{"id":4479,"date":"2002-01-01T00:00:34","date_gmt":"2001-12-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4479"},"modified":"2022-07-26T14:26:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:15","slug":"meine-verse-sollen-bomben-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/meine-verse-sollen-bomben-sein\/","title":{"rendered":"&#8222;Meine Verse sollen Bomben sein&#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In Madrid kann, hat man den Goyas und Vel\u00e1squez des spanischen Nationalmuseums ausreichend Referenz erwiesen, in einem prunkvollen Nebengeb\u00e4ude des Prado Pablo Picassos &#8222;Guernica&#8220; bewundert werden. Immer wieder wird von berufener Seite Kritik laut. Oder BesucherInnen beschweren sich: man k\u00f6nne sich dem Gem\u00e4lde nicht n\u00e4hern, man k\u00f6nne es, je nach Lichtverh\u00e4ltnissen, nicht einmal richtig sehen. In der Museumsdirektion zuckt man die Achseln: &#8222;Nicht zu \u00e4ndern!&#8220;. Pablo Picassos &#8222;Guernica&#8220; h\u00e4ngt hinter einem m\u00e4chtigen Kasten aus Panzerglas.<\/p>\n<p>1981, als das Kunstwerk aus den Vereinigten Staaten nach Spanien \u00fcberf\u00fchrt wurde, war die gl\u00e4serne Panzerweste Pflicht. In der spannungsgeladenen Atmosph\u00e4re der Jahre nach Francos Tod, der sogenannten <em>Transici\u00f3n<\/em>, dem gewaltlosen \u00dcbergang von der Diktatur zur Demokratie in Spanien, f\u00fcrchtete man mit Recht &#8222;Attentate&#8220; gegen das Gem\u00e4lde. Am 23. Februar unternahmen abtr\u00fcnnige Milit\u00e4reinheiten unter Colonel Antonio Tejero einen Putschversuch gegen die kaum sechs Jahre alte Republik. Sie besetzten die spanischen <em>Cortes<\/em> und nahmen s\u00e4mtliche ParlamentarierInnen als Geiseln. K\u00f6nig Juan Carlos erschien pers\u00f6nlich auf den Fernsehschirmen des Landes, bekannte sich zur parlamentarischen Demokratie und befahl dem Milit\u00e4r, in die Kasernen zur\u00fcckzukehren. Der Aufstand brach zusammen. Picassos weltber\u00fchmte B\u00fcrgerkriegsklage war f\u00fcr Spaniens konservative Rechte &#8211; man mag die klischeebehaftete Plumpheit des folgenden Sprachbildes verzeihen &#8211; damals ein <em>rotes Tuch<\/em>&#8230;<\/p>\n<p>Den heutigen Betrachter beschleichen, 20 Jahre nach den turbulenten Februartagen, vor dem gewaltigen Gem\u00e4lde andere Gef\u00fchle. Spaniens parlamentarische Demokratie ist l\u00e4ngst gefestigt, das Land ein moderner Industriestaat, fest verankert im Machtgewebe des Westens. Das Panzerglas aber blieb. Man hat den Eindruck, als solle der omin\u00f6se Kasten nun etwas im Gem\u00e4lde fest-, und nicht etwa die Kugel (oder den Farbbeutel) eines f\u00fcr Symbole empf\u00e4nglichen Attent\u00e4ters fernhalten. Anl\u00e4sslich des f\u00fcnfzigsten Jahrestages des Ausbruchs des B\u00fcrgerkrieges sagte Spaniens damaliger sozialistischer Staatspr\u00e4sident Felipe Gonz\u00e1les, der B\u00fcrgerkrieg sei &#8222;kein Ereignis, dessen man Gedenken sollte&#8220;. Auf eine Umfrage der Zeitschrift <em>Cambio<\/em>, f\u00fcr welche der beiden Seiten im B\u00fcrgerkrieg sie sich entscheiden w\u00fcrden, h\u00e4tten sie heute zu w\u00e4hlen, antworteten 48% der Befragten: &#8222;F\u00fcr keine von beiden!&#8220;. Man mag in Spaniens Gesellschaft und Politik nicht gerne an den B\u00fcrgerkrieg erinnert sein. Dann lieber Panzerglas.<\/p>\n<h3>Die anarchistische Poesie des B\u00fcrgerkriegs<\/h3>\n<p>Die anarchistische Poesie des B\u00fcrgerkrieges bildet, legt man selbst bescheidenste Sch\u00e4tzungen zugrunde, ein enormes Textkorpus. Nur ein Bruchteil liegt editiert und einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich vor. \u00dcbersetzungen ins Deutsche existieren gar nicht. ((1))\u00a0 Der franz\u00f6sische Hispanist Serge Salaun, Herausgeber des <em>&#8222;Romancero Libertario&#8220; <\/em>((2)), der einzig heute verf\u00fcgbaren Anthologie ausschlie\u00dflich libert\u00e4rer spanischsprachiger Gedichte des B\u00fcrgerkrieges, ging in den siebziger Jahren von immerhin 8500 Gedichten aus, verfa\u00dft von 3400 AutorInnen: <em>&#8222;Die Republik und vor allem die drei Jahre des Krieges waren Schauplatz eines der wunderbarsten poetischen Ph\u00e4nomene der gesamten spanischen Literaturgeschichte, einzig vergleichbar mit den Cantares de Gesta und den Romances des Mittelalters&#8220;<\/em>. ((3))\u00a0 Aktuellere Untersuchungen lassen Salauns Sch\u00e4tzung weit hinter sich. G\u00fcnther Schmigalle gibt die Zahl der w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges in der republikanischen Zone ver\u00f6ffentlichten poetischen Texte mit 15 &#8211; 20.000 an! ((4))\u00a0 Von den ca. 5000 AutorInnen dieser erstaunlichen Textf\u00fclle seien \u00fcber die H\u00e4lfte AnarchistInnen gewesen &#8211; nicht unwahrscheinlich (wiewohl noch keineswegs bewiesen), bedenkt man das \u00dcbergewicht anarchistischer Zeitungen und Zeitschriften in der republikanischen Zone, die neben dem Radio das Hauptmedium zur Verbreitung libert\u00e4rer Poesie waren. Nach den blutigen Mai-Ereignissen in Barcelona 1937, die das endg\u00fcltige Ende der Sozialen Revolution in Spanien einl\u00e4uteten, wurde die Ver\u00f6ffentlichung anarchistischer Texte von der kommunistischen Zensur weitgehend unterbunden. In kaum anderthalb Jahren also entstanden und erschienen in der republikanischen Zone mehr Gedichte als in Jahrzehnten vorheriger Literaturproduktion zusammengenommen!<\/p>\n<p>Dabei handelte es sich \u00fcberwiegend um &#8222;volkst\u00fcmliche&#8220; Literatur, also nicht das Werk professioneller AutorInnen, sondern einfacher Leute: ArbeiterInnen, Angestellter, Bauern, die in der anarchistischen Presse immer wieder ermuntert wurden, sich k\u00fcnstlerisch und literarisch zu bet\u00e4tigen. Das Echo war gewaltig: <em>&#8222;Als die Herausgeber der Biblioteca Juventud Libertaria sich mit der Bitte an die Leser wandten, Gedichte und Lieder einzusenden, damit diese in einer Brosch\u00fcre ver\u00f6ffentlicht werden k\u00f6nnten, sahen sie sich einer so gro\u00dfen Flut von Beitr\u00e4gen gegen\u00fcber, da\u00df es unm\u00f6glich war, sie alle in einer Brosch\u00fcre zu ver\u00f6ffentlichen&#8220;<\/em>. ((5))\u00a0 Zahlreiche anarchistische Zeitungen richteten feste Rubriken f\u00fcr libert\u00e4re Lyrik ein, so etwa die einflu\u00dfreiche Gewerkschaftszeitung <em>CNT<\/em> mit ihren <em>&#8222;Romances de CNT&#8220;<\/em>, die der anarchistische Dichter Antonio Agraz dominierte und die 1936 als Buch gleichen Titels erschienen. <em>&#8222;Optisch setzte man die Gedichte durch kontrastierende Schrifttypen, gr\u00f6\u00dfere oder kleinere Schrift oder durch Kursivdruck vom \u00fcbrigen Text ab. Auch innerhalb eines Gedichts konnte der Schrifttyp noch wechseln, um emphatische Ausrufe, Pointen oder Schl\u00fcsselbegriffe der anarchistischen Ideologie wie \u00b4libertad\u00b4 <\/em>[Freiheit]<em> oder \u00b4igualdad\u00b4 <\/em>[Gleichheit]<em> drucktechnisch hervorzuheben. Beliebt waren auch Randverzierungen: Blumen &#8211; und Pflanzenmotive, Sternchen oder einfach Doppelstriche&#8220;<\/em>. ((6))<\/p>\n<p>Die anarchistischen Gedichte dienten &#8211; wie die anarchistische Presse allgemein &#8211; nicht zuletzt der Alphabetisierung. Zu Beginn des B\u00fcrgerkrieges und der Sozialen Revolution in Katalonien und Aragon betrug die Analphabetenrate in l\u00e4ndlichen Regionen teilweise \u00fcber 70%. An der Front waren eigens geschaffene Kulturmilizen t\u00e4tig, die Schulungen &#8211; vor allem mit Hilfe libert\u00e4rer Zeitungen &#8211; abhielten, den meist illiteraten K\u00e4mpferInnen die aufr\u00fcttelnde Agitationslyrik der AnarchistInnen vorlasen und mit ihnen diskutierten. <em>&#8222;Es ist anzunehmen, da\u00df die k\u00e4mpferische, emotionale Lyrik der Anarchisten in einer kollektiven Rezeptionssituation eine ungleich gr\u00f6\u00dfere Wirkung entfaltete [&#8230;], da der jeweils Vortragende den Inhalt mit seiner Stimme, mit Gesten oder einer bestimmten Mimik unterstreichen konnte&#8220;<\/em>. ((7))\u00a0 Fast jede Brigade hatte dar\u00fcber ihre eigene Zeitung und nicht selten ihre eigenen Dichter, die k\u00e4mpferische Hymnen f\u00fcr den Krieg verfa\u00dften. Und manch militanter Arbeiter oder revolution\u00e4rer Bauer wird an den Texten von Antonio Agraz, Jos\u00e9 Garc\u00eda Pradas oder F\u00e9lix Paredes &#8211; von zahllosen Unbekannten, die ihre Texte mit <em>&#8222;Iconoclasta&#8220; <\/em>[<em>&#8222;Bilderst\u00fcrmer&#8220;<\/em>], <em>&#8222;un miliciano&#8220; <\/em>[<em>&#8222;ein Milizion\u00e4r&#8220;<\/em>] oder <em>&#8222;No importa&#8220; <\/em>[<em>&#8222;Spielt keine Rolle!&#8220;<\/em>] signierten ganz zu schweigen! &#8211; Lesen und Schreiben gelernt haben.<\/p>\n<h3>&#8222;Ich schreibe keine Literatur!&#8220;<\/h3>\n<p>Die Explosion literarischer Produktivit\u00e4t seitens der Anarchisten w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges war keineswegs zuf\u00e4llig. Praktisch seit ihrer Formierung Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die anarchistische Bewegung Spaniens mit k\u00fcnstlerischen und kulturellen Fragen auseinandergesetzt:<em> &#8222;Jede Revolution mu\u00df, wie sie eine Philosophie und eine Rechtswissenschaft besitzt, auch ihre Kunst und Literatur haben. So zumindest ist es immer gewesen. Warum also sollte unsere soziale Revolution nicht die ihr angemessene Kunst und Literatur hervorbringen?&#8220;<\/em>. ((8))\u00a0 K\u00fcnstlerische Bet\u00e4tigung geh\u00f6rte f\u00fcr Spaniens AnarchistInnen untrennbar zu ihrem <em>&#8222;ganzheitlichen Menschenbild&#8220;<\/em> (Sartre) und war keineswegs auf ein idealisiertes Proletariat als Tr\u00e4ger des sozialen Umsturzes beschr\u00e4nkt: <em>&#8222;Da wir wissen, da\u00df der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, geben wir uns nicht damit zufrieden, nur gegen die \u00f6konomische Sklaverei zu protestieren und zu rebellieren, sondern verlangen ebenso Teilhabe an den Sch\u00f6nheiten der Kunst. Wir wollen vollst\u00e4ndige Menschen sein, wir wollen alle unsere F\u00e4higkeiten entwickeln, wir wollen ganzheitlich leben&#8220;. <\/em>((9))\u00a0<em> <\/em><\/p>\n<p>Um vor den Augen der AnarchistInnen als &#8222;wahre Kunst&#8220; zu bestehen, hatten literarische Werke allerdings &#8222;Auflagen&#8220; zu erf\u00fcllen. Formale Kriterien waren dabei vollkommen unerheblich. Die spanischen AnarchistInnen verabscheuten den vorgeblichen Formalismus der Modernisten (die man immerhin <em>&#8222;literarische Anarchisten&#8220; <\/em>((10))\u00a0 genannt hatte!) um die Jahrhundertwende fast ebenso tief wie es konservative Kunstrichter der vorrepublikanischen Zeit taten: <em>&#8222;Wir empfinden nicht den geringsten Respekt vor jenen Autoren der Avantgarde, die nichts weiter revolutionieren wollen als die Form&#8220;<\/em>. ((11))\u00a0 Auch dem professionalisierten Kunst- und Literaturbetrieb ihrer Zeit standen sie ausnehmend kritisch gegen\u00fcber &#8211; so kritisch, da\u00df der Begriff <em>&#8222;Literatur&#8220;<\/em> fast schon zum Schimpfwort degenerierte. <em>&#8222;Literatur&#8220;<\/em>, das war sch\u00f6ngeistige Nichtigkeit, zeitloser Salbader, <em>l\u00b4art pour l\u00b4art<\/em> und eines aufrechten Revolution\u00e4rs unw\u00fcrdig. Wer sich einmal auf den Tand des literarischen Ruhmes und k\u00fcnstlerischen Eigenwertes einlie\u00df, dem r\u00fcckte bald die bucklige Verwandtschaft nach. Der Akt der literarischen Sch\u00f6pfung selbst war den Anarchisten ungleich wichtiger als ihr Resultat. Antonio Agraz schimpfte noch w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges: <em>&#8222;Ich schreibe keine Literatur!&#8220;<\/em>. Schreiben war f\u00fcr ihn und viele andere organisierte Anarchisten vor allem revolution\u00e4re Arbeit. In seinem Gedicht <em>&#8222;Romance de la pluma herida&#8220;<\/em> [<em>&#8222;Romanze von der verwundeten Feder&#8220;<\/em>] lie\u00df Agraz eine durch und durch proletarische Schreibfeder wie einen Fabrikarbeiter \u00fcber ihren Alltag st\u00f6hnen:<em> &#8222;Sie lassen mich schuften\/ Tag und Nacht\/ ohne Feiertag, ohne Pause\/ ohne Tinte [&#8230;]&#8220;<\/em>. ((12))<\/p>\n<p>F\u00fcr die AnarchistInnen waren Begriffe wie Kunst, Volk und Revolution untrennbar miteinander verbunden. Wahre Kunst mu\u00dfte aus dem Volke hervorgehen, dem Volke dienen, und letztlich das Ziel der Anarchisten, die Soziale Revolution, bef\u00f6rdern. Sie waren dabei, was ihr Leseverhalten anging, alles andere als Sektierer, sondern begeisterte StudentInnen des klassischen spanischen wie europ\u00e4ischen Literaturkanons. Reinhold G\u00f6rling spricht gar von einer &#8222;anarchistischen Lesewut&#8220; ((13)). Freilich war man stets bem\u00fcht, &#8222;wahre K\u00fcnstler&#8220; sorgsam herauszusieben: Autoren wie Hugo, Zola, Tolstoi oder Schiller, die um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entstandene <em>novela social<\/em>, aber auch die trivialen Feuilleton-Romane eines Eug\u00e8ne Sue oder Aygual de Izco, dessen Werke von der Literaturkritik f\u00fcr minderwertig befunden wurden, waren f\u00fcr Spaniens Anarchisten vorbildhaft. Juan Montseny, Vater der nachmaligen anarchistischen Gesundheitsministerin Frederica im Kriegskabinett Negr\u00edn und vielleicht der einflu\u00dfreichste anarchistische Intellektuelle seiner Zeit, gab gemeinsam mit seiner Frau in Barcelona &#8222;La Novela Ideal&#8220; heraus &#8211; eine Serie sozial &#8211; sentimentaler Groschenromane, deren Auflage selten unter 50.000 sank. Der Umgang der AnarchistInnen mit Literatur und Geschichte war in jeder Hinsicht freiz\u00fcgig: man verkl\u00e4rte gotische Kathedralen zu einem <em>&#8222;ungetr\u00fcbten Ausdruck der Volkskultur&#8220;<\/em>, taufte Francois Rabelais <em>&#8222;einen anarchistischen Kleriker&#8220;<\/em>, machte aus Francisco de Quevedo einen <em>&#8222;Revolution\u00e4r&#8220;<\/em>, und 1937 erfuhr Miguel de Cervantes, Sch\u00f6pfer des von den AnarchistInnen sehr geliebten &#8222;Ritters&#8220; Don Quijote, die (sicherlich unverdiente) Ehre, zum Vordenker des Anarchismus gek\u00fcrt zu werden.<\/p>\n<p>Die erstaunliche Lyrikproduktion w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges war f\u00fcr die Libert\u00e4ren Teil eines Prozesses revolution\u00e4rer Umgestaltung der Gesellschaft. Die &#8222;Gelegenheitsdichter&#8220; konnten auf einen Schatz m\u00fcndlicher Literatur\u00fcberlieferung zur\u00fcckgreifen, der in Liedern und Gedichten teilweise bis ins Mittelalter zur\u00fcckreichte. Die Flut an Presseorganen bot ausreichende Ver\u00f6ffentlichungsm\u00f6glichkeiten, und das Fehlen jeglicher formaler Auswahlkriterien ermutigte zu eigener k\u00fcnstlerischer Bet\u00e4tigung. Ziel war eine revolution\u00e4re Volkskultur, die gleichzeitig den sozialen Kampf vorantreiben und den angestrebten Zustand der Befreiung bereits wiederspiegeln sollte.<\/p>\n<h3>&#8222;Heilige Mutter Spanien&#8220;<\/h3>\n<p>Die w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges von den drei genannten Autoren Agraz, Pradas und Paredes verfassten Gedichte wurden diesem hehren Anspruch allerdings nur selten gerecht. Mit Fortdauer des Krieges wandelte sich die anarchistische Literaturproduktion zumindest dieser drei &#8222;semi-professionellen&#8220; Dichter &#8211; Pradas war Herausgeber der bereits erw\u00e4hnten Zeitschrift <em>CNT<\/em>, Agraz f\u00fcr lange Zeit sein wichtigster Mitarbeiter, Paredes hatte bei <em>Fragua Social<\/em> einen wichtigen Posten inne &#8211; von einem Instrument revolution\u00e4rer Befreiung zu einer Propagandakanone. Einer Kanone, die nicht selten mit genau demselben Pulver bef\u00fcllt wurde, wie es die franquistische Seite verschoss, wenn sie sich als einzig legitimierte Vertreterin des &#8222;wahren Spaniens&#8220; pries und Franco zu einer Art chiliastischem Helden verkl\u00e4rte, der ausgezogen sei, in einem neuerlichen &#8222;Kreuzzug&#8220; Mauren und sonstige &#8222;Unspanier&#8220; auszutreiben. Die anarchistischen Poeten reagierten auf diese Anma\u00dfung mit fortgesetzten Versuchen, Begriffe wie &#8222;Nation&#8220;, &#8222;Spaniertum&#8220;, &#8222;Vaterland&#8220;, ja sogar &#8222;Kreuzzug&#8220; und &#8222;Reconquista&#8220; umzudeuten und f\u00fcr die eigene Sache zu verwenden. Die Folge war u.a. ein mystischer, patriarchaler Spanienkult, den Salaun nicht ohne Grund einen <em>&#8222;Neonationalismus von links&#8220;<\/em> ((14))\u00a0 nennt. Spanien wurde in der anarchistischen Poesie des B\u00fcrgerkrieges zu einer ahistorischen, romantisch umnebelten Gr\u00f6\u00dfe, zur &#8222;ewigen Mutter Spanien&#8220;, der zeitweise gehuldigt wurde wie vormals der Mutter Gottes, und die &#8211; selbstverst\u00e4ndlich ausschlie\u00dflich von M\u00e4nnern, ihren &#8222;wahren S\u00f6hnen&#8220;- gegen die &#8222;unspanischen Horden&#8220; Francos verteidigt werden mu\u00dfte:<\/p>\n<p><em>Mutter Spanien<br \/>\nDu keusche, du treue und verschwiegene [&#8230;]<br \/>\nDie du leidend tr\u00e4umst. Die Du arbeitest und singst.<br \/>\nMutter Spanien, Du Gute! Mutter Spanien, Du Heilige! <\/em>((15))<\/p>\n<p>Die Tasache, da\u00df sich Francos Milit\u00e4rrevolte zun\u00e4chst auf das teilweise muslimische marokkanische Expeditionscorps st\u00fctzte, und die stetig wachsende milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung durch die Achsenm\u00e4chte verf\u00fchrten vor allem Antonio Agraz &#8211; der bewundernswerte und interessante Texte verfa\u00dft hat, aus dessen Feder aber auch \u00e4u\u00dferst unappetitliche Hetzgedichte flossen, etwa, wenn er <em>&#8222;Verr\u00e4ter und Diebe&#8220;<\/em> [sic!] als Todfeinde brandmarkt, um im Refrain seines &#8222;Liedes&#8220; nichts weiter zu fordern als <em>&#8222;Todestrafe\/Todesstrafe!&#8220; <\/em>((16))\u00a0 &#8211; dazu, den propagandistischen Spie\u00df umzudrehen und in seiner Lyrik immer wieder von einer &#8222;libert\u00e4ren Reconquista&#8220; zu faseln, mit allem was dazugeh\u00f6rt: der &#8222;Reinheit des Blutes&#8220;, Verteidigung der katholischen Muttererde gegen die &#8222;maurische Invasion&#8220; und einer rassistischen \u00dcberh\u00f6hung &#8222;wahren Spaniertums&#8220;, wie man sie bis dahin nur aus der Francopropaganda kannte, die eine wirre &#8222;spirituelle Rasse der Spanier&#8220; hochhielt.<\/p>\n<p>&#8222;Wahre Spanier&#8220; waren &#8211; ganz wie w\u00e4hrend der blutigen Austreibung der Juden unter den katholischen K\u00f6nigen, als erstmals rassische religi\u00f6se Kriterien ersetzten &#8211; bei Agraz M\u00e4nner &#8222;reinen Blutes&#8220;, die allerdings (entgegen dem vornehmen Nichtstun des Hidalgo) aus der t\u00e4glichen Ber\u00fchrung mit dem &#8222;Mutterk\u00f6rper&#8220;, der spanischen Erde, ihre Kraft sch\u00f6pften. Alle anderen waren &#8222;aus der Art geschlagen&#8220;:<\/p>\n<p><em>Zwei Jahre, zwei Jahre ist es her<br \/>\nseit der Krieg gekommen ist<br \/>\nGebracht haben ihn uns Feiglinge<br \/>\nVerr\u00e4ter, mit unreinem Blut [&#8230;]<br \/>\nAbtr\u00fcnnige ihrer Rasse <\/em>((17))<\/p>\n<p>Wie sehr Agraz krauses Propagandagespinst, das so schlecht zum anarchistischen Menschenbild jener Zeit zu passen scheint, auch der franquistischen Anma\u00dfung geschuldet sein mag: es ist eine Tatsache, da\u00df auch spanische Anarchisten von seinerzeit wirkungsm\u00e4chtigen &#8222;Rassentheorien&#8220; keineswegs unbeleckt blieben. Juan Montseny erkl\u00e4rte in seiner unter dem Pseudonym Frederico Urales ver\u00f6ffentlichten <em>&#8222;Entwicklung der Philosophie in Spanien&#8220;<\/em>, da\u00df Andalusier und Kastilier mehr einem verweichlichten <em>&#8222;Dekadentismus&#8220;<\/em> zuneigten, da sie<em> &#8222;von Natur aus&#8220;<\/em> schw\u00e4cher sein als Nordspanier und Katalanen, die in ihren Werken <em>&#8222;die Idee, die Moral und den Inhalt&#8220;<\/em> weit mehr hervorh\u00f6ben als <em>&#8222;Sch\u00f6nheit, \u00c4sthetizismus und Form&#8220;<\/em>. ((18))\u00a0 Auch der unverhohlene Machismo der anarchistischen Poesie &#8211; angesichts der Existenz so einflu\u00dfreicher revolution\u00e4rer Frauenorganisationen wie der <em>Mujeres Libres<\/em> zumindest verwunderlich &#8211; kam nicht von ungef\u00e4hr. Es war wiederum Juan Montseny, der in der meinungsbildenden libert\u00e4ren Theoriezeitschrift <em>La<\/em> <em>Revista Blanca<\/em> schon 1903 folgendes zu Papier brachte: <em>&#8222;Sind etwa die gr\u00f6\u00dften K\u00fcnstler nicht auch die gr\u00f6\u00dften Liebhaber gewesen? Der Mann, der nichts empfindet in Gegenwart einer sch\u00f6nen Frau, der nicht, brennend vor Leidenschaft, w\u00fcnscht, ihre Lippen zu k\u00fcssen, ihre Augen zu k\u00fcssen, ihre Taille zu umfassen &#8211; wird der jemals unsterbliche Werke schaffen k\u00f6nnen?&#8220;<\/em>. ((19))\u00a0 Es verwundert also nicht, wenn F\u00e9lix Paredes in einem Gedicht den spanischen Frauen befiehlt, nicht zu weinen und sich an der St\u00e4rke der M\u00e4nner zu erbauen, die &#8222;f\u00fcr sie&#8220; in den Krieg ziehen:<\/p>\n<p><em>Sie gehen, weil sie Deine Wache sind<br \/>\nDeine Wache, s\u00fc\u00dfes T\u00e4ubchen<br \/>\nund werden deine Garde sein<br \/>\ngegen Pfaffen und Mauren <\/em>((20))<\/p>\n<p>Politische Programmatik oder soziale Analyse, wie sie f\u00fcr anarchistische Gedichte vor dem B\u00fcrgerkrieg charakteristisch waren, verschwanden w\u00e4hrend des Krieges bei Agraz, Pradas und Paredes praktisch ganz. In Ton und Inhalt n\u00e4herten sich ihre Gedichte &#8211; erstaunlicherweise &#8211; mehr und mehr dem stalinistischen Dichtungsstil, jenem salbungsvollen <em>Personenkult in Versen<\/em>, in dem Stalin das Licht und die Sonne oder die spanische Kommunistin Dolores Ib\u00e1rruri, die <em>Pasionaria<\/em>, ebenso erhoben und zur Mutter Gottes, zur ewigen, leidenden Mutter verkl\u00e4rt wurde, wie Spanien bei den Anarchisten. Zur Kl\u00e4rung der Ziele und Beweggr\u00fcnde des B\u00fcrgerkrieges hatte diese Poesie herzlich wenig beizutragen&#8230;<\/p>\n<p>Die neonationale Propaganda der anarchistischen B\u00fcrgerkriegspoesie, die im reinsten Sinne des Wortes Kriegspoesie war und Aspekte der Sozialen Revolution beispielsweise v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigte, stie\u00df in den Reihen der Anarchisten selbst keineswegs auf einhellige Zustimmung. W\u00fctend schimpfte 1937 in der Zeitschrift <em>Juventud Libre<\/em> ein anonymer Autor, der seinen Text mit <em>&#8222;Iconoclasta&#8220;<\/em> signierte (ein durchaus g\u00e4ngiges Pseudonym):<em> &#8222;Dies ist kein vaterl\u00e4ndelnder Krieg\/ Dies ist der Krieg der Klassen\/ Oder, K\u00e4mpfer?&#8220; <\/em>((21)). Im Gegensatz zur Darstellung des B\u00fcrgerkrieges als Abwehrkampf fremder Invasoren, als einer Schlacht um die m\u00fctterliche Scholle, ist in Gedichten die Rede vom <em>&#8222;kleinen Weltkrieg&#8220;<\/em>, einer \u00fcbernationalen Auseinandersetzung mit dem vorr\u00fcckenden europ\u00e4ischen Faschismus, die der historischen Wirklichkeit des Krieges deutlich n\u00e4her kam. Und auch Frauen griffen gelegentlich zur Feder, um sich dichterisch zu bet\u00e4tigen und das M\u00e4nnergehabe ihrer schriftstellernden Genossen anzuprangern &#8211; so zum Beispiel Luc\u00eda S\u00e1nchez Saornil, die Mitbegr\u00fcnderin der <em>Mujeres Libres,<\/em> in ihrem <em>&#8222;Testament Durrutis&#8220;<\/em>.<\/p>\n<h3>Die vergessene Literatur<\/h3>\n<p>Solange nicht zumindest ein Gro\u00dfteil der anarchistischen Literaturproduktion wissenschaftlich bearbeitet und gewisserma\u00dfen &#8222;f\u00fcr das Publikum erschlossen&#8220; wird, ist es abwegig, allgemeine Aussagen machen zu wollen. &#8222;Semi-professionelle&#8220; Dichter wie Agraz, Pradas und Paredes m\u00f6gen zu ihrer Zeit einflu\u00dfreich gewesen sein, vielleicht sogar stilbildend gewirkt haben. Repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Gesamtheit der anarchistischen Poesie des B\u00fcrgerkrieges sind sie nicht.<\/p>\n<p>Nach dem Sieg Francos und der blutigen Repression des ersten Nachkriegsjahrzehnts geriet die anarchistische Poesie in Vergessenheit. Das literarische Bild des Spanischen B\u00fcrgerkrieges wurde &#8211; und wird eigentlich bis heute &#8211; dominiert von professionellen Schriftstellern, die allesamt der kommunistischen Partei zumindest nahestanden und schon w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges daf\u00fcr sorgten, da\u00df die volkst\u00fcmliche libert\u00e4re Literatur nicht in den einschl\u00e4gigen Anthologie auftauchte oder breitere Leserschaft etwa im europ\u00e4ischen Ausland fand. Dichter wie Pablo Neruda, Cesar Vallejo, Miguel Hern\u00e1ndez oder Rafael Alberti, der sich selbst als &#8222;S\u00e4nger des Kommunismus&#8220; bezeichnete und den Antonio Agraz bitter und sarkastisch befehdete, m\u00f6gen Texte verfa\u00dft haben, die qualitativ turmhoch \u00fcber den oft unbeholfenen Versen frisch alphabetisierter Arbeiter stehen. Zu den Bem\u00fchungen auch und gerade der spanischen Kommunisten jedoch, die nicht zuletzt dank ihnen gescheiterte Soziale Revolution von 1936 vergessen zu machen z\u00e4hlte nicht zuletzt die ungebrochene Dominanz in der k\u00fcnstlerischen Aufarbeitung der Ereignisse.<\/p>\n<p>Die anarchistische Poesie ist ein wichtiger und h\u00f6chst faszinierender Teil spanischer Kulturgeschichte, gerade wegen ihrer vielen \u00fcberraschenden und mitunter fragw\u00fcrdigen Eigenheiten. Es ist an der Zeit, sich diesem literarischen Schatz, der noch immer in den Archiven lagert, zuzuwenden. Nicht nur in Spanien k\u00f6nnte eine Auseinandersetzung mit volkst\u00fcmlichen k\u00fcnstlerischen Zeugnissen des B\u00fcrgerkrieges zu einer lebendigeren Diskussion um die revolution\u00e4re Vergangenheit des Landes f\u00fchren und, wer wei\u00df, vielleicht eines Tages daf\u00fcr sorgen, da\u00df man die gelebte Wirklichkeit des B\u00fcrgerkrieges nicht weiter hinter Panzerglas verbergen mu\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Madrid kann, hat man den Goyas und Vel\u00e1squez des spanischen Nationalmuseums ausreichend Referenz erwiesen, in einem prunkvollen Nebengeb\u00e4ude des Prado Pablo Picassos &#8222;Guernica&#8220; bewundert werden. Immer wieder wird von berufener Seite Kritik laut. Oder BesucherInnen beschweren sich: man k\u00f6nne sich dem Gem\u00e4lde nicht n\u00e4hern, man k\u00f6nne es, je nach Lichtverh\u00e4ltnissen, nicht einmal richtig sehen. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/meine-verse-sollen-bomben-sein\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Meine Verse sollen Bomben sein...\" - graswurzelrevolution","description":"In Madrid kann, hat man den Goyas und Vel\u00e1squez des spanischen Nationalmuseums ausreichend Referenz erwiesen, in einem prunkvollen Nebengeb\u00e4ude des Prado Pablo"},"footnotes":""},"categories":[295,1042,1027,1035],"tags":[],"class_list":["post-4479","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-265-januar-2002","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine","category-wunderkammer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4479","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4479"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4479\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}