{"id":4461,"date":"2002-01-01T00:00:37","date_gmt":"2001-12-31T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4461"},"modified":"2022-07-26T14:26:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:15","slug":"mit-einem-bus-voller-okos-durch-einen-okologischen-albtraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/mit-einem-bus-voller-okos-durch-einen-okologischen-albtraum\/","title":{"rendered":"Mit einem Bus voller \u00d6kos durch einen \u00f6kologischen Albtraum"},"content":{"rendered":"<h3>Fortsetzung des Lateinamerika-Reiseberichts aus GWR 264<\/h3>\n<p>Die R\u00fcckreise war f\u00fcr mich markant. Schon auf der Hinreise habe ich mich \u00fcber die riesigen Baumwollfelder aufgeregt, \u00fcber die die Flugzeuge ihr DDT verspr\u00fchten. Doch die wirklichen Dimensionen sind mir erst auf der R\u00fcckreise bewusst geworden, weil wir ein Teil der Felder auf der Hinreise in der Nacht passiert hatten. Hinzu kommt, dass ich 5 Tage im \u00f6kologischen Paradies gelebt habe, wo ich z.B. das Wasser im Wald an der Quelle geholt und mich dabei Kolibris umringt haben und die tiefe Stille des Waldes mich verzaubert hat und jetzt in einem Bus voller \u00d6kos durch einen \u00f6kologischen Alptraum fahre. Von den kreischenden Arara-Papageienp\u00e4rchen, die im Morgengrauen \u00fcber den Wald ziehen zu den \u00f6den, endlosen Feldern \u00fcber die Flugzeuge tonnenweise ihre Pestizidfracht ergie\u00dfen. Die Erde wird regelrecht todgespritzt. Ich habe mich auf dem ENCA ((1)) mit einer Einheimischen und im Bus mit einer \u00f6kologischen Aktivistin dar\u00fcber unterhalten, wie es dazu kommt. Die Gauchos &#8211; die Bewohner aus dem reichen S\u00fcden Brasiliens, oftmals mit deutschen Vorfahren &#8211; sind regelrecht eingefallen, so die Einheimische. Auf der Suche nach Fl\u00e4chen wo noch keine resistenten Insekten gegen das Pestizid existieren, angetrieben von Profitmaximierung, zusammen mit multinationalen Agrokonzernen, Kapital und Technologie. Zuerst wird das leicht verwertbare Holz ausgebeutet, dann kommt der Feuersturm und zum Schluss wird alles mit schweren Landmaschinen eingeebnet. Dann werden mit Hi-tec-Saatgut (Mais und Soja genmanipuliert), Kunstd\u00fcnger, Unmengen von Pestiziden (haupts\u00e4chlich DDT, welches auch in Deutschland hergestellt wird, aber deren dortige Anwendung verboten ist) und modernsten Landmaschinen gigantische Monokulturen errichtet. Bei Soja (genmanipuliert, patentiert von Monsanto) wird mit dem Flugzeug ges\u00e4t, und sp\u00e4ter mit dem Round-up-Ready-Pestizid von Monsanto r\u00fcbergegangen, das alle Pflanzen bis auf die Soja killt. Diese Produktionsweise funktioniert erst bei 10.000 ha aufw\u00e4rts, verlangt nach weiterer Landkonzentration und ist das verordnete Entwicklungsmodell des IWF und der Weltbank, bei dem die wenigen Gro\u00dfgrundbesitzer und Gauchos aus dem S\u00fcden immer reicher werden und der gro\u00dfe Teil der Landbev\u00f6lkerung ihrer Lebens- bzw. Subsistenzgrundlange beraubt wird. In wenigen Jahren sind die B\u00f6den so stark verarmt und erodiert, dass der Mensch es geschafft hat, aus Profitgier eine tier- und pflanzenreiche Landschaft in eine \u00f6kologische W\u00fcste zu verwandeln. Hinzu kommt die entwurzelte Landbev\u00f6lkerung, dessen einzige Ausflucht es zu sein scheint, in die Stadt zu ziehen, wo das Massenelend der Favelas auf sie wartet.<\/p>\n<p>In der Nacht der R\u00fcckfahrt hatte der Vollmond eine fast blutrote Farbe, durch die erodierte rote Erde, die der Wind aufgewirbelte. Das Bild war f\u00fcr mich bezeichnend. Genauso wie das N\u00e4chste, was sich mir bot, als wir einen Stopp machten. Es war eine (S)hell-Tankstelle, wo wir uns was im angeschlossenen Restaurant zu Essen kaufen wollten. Im Land der Fr\u00fcchte (unglaublich vielf\u00e4ltig und lecker) gab es dort jedoch keinen einzigen Saft, sondern stand nur Coca-Cola im K\u00fchlschrank. Wir durften uns mit ansehen wie sich Vater &amp; Sohn zusammen 2 Teller mit riesigen Fleischbergen pur reinhauen, bei denen es noch nicht einmal zum Alibi-Salatblatt gereicht hat. Darauf hin meinte meine Freundin zu mir, f\u00e4llt dir eigentlich auf, dass hier alle wei\u00df sind und in diesem Moment frage ich mich, wo die ganzen ausgeschlossenen Massen Brasiliens eigentlich sind, die nicht an dieser Konsumgesellschaft teilhaben k\u00f6nnen. Der Auto-, \u00d6l-, Fleisch-, Coca-Cola-Mythos hat es auch bis ins hinterste Brasilien geschafft, dank Multinationals und TV. Ordem e Progresso, Ordnung und Fortschritt, wie es so sch\u00f6n auf der brasilianischen Nationalflagge hei\u00dft.<\/p>\n<p>Die direkte Erfahrung der t\u00f6dlichen Konsequenz (\u00f6kologisch wie sozial) unserer kapitalistischen, industriellen Massengesellschaft die Notwendigkeit wieder bewusster gemacht, radikal mit dieser lebensfeindlichen Gesellschaftsform zu brechen. Wir m\u00fcssen den Mythos der Zivilisation demaskieren und einen tiefgreifenden Werte- und Paradigmenwechsel vollziehen; neue Beziehungen zu uns selbst, unseren Mitmenschen und der Natur aufbauen und alte Beziehungen zu Staat und industrieller Massengesellschaft zerst\u00f6ren. Welche Beziehung haben wir zum Leben und welche zum Tod? Nicht der Hippie mit seinem Selbstversorgungsprojekt ist verr\u00fcckt, sondern diejenigen, die aus Profitgier ganze Landschaften in \u00f6kologische W\u00fcsten verwandeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fortsetzung des Lateinamerika-Reiseberichts aus GWR 264 Die R\u00fcckreise war f\u00fcr mich markant. Schon auf der Hinreise habe ich mich \u00fcber die riesigen Baumwollfelder aufgeregt, \u00fcber die die Flugzeuge ihr DDT verspr\u00fchten. 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