{"id":4471,"date":"2002-01-01T00:00:30","date_gmt":"2001-12-31T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4471"},"modified":"2022-07-26T13:33:54","modified_gmt":"2022-07-26T11:33:54","slug":"der-krieg-in-afghanistan-aus-sicht-eines-kommunarden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/der-krieg-in-afghanistan-aus-sicht-eines-kommunarden\/","title":{"rendered":"Der Krieg in Afghanistan aus Sicht eines Kommunarden"},"content":{"rendered":"<p>Die Ereignisse entwickeln sich so rasant, da\u00df es f\u00fcr mich schwierig ist, einigerma\u00dfen aktuell zu bleiben. Mit diesem Artikel bin ich vor knapp 3 Wochen angefangen. Jetzt ist er bereits in Teilen \u00fcberholt, ja fast hinf\u00e4llig geworden. Bis vor drei Wochen haben die sogenannten Gutmenschen, zu denen ich ja auch geh\u00f6re, noch vehement mit pazifistischer Sturheit gegen den Krieg gewettert. Heute gibt es davon nur noch wenige. Wenn ich etwas zu sagen h\u00e4tte, w\u00fcrde ich die &#8222;Gutmenschen&#8220; zum Unwort des Jahres k\u00fcren. Es ist erschreckend, mit welcher Leichtigkeit , ja L\u00e4ssigkeit sich die \u00f6ffentliche Meinung, (von der habe ich auch nichts anderes erwartet), und die private Meinung in Sachen Krieg gleichgeschaltet haben.<\/p>\n<p>Als der amerikanische Au\u00dfenminister in Chicago vor etwa 14 Tagen eine Liste der &#8222;Schurkenstaaten&#8220; bekannt gab, die als n\u00e4chstes dran k\u00e4men, hat vor allem die deutsche Regierung sich bem\u00fcht zu betonen, da\u00df die Terrorkoalition in dem Falle auseinanderbrechen w\u00fcrde, wenn die USA sich \u00fcber ein anderes Land hermachen w\u00fcrden. Die USA scheren sich kaum darum. In den letzten Tagen kam bereits von den USA an den Irak die Aufforderung, die Kontrollen hinsichtlich der Bio-Waffenproduktion wieder aufnehmen zu k\u00f6nnen, mit der unverhohlenen Drohung des Krieges.<\/p>\n<p>Als Bush anfangs in Wild West Manier vor die Welt sinngem\u00e4\u00df mit den Worten trat: Wer nicht f\u00fcr mich ist, ist gegen mich, oder wir bereiten uns auf einen langen Feldzug gegen den Terror vor, die Welt ist nicht mehr so wie fr\u00fcher, das war ein Angriff auf die gesamte freiheitliche westliche Welt, da haben viele ob des r\u00fcden Tones abgewunken und gemeint, da\u00df das amerikanische Volk das h\u00f6ren will, damit es geschlossen hinter seinem F\u00fchrer stehen kann, aber im Grunde genommen w\u00fcrden die amerikanischen Aktionen verhalten und \u00fcberdacht erfolgen. Als Indiz f\u00fcr diese Bedachtheit wurde mir erz\u00e4hlt, da\u00df Bush immerhin fast 3 Wochen auf diplomatischem Boden gewirkt h\u00e4tte bevor die Bombardements losgingen, um den Osama bin Laden zu erwischen. Wobei ich meine, da\u00df er 3 Wochen gebraucht hat, um seinen Kriegskrempel nach Afghanistan zu transportieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich verst\u00e4rkt sich der Eindruck, da\u00df Bush nach dem vermeintlichen Sieg \u00fcber die Taliban erst recht seinen schon ge\u00e4u\u00dferten Gr\u00f6\u00dfenwahn herausbringt und dabei ist, die ganze Welt mit Krieg zu \u00fcberziehen. Da werde ich als Pazifist kaum etwas zu lachen haben. Und als Anarchist schon gar nicht.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke macht mir regelrecht Angst.<\/p>\n<p>Indes: ich sitze bequem in meiner Kommune und gehe brav jeden Montag zu unserer Montagsdemonstration in Schwerin. Das ist angesichts der sehr verhaltenen Reaktionen im linken Lager scheinbar schon viel. Es ist nach den Parteitagen der Sozialisten und der Gr\u00fcnen ja unmi\u00dfverst\u00e4ndlich klar geworden: In den beiden Parteien mu\u00df auch ein Platz f\u00fcr Kriegsgegnerinnen<\/p>\n<p>vorhanden sein. Diesen Satz, von beiden Parteien formuliert, mu\u00df man sich im Munde gen\u00fc\u00dflich zergehen lassen: &#8222;Es mu\u00df ein Platz f\u00fcr Kriegsgegnerinnen vorhanden sein&#8220; Diesen Satz in einer ehemals pazifistischen Partei und in einer Partei mit einer doch immerhin pazifistischen Tradition, zu h\u00f6ren, ist das Ungeheuerlichste, was ich in den letzten Wochen an Unversch\u00e4mtheiten geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Der Krieg ist gewonnen. Die Taliban zerschlagen. Bin Laden noch nicht erwischt. Die Menschen lachen wieder. Die Frauen k\u00f6nnen die Schleier wegwerfen. Das Land bekommt eine solide \u00dcbergangsregierung. Die wirtschaftliche Hilfe kann beginnen. UN-Truppen im Land sorgen f\u00fcr Ordnung. Die USA k\u00f6nnen bald mit dem Bau ihrer Pipelines anfangen.<\/p>\n<p>Da wird mir doch gesagt, da\u00df dieses der beste Beweis daf\u00fcr sei, da\u00df der Krieg Frieden und Freiheit bringen kann. Und Biermann, seines Zeichen B\u00e4nkels\u00e4nger setzt einen drauf: &#8222;ich k\u00f6nnte jetzt hier kein Interview geben, wenn die Amerikaner uns nicht 45 vom Faschismus befreit h\u00e4tten.&#8220; (Interview im NDR anl\u00e4\u00dflich seines 70. Geburtstages in den letzten Tagen) Wow! Das sa\u00df! Nicht nur er, nein viele haben dieses Argument bereits aus der Tasche gezogen. Und deswegen d\u00fcrfen die USA-Hardliner immer wieder Kriege anzetteln und die V\u00f6lker befreien. Ich mu\u00df gestehen, da\u00df ich diese Seite der Medaille noch gar nicht betrachtet habe.<\/p>\n<p>Ein anderes Argument, welches mir entgegengehalten wurde, lautete: Was machst Du denn, wenn die Terroristen zum Olgashof k\u00e4men!<\/p>\n<p>Ich mu\u00df schon sagen, da\u00df mir solche Argumente die Schuhe ausziehen.<\/p>\n<p>Mittlerweile brauche ich viel Mut, um mich als Kriegsgegner zu outen.<\/p>\n<p>Ich hatte die Montagsdemos, die im \u00fcbrigen von uns und der Gemeinschaft Medewege initiiert wurden, in Schwerin schon erw\u00e4hnt. Nach der nunmehr 14. Demo in Folge ist uns VeranstalterInnen auch klar geworden, da\u00df der Protest, dagegen zu sein, so l\u00f6blich das auch sein mag, letztlich nicht mehr greift.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte auch sagen: Der Saft ist raus.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt keine Alternative zum Krieg&#8220;. Weil das von den Kriegern so empfunden wird, finden sie massenweise Argumente, die das best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Und auch ich mu\u00df gestehen, da\u00df es mir schwer f\u00e4llt, mich auf eine Seite zu stellen, denn das, was die Taliban an menschenverachtenden Praktiken angestellt haben, schreit zum Himmel. Deswegen kann die Frage Krieg oder Nichtkrieg nur hinsichtlich der Moral, der menschlichen Weisheit, oder schlicht nach den allgemeinen Menschenrechten betrachtet werden. Alles andere w\u00e4re ein R\u00fcckfall ins christliche Mittelalter.<\/p>\n<p>Allerdings, da\u00df es keine Alternative geben sollte, ist schier gelogen, fallen mir doch sofort mehrere ein. Alternativen gibt es immer. Deswegen ist es auch sinnvoller zu fragen, ob es eine Alternative gibt, um die politischen und wirtschaftlichen Ziele leichter zu erreichen. Und wenn ich \u00fcber die wirtschaftlichen Gesichtspunkte nachdenke, die hinter den meisten, wenn nicht hinter allen Kriegen stehen, dann mu\u00df ich sagen, da\u00df Krieg durchaus eine effektive Art ist, um sich die Taschen mit Dollars so voll zu stopfen, da\u00df sie aus den Ohren wieder herauskommen. S\u00e4mtliche R\u00fcstungsgesch\u00e4fte fallen in diese Rubrik.<\/p>\n<p>Wenn wir aber Alternativen akzeptieren k\u00f6nnten, machen wir ein breites Tor auf f\u00fcr andere L\u00f6sungen. Die Frage nach Alternativen, oder auch die Frage, was k\u00f6nnen wir dazu, oder wodurch haben wir diese Situation mitgeschaffen und mitgetragen, ist eine typische Frage, die in Kommunen h\u00e4ufig anzutreffen ist. Angesichts der vielen Bem\u00fchungen, hierarchiefreie Strukturen zu entwickeln, k\u00f6nnten wir uns ja eigentlich getrost zur\u00fccklehnen. Nichts da!<\/p>\n<p>Die Agitation der Tat steht uns in den Kommunen gut zu Gesicht und auf diesem Gebiet kennen wir uns auch gut aus. Ich kann mich an den Anfang meiner Kommunezeit vor 21 Jahren gut erinnern. Ich bin damals mit in die Kommune gezogen, um endlich das, was ich im Kopf als Utopie formuliert hatte, in der Praxis so weit wie m\u00f6glich auch zu realisieren. Daraus hat sich die Erkenntnis entwickelt, da\u00df alles nur Sinn macht, wenn irgendwelche Leute praktisch das machen, wovon sie tr\u00e4umen. Die Politik wird also bodenst\u00e4ndig und direkt erlebbar. Deshalb steht uns die Frage gut zu Gesicht, was wir denn eigentlich dazugetan haben, zu dieser Lage, auch wenn es \u00fcberdreht klingt, zu dieser Weltlage.<\/p>\n<p>Und: es darf auch gefragt werden, ob das, was wir in den Kommunen leben, tats\u00e4chlich irgendeiner politischen Utopie nahe kommt oder ob wir uns allesamt in einer Form postalternativem bodenst\u00e4ndigen B\u00fcrgertums eins kr\u00e4ftig in die Tasche l\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ereignisse entwickeln sich so rasant, da\u00df es f\u00fcr mich schwierig ist, einigerma\u00dfen aktuell zu bleiben. Mit diesem Artikel bin ich vor knapp 3 Wochen angefangen. Jetzt ist er bereits in Teilen \u00fcberholt, ja fast hinf\u00e4llig geworden. 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