{"id":444,"date":"1996-06-01T00:00:50","date_gmt":"1996-05-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=444"},"modified":"2022-07-26T14:17:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:08","slug":"mehrheitsdiktatur-und-konsensprinzip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/06\/mehrheitsdiktatur-und-konsensprinzip\/","title":{"rendered":"Mehrheitsdiktatur und Konsensprinzip"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst einmal ist es ohnehin sehr zweifelhaft, ob die jahrhundertelange Herrschaft von Minderheiten \u00fcber eine Mehrheit nun tats\u00e4chlich von einer &#8222;demokratischen&#8220; Herrschaft der Mehrheit abgel\u00f6st worden ist.<\/p>\n<p>Politische Entscheidungen werden in der BRD von einer politischen Klasse gef\u00e4llt, die sich in Parteien organisiert, in denen insgesamt nur etwa drei Prozent der Bev\u00f6lkerung Mitglieder sind. Im Bundestag wird eine bunt gemischte Bev\u00f6lkerung zur H\u00e4lfte von juristisch verbildeten AkademikerInnen repr\u00e4sentiert, die sich zwar darauf berufen k\u00f6nnen, &#8222;demokratisch&#8220; gew\u00e4hlt zu sein, aber nach den Wahlen oft genug tun, was sie wollen, ohne R\u00fcckkopplung zu den W\u00e4hlerInnen.<\/p>\n<p>Noch m\u00e4chtiger als PolitikerInnen sind die f\u00fchrenden ManagerInnen der gro\u00dfen Konzerne, die oft \u00fcberhaupt nicht gew\u00e4hlt worden sind, wenngleich auch sie vorgeben, auf dem Boden eines &#8222;demokratischen&#8220; Systems zu stehen. Daher stellt sich die Frage, ob in der heutigen Gesellschaft die Meinung der Mehrheit wirklich so relevant ist, wie uns immer vorgegaukelt wird &#8211; oder ob nicht vielmehr politische und kapitalistische Eliten (sprich: Minderheiten) den Begriff der &#8222;Mehrheitsdemokratie&#8220; zur Legitimation ihrer Herrschaft benutzen.<\/p>\n<p>Es geht mir aber in diesem Beitrag nicht darum zu er\u00f6rtern, wie demokratisch das Gesamtsystem der BRD ist. In erster Linie will ich versuchen, die Frage zu kl\u00e4ren, ob das Prinzip des Mehrheitsentscheids grunds\u00e4tzlich f\u00fcr den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft taugt. Dazu werde ich von der gesamtgesellschaftlichen Ebene auf die Ebene kleinerer Gruppen \u00fcbergehen.<\/p>\n<h3>Die Grenzen des Mehrheitsprinzips<\/h3>\n<p>Wo es eine Mehrheit gibt, da gibt es auch stets eine Minderheit. Wie wird in einer Gesellschaft oder Gruppe, die sich nach dem Prinzip des Mehrheitsentscheids organisiert, mit Minderheiten umgegangen? &#8211; Zun\u00e4chst einmal: Minderheiten werden schlicht und einfach \u00fcberstimmt. Ist den Bef\u00fcrworterInnen der Mehrheitsposition erst einmal klar, da\u00df ihre Position eine Mehrheit erhalten wird, so k\u00f6nnen sie oft den Abstimmungsproze\u00df beschleunigen, die Diskussion um die Bedenken der Minderheit abbrechen. In gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen entstehen h\u00e4ufig st\u00e4ndige Minderheiten, die von den Beschl\u00fcssen einer st\u00e4ndigen Mehrheit zunehmend ausgegrenzt und unterdr\u00fcckt werden. Das Mehrheitsprinzip f\u00fchrt zu Kampfabstimmungen, bei denen es darum geht, durch geschickte Rhetorik oder Taktik eine Mehrheit hinter sich zu bringen, wobei es vorkommen kann, da\u00df eine qualifizierte Minderheitenposition von einer wenig informierten, von ein paar wenigen manipulierten Mehrheit niedergestimmt wird. Am Ende stellt sich der Mehrheitsentscheid nicht als urdemokratisches Prinzip dar, sondern als eine Struktur, die zu einer Diktatur der Mehrheit \u00fcber eine oder mehrere Minderheiten f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Stellen wir uns einmal eine ganz konkrete Sitzung vor, in der nach Mehrheitsprinzip entschieden wird: Da sitzen etwa zwanzig Menschen um einen gro\u00dfen Tisch herum, alle sind Delegierte aus kleineren Gruppen. Zusammen bilden sie einen Ausschu\u00df, der &#8211; theoretisch &#8211; eine eigenst\u00e4ndige Gesamtheit sein soll, nicht die blo\u00dfe Summe der einzelnen, in dem Ausschu\u00df vertretenen Gruppen. Das Bewu\u00dftsein der Delegierten ist aber interessanterweise ein ganz anderes: Sie verstehen sich einzig und allein als VertreterInnen ihrer jeweiligen Gruppen, die anderen Delegierten sind in ihren Augen entweder freundlich, feindlich oder neutral gesinnt. Sinn und Zweck ihrer Anwesenheit in dem Ausschu\u00df sehen fast alle Delegierten darin, unter allen Umst\u00e4nden die Position der eigenen Gruppe durchzusetzen. Mittel dazu sind \u00dcberzeugungsk\u00fcnste, strategisches und taktisches Vorgehen, oft auch einfach &#8222;Totdiskutieren&#8220; der gegnerischen Position, Diskreditierung der &#8222;GegnerInnen&#8220; und andere Nettigkeiten. Auf das, was andere sagen, wird nur insofern geh\u00f6rt, als sich die einzelnen VertreterInnen die Frage stellen, ob es zur Durchsetzung ihrer Position notwendig ist, auf das Gesagte zu reagieren oder nicht. Alles in allem herrscht eine Kampfatmosph\u00e4re, und da sich viele der Anwesenden schon aus fr\u00fcheren Sitzungen kennen, sind die Frontlinien l\u00e4ngst abgesteckt. In den seltenen Pausen wird gemauschelt, getuschelt, intrigiert, ausgewertet. Zart besaitete Gem\u00fcter brechen bei derlei Sitzungen schon mal in Tr\u00e4nen aus, der &#8222;Verschlei\u00df&#8220; an Delegierten ist recht hoch; doch die h\u00e4rtesten unter ihnen kann das nicht schrecken, sie vertreten ihre Gruppen fast seit Menschengedenken &#8211; &#8222;survival of the fittest&#8220;! Und sie wissen, wie sie es anstellen, sind kompetent genug, mit Satzung und Gesch\u00e4ftsordnung nach Belieben umgehen zu k\u00f6nnen, wissen, was ein Gesch\u00e4ftsordnungsantrag ist und wie n\u00fctzlich es sein kann, nach einem solchen von der &#8222;Gegenseite&#8220; gleich noch einen eigenen hinterherzuschicken, um die Tagesleitung endg\u00fcltig zu \u00fcberfordern und dann aus formalen Gr\u00fcnden diesen oder jenen gegnerischen Antrag f\u00fcr ung\u00fcltig zu erkl\u00e4ren. Am Ende der Sitzung Zufriedenheit bei der Mehrheit, Frust bei der Minderheit, und eine Reihe pers\u00f6nlicher Zwistigkeiten wurde wieder einmal gepflegt oder neu geschaffen.<\/p>\n<p>Horrorvision? &#8211; Nein, das war nur ein pers\u00f6nlicher Erfahrungsbericht von Sitzungen, wie ich sie in den letzten Jahren zuhauf erleben durfte; Sitzungen, bei denen fast alles fehlte, was zur Verwirklichung der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft unabdingbar ist: Toleranz, gegenseitiges Zuh\u00f6ren, Respekt vor den Mitmenschen (unabh\u00e4ngig von deren Position), Wille zur Zusammenarbeit und zur Ber\u00fccksichtigung aller bei der Entscheidungsfindung.<\/p>\n<h3>Konsens als Ausweg?<\/h3>\n<p>Die Herrschaft der Mehrheit \u00fcber Minderheiten mag zwar ein historischer Fortschritt sein &#8211; doch um zu einer wirklich freien Gesellschaft zu kommen, ist es notwendig, s\u00e4mtliche Herrschaftsmechanismen abzuschaffen und alle von einer Entscheidung betroffenen Menschen an der Entscheidungsfindung derart teilhaben zu lassen, da\u00df ihnen nicht ein fremder Wille \u00fcbergest\u00fclpt wird. Dazu ist das Mehrheitsprinzip nicht in der Lage; um das zu erreichen, braucht es Konsens &#8211; das hei\u00dft: Ein Beschlu\u00df mu\u00df so gefa\u00dft werden, da\u00df ihn alle Betroffenen mittragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Konsensprinzip ist keineswegs eine moderne Erfindung. Es existierte bereits in vierlerlei Gestalt in anarchischen Gesellschaften, einzelnen feudalen Strukturen, in religi\u00f6sen, sozialistischen, anarchistischen Gemeinschaften vergangener Jahrhunderte.<\/p>\n<p>Was bedeutet Konsens? &#8211; Wer sich noch nicht n\u00e4her damit besch\u00e4ftigt hat, wird das Wort wahrscheinlich spontan mit &#8222;Einstimmigkeit&#8220; \u00fcbersetzen, in der Vorstellung, da\u00df die &#8222;Gegenstimme&#8220; einer einzelnen einen Beschlu\u00df unm\u00f6glich machen w\u00fcrde. Aber ganz so einfach ist es nicht. Es gibt verschiedene Wege, mit Bedenken einzelner oder einer Minderheit umzugehen.<\/p>\n<p>Im Idealfall wird die Minderheit durch Argumente so weit \u00fcberzeugt, da\u00df sie den Beschlu\u00df voll und ganz mittragen kann, oder es wird ein Kompromi\u00df gefunden, mit dem alle einverstanden sind. Manchmal ist es jedoch nicht m\u00f6glich, Bedenken auszur\u00e4umen. In diesem Fall gibt es im wesentlichen drei M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Minderheit legt gegen den Beschlu\u00df ein &#8222;Veto&#8220; ein und verhindert damit den Konsensentscheid.<\/li>\n<li>Die Minderheit stellt ihre Bedenken zur\u00fcck und tr\u00e4gt den Beschlu\u00df mit, was nat\u00fcrlich nur funktioniert, wenn die Bedenken nicht sehr schwerwiegend sind.<\/li>\n<li>Die Minderheit tr\u00e4gt den Beschlu\u00df nicht mit, verzichtet aber auf ein &#8222;Veto&#8220;, um einen Beschlu\u00df gem\u00e4\u00df der Mehrheitsmeinung nicht zu blockieren.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wird ein &#8222;Veto&#8220; eingelegt, so mu\u00df sich die Mehrheit einer Gruppe nicht unbedingt diesem &#8222;Veto&#8220; beugen, denn das k\u00f6nnte &#8211; bei Mi\u00dfbrauch des Konsensprinzips &#8211; leicht zur Diktatur einer Minderheit f\u00fchren oder zur v\u00f6lligen Beschlu\u00dfunf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Es ist durchaus m\u00f6glich, in diesem Fall den Anspruch, im Konsens zu entscheiden, aufzuheben. Logische Folge ist allerdings in aller Regel die Spaltung der Gruppe.<\/p>\n<p>Ist das Konsensprinzip der ideale Weg zur herrschaftsfreien Gesellschaft, zur Ber\u00fccksichtigung aller in der Entscheidungsfindung?<\/p>\n<h3>Eine leicht absurde Vorstellung<\/h3>\n<p>Nehmen wir uns den vorhin beschriebenen Ausschu\u00df vor. Nach langj\u00e4hriger Praxis in Mehrheitsentscheiden hat der Ausschu\u00df in einer besonders turbulenten Sitzung einen folgenschweren Beschlu\u00df gefa\u00dft: Es soll k\u00fcnftig im Konsens entschieden werden! &#8222;Also gut&#8220;, sagen sich die Delegierten, &#8222;da m\u00fcssen wir uns jetzt umstellen.&#8220; Und sie tun es auch. Die Kampfabstimmungen sind jetzt pass\u00e9. Stattdessen bezichtigen sich die Anwesenden gegenseitig, Beschl\u00fcsse zu blockieren, tun aber eben dies auch immer selbst, sobald ihnen ein Beschlu\u00df nicht pa\u00dft. Es hagelt ein &#8222;Veto&#8220; nach dem anderen, der Ausschu\u00df ist zur totalen Entscheidungsunf\u00e4higkeit verdammt &#8211; mal abgesehen von ein paar v\u00f6llig unwichtigen Entscheidungen. &#8211; In der Tat: So w\u00fcrde es wohl aussehen, wenn von einem auf den anderen Tag ein in Mehrheitsentscheid &#8222;ge\u00fcbtes&#8220; Gremium sich auf Konsensentscheid umstellen w\u00fcrde. Denn um im Konsens entscheiden zu k\u00f6nnen, braucht es einige wichtige Voraussetzungen.<\/p>\n<h3>Voraussetzungen f\u00fcr Konsensentscheid<\/h3>\n<p>Eine Grundvoraussetzung, ohne die jeder Versuch, im Konsens zu entscheiden, zum Scheitern verurteilt ist, ist die, da\u00df sich alle Anwesenden dar\u00fcber einig sind, im Konsens entscheiden zu wollen. Ist diese Einigkeit nicht gegeben, so ist ein verantwortungsvoller Umgang mit dem &#8222;Vetoprinzip&#8220; und einigen anderen Charakteristika des Konsensprinzips \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich. F\u00fcr die Delegierten der beschriebenen &#8222;Modellgruppe&#8220; bedeutet dies, da\u00df sie erst einmal lernen m\u00fc\u00dften, sich nicht mehr (nur) als VertreterInnen ihrer jeweiligen Gruppe zu verstehen, sondern (auch) den Ausschu\u00df als eine eigene Gruppe und sich selbst als Teil von dieser zu begreifen. Das alleine reicht jedoch noch nicht aus. Unbedingt notwendig ist es, das bisherige Gegeneinander und Sich-durchsetzen-wollen durch den Wunsch nach Kooperation und die grunds\u00e4tzliche Bereitschaft zu Kompromissen zu ersetzen. Das Verhalten mu\u00df von gegenseitigem Respekt und von gegenseitigem Zuh\u00f6ren gepr\u00e4gt sein, d.h., jede einzelne versucht nun, auf das von anderen Gesagte einzugehen, die Argumente &#8211; auch und gerade die &#8222;gegnerischen&#8220; &#8211; sorgf\u00e4ltig und vorurteilsfrei zu pr\u00fcfen. Pers\u00f6nliche Zwistigkeiten haben im Konsensentscheid keinen Platz; wo sie vorhanden sind, m\u00fcssen sie bei der Entscheidungsfindung zur\u00fcckgestellt werden. Bei der Beschlu\u00dffassung mu\u00df sich jede einzelne bewu\u00dft sein, f\u00fcr die Entscheidungen der Gruppe mitverantwortlich zu sein.<\/p>\n<p>Neben dem Zuh\u00f6ren geh\u00f6rt zum Konsensentscheid auch die Bereitschaft, auf das &#8222;Totreden&#8220; anderer zu verzichten und das eigene Redeverhalten (und die Redezeit!) zu \u00fcberpr\u00fcfen. Kommen auch weniger Redegewandte ausreichend zu Wort? Wird dem, was sie sagen, die gleiche Bedeutung beigemessen wie den rhetorisch Geschickteren oder den in der Gruppe Erfahreneren? Bestehen innerhalb der Gruppe informelle Hierarchien? Wird mit ge\u00e4u\u00dferten Bedenken verantwortungsvoll umgegangen &#8211; von seiten der &#8222;Mehrheit&#8220; wie auch von seiten derjenigen, die die Bedenken \u00e4u\u00dfern? Wie konzentriert werden Entscheidungen und Beschl\u00fcsse gef\u00e4llt, wie sorgf\u00e4ltig werden sie vorbereitet? &#8211; Diese Liste von Fragen zeigt deutlich, vor welche Schwierigkeiten eine Gruppe gestellt ist, will sie im Konsens entscheiden. Doch auch wenn der Weg zu einem Konsensentscheid weitaus beschwerlicher ist als der zu einem Mehrheitsentscheid, so lohnt es sich doch, ihn zu gehen. Denn am Ende sollte eine Entscheidung stehen, mit der alle Betroffenen leben k\u00f6nnen. &#8211; Oder etwa nicht?<\/p>\n<h3>Probleme des Konsensentscheids<\/h3>\n<p>In der Praxis l\u00e4uft es nicht immer so ab, da\u00df Konsensentscheidungen von allen Betroffenen wirklich mitgetragen werden. Auch in Gruppen, die im Konsens entscheiden, kann es vorkommen, da\u00df sich einzelne von einem Beschlu\u00df &#8222;\u00fcberfahren&#8220; f\u00fchlen. Wie das?<\/p>\n<p>Das Konsensprinzip verlangt von jedem einzelnen Mitglied einer Gruppe sehr viel Engagement, Kooperationsbereitschaft und Verantwortungsbewu\u00dftsein. Wer in Konsensentscheiden noch unerfahren ist, wird nicht selten Schwierigkeiten damit haben. Wann soll ich meine Bedenken \u00e4u\u00dfern, wann nicht? Wann ist ein &#8222;Veto&#8220; angebracht, wann nicht? Wie reagiere ich auf die Bedenken anderer?<\/p>\n<p>In relativ homogenen Gruppen, die bereits \u00fcber eine lange Erfahrung mit dem Konsensprinzip verf\u00fcgen, funktioniert die Sache meist sehr gut. Anders sieht es jedoch aus, wenn die Gruppe recht heterogen ist, die einzelnen Menschen in ihr einen sehr unterschiedlichen (Entscheidungs-)Erfahrungshorizont haben. Hier finden sich oft informelle Hierarchien, die Empfindung von Gruppendruck und ein \u00fcbergro\u00dfes Bed\u00fcrfnis nach falsch verstandener Harmonie. Oft geschieht dies, weil die n\u00f6tige Zeit fehlt (oder zu fehlen scheint!), um alle Aspekte einer Entscheidung und alle auftretenden Bedenken so lange zu er\u00f6rtern, bis eine von allen getragene, verantwortungsvolle Entscheidung herauskommt. Ein Hinweis dazu: Meine Erfahrung (und die vieler anderer) mit Entscheidungsfindungen ist die, da\u00df Pausen zwischen einzelnen Redebeitr\u00e4gen oder l\u00e4ngere Pausen in einer festgefahrenen Diskussion den Entscheidungsproze\u00df eher verk\u00fcrzen als verl\u00e4ngern, weil dadurch die M\u00f6glichkeit geschaffen wird, sich noch einmal in Ruhe Gedanken zu machen oder zu einer durch stundenlanges Gerede verlorengegangenen, f\u00fcr verantwortungsbewu\u00dfte Entscheidungen aber unabdingbaren Konzentrationsf\u00e4higkeit zur\u00fcckzugelangen. Ich will sogar behaupten, da\u00df eine zweimin\u00fctige Pause schon so manches Mal ein halbst\u00fcndiges Aneinander-Vorbeireden h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem beim Konsensentscheid ist die Frage der Gruppengr\u00f6\u00dfe. Je gr\u00f6\u00dfer und heterogener die Gruppe, desto schwieriger wird es, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Oft kommt es dann zu faulen Kompromissen, die nichts sind als ein &#8222;Minimal-Konsens&#8220;, eher widerwillig gefa\u00dft, um \u00fcberhaupt zu einem Beschlu\u00df zu kommen. Das erzeugt Unzufriedenheit und Frustration und f\u00fchrt nicht selten dazu, vom Konsensprinzip wieder abzur\u00fccken.<\/p>\n<p>Dieser Schwierigkeit kann begegnet werden, indem Entscheidungen so dezentral wie m\u00f6glich gef\u00e4llt werden. Nur dort, wo es unbedingt notwendig ist, sollten Entscheidungen von einer Basisgruppe auf eine gr\u00f6\u00dfere Ebene verlagert werden. Allerdings ist es in einer komplexen Gesellschaft nat\u00fcrlich alles andere als einfach zu erkennen, welche Entscheidung auf welcher Ebene gef\u00e4llt werden sollte.<\/p>\n<h3>Konsens und Konflikt<\/h3>\n<p>An seine Grenze st\u00f6\u00dft das Konsensprinzip endg\u00fcltig, wenn un\u00fcberbr\u00fcckbare Interessensgegens\u00e4tze auftauchen. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext k\u00f6nnen solche Konflikte oft mit sehr unterschiedlichen Machtpotentialen der beteiligten Konfliktparteien einhergehen. Beispielsweise haben AKW-BetreiberInnen in aller Regel erst einmal ein weit gr\u00f6\u00dferes Machtpotential als AKW-GegnerInnen und sind daher imstande, ihre Position relativ leicht durchzusetzen. In einer solchen Situation w\u00e4re es sicher absurd, wenn die AKW-GegnerInnen den Konflikt durch einen Konsens mit der Gegenseite beizulegen versuchten. Im Gegenteil ist es in diesem Fall notwendig, der eigenen Position erst einmal mehr Gewicht zu verschaffen, z.B. durch gewaltfreie Widerstandsaktionen, mit dem Ziel, zumindest ein Machtgleichgewicht herzustellen. Das bedeutet, da\u00df der Konflikt zuerst bewu\u00dft gemacht und &#8211; unter Umst\u00e4nden auch konfrontativ &#8211; ausgetragen wird, ehe ein L\u00f6sungsversuch in Angriff genommen wird. Um zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft zu gelangen, ist im gesamtgesellschaftlichen Kontext ein dogmatisches Beharren auf dem Konsensprinzip fehl am Platz. Die Gesellschaft kann unm\u00f6glich ver\u00e4ndert werden (zumindest nicht radikal), wenn wir uns um der lieben Harmonie willen nicht auf Konfrontationen mit den Herrschenden einlassen.<\/p>\n<p>Auch in homogeneren, kleineren Gruppen kann es vorkommen, da\u00df es Situationen gibt, in denen keine Einigkeit m\u00f6glich ist. Dann kann es unter Umst\u00e4nden sinnvoll sein, doch wieder auf einen anderen Entscheidungsmechanismus zur\u00fcckzugreifen, sofern eine Entscheidung notwendigerweise gef\u00e4llt werden mu\u00df. Allerdings sollten wir uns auch eingestehen, da\u00df es Konfliktsituationen gibt, die sich erst einmal nicht l\u00f6sen lassen &#8211; weder per Konsens noch auf andere Weise &#8211; und eben ausgehalten werden m\u00fcssen. Manches Mal ist das sehr unangenehm; ein anderes Mal kann es auch sein, da\u00df gerade das Stehenlassen eines Konflikts sich als fruchtbar erweist.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Es mu\u00df sicher nicht noch einmal betont werden, da\u00df das Prinzip des Mehrheitsentscheids zum Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft nicht taugt, sondern diesem im Gegenteil im Wege steht. In der Entscheidungsfindung sind das Konsensprinzip und die m\u00f6glichst weitgehende Dezentralisierung von Entscheidungen zweifellos die besten Mittel, um die Gesellschaft von den derzeitigen Herrschaftsstrukturen zu befreien. Aber der Konsensentscheid ist ein sehr hoher Anspruch, der nur erf\u00fcllt werden kann, wenn alle Beteiligten sich entsprechend daf\u00fcr einsetzen, ihr eigenes Verhalten bei der Entscheidungsfindung selbstkritisch \u00fcberpr\u00fcfen, Verantwortungsbewu\u00dftsein f\u00fcr die Gruppe entwickeln und bereit sind, sich auf die Schwierigkeiten eines Konsensentscheids einzulassen. Wo diese Voraussetzungen fehlen, kann das Konsensprinzip nicht oder nur unzureichend verwirklicht werden. So elementar der Konsensentscheid f\u00fcr den Aufbau einer herrschaftslosen Gesellschaft erscheinen mag, so sollten wir ihn keineswegs zu einem starren, formalistischen Dogma degenerieren lassen. Konsens funktioniert n\u00e4mlich erfahrungsgem\u00e4\u00df am besten mit viel Phantasie, Flexibilit\u00e4t und Spontaneit\u00e4t!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst einmal ist es ohnehin sehr zweifelhaft, ob die jahrhundertelange Herrschaft von Minderheiten \u00fcber eine Mehrheit nun tats\u00e4chlich von einer &#8222;demokratischen&#8220; Herrschaft der Mehrheit abgel\u00f6st worden ist. Politische Entscheidungen werden in der BRD von einer politischen Klasse gef\u00e4llt, die sich in Parteien organisiert, in denen insgesamt nur etwa drei Prozent der Bev\u00f6lkerung Mitglieder sind. 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