{"id":4491,"date":"2002-01-01T00:00:15","date_gmt":"2001-12-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4491"},"modified":"2022-07-26T14:16:51","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:51","slug":"gewaltfreie-aktionen-ideenschmiede-und-betriebehaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/gewaltfreie-aktionen-ideenschmiede-und-betriebehaus\/","title":{"rendered":"Gewaltfreie Aktionen, Ideenschmiede und Betriebehaus"},"content":{"rendered":"<p>November 2001, der Castor-Transport ins Wendland steht an. In der Verdener Umweltwerkstatt geben sich die AtomkraftgegnerInnen die Klinke in die Hand. Das Infotelefon der gewaltfreien Sitzblockade &#8222;X-tausendmal quer&#8220; ist rund um die Uhr von mindestens zwei Leuten besetzt. In den Tagen vor dem Transport wird von hier aus die Pressegruppe zusammengetrommelt und manche Telefonkonferenz des Vorbereitungsteams geschaltet. BesucherInnen und HelferInnen kommen aus allen Ecken der Republik wie sie schon vor wenigen Monaten kamen, als im Nachbarb\u00fcro drei Reisebusse gen Genua zum Weltwirtschaftsgipfel organisiert wurden. Obwohl Verden nur eine Kleinstadt an der Aller, nicht weit von Bremen, ist, taucht der Name in vielen politischen Zusammenh\u00e4ngen als Kontaktadresse auf. In dem zum \u00d6kozentrum umgebauten ehemaligen Kasernengeb\u00e4ude treffen sich AtomkraftgegnerInnen, GlobalisierungskritikerInnen, Internationalismus-Aktive, Frauenzusammenh\u00e4nge und viele Gruppen mehr. Attac Deutschland hat hier sein B\u00fcro, X-tausendmalquer organisierte bis zum Fr\u00fchjahr seine gewaltfreien Sitzblockaden gegen Atomm\u00fclltransporte von Verden aus und kann auf das Infotelefon aus der Verdener Umweltwerkstatt z\u00e4hlen. Die &#8222;Restrisiko&#8220; kommt aus Verden in die taz, jedes Mal bevor ein Castor-Transport ansteht. Die Bewegungsstiftung in Gr\u00fcndung hat ebenfalls hier ihren Schreibtisch und Medico international ein kleines Team ehrenamtlicher MitstreiterInnen. Die Kampagne gegen den Krieg &#8222;Gewaltspirale durchbrechen&#8220; wurde in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Friedenskooperative ausgeheckt, die Internetseite wird von hier aus betreut.<\/p>\n<h3>Vom bundesweiten Jugendumweltnetzwerk zum Projekt in einer norddeutschen Kleinstadt<\/h3>\n<p>Die meisten Aktiven rund um das \u00d6kozentrum sind keine VerdenerInnen. Sie zogen aus allen Himmelsrichtungen zusammen in die Kleinstadt an der Aller, um aus ihrer Motivation aus der bundesweiten Jugend-Umweltarbeit langfristiges Engagement zu machen und Leben, Arbeiten und Politik machen zu verbinden. Bis Mitte der 90iger Jahre entstanden viele Wohngemeinschaften in Verden, deren Mitglieder zum gro\u00dfen Teil in Bremen studierten, w\u00e4hrend sie in der \u00fcbrigen Zeit an gro\u00dfen Tr\u00e4umen f\u00fcr eine kleine Stadt arbeiteten. Im Laufe der Jahre haben viele Leute dem Projekt wieder den R\u00fccken gekehrt und neue sind hinzugekommen. 1997 konnte nach langen Auseinandersetzungen mit der Stadtverwaltung und Verdens Kommunalpolitik eines der alten Kasernengeb\u00e4ude der Engl\u00e4nderkaserne an der Lindhooper Stra\u00dfe<\/p>\n<p>gekauft werden. Das ehemalige Naafi-Geb\u00e4ude, der Supermarkt der Soldaten, ist heute voller Leben: Im \u00d6kozentrum befinden sich 13 selbstverwaltete Betriebe, politische Initiativen und eine Wohngruppe &#8211; eine bunte Mischung.<\/p>\n<p>Die NutzerInnen haben gemeinsam Statuten entwickelt, die als Grundlage f\u00fcr jeden Neueinstieg und die allt\u00e4gliche Betriebs- und Initiativenarbeit gelten. In erster Linie ist damit die Selbstverwaltung festgeschrieben, die sowohl innerhalb der Betriebe und Initiativen beherzigt werden muss als auch f\u00fcr das ganze Haus. Au\u00dferdem legen die Nutzungsstatuten fest, dass \u00f6kologische Standards einzuhalten sind und es ein Solidarprinzip verbunden mit recht weitgehender Transparenz z.B. \u00fcber Finanzen und Strukturen im ganzen Haus gibt: einmal im Jahr kommen alle Gruppen des Hauses zusammen und legen ihre Finanzberichte vor. Wo es die betriebliche Situation hergibt, ist eine Mieterh\u00f6hung angesagt, wo es gerade knapp wird, kann eine Senkung gemeinsam beschlossen und durch die anderen mitgetragen werden.<\/p>\n<h3>Vielfalt unter einem Dach<\/h3>\n<p>Die Betriebe und Initiativen sind unterschiedlich gestrickt, von der GmbH \u00fcber die Genossenschaft bis zur GbR und dem Verein sind fast alle g\u00e4ngigen Rechtsformen vertreten. Vom Biobaustoffladen \u00fcber das Architekturb\u00fcro bis zum Ballettstudio und Institut f\u00fcr Mensch und Natur reichen die Betriebe.<\/p>\n<p>Im Kindergarten Grash\u00fcpfer spielen und toben jeden Werkstag 11 Kinder, in der Frauenprojektschmiede treffen sich M\u00fcttergruppen, Stockk\u00e4mpferinnen, Theaterspielerinnen, Lesbengruppen, Filmfreundinnen und andere Frauen. Die Umweltwerkstatt beherbergt verschiedene Initiativen, neben Anti-Atomarbeit ist hier die Internet-Redaktion der Kampagne Gewaltspirale durchbrechen zu finden und l\u00e4uft eine Nord-S\u00fcd-Gesundheitskampagne. Die Permakulturgruppe Almende e.V. hat inzwischen ein eigenes B\u00fcro und l\u00e4\u00dft auf einem Acker 4 km von Verden entfernt einen Waldgarten entstehen. Attac ist derzeit Medienliebling, im \u00d6kozentrum belagern die Aktiven des globalisierungskritischen Netzwerkes mehrere B\u00fcror\u00e4ume und oft genug auch alle Treffr\u00e4ume: Versand und Kampagnenplanung, Mitgliederverwaltung und Presse-Arbeit schmei\u00dft eine kleine Gruppe, unterst\u00fctzt von wechselnden ehrenamtlichen HelferInnen.<\/p>\n<h3>Jede Gruppe autonom &#8211; und doch eng vernetzt<\/h3>\n<p>Die Auftragslage des Biobaustoffladens Biber ist die Sache seiner KollektivistInnen, das Presseecho der Attacis wird von dieser Gruppe bew\u00e4ltigt und ob die gro\u00dfe Ballettauff\u00fchrung gelingt, ist allein die Sorge der Tanzlehrerin. Im Alltag begegnet man sich manchmal \u00fcber Tage nur kurz am zentralen Fotokopierer oder im Foyer. Wenn jedoch mal wieder der Castor kommt, verschieben &#8222;die Biber&#8220; ihre Baustellenplanung, damit viele ins Wendland fahren k\u00f6nnen. Attacis und Permakulturleute setzten sich mit ans Infotelefon und aus dem Ballettstudio gibt es neben Zuspruch regelm\u00e4\u00dfig Schokoladenspenden. Auch zum gro\u00dfen Attac-Kongress in Berlin machten sich viele auf, die sonst die Globalisierungskritiker im Haus einfach machen lassen. Der Seminarbereich im Haus wirkt nach innen und au\u00dfen vernetzend: Die sch\u00f6nen, hellen Tagungsr\u00e4ume werden bei Leerstand auch f\u00fcr Kurztreffen genutzt, ab und zu schlafen Einzel-G\u00e4ste der NutzerInnen in den Zimmern, die Medien k\u00f6nnen verwendet werden. Wenn der Baustoffladen einen Farbenvortrag organisiert oder der Architekt ein Kurzseminar \u00fcber Baubiologie anbietet, ist der Weg zum Tagungshaus kurz. Das Team des &#8222;Forums &#8211; Bildungsatelier im \u00d6kozentrum&#8220; hat sich auf sog. &#8222;Werkzeugseminare&#8220; spezialisiert und bringt f\u00fcr 2002 erstmals ein eigenes Programm heraus. Attac-Gruppen oder Anti-Atominitiativen kommen ebenso wie Friedens-Gruppen oder andere Initiativen in den Genuss von Presse- oder Internetseminaren, Buchhaltungs-<\/p>\n<p>oder Rhetorikschulungen. Eben alles, was der politische Aktivist und die politische Aktivistin gebrauchen kann. Eine kleine Gruppe seit langem Bewegungs-Aktiver Menschen aus dem Zusammenhang gr\u00fcndet derzeit die<\/p>\n<p>Bewegungsstiftung. Anstatt sich auf zu erwartenden Erbschaften auszuruhen, wollen die Leute von der Bewegungsstiftung ihr Geld &#8211; und das weiterer Zustifter &#8211; f\u00fcr die Unterst\u00fctzung sozialer Bewegungen sinnvoll einsetzen und ihre Arbeit und auch Kompetenz in der Geldbeschaffung konsequent \u00fcber diese Stiftung fortf\u00fchren.<\/p>\n<h3>Orte der Begegnung<\/h3>\n<p>Der wichtigste Ort t\u00e4glichen Austausches ist zur Zeit der Mittagstisch, der f\u00fcr ein Jahr von einem Mitarbeiter im Rahmen eines Arbeit-statt-Sozialhilfe-Programmes f\u00fcr alle lecker und \u00f6kologisch zubereitet wird. Gegessen wird in den derzeit leerstehenden R\u00e4umen der Gastronomie &#8211; jeden Tag gibt es das eine oder andere neue Gesicht, gibt es Neuigkeiten aus den Gruppen und Gespr\u00e4che zur aktuellen Lage. Bis zum Sommer gab es hier ein Cafe-Kneipe-Restaurant, das auch vom Verdener Publikum gerne besucht wurde. Damit fehlt dem bunten Haus sein zwangloser Treffpunkt, der auch f\u00fcr das &#8222;normale Publikum&#8220; von au\u00dfen attraktiv ist und Menschen mit dem Projekt in Ber\u00fchrung bringt. Im Haus vermissen alle die Kneipe, wo die Tischler und die Politaktivistinnen gemeinsam Tee trinken k\u00f6nnen, wo am Abend ab und zu ein Konzert stattfindet und G\u00e4ste oder HelferInnen gem\u00fctliche Pausen machen k\u00f6nnen. Die Suche nach einer Betreibergruppe wird mit Nachdruck betrieben &#8211; BewerberInnen sind herzlich willkommen. Vonseiten des Projektes gibt es gerne Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Start einer neuen Gastronomie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>November 2001, der Castor-Transport ins Wendland steht an. In der Verdener Umweltwerkstatt geben sich die AtomkraftgegnerInnen die Klinke in die Hand. Das Infotelefon der gewaltfreien Sitzblockade &#8222;X-tausendmal quer&#8220; ist rund um die Uhr von mindestens zwei Leuten besetzt. 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