{"id":4493,"date":"2002-01-01T00:00:48","date_gmt":"2001-12-31T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=4493"},"modified":"2012-03-25T20:54:16","modified_gmt":"2012-03-25T18:54:16","slug":"sonnenblumen-im-winter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/sonnenblumen-im-winter\/","title":{"rendered":"Sonnenblumen im Winter"},"content":{"rendered":"<p>Winter in Berlin. Mein erster. Schlimm sind die Tage, die einfach nur grau sind. Morgens auf dem Weg zur U-Bahn klirrt einem eisiger Wind ins Gesicht und die K\u00e4lte kriecht grinsend von hinten die Hosenbeine hoch, um sich dann den R\u00fccken hochschleichend in einem Schauer \u00fcber den ganzen K\u00f6rper zu verteilen. An diesen grauen Tagen ist morgens die Spitze vom Fernsehturm am Alexanderplatz unter einer ebenso grauen Decke aus Nebel und Wolken verschwunden. Dort ist sie auch noch am Mittag, bleibt bis zum Nachmittag und pl\u00f6tzlich ist es dunkel. Da f\u00fchlt man sich verdammt klein.<\/p>\n<p>An so einem Tag kam mit der Post die neue CD von Daddy Longleg und Petrograd. Das hei\u00dft, ich musste sie von dort abholen. Dem Postboten war es zu l\u00e4stig, in den vierten Stock zu laufen, um das P\u00e4ckchen abzugeben. Also stapfte ich mit der Abholkarte durch das Dunkel des tr\u00fcben Tages und \u00fcberlegte mir, bald lange Unterhosen anzuschaffen, obwohl ich die Dinger hasse wie die Pest.<\/p>\n<p>Endlich zu Hause packte ich die CD aus, klappte sie auf, und von der Scheibe strahlten mir die sch\u00f6nsten Sonnenblumen entgegen. Orangegelb stehen sie vor einem blauen Himmel in der Abendsonne. Da habe ich mich ganz kurz wie im Sommer gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Ebenso herzerw\u00e4rmend ist die Musik. Daddy Longleg spielen soliden, gradlinigen Punkrock wie er anders nicht sein sollte und haben ein Lied von der Crust-Band World Chaos gestohlen. Die Postpunker von Petrograd haben einen unverkennbaren Stil. Die Luxemburger machen melodischen Poppunkrock, gepr\u00e4gt von vielen Geschwindigkeitsvariationen und dem abwechselnden Gesang von S\u00e4ngerin und S\u00e4nger. Leider sind die neun St\u00fccke der beiden Bands nur gute f\u00fcnfundzwanzig Minuten lang.<\/p>\n<p>Etwas besonders Sch\u00f6nes sind die Texte. &#8222;Todo para todos!&#8220; ist der Titel der CD: Alles f\u00fcr alle! Daddy Longleg und Petrograd greifen diese Forderung in ihren Liedern zwar nicht direkt auf, setzen sich aber kritisch mit den Institutionen auseinander, die zugunsten des eigenen Profits eine freie und gerechte Weltordnung verhindern: Weltbank, multinationale Konzerne, WTO, G7, \u00dcberwachungsstaaten. Und trotz der scheinbaren All- und \u00dcbermacht der Gegner geben sich die Bands k\u00e4mpferisch &#8211; Seattle, G\u00f6teborg und Genua im Hinterkopf.<\/p>\n<p>Aber es wird nicht nur \u00fcber Politik gesungen, sondern auch \u00fcber Freundschaft und zwischenmenschliche Beziehungen. Oder dar\u00fcber, dass diese Dinge in Zeiten, in denen es aufgrund der Geschehnisse auf der Welt immer weniger zu lachen gibt, immer wichtiger werden. Das sch\u00f6nste Lied auf der Platte ist Petrograds &#8222;Next exit&#8230; wonderland&#8220;. Da zeigen die LuxemburgerInnen &#8211; wie auf anderen Platten zuvor auch -, dass es sich nicht ausschlie\u00dft, Punkrock zu spielen und M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen. Mit freigek\u00fcssten Fr\u00f6schen oder erwachten Prinzessinnen enden diese Geschichten allerdings nicht. Auch wenn aus manchen Songs von Daddy Longleg und Petrograd eine vom Leben gemachte Melancholie spricht, sind sie dennoch motivierend. Denn eins wird nicht vergessen &#8211; und jetzt kommt ein in letzter Zeit vielzitierter Slogan &#8211; : Eine andere Welt ist m\u00f6glich. Trotz langer Unterhosen.<strong><\/strong><\/p>\n<h3>Petrograd: Dear log<\/h3>\n<p>You call me a terrorist while you load your gun<br \/>\nYou suppose resistance is a synonym for violence<br \/>\nYou\u2019re the one who\u2019s watching me wherever I may go<br \/>\nYou go out and tell the world it\u2019s all about security<br \/>\nYou\u2019re the one who gave me numbers, rapes my personality<br \/>\nYou\u2019re the one who pulls the trigger, a minor majority!<br \/>\nThis is not monopoly &#8211; get your asses out of here!<br \/>\nYou\u2019re the one who puts the fire, holds water hoses on demonstrators<br \/>\nYou\u2019re the one who steals resources, sells it as democracy<br \/>\nYou\u2019re the one who breeds fascism, substitutes of the bourgeoisie!<br \/>\nYou\u2019re the one who puts the pressure, the legal arm of hypocrisy.<\/p>\n<h3>Petrograd: Liebes Tagebuch<\/h3>\n<p>Ihr nennt mich einen Terroristen, w\u00e4hrend ihr die Pistolen ladet<br \/>\nIhr nehmt an, Widerstand ist ein Synonym f\u00fcr Gewalt<br \/>\nIhr seid die, die jeden meiner Schritte beobachten<br \/>\nIhr erz\u00e4hlt, dass sich in dieser Welt alles um Sicherheit dreht<br \/>\nIhr habt mich zu einer Nummer gemacht, meine Pers\u00f6nlichkeit vergewaltigt<br \/>\nIhr, eine kleine Mehrheit, dr\u00fcckt den Abzug!<br \/>\nHier geht\u2019s nicht um Monopoly &#8211; schafft eure \u00c4rsche weg von hier!<br \/>\nIhr legt das Feuer, ihr zielt mit Wasserwerfern auf Demonstranten<br \/>\nIhr stehlt die Ressourcen und verkauft es uns als Demokratie<br \/>\nIhr z\u00fcchtet den Faschismus, einen Ersatz f\u00fcr die Bourgeoisie!<br \/>\nIhr erzeugt den Druck, den legalen Arm der Heuchelei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Winter in Berlin. Mein erster. Schlimm sind die Tage, die einfach nur grau sind. Morgens auf dem Weg zur U-Bahn klirrt einem eisiger Wind ins Gesicht und die K\u00e4lte kriecht grinsend von hinten die Hosenbeine hoch, um sich dann den R\u00fccken hochschleichend in einem Schauer \u00fcber den ganzen K\u00f6rper zu verteilen. An diesen grauen Tagen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/sonnenblumen-im-winter\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Sonnenblumen im Winter - graswurzelrevolution","description":"Winter in Berlin. Mein erster. Schlimm sind die Tage, die einfach nur grau sind. Morgens auf dem Weg zur U-Bahn klirrt einem eisiger Wind ins Gesicht und die K\u00e4"},"footnotes":""},"categories":[295,45],"tags":[],"class_list":["post-4493","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-265-januar-2002","category-concert-for-anarchy"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4493"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4493\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}