderlei Spaltungen innerhalb der arabischen und islamischen Welt: die angestrebte Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen ist ein kompletter Mythos des Islam, der nirgendwo seine reale Entsprechung findet. Dennoch ist fast jedes islamische oder arabische Regime und seine Regierung irgendein Ausflu\u00df dieser mannigfachen Spaltungsgeschichte, das gilt f\u00fcr das marokkanische K\u00f6nigshaus, f\u00fcr die Mullahs im Iran, f\u00fcr den Wahabitismus Saudi-Arabiens ebenso wie f\u00fcr Syrien oder den jordanischen K\u00f6nig. Ihre Regierenden legitimieren sich alle in der ein oder anderen Form als Imame oder Kalifen.<\/p>\n<p>Weil der Kalif des Osmanischen Reiches dem europ\u00e4ischen Kolonialismus erkennbar nichts mehr entgegensetzen konnte und wollte, war der Islam im fr\u00fchen 20. Jahrhundert durchaus offen f\u00fcr eine Verbindung mit der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung, nur deren Ideologien waren ja alles andere als antiautorit\u00e4r: importiert wurden der europ\u00e4ische Nationalismus und damit der moderne Nationalstaat, z.B. im antikolonialen Kampf von den Jungt\u00fcrken bis zu Kemal Atat\u00fcrk oder im Panarabismus bis hin zu Nasser; importiert wurde auch der autorit\u00e4re Sozialismus nach dem Vorbild der Sowjetunion. In \u00c4gyptens Nasser sahen die einen den &#8222;arabischen Bismarck&#8220;, die anderen den &#8222;arabischen Lenin&#8220;. Und diese Verbindung machte den arabischen Sozialismus Nassers autorit\u00e4r und antisemitisch: er bekam weiter Risse durch die komplette milit\u00e4rische Niederlage \u00c4gyptens im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel 1967. Als die Sowjetunion 1979 Afghanistan \u00fcberfiel und in zehn Jahren ca. 1 Million Tote mitverantwortete, hatte sich der Import des autorit\u00e4ren Staatssozialismus f\u00fcr den Islam zum Desaster verwandelt. Und der Staatssozialismus wurde in den Augen der breiten Massen nat\u00fcrlich mit Sozialismus \u00fcberhaupt gleichgesetzt.<\/p>\n<p>Beim Import europ\u00e4ischer Nationalismus sieht es nicht besser aus: Die T\u00fcrkei Atat\u00fcrks ist heute in der NATO und gilt als Komplize der USA bei der Ausbeutung der arabischen \u00d6lquellen. Der europ\u00e4ische Nationalismus und der autorit\u00e4re Sozialismus sind diskreditiert, was bleibt zur Legitimation des Widerstands gegen westliche Dominanz, f\u00fcr die es gibt, ist der Islam. Das Auftauchen des terroristischen Islamismus seit den 80er Jahren ist also zun\u00e4chst Ausdruck des Versagens importierter europ\u00e4ischer Ideologien.<\/p>\n<p>Da\u00df die arabische und islamische Welt \u00f6konomisch vom Westen dominiert und ihre \u00d6lquellen zu vom Westen diktierten Bedingungen ausgebeutet werden, da\u00df hierin eine Ungerechtigkeit besteht, ist eine Realit\u00e4t, die in der muslimischen Welt weithin geteilt wird und woraus Bin Laden seine politische Macht sch\u00f6pft, woraus auch immer wieder neue Bin Ladens hervorgehen werden. Da\u00df die arabische und islamische Welt in ihrem Innern \u00e4u\u00dferst hierarchisch und antisemitisch strukturiert ist und eine lange Gewaltgeschichte aufweist, ist ebenso Realit\u00e4t und durch den Import des europ\u00e4ischen Nationalismus und Staatssozialismus keineswegs durchbrochen, sondern eher noch verst\u00e4rkt worden. Bin Laden als reicher Konkurrenzkapitalist k\u00f6nnte langfristig also nur wirklich bek\u00e4mpft werden, wenn ein neuer herrschaftsloser Sozialismus es verm\u00f6gen w\u00fcrde, sowohl innere Hierarchien aufzubrechen als auch eine neue Legitimationsgrundlage abzugeben f\u00fcr den Kampf gegen westlich-kapitalistische Dominanz. Wenn es einen solchen neuen Sozialismus g\u00e4be, h\u00e4tten reiche Konkurrenzkapitalisten wie Bin Laden keine Chance mehr, in einem weithin geteilten Gef\u00fchl weltweiter Ungerechtigkeit gegen\u00fcber der arabisch-islamischen Welt zu schwimmen wie die Fische im Wasser. Weil die autorit\u00e4ren Importe aus Europa im Lauf des 20. Jahrhunderts versagt haben, k\u00f6nnte ein solcher herrschaftsloser Sozialismus durchaus als libert\u00e4re Islaminterpretation etwa nach dem Muster Tahas ((6)) oder anderer autochthoner Quellen oder gewaltloser Islam-Interpretationen entstehen. Ans\u00e4tze eines dezentralen Selbstverwaltungssozialismus gibt es oder sie w\u00fcrden sich finden lassen. Wichtig w\u00e4re ein aus der eigenen Tradition und Kultur begr\u00fcndeter Widerstand gegen althergebrachte Hierarchien, gegen die Diskriminierung der Frau und gegen virulenten Antisemitismus. Europ\u00e4ische und US-amerikanische SozialistInnen k\u00f6nnten hier ihren GenossInnen in der arabisch-islamischen Welt vor allem dadurch helfen, dass sie nicht in die Falle des Kulturrelativismus tappen und den Islam gegen westlichen Rationalismus stellen, sondern einen neuen herrschaftslosen Sozialismus in Europa und den USA etablieren helfen und durch ihren Widerstand daf\u00fcr sorgen, dass die Ausbeutung des arabischen Raumes und ihrer Rohstoffe ebenso beendet wird wie die Kriege des Westens und ihre Truppenpr\u00e4senz im arabischen Raum. Ein solcher libert\u00e4rer Sozialismus w\u00fcrde auch die Attraktivit\u00e4t des herrschaftslosen Sozialismus weltweit st\u00e4rken und zu verbindenden Formen und kultur\u00fcbergreifenden Initiativen aus dem arabischen Raum ermutigen. Ein utopisches Programm &#8211; und doch ein realistischerer Weg zur Beendigung des nichtstaatlichen Terrors als das, was der Staatsterrorismus der westlichen Staaten derzeit praktiziert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zu vielen Unterstellungen ihrer KritikerInnen und ganz im Gegensatz auch zum letzten Krieg der NATO gegen Jugoslawien stellt sich in der Friedensbewegung niemand hin und sagt, er oder sie verteidige die bisherige Regierung der Angegriffenen, also die Taliban. 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